19.12.1994

ArchäologieSchlacht im Schlick

Der Bremer Ethnologe Duerr will - SPIEGEL 47/1994 - die versunkene Hafenstadt Rungholt geortet haben. Ist Duerr ein Spinner?
Wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, daß ihre Gegner überzeugt werden ( . . .), sondern vielmehr dadurch, daß die Gegner allmählich aussterben.
Hoch im Norden, im Wattenmeer zwischen Nordstrand und Pellworm, erhob sich vor 700 Jahren eine prächtige Hafenstadt.
Die Händler der Siedlung schacherten mit Salz, Korn, Butter und Wolle - Exportwaren, die ins Rheinland und nach Flandern verschifft wurden. Sonntags besuchten die Rungholter ihre "ecclesia cum collegio", eine Stiftskirche mit Priesterunterkünften.
Im Jahr 1362 war es mit dem Wohlleben vorbei. Eine furiose Sturmflut ("Grote Mandränke") vernichtete das "oppidulum" (Städtchen). Weitere sieben Ansiedlungen ("Kirchspiele") der Edomsharde, deren Hauptort Rungholt war, verschwanden in den Fluten.
Das mittelalterliche Debakel hat die Spökenkiekerei nachhaltig befruchtet. Noch heute, glaubt der Volksmund, erklingen Rungholts Kirchglocken im Watt. Kleriker deuteten den Untergang des Ortes als Strafgericht Gottes gegen die heidnischen Friesen.
Doch wo lag der unselige Ort? Erste Rekonstruktionsversuche unternahm 1636 der königlich dänische Geograph Johannes Mejer. Nachdem er "fleiszig den Tieffen nachgefahren" war und "alte glaubwürdige Männer" befragt hatte, zeichnete er seine Karte von der Nordseeküste und ihren versunkenen Siedlungen (siehe Abbildung).
Mit dieser Skizze als Wegweiser im Gepäck schipperte im Sommermonat Juni der Bremer Kulturhistoriker Hans Peter Duerr, 51, ins ehemalige Katastrophengebiet - und entdeckte auf Anhieb Reste einer mittelalterlichen Großsiedlung im Schlamm.
Um an sein Ziel zu gelangen, hatte Duerr die alte Landkarte mit historischen Notizen abgeglichen. "Niedam ist Südfall", heißt es in einer alten Quelle. Diese Angabe, auf den Mejer-Plan projiziert, ließ nur den Schluß zu: Rungholt muß nördlich der Hallig Südfall liegen.
Eine famose Logelei. Doch seit Veröffentlichung der Scherbengeschichte im SPIEGEL vor vier Wochen wird Duerr als Scharlatan hingestellt. Anstatt ihn als Spurensucher des friesischen Atlantis zu feiern, verhöhnen seine Gegner ihn als archäologischen Hanswurst.
Hans-Joachim Kühn vom Landesamt für Vor- und Frühgeschichte in Schleswig kann den abgelieferten Wattenschätzen nur "ein müdes Lächeln" abgewinnen. Duerrs Fundstelle sei seit Jahren bekannt, "gut erforscht" und kartiert. Die angeblichen Neuigkeiten seien "absoluter Unsinn". Ähnlich abschätzig äußerte sich der Direktor des Nordfriesischen Museums, Klaus Lengsfeld.
Auch die Zeit schlug sich auf die Seite der Duerr-Kritiker. "Allerweltsscherben" habe der langhaarige Wattwühler da aus der Nordsee geklaubt, zudem sei Rungholt höchstens ein Fischerdorf gewesen: "Locker streuten sich die Friesenhäuser."
Rungholt ein Küstenkaff? Eine alte Landkarte des arabischen Geographen Scharif el-Idrissi aus dem 12. Jahrhundert legt einen anderen Schluß nahe. Ganze vier Städte zeichnet er auf seinem Plan der "kimbrischen Halbinsel" Dänemark ein. Eine davon, al-Sila genannt, ist mutmaßlich mit Rungholt identisch. Idrissis Beschreibung: al-Sila sei "eine kleine, von seßhafter Bevölkerung bewohnte Stadt, in der sich feste Märkte und dauerhafte Bauten befinden".
