27.06.1994

Kaputte Schallplatte

So muß sich ein Hacker fühlen, dem es gelungen ist, in den Computer der US-Regierung einzudringen: Sobald die Silberscheibe mit den digitalisierten Aufzeichnungen des ehemaligen Stabschefs im Weißen Haus, Bob Haldeman, im CD-Rom-Laufwerk liegt, öffnen sich die Türen zum Oval Office, und die tiefsten Geheimnisse der Amtszeit von Richard Nixon können durchstöbert werden. Stichwortrecherchen liefern die Präsidenten-Perspektive zu den historischen Ereignissen von der China-Politik bis zu Watergate. Die multimediale Aufbereitung der Haldeman-Aufzeichnungen übertrifft an Vollständigkeit sogar noch die berüchtigten Tonbänder des Präsidenten. Jene legendären achtzehneinhalb Minuten, die angeblich Nixons Sekretärin gelöscht hat, können aus den Notizen des Stabschefs rekonstruiert werden. Im übrigen sind die Tagebücher des getreuen Haldeman geeignet, die postume Apotheose des 37. US-Präsidenten abrupt zu beenden. Es ist der alte, rachsüchtige Nixon, der hier sichtbar wird, der Paranoiker, der sich umstellt sieht von Kennedy-Anhängern, Journalisten und von seinen eigenen Bürokraten. Es ist ein Nixon, der Haldeman auffordert, dafür zu sorgen, daß Polizeihubschrauber im Tiefflug Vietnam-Demonstranten bedrängen, damit deren Lichterketten erlöschen.
Von Nixons Anfängen als moderater Sozialreformer bis hin zur Entscheidung über den US-Einmarsch in Kambodscha, vom Salt-Abkommen mit der Sowjetunion bis zur Bombardierung von Hanoi nimmt der Leser an Nixons Entscheidungen unmittelbarer teil, als es die Biographien und Erinnerungen der Hauptakteure bislang ermöglichten. Haldeman registriert emotionslos alles, auch das Komische. Da bittet Nixon ihn, dem Sicherheitsberater Henry Kissinger die Telefonnummern von jungen Frauen zukommen zu lassen, "die nicht über 30 sind". Begründung: "Kissinger hat so hart gearbeitet."
Nixons außenpolitischer Chefberater ist das zweite Opfer in Haldemans Aufzeichnungen. Wie sein Chef sieht sich auch Kissinger stets von Feinden umgeben. Immer wieder drängt Kissinger darauf, den Krieg in Vietnam zu verschärfen, weil nur so die Vietnamesen zu Verhandlungen zu zwingen seien. Das wird selbst Haldeman zuviel: In bezug auf Vietnam höre sich Kissinger an "wie eine kaputte Schallplatte".
Neben solch direktem Zugriff auf die Zeitgeschichte bietet die CD-Rom-Version des Haldeman-Tagebuchs noch mehr - 700 Fotos aus dem Album des Stabschefs und 45 Minuten Videoclips, die er selbst meist auf Staatsbesuchen aufgenommen hat.

DER SPIEGEL 26/1994
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