11.01.1993

ChileErnte aus den Wolken

Wasser gewonnen aus Nebel verwandelt die chilenische Wüste in fruchtbares Ackerland.
Graues Gewölk verdunkelt den Himmel über Chungungo. Nur selten dringt ein Sonnenstrahl in das trübe Fischerdorf 820 Kilometer nördlich der chilenischen Hauptstadt Santiago. An Wasser, so sollte man meinen, dürfte es hier nicht mangeln.
Doch tatsächlich regnet es in Chungungo genauso selten, wie die Sonne scheint - durchschnittlich fällt jährlich nur 70 Millimeter Niederschlag. Chungungo liegt am südlichen Ende der chilenischen Küstenwüste, einer der trockensten Regionen der Erde. Vom Pazifik her legt sich zwar dichter Nebel über das Dorf, der den Ort rund um das Jahr in diffuses Licht taucht. Aber warme Luftströmungen, die vom Äquator hinunterziehen, verhindern das Aufsteigen kühler Meeresfeuchte und ihre Verwandlung in Regenwolken.
Durch dieses Naturphänomen gleichen weite Strecken der südamerikanischen Pazifikküste dem Trockengürtel des nördlichen Afrika - nur an Flußmündungen und in vereinzelten Oasen gibt es ausreichend Trinkwasser, können die Menschen Äcker bestellen sowie Vieh züchten.
Noch vor wenigen Monaten kam das Wasser für Chungungo in Tankwagen aus dem regenreichen Süden Chiles. Denn die Wassermassen, die sich über dem Dorf ballen, schienen unerreichbar - bis die Einwohner sich auf ein altes Projekt besannen. Warum, so hatten sich schon in den sechziger Jahren Wissenschaftler gefragt, erntet man die Wolken nicht ab wie ein reifes Weizenfeld im Sommer?
Auf einigen Bergen und in Hochtälern, die sich zum Meer öffnen, gedeihen Pflanzen, die eigentlich ein Vielfaches der Wassermenge benötigten, die jährlich in dieser Region fällt. Das brachte chilenische Forscher auf die Spur: Die Pflanzen beziehen ihr Wasser direkt aus den Wolken. Der Nebel kondensiert auf den Blättern, tropft zu Boden und bewässert die Wurzeln.
Vorschläge, diese natürliche Bewässerungstechnik zu nutzen, tat die Regierung damals als unwirtschaftlich ab. Die Leute von Chungungo wurden als "Wolkenspinner" verspottet. Erst 1980 nahmen Wissenschaftler das Vorhaben, das sie "Unternehmen Wolkenernte" tauften, wieder auf. Mit Wolkenwasser wollten sie nicht nur die Fischerdörfer versorgen, sondern vor allem die Bergwälder wieder aufforsten, die im vergangenen Jahrhundert zum Verfeuern geschlagen worden waren.
Die Regierung Kanadas überwies 130 000 Dollar Entwicklungshilfe für Auffangnetze, Leitungen und Wassertanks. Im vorigen Mai floß endlich das erste Wolkenwasser in Chungungos Fischerhütten. Die Wissenschaftler haben 79 gigantische Plastiknetze auf einem Hügel hinter dem Dorf aufgespannt, um die vom Pazifik hereinziehenden Nebelwolken abzufangen. Wenn die Schwaden auf den Kunststoff treffen, kondensiert das Wasser, tropft am Netz ab und fließt über sieben Kilometer lange Rohrleitungen nach Chungungo. Bis zu 110 000 Liter können so täglich abgezapft werden. "Es ist, als ob wir das Wasser neu erfunden hätten", schwärmt der Projektdirektor Claudio Masson Busetti.
Das ersehnte Naß bescherte dem armen Chungungo einen kleinen Wirtschaftsboom. Das Geriesel aus den Wolken kostet nur ein Viertel des Preises, den die Einwohner für Wasser vom Tankwagen bezahlen mußten. Auf neu angelegten Feldern gedeihen Tomaten und Gemüse. Blumen blühen in den Vorgärten, junge Bäume säumen die staubigen Straßen. Neben jedem Haus prangt ein neuer Wasserhahn.
Durchschnittlich 14 000 Liter Wasser ernten die Leute von Chungungo täglich, mehr als das Dorf benötigt. "Als das Wolkenwasser kam, haben wir vor Freude in den Straßen getanzt und uns gegenseitig naß gespritzt", berichtet eine Einwohnerin von Chungungo. Nur die Filteranlagen müssen noch verbessert werden: Bei starkem Wind mischt sich Staub unter das Wasser aus den Wolken. Deshalb muß es vor dem Trinken aufbereitet werden.
Andere Dörfer und Städte entlang der Pazifikküste sollen bald ebenfalls ihr Wasser aus den Wolken beziehen. Und auch im Ausland stößt das Projekt auf Interesse: Die Forscher haben 47 geeignete Orte in Lateinamerika, Afrika, dem Nahen Osten, Indien, Australien und dem Westen der USA ausgemacht. "Städte bis zu 20 000 Einwohnern ließen sich so mühelos versorgen", versichert der Projektdirektor. Zur Wolkenernte braucht man keine teuren Pumpen oder künstlichen Energiequellen; das verwendete Material ist billig zu beschaffen, und die Einheimischen können die Anlage selbst warten.
Im April wollen die Forscher eine erste internationale Wolkenwasser-Konferenz einberufen. Wer an ihrem Projekt immer noch zweifelt, den verweisen sie auf die Geschichte: Arabische Stämme hatten bereits vor Hunderten von Jahren an der Küste Zisternen unter Bäumen aufgestellt, um das Kondenswasser aufzufangen.

DER SPIEGEL 2/1993
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