30.12.1991

UnternehmenIm Regal verstaubt

Seltener Vorgang bei einem Unternehmen: Bernhard Schneider, Mitinhaber der Schneider Rundfunkwerke, räumt freiwillig seinen Posten als Vorstandschef.
An Mut zu unkonventionellen Entscheidungen hat es Bernhard Schneider nie gefehlt. Durch Häme und Skepsis der Konkurrenten ließ er sich in unternehmerischen Entscheidungen wenig beeindrucken.
So baute der Mitinhaber und Vorstandschef der Schneider Rundfunkwerke AG 1982 im Allgäu kurzentschlossen eine Fabrik für TV-Geräte. Die Konkurrenz verlagerte indes ihre Produktion zunehmend nach Fernost.
Sechs Jahre später stampfte Schneider neben der TV-Fabrik eine Fertigungsstraße für Personalcomputer (PC) aus dem Boden. Einem Konkurrenten erschien das Projekt so riskant wie der "Bau eines Gewächshauses am Nordpol".
Kurz vor Weihnachten sorgte Bernhard Schneider, 57, wieder für Aufsehen. Doch diesmal waren die Nachrichten aus dem Allgäu kaum dazu angetan, das Bild vom unerschrockenen Unternehmer zu verschönern.
Unumwunden und ohne Ausflüchte gab der Firmeninhaber öffentlich seine "Verantwortung für das bemerkenswert schlechte Ergebnis" der diesjährigen Schneider-Bilanz zu. Gleichzeitig verkündete er "im Interesse der Glaubwürdigkeit" seinen Rücktritt als Vorstandschef der Schneider AG.
Der Ausstieg des Firmenchefs, der zusammen mit seinem Bruder Albert 75 Prozent der Schneider-Aktien hält, kam selbst für die engsten Mitarbeiter überraschend. Nur den drei Aufsichtsräten hatte Schneider Ende Oktober seinen Entschluß mitgeteilt. Das Kontrollgremium unter dem Vorsitz des Münchner Elektronikprofessors Ingolf Ruge wollte Schneiders Rückzug zunächst nicht akzeptieren. Erst beim dritten Anlauf gab der Aufsichtsrat nach.
Schneiders bemerkenswertes Eingeständnis markiert das vorläufige Ende einer glänzenden Erfolgsstory. Mit unternehmerischem Mut und einem Gespür für lukrative Marktnischen hatten die Brüder Albert und Bernhard Schneider aus der 1965 vom Vater übernommenen Möbelfabrik (17 Millionen Mark Umsatz) einen florierenden Elektronikkonzern mit fast einer Milliarde Mark Umsatz gemacht.
Doch seit einiger Zeit geht es bergab. Schon 1990 war die Umsatzrendite auf 1,2 Prozent gefallen. Mit 10,1 Millionen Mark machte der Überschuß gerade noch ein Drittel des Gewinns von 1988 aus.
Im abgelaufenen Jahr hat sich der Abwärtstrend dramatisch beschleunigt. Mit einem Minus von voraussichtlich 40 Prozent wird der Umsatz etwa auf das Niveau von 1986 zurückfallen. In der Bilanz rutscht die Schneider AG erstmals tief in die roten Zahlen. An die 100 Millionen Mark Verlust könnten es nach Ansicht des Unternehmers werden.
"Das total verhagelte Ergebnis" (Schneider) ist die Spätfolge einer Reihe von Fehlentscheidungen im Computergeschäft. Schon der Entschluß, die Personalcomputer selbst herzustellen, machte den Aufsteigern aus dem Allgäu bald schwer zu schaffen. Verschärft wurde die Krise durch den fehlgeschlagenen Versuch, im oberen Bereich des PC-Marktes Fuß zu fassen.
Die Schneiders hatten 1984 mit einem von dem britischen Unternehmer Alan Sugar entworfenen Homecomputer begonnen. Sugar, Chef der Firma Amstrad, ließ die Rechner komplett in Korea bauen und suchte noch einen Vertriebspartner für Deutschland.
Gegen den Rat seines bedächtigeren Bruders, der vor einiger Zeit nach einem Autounfall aus dem Vorstand ausschied, sagte Bernhard Schneider spontan zu - und erzielte eine Riesenerfolg. Bereits zwei Monate nach dem Verkaufsbeginn lag der CPC 464 genannte Rechner mit zwölf Prozent Marktanteil an zweiter Stelle hinter dem Spitzenreiter C 64 von Commodore.
Drei Jahre später, die veralteten Amstrad-Rechner warfen inzwischen kaum noch Gewinn ab, traf Bernhard Schneider die folgenschwere Entscheidung, Entwicklung und Produktion in eigene Hände zu nehmen. Der in aller Eile entwickelte Euro-PC war erstaunlich leistungsfähig und erreichte auf Anhieb Platz 3 auf der Hitliste der meistverkauften PC in Deutschland.
Doch dem Innovationstempo auf dem sich schnell wandelnden PC-Markt waren die Entwickler im Allgäu nicht gewachsen. Selbst der Vorsprung in der Verarbeitungsqualität, den Schneider lange Zeit gegenüber den Billig-Konkurrenten aus Taiwan und Singapur ins Feld führen konnte, schmolz zusehends.
So verstaubten die Geräte in den Regalen, und Schneiders Computer-Division rutschte in die Verlustzone. In der Produktion waren die Schneider-PC inzwischen 20 bis 25 Prozent teurer als die Konkurrenzprodukte.
In dem ehemaligen Nixdorf-Manager Hubert Küpper glaubte Schneider Ende 1990 einen Mann gefunden zu haben, der ihm aus der Krise helfen könnte. Küpper überredete Schneider, aus dem heißumkämpften Billig-Markt auszusteigen. Statt dessen baute Küpper nach dem Vorbild von Nixdorf eine eigene Vertriebsmannschaft auf, die professionellen Anwendern maßgeschneiderte Branchenlösungen verkaufen sollte.
Der Versuch, mit Banken und Versicherungen in Geschäft zu kommen, erwies sich schnell als teure Fehlentscheidung. Der Makel des Billiganbieters haftete hartnäckig an der Firma aus dem Allgäu. Währenddessen schossen die Kosten für die Vertriebsmannschaft in die Höhe.
"Ich bin einer Illusion aufgesessen, die ich für unverzeihlich halte", bekannte Schneider schließlich. Um nicht die ganze Firma zu gefährden, gibt Schneider nun die Eigenproduktion auf. Statt dessen sollen die Billig-PC wie früher in Fernost gekauft werden. Für hochwertigere Geräte will das Unternehmen mit der US-Firma NCR zusammenarbeiten.
Der harte Schnitt soll die Firma schon 1992 aus den Verlusten bringen. Die Verantwortung für das Geschäft wird dann bei Hans-Jürgen Thaus, dem bisherigen Finanzchef, liegen. Bernhard Schneider will nur noch als "One-Dollar-Man" dabeisein und sich ums Marketing kümmern.
Der Ausstieg aus dem Vorstand ist für den aufrechten Schwaben nur selbstverständlich. "Wie sieht das denn aus", sagt er, "wenn wir 350 Leute entlassen und ich bleibe hier sitzen." o

DER SPIEGEL 1/1992
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