17.02.1992

GeheimdienstePingpong für Spione

Bislang unbekannte Dokumente belegen, wie eng Stasi und KGB weltweit zusammengearbeitet haben. Unter den Zielobjekten: das IOC, der Pen-Club und der Papst.
Erich Mielke offerierte den Geheimdienstkollegen auf dem Schwarzen Kontinent ein großzügiges Geschenk: 25 "Urin-" und 62 "Klosettbecken" nebst "Toilettenpapierhaltern aus Plaste", 50 Pingpong-Schläger Marke "Perfekt" sowie 500 Tonnen "Portland-Zement" und 85 "Plastsessel" sollten dem äthiopischen "Ministerium für Staats- und öffentliche Sicherheit" für den Aufbau eines "Instituts für strategische Studien" zur Verfügung gestellt werden.
Die afrikanische Spitzelbehörde revanchierte sich: Im Gegenzug sicherte sie dem Ost-Berliner Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zu, Informationen über alle in Äthiopien "aufenthältlichen Bürger der DDR" zu liefern.
Kooperationsabkommen wie mit Äthiopien schloß das MfS, wie bislang unbekannte Dokumente belegen, mit weiteren 49 Ländern. Die bi- und multilaterale Zusammenarbeit der Schlapphüte reichte von Moskau bis Addis Abeba, von Nicaragua bis zur Mongolischen Volksrepublik.
Die Stasi vereinbarte mit zahlreichen Bruderländern nicht nur gemeinsame Spionageaktionen gegen den Klassenfeind, sondern auch die Observation der jeweils vor Ort arbeitenden Bürger des anderen Staates, die gegenseitige Kontrolle des Postverkehrs sowie die "vereinigte Speicherung von Daten über den Gegner", wie es in einer Übereinkunft mit Bulgarien, der CSSR, Kuba, der Mongolei, Polen, der UdSSR und Ungarn aus dem Jahr 1977 heißt.
Die weltumspannende Kooperation der sozialistischen Geheimdienste diente dem "Kampf gegen die imperialistischen Geheimdienste und andere subversive _(* Im Dezember 1963 bei der Jagd in der ) _(Nähe von Berlin; v. l.: ) _(KGB-Generalleutnant Alexander ) _(Sacharowski, KGB-Generaloberst Wladimir ) _(Semitschastny, Stasi-Chef Erich Mielke. ) Kräfte" - so stand es stereotyp in den bombastischen Präambeln der meisten Geheimdienst-Abkommen.
Vor allem den Agenten des Großen Bruders vom "Komitee für Staatssicherheit der UdSSR", besser bekannt unter dem Kürzel KGB, dienten die Stasi-Genossen mit servilem Eifer. KGB-Chef Jurij Andropow schloß am 6. Dezember 1973 mit Mielke einen separaten Grundlagenvertrag, den die Dienste im Laufe der nächsten Jahre durch acht Nachträge ausfüllten und anreicherten.
Noch Mitte März 1989 verabschiedeten Mielke und KGB-Chef Wladimir Krjutschkow ein Geheimpapier über die künftigen "Hauptrichtungen" ihrer gemeinsamen Machenschaften "für den Zeitraum von 1989 bis 1992". Die "Entspannung der internationalen Lage", heißt es in dem Dokument, verleite die Geheimdienste der Nato-Staaten zu stärkerer "Aggressivität". Deshalb wachse "die Verantwortung der Abwehrdienste", den Gegnern "vorbeugende Schläge zu versetzen".
Wie eng die Zusammenarbeit zwischen KGB und MfS war, belegt ein "Protokoll" aus dem Jahre 1978. Danach "verfügte" die sowjetische "Vertretung beim MfS" über 30 Offiziere, von denen die Hälfte "ständigen Arbeitskontakt" mit den 15 Bezirksverwaltungen der Stasi unterhielt. Praktisch alle MfS-Dossiers, aber auch spionagetechnische Errungenschaften Ost-Berlins waren dem KGB zugänglich (siehe Kasten Seite 97).
Alle Sowjetagenten waren mit MfS-Papieren "ausgerüstet", durften in den "Diensträumlichkeiten" der Stasi ein und aus gehen und auch "Bürger der DDR zur geheimen Zusammenarbeit" anheuern. KGB-Residenten verfügten in der DDR über 10 Dienstgebäude, 90 Diensträume, 369 Wohnungen, 57 Kraftfahrzeuge und 67 Garagen.
Laut schriftlicher Abmachung bearbeiteten KGB und MfS gemeinsam "ausländische Handels-, Industrie- und Vermittlerfirmen", Banken und "wissenschaftliche Zentren und Organisationen", Messen, Kongresse und Konferenzen, "Symposien und anderen Foren" - alles war Mielke und seinen Vorleuten in Moskau suspekt.
