30.12.1991

TelefonWunde Finger

Die Telekom kassiert auch für Gespräche in den deutschen Osten, die gar nicht geführt werden.
Die Wiedervereinigung ist eine große Stunde der Telekommunikation", schwärmt die Telekom in ihrem letzten Geschäftsbericht. Das im Jahr der deutschen Einheit gegründete Unternehmen der Bundespost, viertgrößter Arbeitgeber Deutschlands, will 1991 einen Rekordumsatz von 47 Milliarden Mark verbuchen. _(* Links: mit Schaltrelais aus dem Jahr ) _(1922; rechts: mit Gebührenzähler. )
Für einen Teil der Einnahmen hat die Telekom jedoch keine Leistung erbracht. Geprellt sind möglicherweise Millionen Telefonkunden, die nach dem Fall der Mauer der Postwerbung "Ruf doch mal an" folgten.
Denn im Telefonverkehr mit Ostdeutschland, das größtenteils immer noch als Ausland gilt, werden Gebühren auch dann fällig, wenn gar keine Sprechverbindung zustande kommt. "Wir müssen das für Einzelfälle bestätigen", sagt der Bonner Telekom-Sprecher Klaus Czerwinski, "der Kunde kann dann sein Geld zurückbekommen."
"Wir haben ganz schön gestaunt, als der Gebührenzähler losging", erinnert sich das Rentnerehepaar Wilfried und Irmgard Klöss im niedersächsischen Buchholz. Zum ersten Advent versuchten die beiden über eineinhalb Stunden lang ins sächsische Meißen durchzukommen. Schon nach der DDR-Vorwahl 0037, der Stadtvorwahl und den ersten Ziffern der Telefonnummer erklang das Besetztzeichen. Während sich die Buchholzer Telekomkunden vergebens "die Finger wund wählten" (Wilfried Klöss), tickte gleichwohl der private Gebührenzähler mit.
Als Klöss im örtlichen Postamt um eine Überprüfung seines "möglicherweise defekten" Gebührenzählers bat, winkte der Telekom-Beamte ab. Die Zählung der Einheiten bei Wählversuchen in den Osten, so die Auskunft, sei "leider korrekt". Schuld sei das völlig veraltete Telefonnetz in der ehemaligen DDR - ein Problem, das es, sagt Telekom-Sprecher Czerwinski, "in der Regel nur bei Uralt-Technik in den Entwicklungsländern gibt".
Zwar wird in einer "Beilage zum Telefonbuch" darauf hingewiesen, daß beim Selbstwählverkehr in die DDR "die gebührenpflichtige Gesprächszeit bereits während der Herstellung der Gesprächsverbindung beginnen" könne. Doch daß auch abgebrochene Wählversuche in den Osten Geld kosten, teilte die Post ihren Kunden nicht mit. Nach einem internationalen Postabkommen sind die Staaten verpflichtet, Wählversuche gebührenfrei zu behandeln.
Der Elektronikfachmann Volker Hoffmann, 37, im baden-württembergischen Rastatt hat beim Fernmeldeamt Offenburg bereits mehrfach die Rückerstattung von zuviel berechneten Gebühreneinheiten durchgesetzt. Aber nicht nur Wählversuche in die Ex-DDR, so weiß Technik-Sammler Hoffmann, sondern auch Inlandsgespräche können fehlerhaft berechnet werden.
So lösten mehrfach "Anwählversuche" nach Konstanz seinen Rastatter Gebührenzähler aus. Zwei zunächst ungläubige Telekom-Techniker hatten sich daraufhin den klammheimlichen Gebührenklau bei Hoffmann vorführen lassen: "Die waren baff."
Die meisten der über 32 Millionen Telefonnutzer in der Bundesrepublik haben jedoch nicht die Möglichkeit, die monatliche Telekom-Rechnung zu überprüfen, da sie keinen eigenen Gebührenzähler besitzen.
Auch die Telekom will "keine Erkenntnisse" über das Ausmaß der irrtümlich berechneten Gebühren haben. "Das ist keine Größenordnung", sagt Sprecher Czerwinski, "die eine deutliche Zahl gebracht" hätte. Die Auskunft ist für den Sprecher des Offenbacher Verbandes der Postbenutzer "wenig glaubhaft". Doch meist, klagen die Postkritiker, kann der Verbraucher "gar keine Beweise über fehlerhafte Abbuchungen" der Telekom erbringen.
Gesichert ist nur der "sprunghaft gestiegene Verkehr" (Telekom) zwischen der Ex-DDR und dem Westen. Allein im Einheitsjahr 1990 vervierfachte sich die Zahl der Leitungen für die 1,9 Millionen Anschlüsse im Osten. Die Nachfrage nach Telefonleistungen über die ehemalige Grenze stieg gar um das 60fache. Wurde monatlich nur bei jedem der 32 Millionen Anschlüsse irrtümlich eine Gebühr eingezogen, verbuchte die Telekom seit der deutschen Einheit bis heute einen Extragewinn von über 100 Millionen Mark.
Mit Rentner Klöss verständigte sich die Telekom erst, nachdem der seinen Telefon-Ärger im lokalen Anzeiger Neues Stader Wochenblatt publik gemacht hatte. Er solle, so der Vorschlag, seine Dezember-Rechnung zur Erstattung einreichen.
Ein gutes Jahr noch kann die Telekom im deutsch-deutschen Telefonverkehr weiter unrechtmäßig kassieren: Erst Ende 1992 wollen die Telekom-Techniker den Osten auf westliches Telefonniveau angehoben haben - dann soll die DDR-Vorwahl 0037 der Vergangenheit angehören.
* Links: mit Schaltrelais aus dem Jahr 1922; rechts: mit Gebührenzähler.

