21.03.1994

MilitärDie Rache des Kaisers

Die Russen räumen ihre Wünsdorfer Zentrale. Das Schicksal der einstigen Schaltstelle des deutschen Militarismus ist ungewiß.
Sowjetische Soldaten stürmten, am 23. April 1945, eine riesige Bunkerfestung im Süden Berlins. Hinter meterdickem Beton und sechs Stockwerke tief hatte sich dort, zwischen den Orten Zossen und Wünsdorf, Hitlers Oberkommando des Heeres eingegraben.
Das Betonlabyrinth der 4000 Räume war gerade geräumt. Im Gelaß des Stabschefs fanden die Eroberer nur noch Morgenrock, Puschen, eine angebrochene Weinflasche sowie, handsigniert, Führers Porträt.
Dafür war die Nachrichtenzentrale besetzt. Ein einsamer Diensthabender am Fernschreibgerät hatte soeben die letzte Telexanfrage nach dem Stand der Lage beantwortet ("Ausgezeichnet, wie immer"), dann blickte er in die Mündung einer Maschinenpistole.
Bis zur Eroberung durch Stalins Verbände war das Wünsdorfer Gelände die Hauptschaltstelle des deutschen Heeres gewesen. Danach wurde das 5500 Hektar große Areal zum Kommandositz der sowjetischen Streitkräfte in Deutschland, deren Nachhut - unter dem Namen Westgruppe der Truppen (WGT) - bis in die Gegenwart die Stellung hält.
Nun ist das Ende der Wünsdorfer Militärgeschichte in Sicht. Bis zum 31. August wird Moskaus Armee aus dem Quartier abziehen. An diesem Zeitplan läßt das Militär auch durch Scharfmacher im eigenen Land nicht rütteln.
Der Wahltriumphator Wladimir Schirinowski droht, die Truppenstärke wieder auf 300 000 Mann zu erhöhen, um Reparationen von Bonn durchzusetzen. Die 24 Prozent Stimmanteil für Schirinowski bei den WGT-Truppen deutete der Oberbefehlshaber Matwej Burlakow gelassen: "In einem freien Staat kann jeder Mensch frei entscheiden."
So wird das riesige Areal womöglich bald zur Geisterstadt. "Jeder Stein erzählt Geschichte", sagt Historiker Gerhard Kaiser, 60, der früher bei der Nationalen Volksarmee der DDR als Offizier _(* Gerhard Kaiser: "Sperrgebiet. Die ) _(Geheimen Kommandozentralen in Wünsdorf ) _(seit 1871". Ch. Links Verlag, Berlin; ) _(200 Seiten; 54 Mark. ) diente und jetzt eine Wünsdorf-Chronik verfaßt hat*.
Kaisertruppen, Reichswehr wie Hitler-Armee versteckten hier ganze Generationen von Kriegsplanern im märkischen Sand und machten den Raum um Wünsdorf zum "Platz mit Deutschlands höchster Militarismus-Dichte je Quadratmeter", so Kaiser.
Dort fanden, nach dem Ersten Weltkrieg, Freikorps und Kapp-Putschisten im Kampf gegen die Republik Unterschlupf. Später drillten auf dem Areal Offiziere des hochadeligen 9. Infanterie-Regiments aus Potsdam (Militärspott: "Graf 9") SS-Männer der späteren Leibstandarte Adolf Hitler.
Die Chronik schildert bizarre Begebenheiten, die sich in der Festung abgespielt haben - von den Kanonen, die Kaiser Wilhelm II. dem König von Afghanistan vorführte, bis zum Test von Wunderwaffen, die Armee-Ingenieure für Kaiser oder Führer entwickelten.
Auf den Schießbahnen feuerte der Krupp-Mörser "Dicke Berta" 42-Zentimeter-Granaten quer über Dörfer, Felder und Straßen auf die Übungsplätze bei Jüterbog - Test für die Bombardierung belgisch-französischer Grenzbefestigungen im Ersten Weltkrieg.
Nicht minder halsbrecherisch verliefen Erprobungen mit Vorläufern der Hitlerschen Fernrakete V-2, die ein junger Techniker namens Wernher von Braun im Auftrag der Reichswehr bei Zossen vollführte.
Über einen Startversuch am 21. Dezember 1932, den Braun mit einem Becher brennenden Benzins auslöste, berichtete ein Augenzeuge: "Kabel, Bretter, Blech, Stahltrümmer und Aluminium wirbelten pfeifend durch die Luft. Stille. Kabel brannten. Der Prüfstand war vollständig zerstört."
Auch Stalins Generäle waren schon frühzeitig Gast bei den deutschen Militärs: Sie konspirierten mit der Reichswehr bei der Aufrüstung mit modernem Kriegsgerät, das den Deutschen durch den Versailler Vertrag verboten war. Die Sowjets versprachen sich von der Zusammenarbeit dringend benötigtes militärisches Know-how.
Nur Eingeweihte wußten, daß es sich bei einem unauffälligen Wünsdorf-Reisenden, der sich "Iwanow" nannte und beim Herbstmanöver 1932 dabei war, in Wahrheit um Moskaus stellvertretenden Verteidigungskommissar Michail Tuchatschewski handelte.
In einem Wünsdorfer Bunker schließlich half 1940 Generalleutnant Friedrich Paulus, den als "Unternehmen Barbarossa" getarnten Überfall des Dritten Reichs auf die Sowjetunion zu planen - Anfang vom Ende des NS-Regimes.
Seit Bismarcks Zeiten verband eine schnurgerade, 50 Kilometer lange Militärbahn die Reichshauptstadt mit dem abgeriegelten Waldgebiet, das die Nazis Mitte der dreißiger Jahre für den totalen Krieg aufrüsteten.
