28.03.1994

AffärenAlles selbst erlebt

Der deutsche Kurzfilm „Schwarzfahrer“, vorige Woche mit einem Oscar gekrönt, soll ein freches Plagiat sein. Kenner widersprechen.
Dem großen Jubel folgte, über Nacht, der Katzenjammer. Ein deutscher Kurzfilm hatte die begehrteste aller Filmtrophäen, den Oscar, errungen. Doch Pepe Danquart, 38, der Regisseur des preisgekrönten Beitrags "Schwarzfahrer", hatte kaum Zeit, den Rausch der "Oscar"-Feier auszuschlafen, da meldeten RTL und zwei Boulevardblätter, er habe die Pointe seines Films geklaut. Und fragten sich, ob er seinen Oscar jetzt zurückgeben müsse.
Die Geschichte ist in der Tat nicht neu. In der Straßenbahn sitzt ein Schwarzer, der nach den rassistischen Tiraden seiner Nachbarin bei der Fahrkartenkontrolle kurzentschlossen deren Fahrschein aufißt, diese damit vor Kontrolleuren in Beweisnot bringt und selbst ungerührt eine Monatskarte aus der Tasche zieht.
Es gibt diesen Plot bereits in einem 1987 in Cannes ausgezeichneten Werbespot für die Osloer Verkehrsbetriebe.
In dem norwegischen Halbminuten-Spot reißt ein Punk, entnervt von den abschätzigen Blicken seiner Nachbarin, dieser den dummstolz hochgehaltenen Fahrschein aus der Hand und verschluckt ihn; dem Kontrolleur hält er dann lässig seine Monatskarte vor die Nase.
Zufall oder Diebstahl?
Danquart und sein Produzent Albert Kitzler von der Berliner Trans-Film wollen von dem norwegischen Werbewerk nichts gewußt haben. Sie berufen sich auf eine gemeinsame Bekannte, die den Vorfall in einer Straßenbahn in der Schweiz selbst erlebt habe.
Jurist Kitzler hat allerdings vorgebaut: Er ließ sich den Vorfall von der Zeugin schriftlich bestätigen, um eventuellen Plagiatsvorwürfen entgegentreten zu können. Kitzler wußte von einer Szene in einem afrikanischen Film, in der ebenfalls ein Fahrschein verspeist wird.
Über die Sache mit der guten Bekannten, die den Fall selbst erlebte, freut sich einer besonders: der Göttinger Ethnologe Rolf Wilhelm Brednich, 59. Der hat sich seit mehreren Jahren auf das Sammeln moderner Sagen spezialisiert und die Erfahrung gemacht, daß es immer eine Person in der Bekanntschaft des Zuträgers gibt, die für die Wahrheit des Erzählten bürgt.
Brednich ist auch für die Sache mit dem verschluckten Fahrschein ein Experte. Eine Version der Story befindet sich unter dem Titel "Der Punker in der U-Bahn" in seiner Anthologie "Die Spinne in der Yucca-Palme" (1990).
Er kennt die Geschichte seit 1987. Damals, so versicherte ihm eine finnische Kollegin, soll sie sich in einer Straßenbahn in Helsinki ereignet haben. Als er sie zum zweitenmal von einem Berliner Hotelportier hörte, stand für den Forscher fest: Es handelt sich um ein modernes Märchen, eine jener "absolut wahren Geschichten, die der Freund eines Freundes selbst erlebt hat".
Die Fahrschein-Saga ist, so Brednich, seit 1988 in Nord- und Mitteleuropa gut bekannt. Sie verschwand dann in der Versenkung und erlebte im vergangenen Jahr eine Wiedergeburt: Die Süddeutsche berichtete im November von einem ähnlichen Vorfall in Wien. Ulrich Wickert erzählte ihn in den ARD-"Tagesthemen" - als politisch korrekte Anekdote.
Den Plagiatsvorwurf und die zerknirschte Aufforderung an Danquart, den Oscar zurückzugeben, hält Brednich für "völlig absurd". Schließlich sei ja nicht bloß die Schluß-Pointe ausgezeichnet worden, sondern der Zwölf-Minuten-Film als Ganzes.
Die Unterschiede zwischen beiden Filmen sind nicht zu übersehen: Während der Spot die Pointe auf kürzestem Weg und ohne Worte erzählt, beobachtet Danquart auch die Gesichter derer, die die rassistische Litanei dulden, ohne zu protestieren.
Das Seltsame an dieser Diebesaffäre: Es gibt niemanden, der sich beklaut fühlt. Weder der schwedische Regisseur Rolf Solmann noch Knut George Andresen, der Produzent des norwegischen Spots, mißgönnen Danquart die Trophäe. Beide können an der Wiederverwertung des Stoffs "nichts Verwerfliches" finden.
Auch das "Academy Award"-Komitee denkt nicht daran, Danquart den Oscar abzuerkennen. In Los Angeles hält man die Affäre um das angebliche Plagiat für einen weiteren Beweis typisch deutscher Mißgunst.
Wirkliche Nachteile vom Wirbel um Danquarts "Schwarzfahrer" hat indes der belgische Jungfilmer Jean-Philippe Laroche, 34. Dessen erster Kurzfilm "La dame dans le tram" sollte gerade seine Reise durch die Festivals antreten - und wird nun nicht mehr angenommen, weil er auf dieselbe Pointe setzt wie Danquarts "Schwarzfahrer".
Laroche sagt, er habe weder von Danquarts Film noch von dem norwegischen Spot gewußt. Er kennt eine Frau, die die Geschichte selbst erlebt hat - diesmal in einer Straßenbahn in Brüssel. Y

DER SPIEGEL 13/1994
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