Hinzu kamen "subversive" Institutionen und "antisozialistische" Elemente im westlichen Feindesland, die es "aufzuklären" galt - vom "Zentrum für sprach- und landeskundliche Ausbildung am Institut der US-Armee in Garmisch-Partenkirchen", einem angeblichen Schulungszentrum für amerikanische Geheimagenten, bis zum "Amt für See- und Schiffahrtswesen" in Hamburg, einer "getarnten BND-Dienststelle".
In einem "Plan" aus dem Jahr 1986 sind die Objekte der gemeinsamen Spionage-Begierde bunt gemischt aufgeführt: die US-Sender "Radio Liberty" und "Radio Free Europe", die West-Berliner Stadtillustrierte Zitty, der westdeutsche "Pen-Club", der "Weltverband für Psychiatrie", die "Internationale Gesellschaft für Menschenrechte" in Frankfurt, das "Zentrum zur Erforschung der Sowjetunion und der Länder Osteuropas" an der Universität Süd-Illinois und das "Internationale Zentrum zum Studium der russischen Kunst des 20. Jahrhunderts" an der Universität Bochum.
Besonderes Augenmerk richteten KGB und MfS stets auf die Kirchen - vom "Ökumenischen Rat" in Genf über den Lutherischen Weltbund und die "Konferenz Europäischer Kirchen" bis zum Papst im Vatikan.
Laut Vertrag sollten die Agenten von KGB und MfS aber auch das "Ostbüro" der Zeugen Jehovas und "deren Europa-Zentrale in Selters/Taunus (BRD)" ausspähen und unterwandern. Die Zeugen Jehovas galten den Staatsschützern im Osten als höchst gefährliche Regimefeinde, weil sie jeden Wehrdienst verweigerten.
Den Papst und die ökumenischen Kontakte zwischen den Kirchen in der DDR und der Sowjetunion betrachteten die MfSler und KGBler als Gemeinschaftsaufgabe. Die "Emissäre, Kuriere und Missionare" des Heiligen Stuhls müßten einer "verstärkten Bearbeitung" unterzogen werden.
Was damit gemeint war, spezifiziert ein Abkommen zwischen Stasi und dem tschechoslowakischen Geheimdienst vom Dezember 1986. Die "Hauptpersonen" im Vatikan, ist dort festgeschrieben, etwa der ehemalige Außenminister des Kirchenstaates, Kardinal Agostino Casaroli, seien zur "Kompromittierung" freigegeben.
Auch gegen die "Jüdische Gemeinde von Westberlin" vereinbarten die Geheimen im Osten "gemeinsame Maßnahmen". Denn die Gemeinde werde "von zionistischen Zentren zu feindlichen Zwecken" genutzt, "insbesondere ihr Führer Galinski", heißt es in einem Projektpapier von KGB und Staatssicherheit.
"Vorrangig" sollten zudem 16 mehr oder weniger seriöse kirchliche Einrichtungen infiltriert werden, die sich mit der Rechristianisierung des Ostens beschäftigten. Dazu zählten die "Schwedische Slawische Mission" im skandinavischen Bromma, die "Christliche Ostmission" in Nauheim und der "Missionsbund zur Ausbreitung des Evangeliums - Licht im Osten" in Korntal-Münchingen.
Mit den Ungarn vereinbarten die Stasi-Oberen in einem Kontrakt zum Schutz der "Volkswirtschaft" gegen "feindliche Wühltätigkeit", gemeinsam die Angestellten in den "Ost-Abteilungen" von "BASF, Hoechst, Siemens, Voest Alpine, Shell und Dow Chemical" zu observieren.
Selbst um das Internationale Olympische Komitee (IOC) kümmerten sich KGB und MfS gemeinsam. "Ziel" der Operation, heißt es in einem Arbeitspapier, sei es, im IOC den kapitalistischen Einfluß der "Firma ,adidas'' und anderer westlicher Sportartikelfirmen" zurückzudrängen.
* Im Dezember 1963 bei der Jagd in der Nähe von Berlin; v. l.: KGB-Generalleutnant Alexander Sacharowski, KGB-Generaloberst Wladimir Semitschastny, Stasi-Chef Erich Mielke.

DER SPIEGEL 8/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 8/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Geheimdienste:
Pingpong für Spione

  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Videoanalyse zum Brexit-Deal: "Für Johnson wird es sehr knapp werden"
  • Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling
  • Versprecher von FDP-Chef Lindner: Thüringen statt Syrien