26.09.1994

VereineBewaffnete Haufen

Neonazis üben im Schützenverein ADSC das Schießen - angeblich ohne Wissen des Präsidenten.
Kriminalmeister Frank Imaschewski, Beamter beim Schutzbereich II in Fürstenwalde, rückte zu einem Routineeinsatz aus. Unbekannte hatten an einem Samstag Mitte Januar versucht, in die unterirdische Schießanlage auf dem ehemaligen Schulungsgelände der Stasi in Gosen bei Berlin einzudringen.
Die Stasi-Bunker werden heute als Tagungsstätte und Schule genutzt. Als Imaschewski am Tatort eintraf, fand er die Panzertür zum Schießstand, der sich im Keller des Hauses Nummer 13 befindet, unversehrt. Nur der Vorraum war durchwühlt.
Am Tatort traf der Kripomann zufällig auf den Fliesenleger Günther Bebenroth, 29. Der Berliner Bebenroth wies sich als Mitglied des Allgemeinen Deutschen Schützen Clubs (ADSC) aus, der den Schießstand in Gosen betrieb.
Unter Schützenbrüdern hat der 1990 im rheinland-pfälzischen Maxdorf gegründete _(* Im ADSC-Schießstand in Gosen. ) ADSC, der inzwischen rund 6000 Mitglieder zählt, einen zweifelhaften Ruf: In der Branche gelte der Verein als "extrem unseriös", sagt der Bonner Rechtsanwalt Otto Obermeyer, Präsident des konkurrierenden Bundes Deutscher Sportschützen 1975 e.V. (BDS) - nicht zuletzt wegen dubioser Geschäfte.
Obwohl Bebenroth keine Waffenbesitzkarte, geschweige denn einen Waffenschein vorweisen konnte, erlaubte Kriminalmeister Imaschewski dem scheinbar harmlosen Schützenbruder, vorsichtshalber die hinter der Panzertür lagernden Gewehre und Pistolen sicherzustellen, ein Verstoß gegen das Waffengesetz.
Bebenroth ließ einen Schlüsselspezialisten kommen und räumte den Schießstand aus: Insgesamt nahm er mehr als 300 Schußwaffen mit, genug für eine kleine Privatarmee.
Mitte Juli wurde Bebenroth in Hamburg festgenommen, als er in einer Kiez-Kneipe Teile der Gosener Sore feilbot. Die Polizei stellte 68 Pistolen, Revolver und Gewehre sowie mehr als eine Tonne Munition sicher.
Staatsanwalt Peter Parzyjegla in Frankfurt/Oder arbeitet seit Monaten an dem für Polizei und Justiz peinlichen Fall. Bereits sechs Tage nach Bebenroths Coup hatte der Eigentümer des Schießgeräts, der rheinland-pfälzische Waffenhändler Manfred Walla, 42, Strafanzeige erstattet und den Fahndern einen heißen Tip gegeben.
Bebenroth, so der Händler, sei wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz vorbestraft. Freilich habe Bebenroth, sagt Walla, nicht auf eigene Faust gehandelt. Angestiftet habe ihn der Ludwigshafener Autoverkäufer Harald Sandmaier, der Präsident des ADSC.
Bei den Sicherheitsbehörden ist Tipgeber Walla kein Unbekannter. 1984 geriet er in die Schlagzeilen, als bei einem angeblichen Überfall von RAF-Terroristen mehrere Schußwaffen aus seinem Laden in Maxdorf bei Ludwigshafen gestohlen worden waren.
Im Dezember 1990 gründete Walla zusammen mit Sandmaier den ADSC. Laut Satzung soll der Verein "unbescholtenen Bürgern" die Möglichkeit bieten, ihre "körperliche und geistige Leistungsfähigkeit" durch den "Volkssport Wettkampfschießen zu stärken".
Obwohl Walla den ADSC schon 1991 wieder verließ, managte er die Gosener Schießanlage noch bis Ende vergangenen Jahres. Auch einen Großteil seiner Bestände an Waffen und Munition lagerte er dort.