Die Bunkeranlagen mit den Namen "Maybach I" und "Maybach II" und die Fernmeldezentrale "Zeppelin" wurden in großer Eile in den Boden getrieben, die oberirdischen Zugänge unter dick betonierten Wohnhausattrappen getarnt, die Wege auf Namen wie "Adolf-Hitler-Straße" oder "Hermann-Göring-Straße" getauft.
Noch unmittelbar vor Kriegsbeginn klagte Eduard Wagner, Generalquartiermeister des Oberkommandos des _(* Oben: im April 1945 in Brandenburg; ) _(unten: in einem Wünsdorfer ) _(Kompanie-Schlafsaal. ) Heeres, über hektische Bauarbeiten: "Man kommt nicht einmal mit dem Wagen an seine Arbeitsstätte." Auch sei "das Fehlen einer Kantine recht störend".
Nach 1945 machten die Sieger aus der Kriegszentrale ein verzweigtes Militärstädtchen für bis zu 75 000 Sowjetsoldaten. Die frühere Heeressportschule wurde zum "Haus der Offiziere" mit Lenin-Statue davor. Und in die Bunker bauten sich die russischen Kommandanten ihren Befehlsstand sowie eine Luftleitstelle, in die nach der Wende auch Fluglotsen der Bundeswehr einzogen.
Die speziellen Telefonleitungen im Fernmeldebunker Zeppelin, wo einst alle Drähte der Hitler-Armeen zwischen Nordkap und Afrika zusammengelaufen waren, nutzten die Russen als Schaltzentrale für den Warschauer Pakt.
Gelegentlich wurde auch zu DDR-Zeiten von Wünsdorf aus Geschichte gemacht. Marschall Iwan Konew, dessen Truppen 1945 die Festung überrollt hatten, kam 1961 als Oberkommandierender zurück: Von Wünsdorf aus organisierte er den sowjetischen Panzerschutz für den Bau der Mauer.
Und als Mauerbauer Walter Ulbricht, zehn Jahre später, gekippt wurde, spielte auch Wünsdorf wieder eine Rolle. Zeitzeugen vertrauten dem Chronisten Kaiser eine bisher unbekannte Episode an, die 1971 begann.
Damals beklagten Ost-Berliner Polit-Bürokraten und sowjetische Militär-Spitzen unisono den wachsenden Starrsinn des SED-Chefs. Moskaus Verteidigungsminister Andrej Gretschko befand: "Mit ihm ist nichts mehr zu machen."
Schließlich verfrachteten die Wünsdorfer einen führenden Ulbricht-Rivalen, den ZK-Sekretär für Agitation und Propaganda Werner Lamberz, in einer Blitzaktion nach Moskau, wo er mit dem Politbüro der KPdSU einen Machtwechsel erörtern sollte.
Lamberz, der sieben Jahre später bei einem Hubschrauber-Absturz in Libyen unter mysteriösen Umständen ums Leben kam, wurde Ende April 1971 zu einem Treff mit Übernachtung nach Wünsdorf bestellt. Während seine Stasi-Eskorte am Tor kehrtmachen mußte, flog der SED-Mann vom nahe gelegenen Luftstützpunkt Sperenberg mit einer schon startbereiten Maschine in die russische Hauptstadt. Nach seiner Rückkehr anderntags verkündete er in Wünsdorf: "Es ist beschlossen." Am 3. Mai wurde Ulbricht abgesetzt.
Eine zivile Zukunft des Wünsdorfer Monstrums ist, nach 120 Jahren Armeegeschichte, noch nicht abzusehen. Die demnächst leerstehenden Flächen sollen schnellstmöglich besiedelt werden - sonst würden "die Vandalen aus 200 Kilometer Umkreis einrücken", befürchtet Germanus Pause, Geschäftsführer der brandenburgischen Landesentwicklungsgesellschaft (LEG).
Doch es fehlt an Wohn-Interessenten. Weit und breit gibt es weder brauchbare Verkehrsverbindungen noch Arbeitsplätze. Das "große nationale Konversionsprojekt" (LEG-Pause), das allein wohl das Wünsdorfer Vakuum füllen könnte, ist nirgendwo in Sicht.
So drückt die Altlast wie Kaisers Rache auf Brandenburgs ratlose Planer und fördert bizarre Nutzungsideen. Angedacht wurden ein Disneyland sowie eine zentrale Anlaufstelle für Asylbewerber und Wolgadeutsche - Arbeitstitel: "Welcome in Germany".
Nachdem die Bundeswehr ihr Desinteresse bekundet hat, die abziehenden Russen zu beerben, wird wohl fürs erste ein ganz anderes Heer als Nachnutzer einrücken - Scharen von Staatsdienern, für die das Land Brandenburg in Wünsdorf den Aufbau von Verwaltungsstellen plant.
Denkmalschützer und Militärforscher haben bislang vergebens gefordert, wenigstens die historisch interessanten Kerne des ominösen Jahrhundertbauwerks zu erhalten. Das Problem erledigt sich womöglich von selbst: Wenn demnächst die russischen Militärs ihre Pumpen abstellen, ertränkt das Grundwasser die Kommandobunker für immer. Y
* Gerhard Kaiser: "Sperrgebiet. Die Geheimen Kommandozentralen in Wünsdorf seit 1871". Ch. Links Verlag, Berlin; 200 Seiten; 54 Mark. * Oben: im April 1945 in Brandenburg; unten: in einem Wünsdorfer Kompanie-Schlafsaal.

DER SPIEGEL 12/1994
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