Der Hafen der Friesenmetropole spielte wahrscheinlich eine wichtige Rolle an der dünnbesiedelten, sumpfigen Nordseeküste. Hansekoggen aus Hamburg und Bremen fuhren durch den Heverstrom bis an die Stadt heran. Geladen wurde vor allem rotschimmerndes, aus meernassem Torf gewonnenes Salz.
Nicht nur die Zweifel an der Größe Rungholts, auch die niederschmetternden Urteile gegen Duerrs Scherbenschatz stehen einstweilen ohne Beweise da. Vielmehr brachten sich die Grabungsbürokraten in ihrer Abwehrschlacht gegen den Bremer Quereinsteiger mit Nonsens-Argumenten selber in die Klemme.
Obwohl Duerr - die Flut stieg schon - nur wenige Stunden für die Notbergung seiner Artefakte hatte, konnte er ein intaktes Holzfaß und rheinische Keramik aus dem Schlamm retten. Er entdeckte die Überreste eines kompletten friesischen Langhauses samt Feuerstelle sowie die Ruinen eines "riesigen Steinhauses" (Duerr) mit Findlingsfundament und Ziegelsteinstümpfen. Vergleichbare Entdeckungen wurden im Watt bislang nicht gemacht.
Die nordfriesischen Provinzarchäologen hingegen spielen den Rang der Duerr-Funde herunter. Das Geheimnis um Rungholt ist - aus ihrer Sicht - längst gelöst. Demnach lag die Stadt südlich der Hallig Südfall, und nicht nördlich, wo Duerr seine Scherben ausgrub.
Dieses offizielle Forschungsdogma stützt sich auf Feststellungen des Nordstrander Bauern Andreas Busch. 1921 stieß der Hobbyarchäologe auf mächtige Schleusenpfähle südlich der Halligkante von Südfall.
In späteren Jahren erblickte der fleißige Schlammtreter insgesamt 28 Warften (Gehöfthügel) samt Brunnen und Keramikscherben. Eine der Erhebungen erklärte Busch zur "Kirchwarft" von Rungholt (siehe Grafik Seite 183).
Doch stammen die alten Funde, in norddeutschen Museen als Rungholt-Reliquien ausgestellt, wirklich alle aus der sagenumwobenen Stadt? Bereits Anfang der achtziger Jahre ließ der damalige Husumer Museumschef Erich Wohlenberg in Köln eine C-14-Altersdatierung an Buschs Schleusenbalken vornehmen. Ergebnis der Präzisionsmessung: Das Material stammt aus der Zeit von 1700, plus/minus 20 Jahre.
Nach der Datierung, heißt es, sei Wohlenberg nachgerade "zusammengebrochen". Die Schleuse, Kernstück der Rungholt-Forschung, stammte aus dem Spätbarock. Was tun? Wohlenberg, bis zu seinem Tode 1993 von Insidern gefürchtet als "Wissenschaftsfürst und autoritärer Professor alter Schule", entschied sich zu schweigen. Er verschloß die Unterlagen im Privatsafe.
Als der SPIEGEL Ende November über die Duerr-Funde berichtete, brach in Husum helle Empörung aus. Ein langhaariger, gebürtiger Kurpfälzer und "Hexenforscher" (Husumer Nachrichten) hatte es gewagt, den verstorbenen Provinzpapst Wohlenberg anzugreifen. Das Museumskuratorium entschloß sich zur Gegenwehr.
Doch die Äußerungen der verantwortlichen Archäologen, die den Vorwurf der Schwindelei entkräften sollten, wirkten konfus. Während die Museumsleute in Schleswig alles abstritten ("Die Schleuse ist bis heute nicht datiert"), sprach der Husumer Lengsfeld von "wiederholten Datierungsversuchen zwischen 1977 und 1985", deren Unterlagen allerdings verschwunden seien.
Die Nordseeküste als Bermuda-Dreieck. "Die ganze Rungholt-Forschung", sagt ein Kenner, "ist in einem Sumpf von subjektiven Ansichten und persönlichen Eitelkeiten gefangen." Mittlerweile stehen noch weitere Artefakte im Verdacht der Falschdatierung.