DER SPIEGEL 1/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Telefon:
Wunde Finger

Video 01:03

Mountainbike-Massenkarambolage Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht

  • Video "Grönlander über Trumps Kaufangebot: Sie können es nicht kaufen, sorry" Video 02:13
    Grönlander über Trumps Kaufangebot: "Sie können es nicht kaufen, sorry"
  • Video "Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen" Video 00:48
    Stunt in Basel: Einfach mal reinspringen
  • Video "Boris Johnsons Berlin-Besuch: Das Goldammer-Szenario im Nacken" Video 02:49
    Boris Johnsons Berlin-Besuch: Das "Goldammer"-Szenario im Nacken
  • Video "Naturphänomen in Ungarn: Atompilz über dem Plattensee" Video 00:36
    Naturphänomen in Ungarn: "Atompilz" über dem Plattensee
  • Video "Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop" Video 01:01
    Unerwartetes Breakdance Battle: Siebenjähriger trifft auf Cop
  • Video "Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln" Video 20:40
    Chirurgen als unentgeltliche Helfer: Operation Lächeln
  • Video "Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet" Video 01:08
    Monsun in Indien: Schleusentore nach Jahrhundertregen geöffnet
  • Video "Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch" Video 01:03
    Faszinierende Aufnahmen: Taucher treffen auf Mondfisch
  • Video "Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt" Video 01:10
    Archäologie: Jahrtausendealtes Wandrelief in Peru entdeckt
  • Video "Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D" Video 01:17
    Virtuelle Realität: Musikproduktion in 3D
  • Video "Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen" Video 01:16
    Freizeitpark im Schwarzwald: Karussell ähnelt Hakenkreuzen
  • Video "Rettungsschiff Open Arms: Weitere Flüchtlinge springen ins Meer" Video 01:08
    Rettungsschiff "Open Arms": Weitere Flüchtlinge springen ins Meer
  • Video "Uber Boat: In Cambridge kommt der Kahn per App" Video 00:58
    "Uber Boat": In Cambridge kommt der Kahn per App
  • Video "Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun" Video 29:10
    Doku zu cholesterinreicher Ernährung: Fett for Fun
  • Video "23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven" Video 01:06
    23.756 Container: Weltgrößtes Containerschiff in Bremerhaven
  • Video "Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom Höllenberg veröffentlicht" Video 01:03
    Mountainbike-Massenkarambolage: Neues Video vom "Höllenberg" veröffentlicht