04.01.1993

SektenTierli im Speichel

Die Kultusbehörden fahnden in den Lehrerkollegien der Schulen verstärkt nach Mitgliedern einer Psychosekte.
Wochenlang ging Wolfgang Anders, 45, nur noch ungern vor die Tür. Wo immer der Sonderschullehrer in Kerpen bei Köln zu fassen war, stellten ihm Nachbarn, Freunde, sogar der Pastor die immer gleiche Frage: "Bist du etwa auch beim VPM?"
Ein SPIEGEL-Bericht (43/1992) über die rechte Psychosekte "Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis" (VPM) hatte in dem Ort (59 000 Einwohner) für Unruhe gesorgt: An der Sonderschule für Erziehungshilfe, an der auch Pädagoge Anders unterrichtet, gehören 7 von 25 Lehrern dem obskuren Zirkel an.
Der Verein aus Zürich ist mit Heilslehren von Sauberkeit und Ordnung besonders erfolgreich unter Akademikern. Seine Anhänger an den Schulen wandern, ganz nach Geheimdienst-Art, in einflußreiche Positionen, etwa als Vertrauens- oder Drogen-Informationslehrer.
In deutschen Kultusbehörden rätseln die Experten nun, wie viele der insgesamt rund 4000 Weltbeglücker inzwischen Einfluß auf die Kinder nehmen und auch wo. "Es ist schwierig festzustellen", weiß Toni Schmid vom bayerischen Kultusministerium, "ob der VPM schon in den Schulen Fuß gefaßt hat." In Bayern seien bisher nur Einzelfälle bekannt. "Wir behalten die Aktivitäten des VPM haargenau im Auge", beteuert auch Michael Frömter, Sprecher des schleswig-holsteinischen Bildungsministeriums.
Besonders aktiv sind die Psycho-Klubs in Hannover, Berlin, Hamburg und im Großraum Köln. Ihre "einfachen Antworten auf komplexe Fragen haben schon etwas Verführerisches", hat der Hamburger Oberschulrat Rolf Niemeyer beobachtet. Allerdings sind sie auch reichlich praxisfern.
So müßten Drogensüchtige unter VPM-Obhut mit Zwangsentzug rechnen, den die Gruppierung als einzige Therapie gelten läßt. Neben den rigiden Thesen zur Drogenpolitik treiben die Psycho-Hygieniker auch eine obskure Aids-Aufklärung - gelegentlich mit verheerenden Auswirkungen: So trauten sich Schweizer Kinder, den Berichten ihrer Eltern zufolge, nach einer VPM-Lektion über die Seuche nicht mehr, den eigenen Speichel zu schlucken, weil darin "Tierli" enthalten seien.
Wer einmal unter den Einfluß der Heilslehrer geraten sei, berichten Aussteiger, komme kaum noch zu sich. "Der VPM nimmt sich den Menschen total", erzählte ein früherer Vereins-Promi. Beim VPM handele es sich um eine "Weltanschauungsgemeinschaft mit psychologistischer Ideologie", sagt Hansjörg Hemminger von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in Stuttgart.
Dem hohen Gruppendruck nach innen entspricht das penetrante Auftreten von Mitgliedern und Befürwortern nach außen. Der SPIEGEL wurde nach seinem Bericht mit Leserbriefen häufig sehr ähnlichen Wortlautes überschwemmt; vielen Schulen in ganz Deutschland sandte der VPM eine 27 Seiten umfassende "Richtigstellung" zu.
Besonders besorgniserregend ist, daß der VPM "eine Seuche ist, die speziell Lehrer befällt", wie die Hamburger Sekten-Expertin Ursula Caberta (SPD) sagt. In der Schulbehörde der Hansestadt sind bislang nur drei VPM-Lehrer namentlich bekannt, insgesamt dürften rund zehn vom VPM beeinflußte Pädagoginnen und Erzieherinnen in Diensten der Stadt stehen. Im Großraum Köln dagegen haben sich im Laufe der Zeit über 100 Pädagogen und Erzieher in Zeitungsanzeigen und Leserbriefen selbst als Sympathisanten zu erkennen gegeben.
Viele zeichnen als Autoren verantwortlich für das dreibändige VPM-Standardwerk "Standort Schule", in dem über 1000 Seiten hinweg die Feindbilder der Psycho-Ideologen beschworen werden. "Gestaltpädagogen", heißt es da zum Beispiel, gehe es "eigentlich nur darum, Menschen als Potential für Revolution und Chaos nutzbar zu machen".
