18.01.1993

IndienGroße Scham

Nach dem Sturm der Hindu-Fanatiker auf die Moschee von Ajodhja rast eine Welle der Gewalt über den indischen Subkontinent.
Kurz vor Morgengrauen brach in Bombay das Feueralarmsystem zusammen. Die Löschmannschaften waren dermaßen überlastet, daß keine Notrufe mehr entgegengenommen werden konnten. Überall im Süden der Stadt brannten die Häuser der Moslems. Scharen von marodierenden Hindu-Fanatikern zogen durch die Straßen, steckten Wohnhäuser und Läden in Brand und machten wahllos Moslems nieder.
Am Abend wurden die Leichen von 52 Ermordeten gezählt. Die meisten waren erschlagen, zerhackt und erstochen, mindestens 10 Menschen mit Benzin übergossen und lebendig verbrannt worden.
Der vorletzte Samstag war der Höhepunkt des Pogromreigens, dem in acht Tagen fast 400 Menschen zum Opfer fielen. Jetzt droht in Indien der offene Religionskrieg zwischen Hindus und Moslems. Die Eskalation erinnert fatal an die Anfangsphase des Holocausts, der 1947 die Gründung des indischen und des pakistanischen Staats begleitete. Damals kamen bei Massakern vorwiegend im indischen Norden rund zwei Millionen Menschen ums Leben.
Den zündenden Funken zu dem Amoklauf der Religionsfanatiker hatte am 6. Dezember die Zerstörung der 464 Jahre alten Babri-Moschee in der heiligen Hindu-Stadt Ajodhja geliefert. Hindu-Zeloten gingen mit Hämmern, Brechstangen, Spitzhacken und bloßen Fäusten gegen das islamische Heiligtum vor und verwandelten es in einen Trümmerhaufen.
Eine Welle des Hasses, ein Blutrausch zwischen Hindus und Moslems raste daraufhin über den tiefreligiösen Subkontinent. In den islamischen Nachbarstaaten Pakistan und Bangladesch stürzten Hindu-Tempel, gingen Häuser der dort ansässigen Hindu-Minderheit in Flammen auf. Fundamentalistische Moslemführer riefen zum Heiligen Krieg gegen Indien auf. Selbst im ehemaligen kolonialen Mutterland Großbritannien wurden Hindu-Gotteshäuser Ziel von Brandanschlägen aufgebrachter Moslems. Zwischenbilanz: rund 2000 Tote.
Der Wahnsinnsakt von Ajodhja hat den indischen Staat und die Regierung in Neu-Delhi in eine "nationale Katastrophe" gestürzt, wie der Moslemführer Sajjid Shahabuddin urteilte. Mahatma Gandhi, 1948 von einem Hindu-Fanatiker erschossen, sei ein "zweites Mal gestorben", klagte die Zeitschrift The Statesman.
Zu einer Zeit, da die Regierung des Ministerpräsidenten Narasimha Rao, 71, versucht, die einst weitgehend vom Staat beherrschte Wirtschaft zu liberalisieren, Indien dem Weltmarkt zu öffnen und ausländische Investoren ins Land zu locken, kommen die Gewaltausbrüche höchst ungelegen. Die Welt beginne Indien erneut als "instabiles Land" zu sehen, klagte Ratan Tata, Vorsitzender der größten indischen Unternehmensgruppe.
Der Brahmane Rao, der "große Scham" über die Krawalle empfand, schien zunächst zu wanken. Oppositionelle von links, aber auch einige Politiker der regierenden Kongreßpartei forderten den mit dem Ruf eines Zauderers behafteten Premier zum Rücktritt auf. "Er muß gehen", verlangte Ex-Premier Chandra Shekar, oder die Nation versinke in Zerstörung.
Gegner Raos werfen dem Regierungschef vor, mit den chauvinistischen Hindu-Politikern von der Bharatiya Janata Party (BJP) Konsens gesucht zu haben, statt sie in die Schranken zu weisen.
Die BJP ist eine relativ neue, hochexplosive Kraft in der indischen Politik. Sie beabsichtigt aus dem säkularen Indien einen Hindu-Staat zu machen.
Angestachelt von Pakistan und Bangladesch, so hetzen Hindu-Führer, könnten die Moslems wie schon einmal vor 500 Jahren mit den Mogulkaisern abermals zur Eroberung und zur Knechtung der Hindu-Kultur ansetzen. Den 700 Millionen Hindus hämmert sie ein, sie würden im eigenen Land unterdrückt; die 120 Millionen Moslems würden dagegen mit Privilegien verhätschelt.
Dabei fristen die Moslems in Wahrheit eine Ghetto-Existenz. Denn ihre Elite war 1947 bei der Teilung des britischindischen Empire nach Pakistan abgewandert.
Ihren Aufstieg verdankt die BJP vornehmlich dem Tempelstreit von Ajodhja. Indiens erster Mogulkaiser Babur soll die Babri-Moschee auf den Trümmern eines Tempels errichtet haben, der dort - am Geburtsort des Gottes Rama - seit vielen Jahrhunderten gestanden habe, wie fromme Hindus glauben.
Seit Jahren agitierte die BJP im Verbund mit ihren militanten, straff geführten Hilfsorganisationen RSS (Bund der Freiwilligen der Nation) und dem Welt-Hindu-Rat für das Schleifen der Moschee und die Errichtung eines Rama-Tempels an ihrer Stelle.
Das katapultierte die Partei binnen sieben Jahren von zwei Sitzen im Parlament auf 119 bei den Wahlen im vorletzten Jahr. Die BJP wurde damit stärkste Oppositionspartei des Landes. In vier Bundesländern, darunter Indiens volkreichstem Unionsstaat Uttar Pradesch, in dem Ajodhja liegt, stellte sie die Regierung.
Nach der Tragödie von Ajodhja schien Premierminister Rao paralysiert, "wie unter Granatenschock", so ein Beobachter. Immerhin setzte er die BJP-Regierung in Uttar Pradesch ab und unterstellte den Bundesstaat der direkten Verwaltung durch die Zentralregierung in Delhi.
"Die Regierung kann unsere Tränen nur trocknen, wenn die Moschee wiederaufgebaut wird", hatte Sajjid Abdullah Bukhari, der oberste Imam von Delhis berühmter Jama-Moschee, gefordert. Rao sagte auch Wiedergutmachung zu und beschwor einen schönen Traum: Gleich daneben soll dann der Rama-Tempel entstehen, Moschee und Tempel gemeinsam als Symbol der nationalen Versöhnung dienen.
Aber davon sind die indischen Religionsgemeinschaften weiter entfernt denn je. Die Verwirklichung von Raos Traum wird den Widerstand der Hindu-Chauvinisten vielmehr verhärten. "Es wird noch viele Tote geben", sagte ahnungsvoll Oppositionspolitiker Chandra Shekar.
Um die Glut auszutreten, hat Premier Rao fünf militante Organisationen verboten, darunter den mächtigen Welt-Hindu-Rat und die RSS, die über sechs Millionen Mitglieder hat und die einst auch den Mörder Mahatma Gandhis hervorbrachte.
Dem Religionsfrieden ist Indien auch durch das Verbot nicht nähergekommen. Die Hindu-Eiferer bestehen weiter darauf, dort, wo früher die Babri-Moschee stand, einen Tempel zu errichten. Notfalls, so gelobte der prominente Hindu-Heilige Swami Chimayananda, "bauen wir dann den Tempel mit Schädeln statt mit Ziegelsteinen".

DER SPIEGEL 3/1993
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