Doch die Wohlenberg-Fraktion setzt weiter auf Verdunkelung. Seit Monaten erbittet Duerr einige Gramm Material des Schleusenholzes, um dessen Alter mit der C-14-Methode erneut zu überprüfen. Lengsfeld lehnt ab. Begründung: Diese Datierungstechnik sei "wenig tauglich". Ein erstaunliches Argument. Das C-14-Verfahren, das auf dem Zerfall eines bestimmten Kohlenstoff-Isotops basiert, gilt als exakte Methode zur Altersbestimmung von organischen Materialien. Bezweifelt wird sie meist von Forschern, die sich in ein falsches Hypothesengeflecht verstiegen haben. Mebus Geyh, Leiter des C-14-Labors in Hannover: "Wenn's den Leuten nicht in den Kram paßt, akzeptieren sie unsere Resultate nicht."
Soll das merkwürdige Lavieren der friesischen Archäologen von eigenen Versäumnissen ablenken? Bislang haben sie ihren im Watt zusammengeklaubten Ruinenteppich meist nach Augenmaß datiert und zu einem konturenarmen Gebilde verwoben, "Rungholt-Komplex" genannt.
Die von Duerr und seinen Mitstreitern geborgenen Scherben sind nachweislich vor 1362 gebrannt worden. Zudem haben die Bremer Wissenschaftler einen plausiblen Rekonstruktionsplan der untergegangenen Küstenwelt entworfen.
Duerrs Vermutung zufolge traf die mittelalterliche Sturmflut den Hauptort Rungholt mit voller Wucht. Mächtig wälzte sich die Flutwelle durch den Heverstrom, schwappte durch den Rungholtsiel und verschlang die Stadt.
Doch die Grote Mandränke vernichtete nicht alle Teile der Gegend. Noch im Jahr 1400 trieben die Ratsmänner der schwer angeschlagenen Edomsharde Salzhandel mit Bremer Kaufleuten, wie eine Urkunde beweist.
Mit Deichen und Warften stemmten sich die Friesen gegen den - durch tektonische Landsenkung bedingten - Abstieg ins Submarine. Das Kirchspiel Riep bei Rungholt wurde bis 1532 gehalten. Auch die Nachbarorte Niedam ("neuer Damm") und Halgenes ("Hallignase") sind nach der Jahrhundertflut wohl wieder besiedelt worden.
Nach eingehendem Studium der alten Quellen und nach Abgleich mit seinen Fundergebnissen scheint Duerr eine neue schlüssige Topographie des Küstengebiets gelungen zu sein. Die meisten früher geborgenen vermeintlichen Rungholt-Artefakte stammen demnach aus kleinen Kirchspielen, welche die Katastrophe überlebten. Buschs Schleuse wäre dem Ort Niedam zuzuordnen, die angebliche "Kirchwarft" von Rungholt dem Dörfchen Halgenes.
Doch die Forschungsbeamten in Schleswig wollen von solchen Hypothesen nichts wissen. Unnachgiebig zeigt sich der Landesarchäologe Joachim Reichstein in seinem Bemühen, den "Bremer Piraten" Duerr als Scherbendieb hinzustellen.
Der Vorwurf des Raubgrabens gegen Duerr wurde nach dem SPIEGEL-Bericht erneut erhoben. Ein Ermittlungsverfahren des Landratsamtes Husum, das bereits eingestellt worden war, wurde wiederaufgenommen. Die beamteten Friesen-Forscher wollen an ihrem Rungholt-Bild nicht rütteln lassen.
Man weiß, wohin soviel Halsstarrigkeit führen kann. "Wir trotzen dir", rufen im Lesebuchklassiker "Trutz, Blanke Hans" von Detlev von Liliencron die Bürger Rungholts der aufgewühlten See entgegen. Kurz danach sind sie ertrunken. Y
"Wenn's den Leuten nicht paßt, akzeptieren sie die Resultate nicht"
[Grafiktext]
_183_ Suche nach d. versunkenen Friesen-Siedlung Rungholt
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 51/1994
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 51/1994
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Archäologie:
Schlacht im Schlick

  • "Dreamer" vor dem Supreme Court: "Ich müsste meinen Traum aufgeben"
  • Mary Cain über Nike-Programm: "Ich wurde körperlich und emotional missbraucht"
  • Liverpool-Sieg über Manchester City: "Man sollte Jürgen und mich auf eine Flasche Wein einladen"
  • "Remembrance Day" in Großbritannien: Blüten aus dem Bomber