21.03.1994

„Anwendung erfolgt“

Er selbst, erzählt Joseph Keul gern, sei eigentlich der Erfinder der Doping-Kontrollen. In Talk-Shows und Interviews präsentiert sich der weißhaarige Sportmediziner als strenger Anti-Doping-Kämpfer.
Jetzt holt den Freiburger Sportmediziner, der in dieser Woche die deutschen Tennisprofis beim Daviscup in Österreich betreut, die Vergangenheit ein. Keul hatte, so weisen Berichte der Staatssicherheit aus, ein Doppelgesicht: In der Öffentlichkeit geißelte Keul Doping, in internen Zirkeln befürwortete er durchaus die Muskelmast.
Manfred Höppner, der Chefdoper der DDR, berichtete 1974 der Stasi, Keul habe bestätigt, daß "in der BRD generell die Anwendung von Anabolen erfolgt". Keul habe auch "im Prinzip nichts dagegen einzuwenden", er sei außerdem "nicht geneigt", auf die "Verabreichung von Anabolen zu verzichten".
Als die internationale Ärzteschaft strengere Doping-Richtlinien forderte und einige Mediziner auf "drastische Art und Weise auf die eintretenden Gefahren beim Sportler hingewiesen" hätten, sei es unter anderem auch dem Einsatz Keuls zu verdanken gewesen, daß "wesentliche Passagen" wieder gestrichen wurden. Höppner konnte sich nach eigener Einschätzung in der Diskussion zurückhalten, er "überließ in erster Linie die Argumentation" seinem westdeutschen Kollegen.
Die geistige Übereinstimmung zwischen Höppner und Keul führte bald zu einer innigen Freundschaft. Der Freiburger bewirtete Höppner an der Bar, er lud ihn in sein Hotelzimmer, schließlich zu einem Besuch in seine Freiburger Villa ein. "Das einzige, was Keul an einer Tätigkeit in der DDR stören würde", schrieb Höppner auf, "ist, daß er nicht nebenbei Geld verdienen kann."
Großzügig habe Keul ihm "einen Koffer mit Medikamenten" angeboten. Höppner lehnte ab, war von da an sicher, "daß uns die Westkollegen nie verraten würden".
Der Stasi-Spitzel will Keul kleinere Aufträge angetragen haben. Vornehmlich den Aufenthaltsort republikflüchtiger Ärzte sollte Keul herausfinden. Zu Alois Mader, der heute an der Sporthochschule in Köln arbeitet, konnte Höppner Informationen abrufen. Mehrmals habe sich Keul abfällig über den aus Halle gekommenen Kollegen geäußert.
Schließlich habe der Zuträger aus Freiburg von selbst funktioniert. Eines Abends, gegen Mitternacht, habe Keul "zu verstehen gegeben, daß er mit dem IMV noch ein persönliches Gespräch führen will". Dann habe er detailliert über die Situation eines weiteren ehemaligen DDR-Mediziners berichtet, der "Angst vor einer möglichen gewaltsamen Zurückführung in die DDR" habe.

DER SPIEGEL 12/1994
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