Wallas Tips blieben monatelang unbeachtet. Erst seit Mitte September kümmert sich das Mainzer Innenministerium um Sandmaier und seinen ADSC. Der Schützenpräsident wurde vergangene Woche zur Abgabe einer schriftlichen Erklärung aufgefordert.
Sandmaier bestreitet, gewußt zu haben, daß ADSC-Schütze Bebenroth vorbestraft ist und Kontakte zur rechtsextremistischen Szene hatte. Bebenroth war jedoch nicht nur bei Demonstrationen der Nationalen Alternative dabei, sondern verhalf auch einem der wichtigsten Berliner Neonazis zur Mitgliedschaft im ADSC: Arnulf Priem, 1968 aus DDR-Haft freigekauft, hatte im Lauf der Jahre diverse rechte Trupps gegründet und firmiert als Chef des "Hauptschulungsamtes Wotans Volk".
Der einschlägig vorbestrafte Nazi-Rocker Priem hält seine langen Haare gern mit einem Stirnband zusammen, auf dem ein Totenkopf prangt, und liebt spektakuläre Auftritte. So hißte die sogenannte Kampfgruppe Priem schon mal ihre Hakenkreuzfahne auf der Berliner Siegessäule.
Vor sechs Wochen wurde Priem erneut festgenommen. Vom Dach seines Hauses aus waren Journalisten mit Stahlkugeln beschossen worden. Seitdem sitzt er wegen des Verdachts der "Bildung eines bewaffneten Haufens" in Untersuchungshaft.
Beim ADSC bekam Priem die Mitgliedsnummer 5785. Auf der ADSC-Anlage in Gosen verfeinerte er seine Schießkünste.
Der Fall Bebenroth bringt nun auch das rheinland-pfälzische Innenministerium in Bedrängnis. Denn die Mainzer haben den ADSC als Schützenverein anerkannt - trotz einer Satzung, die der Jurist Obermeyer für "eklatant rechtswidrig" hält.
Laut ADSC-Statut besteht etwa der Vorstand des vom Ludwigshafener Finanzamt als gemeinnützig eingestuften Vereins ausschließlich aus Harald Sandmaier, der sich Präsident nennt und auf zehn Jahre wählen ließ.
Einfache Mitglieder genießen bei ihm kaum Rechte. Dafür haben sich die ADSC-Schützen laut Satzung "verpflichtet, bei Bedarf jährlich eine Arbeitsleistung zu erbringen". Ersatzweise "ist für jede nicht geleistete Arbeitsstunde ein vom Vorstand festgelegter Betrag zu entrichten".
Daß Sandmaier dennoch soviel Zulauf hat, erklärt Konrad Gerbes, Vorsitzender des kommerziell geführten Schützenvereins "Diana" im rheinlandpfälzischen Schifferstadt, mit dem Hinweis: "Die meisten wollen doch nur möglichst schnell legal an eine Knarre kommen."
Das dauert in der Regel nicht länger als ein halbes Jahr. Befürwortet ein Vereinsvorsitzender die Ausfertigung einer Waffenbesitzkarte, zögern die zuständigen Behörden meist nicht lange. Ausgestellt werden diese Bescheinigungen von den Ordnungsämtern, sofern das Strafregister des Antragstellers sauber ist.
Die Waffenbesitzkarte ersetzt häufig den weit schwieriger zu erwerbenden Waffenschein: Mit ihr darf der Schütze Waffen erwerben und zu Hause aufbewahren - ein idealer Weg für politische Extremisten.
Um die Schützengilde sauber zu halten, fordert BDS-Präsident Obermeyer seit langem eine schärfere Zuverlässigkeitsprüfung. Der Oberschütze: "Solange die Beamten nur ins Strafregister schauen, kann jeder Alkoholiker und Psychopath eine Waffenbesitzkarte bekommen." Y
* Im ADSC-Schießstand in Gosen.

DER SPIEGEL 39/1994
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