Solche Sätze haben Lehrer wie den Kerpener Wolfgang Anders, der auch mit gestaltpädagogischen Mitteln wie Rollenspielen und Entspannungsübungen arbeitet, fassungslos gemacht: "Mit Leuten, die so etwas mitverfassen, brauche ich doch über pädagogische Fragen nicht mehr zu reden."
Die meisten seiner Kollegen denken genauso: Eine öffentliche Distanzierung vom VPM unterzeichneten die 18 Lehrer der Kerpener Schule, die nicht dem Therapie-Orden angehören - Pädagoge Anders inklusive.
Jetzt suchen die Verantwortlichen im Kölner Regierungspräsidium nach Wegen, den gestörten "Schulfrieden wiederherzustellen", sagt Elmar Schulz-Vanheyden, Leiter der Schulabteilung: Der VPM-Zirkel soll einfach gesprengt werden. Schulz-Vanheyden: "Wir werden einige der betroffenen Lehrer, teils auf deren eigenen Wunsch, an andere Schulen abordnen oder versetzen."
Ob in Zukunft eine ähnliche Konzentration von VPM-Sympathisanten an einzelnen Schulen vermieden werden könne, sei dagegen fraglich. Schließlich "ist niemand verpflichtet, sich zu offenbaren", gibt Schulz-Vanheyden zu bedenken. "Wir wollen keine Gesinnungsschnüffelei", assistiert auch Bayer Schmid.
Das sehen die Behörden im liberalen Zürich inzwischen anders. Dort, am Stammsitz der aggressiven Weltverbesserer, "stellt der VPM im Moment das schwierigste personelle Problem der Zürcher Volksschule dar", sagt Erziehungsdirektor Alfred Gilgen. Sein Amt trägt Zeitungsanzeigen und Broschüren zusammen, um eine Übersicht über die Zahl der VPM-Lehrer zu bekommen.
Zwar sei, sagt Dorothea Meili, in Zürich verantwortlich für die Ausbildung junger Volksschullehrer, eine VPM-Nähe allein "überhaupt kein Grund, diesen schönen Beruf nicht auszuüben". Immer wieder hätten sich aber mit VPM-Lehrern Probleme ergeben: "Wenn jemand den Dialog mit Eltern verweigert, Kinder ausgrenzt, die Schwierigkeiten machen, oder Andersdenkende im Kollegium massiv verunglimpft", sagt Meili, "dann muß ich reagieren."
Erziehungsdirektor Gilgen hält es auch für zulässig, Lehrern bei ihrer Bewerbung eine Erklärung abzuverlangen, ob sie beim VPM sind oder nicht. Der Psycho-Klub forderte daraufhin die Suspendierung des Mannes, weil dieser sich der Bespitzelung unbescholtener Bürger schuldig gemacht habe.
Doch ohne intensive Nachforschungen sind die Sektierer oft nicht zu enttarnen. Meist sind sie gut verdeckt. So wunderten sich Kölner Medizinstudenten über einige Kommilitonen, die in einer "Arbeitsgruppe Studienreform" der Fachschaft stets heftig gegen eine Neuordnung des Studiums Stellung bezogen.
"Die konnten sich nicht mal an elementare demokratische Grundregeln halten. Man kam sich vor wie in der Krabbelgruppe", erinnert sich Nicolai Schäfer, 28.
Erst als die fanatischen Bewahrer auf Flugblättern ("Skandal: Das Medizinstudium soll abgeschafft werden") den VPM erwähnten, wurde ihr ideologischer Hintergrund deutlich.
Kommilitonen in Erlangen und Berlin erlebten Ähnliches mit VPM-Studenten, die mittlerweile vielerorts in sogenannten "Arbeitskreisen für ein Qualifiziertes Studium" (AQS) organisiert sind. Deren "Anspruch auf absolute Wahrheit" habe eine "sachliche Auseinandersetzung unmöglich" gemacht, weiß Norbert Meidenbauer von der Erlanger Medizin-Fachschaft.
Auf verschiedene Gremien der Freien Universität Berlin könnten denn auch demnächst ungemütliche Zeiten zukommen: Für die Wahlen zum Studentenparlament, zum Akademischen Senat und zum Konzil der Hochschule Mitte des Monats hat auch der von VPM-Mitgliedern dominierte AQS Kandidaten aufgestellt.

DER SPIEGEL 1/1993
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