03.01.1994

DopingKraft aus Affenhoden

Die Nachfrage nach Chemiepräparaten ist ins Stocken geraten. Die Athleten setzen verstärkt auf Fitmacher aus der Natur.
Der Verdauungstrunk ist Chinas Läuferinnen heilig. Nach jedem Mittagessen schnappt sich Leichtathletik-Trainer Ma Junren eine tellergroße Schildkröte, hackt ihr den Kopf ab und läßt das Blut in eine Blechtasse tropfen. Die Mädchen trinken die warme Flüssigkeit in kleinen Schlucken.
Während die einst gerühmte "Lady Curzon" aus Artenschutzgründen weltweit von den Speisekarten getilgt wurde, müssen die Panzertiere in China für die nationale Sache sterben: Nur mit Nährstoffen aus dem Schildkrötensaft, hat ihr Ernährungsberater versichert, sei das harte Nachmittagstraining zu überstehen. Und das ist notwendig, um im Sport an die Spitze zu gelangen.
Nachdem Chinas Läuferinnen bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in _(* V. r.: Qu Yunxia, Zhang Linli, Zhang ) _(Lirong, die in dieser Reihenfolge die ) _(ersten drei Plätze bei der ) _(Leichtathletik-WM 1993 belegten. ) Stuttgart drei Goldmedaillen gewannen und die Schwimmerinnen Anfang Dezember in Palma de Mallorca Weltrekorde nach Belieben produzierten, finden absonderliche Rezepte weltweit Nachahmer. Auch diesseits der Großen Mauer suchen Sportler in der Natur nach Ersatz für die alten Starkmacher.
Die sanften Methoden sind in Mode gekommen, seitdem Dopingfahnder immer häufiger in den Trainingslagern ermitteln. Die Konsumenten klassischer Chemiepräparate fürchten das Risiko und bedienen sich, statt wie bisher in der Apotheke, nun aus dem Reformhaus. Ob gepreßte Affenhoden oder geriebene Ginsengwurzeln, verflüssigte Lychee-Früchte oder destillierte Galläpfel - die Athleten trinken, essen, spritzen, lutschen oder reiben alles ein, was der alternative Markt hergibt.
Es ist, als ob sich der Leistungssport, Symbol für immerwährenden Fortschritt, seiner antiken Ursprünge besänne. Die Griechen dopten sich einst mit Stierhoden, die Römer tranken Ochsenblut - und glaubten, daß sich tierische Kräfte auf den Menschen übertrügen.
Auf dem Weg zurück zu den Wurzeln vertrauen Athleten, die nicht ohne Leistungskrücken auskommen können, den esoterischen Geheimtips pseudowissenschaftlicher Experten. Die in Fachzeitschriften propagierten neuen Fitmacher versprechen nicht weniger als alles: Carnitin ("Das Geheimnis des Spitzensportlers") soll die Ausdauer verbessern, der Bienensaft-Cocktail Peking Royal Jelly ("Die Aufbau-Kur") den Körper stärken, ein "Coenzym Q 10" ("Meilenstein der Ernährungsforschung") den Menschen zu seiner wahren Leistungsstärke befähigen. Der russische Sportwissenschaftler A.V. Lupandin preist offen seine "polyphenolen Adaptogene als Alternative zum Doping".
Die meisten der von Lupandin propagierten Mittel sind aus der Heilkunde längst bekannt. Flavonoide etwa, die sich in Zitrusfrüchten finden, helfen gegen Krampfadern. Glykoside, die aus dem Fingerhut extrahiert werden, sollen Herzmuskelschwäche bekämpfen. Den angeblich leistungsfördernden Naturstoff Lignane können die Sportler aus der Mariendistel und aus Sesamöl gewinnen oder in den Ausscheidungen weiblicher Menschenaffen finden.
Sogar die gemeine Kaffeebohne kommt wieder zu Ehren. Als Schwimm-Europameisterin Sylvia Gerasch im November positiv getestet wurde, war das für Dopingfahnder Manfred Donike ein klarer Fall von Koffeindoping, eine vergessen geglaubte Aufputschmethode.
Aus dem Radsport sind dem Kölner Biochemiker besonders akkurate Trinker bekannt. Einige Profis wüßten auf die Tasse genau, wieviel sie trinken dürften, um eben unter dem erlaubten Koffein-Limit zu bleiben.
Dauerbrenner auf dem "Basar vermeintlicher Wundermittel" (Weltwoche) ist seit einiger Zeit Carnitin. Schon bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul glaubte der deutsche Mannschaftsarzt Professor Joseph Keul, den Sportlern mit Carnitin, früher Vitamin T genannt, Gutes zu tun. Obwohl Ernährungsfachleute wie der Niederländer Fred Brouns Carnitin für einen "Flop" halten, floriert das Geschäft mit dem "Bio-Carrier für Ausdauerleistung" (Produktwerbung). Immer neue Erfolgsmeldungen steigern den Umsatz. So verabreichte der Medizinmann den Fußballern von Grasshoppers Zürich in den letzten Tagen vor den Punktspielen 2000 Milligramm Carnitin und steigerte die Dosis bis zum Match. Tatsächliche Wirkung oder nur der Glaube daran - am Saisonende waren die Profis Schweizer Vizemeister.
Mitunter bergen die neuen Mittel jedoch altbekannte Risiken. Als im vergangenen Jahr sechs koreanische Gewichtheber mit anabolen Steroiden im Urin erwischt wurden, führten sie dies auf den Genuß eines Stärkungsgetränkes zurück. Einem Brauch folgend, so die Muskelmänner, sei dem Trunk auch Hundefleisch beigemischt gewesen - es müsse wohl vom Züchter mit Testosteron gepäppelt worden sein.
Unverfängliche Kraftspender nutzen indes nichts, wenn der Sportler nicht fest an die Wirkung glaubt. Wissenschaftler der Stanford University hatten festgestellt, daß die Leittiere in Pavianherden den höchsten Serotoninspiegel aufwiesen. Selbst ein Mitläufer, der das Hormon, das vornehmlich in Bananen vorkommt, gespritzt bekam, verwandelte sich zum allseits akzeptierten Affenboß. Folglich ißt, wie viele andere Tennisprofis, auch Boris Becker während der Spiele brav Bananen.
Doch das Früchtedoping half zuletzt kaum noch. Trotz Banane verlor Becker den nationalen Tennis-Zweikampf gegen Michael Stich. Vielleicht weil Stich sich noch mit Reiki stärkt, einer jahrtausendealten japanischen Heilkunst. Sie verspricht Kraftzuwachs durch bloßes Handauflegen - was kurz vorm Aufschlag Gattin Jessica besorgt. Y
* V. r.: Qu Yunxia, Zhang Linli, Zhang Lirong, die in dieser Reihenfolge die ersten drei Plätze bei der Leichtathletik-WM 1993 belegten.

DER SPIEGEL 1/1994
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/1994
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Doping:
Kraft aus Affenhoden

  • UFO-Berichterstattung: "Natürlich sind das UFOs!"
  • NBA-Champion Toronto: Schüsse bei Meisterfeier
  • Golanhöhen: Siedlung "Beruchim" heißt jetzt "Trump Heights"
  • Video aus Hongkong: Marsch der Millionen im Zeitraffer