30.12.1991

VerbraucherMehr auf der Butterseite

Haben die Landsleute im Osten einen ganz anderen Geschmack? Laborversuche sollen die wichtige Frage klären.
Es ist Mittagszeit im Riech- und Schmecklabor Potsdam. Richard Schrödter, 51, vertilgt hastig und lustlos seine von daheim mitgebrachte Wurststulle. 40 Jahre realsozialistische Eß-Kultur gehen auch an einem bedeutenden Aromaforscher nicht spurlos vorbei. "In der DDR", sagt Schrödter, "wurde der Gaumen wenig gefordert."
Seine Kollegin Carla Kornelson, 38, schlingt ihre Schrippe hinunter. Im Wartezimmer sitzen die Probanden. Zehn Ost-Nasen und -Münder sind bereit für den ersten wissenschaftlichen Laborversuch. Es geht um das Pilotprojekt "Präferenzverhalten im Lebensmittelbereich". Populär ausgedrückt: Was für einen Geschmack hat der Ossi?
Heute ist nur die Nase gefordert. Acht Frauen und zwei Männer nehmen in Einzelkabinen vor Computern Platz. "Herzlich willkommen zur Eröffnung des Riech- und Schmecklabors in Potsdam-Rehbrücke", begrüßt sie die Schrift auf dem Schirm.
Durch ein Schiebetürchen reicht eine Hand ein Tablett mit acht schwarzen, numerierten Plastikdosen herein. Aus Wattebäuschchen strömt ein undefinierbarer Duft. "Riechen Sie was?" fragt eine Probandin den Nachbarn. "Ich bitte um absolute Ruhe im Labor", sagt Carla Kornelson streng.
Mit diesem Vortest will die Laborleiterin feststellen, ob ihre repräsentativen ostdeutschen Mitbürger überhaupt riechen und schmecken können. Jeder Fremdeinfluß muß dabei ausgeschaltet werden. Eine aufwendige Belüftungsanlage sorgt für ein geruchsneutrales Klima im Versuchsraum.
Unsichtbare Helfer schieben die nächste Riechprobe herein. Mit der sogenannten Maus in der Hand steuern die Tester einen Pfeil auf dem Computerschirm und markieren ihre sensorischen Eindrücke auf einem "Geruchsprofil" zwischen "sehr angenehm" und "sehr unangenehm". Die Wissenschaftler haben an alles gedacht: Es gibt sogar zwei Mäuse für Linkshänder.
Die Computer in den Testkabinen senden ihre Daten sofort weiter an den zentralen Rechner im Nebenraum. Duftforscherin Kornelson ist zufrieden. In den Riechproben waren Damen- und Herrenparfüms. Zielsicher haben die Frauen die männlichen Düfte als sehr angenehm empfunden. Die Männer bevorzugten eindeutig das teuerste Damenparfüm von Jil Sander. Also, eine gute Nase haben sie schon, die Bürgerinnen und Bürger aus den neuen Bundesländern.
"Morgen um 13 Uhr sehen wir uns wieder", verabschiedet die Aromaforscherin die Riechgruppe. An diesem ersten großen deutsch-deutschen Geschmacksexperiment nehmen 100 Testpersonen im Alter von 14 bis 55 Jahren teil. Zwölf Produkte von der Waffel bis zur Wurst sollen probiert werden. Zur Wahl stehen je ein Erzeugnis aus Brandenburg, aus Westdeutschland und aus einem anderen EG-Staat.
Das Potsdamer Landwirtschaftsministerium fördert den Versuch mit knapp 50 000 Mark. "Eventuell bestehende Vorurteile gegenüber brandenburgischen Produkten", so hofft Minister Edwin Zimmermann, werde der Blindtest wissenschaftlich entkräften.
Parallel dazu sollen sich in einem Münchner Labor bayerische Verkoster den Ost-West-Gegensatz auf der Zunge zergehen lassen. Eine durchtrainierte Expertengruppe hat schon eine Sektprobe bestanden.
Der Schaumwein aus der Ex-DDR lief erstaunlich gut durch die Kehlen - trotz ungleicher Startbedingungen. Die Münchner Kollegen, merkt der Ost-Aromatiker Schrödter stolz an, hatten ein halbtrockenes "Rotkäppchen" gegen einen "Henkell Trocken" dargeboten.
Das Ende November eröffnete Potsdamer Labor ist ein zwillingsgleicher Nachbau des Münchner Vorbilds. Doch die ostdeutschen Forscher folgen nicht blind dem Geschmack der neuen Zeit. Die "Arbeitsgemeinschaft für Sensorische Analyse und Produktentwicklung" (Asap) im Westen ist ein gewinnorientiertes Privatunternehmen. Das Potsdamer Asap-Labor dagegen hat sich der Gemeinnützigkeit verpflichtet.
Mit 410 000 Mark von der Treuhandanstalt und viel Eigenarbeit wurde die ehemalige Versuchsbäckerei des "Zentralinstituts für Ernährung" der DDR zum Riechen und Schmecken hergerichtet. Diese Einrichtung, weiß Schrödter, "stand im Geruch der Ersatzstoff-Forschung". Die Potsdamer mußten devisenfressende Importe wie Kakao oder Zitrone durch künstliches Aroma aus Rüben und Tomaten ersetzen.
Das Ende der sozialistischen Geschmacksdiktatur ist nun für die Aromatiker die "geschichtlich einmalige Chance der Grundlagenforschung", freut sich der Sensorik-Professor Egon P. Köster von der Asap-West. In beiden Labors können die Forscher "den Einfluß der Früherziehung auf die Präferenzbildung" studieren.
"Prinzipiell sind die Leute gleich sensibel", meint Manfred Rothe, 66, der Vater der Aromaforschung in der DDR. "Aber die Qualitätsbreite des Angebots spielt eine Rolle."
So habe der Fettverbrauch der Ostdeutschen im Vergleich zu ihren westlichen Landsleuten mehr auf der Butterseite gelegen, sagt Rothe. Der erfahrene Forscher vermutet, das dieses Ergebnis irgendwie mit der Qualität der Margarine zu tun hat.
Rothe-Schüler Schrödter hat beobachtet, daß die Westdeutschen Geld ausgeben, um sich gute Qualität zu leisten. Anders der ehemalige DDR-Bürger: "Der wollte erst mal satt werden."
Nach der ersten Testreihe mit anonymen Proben wollen die Forscher im zweiten Schritt die Konsumenten aus Ost und West einer "natürlichen Verzehrsituation" aussetzen. Dabei wird die Herkunft der Produkte aus Ost und West offen erkennbar sein. Bei einem "Bankett im Labor", verspricht Schrödter, "dürfen sie dann richtig zugreifen."

DER SPIEGEL 1/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Verbraucher:
Mehr auf der Butterseite

  • Im Autopilot-Modus: Tesla-Fahrer schläft hinter dem Steuer ein
  • Brände im Amazonas: Bolsonaro kündigt Strafen für Brandrodungen an
  • Vor G7-Gipfel in Biarritz: "Die Stadt ist zu einer Festung geworden"
  • Johnson bei Macron: Einfach mal die Füße hochlegen?