19.12.1994

Fußball„Dann knallt es“

Berthold, 30, bestritt 62 Länderspiele. Der Abwehrspieler vom VfB Stuttgart wurde 1986 in Mexiko Vize-Weltmeister und 1990 in Italien Weltmeister.
SPIEGEL: Die Nationalmannschaft ist erfolgreich in die Qualifikation zur Fußball-Europameisterschaft gestartet. Spüren auch Sie, wie einige Ihrer Kollegen, schon einen neuen Teamgeist?
Berthold: Nein, das war doch alles noch nichts. Gegen Moldawien und Albanien zu gewinnen heißt wenig. Erst wenn wir im nächsten Jahr in Sofia gegen Bulgarien unter Druck geraten, wird sich zeigen, was die Truppe wirklich wert ist.
SPIEGEL: Sie zweifeln noch?
Berthold: Ja, schon. Wir müssen wieder eine gewisse Lockerheit kriegen, und die haben wir noch nicht.
SPIEGEL: Bundestrainer Berti Vogts kämpft um seinen Job. Das ist eine ernste Sache.
Berthold: Es ist alles so ernst bei uns, zu generalstabsmäßig geplant. Auch Berti ist zu verbissen. Selbst unser Torwarttrainer Sepp Maier macht keine Witze mehr. Fußball funktioniert über Begeisterung, die dann aufs Spielfeld übertragen wird. Aber man kann nicht mittwochs auf einen Knopf drücken und glauben: Jetzt ist Stimmung.
SPIEGEL: Dabei umarmen sich die Nationalspieler doch neuerdings so nett vor dem Anpfiff.
Berthold: Das ist ein bißchen symbolisch. Ich finde das nicht schlecht, das ist ehrlich, aber das reicht nicht. Sicher denkt jeder an sich, doch das war nie anders. Auch Grüppchen hat es immer gegeben. Dennoch war es früher lustiger.
SPIEGEL: Andreas Möller wollte seinen Vereinskameraden Matthias Sammer öffentlich auf den Liberoposten reden. Wird zuviel Politik über die Medien gemacht?
Berthold: Ich lache da, aber unser Libero Lothar Matthäus lacht vermutlich nicht, der ärgert sich. So baut sich einer vielleicht ganz clever ein Image auf, aber wir machen uns gegenseitig das Leben schwer. Bei der Weltmeisterschaft in Amerika hat auch jeder sein Süppchen gekocht. Geschmeckt hat es keinem.
SPIEGEL: Hat die Mannschaft die verkorkste WM nicht gründlich genug aufgearbeitet?
Berthold: So eine Enttäuschung verarbeitest du vielleicht in der Winterpause, wenn du dir im stillen Kämmerlein Gedanken machst, was schiefgelaufen ist. Wenn du solch eine Chance einmal im Leben bekommst, grübelst du schon etwas länger, warum du sie vergeben hast. Die ganzen Behauptungen vom "großen Schnitt" und dem "neuen Gesicht" . . .
SPIEGEL: . . . sind nur Gerede?
Berthold: Ja, so einfach geht das nicht. Bei der großen Aussprache waren nicht alle WM-Teilnehmer dabei. Da sind nicht die Fetzen geflogen, das war harmlos.
SPIEGEL: Also sind die modernen Fußballprofis, wie in den vergangenen Wochen mehrfach behauptet, doch selbstzufrieden und faul?
Berthold: Sie haben ein ganz anderes Auftreten entwickelt. Früher hast du gebissen und getreten, um dich nach oben zu kämpfen. Und den Mund hast du sowieso gehalten. Die Jungen von heute wollen Tips oft gar nicht aufnehmen. Ich vermisse den absoluten Biß. Wenn in Stuttgart wir Alten gegen die Jungen kicken, spielen wir die 3:0, 4:0 runter.
SPIEGEL: Nun gelten aber gerade Sie doch als Prototyp des verwöhnten Profis.
Berthold: Der Schatzmeister des FC Bayern hat mal gesagt, ich sei der bestbezahlte Golfspieler nach Bernhard Langer. So ein Ausspruch klebt dir über Jahre auf der Stirn. Ich werde nie verstehen, daß Manager und Trainer ihre Spieler in der Öffentlichkeit schlechtmachen.
SPIEGEL: Mit der Suche nach eigenen Fehlern halten Sie sich nicht lange auf?
Berthold: Das Geld hat mich nicht verändert. Aber ich war in jungen Jahren allein im Ausland, und da zog mir niemand die Ohren lang. Ich hab' da den dicken Max markiert; morgens war Training und abends Hully-Gully. Auch als ich aus Italien nach München kam, habe ich nur gedacht, mit dieser Truppe schaukeln wir die Meisterschaft ganz easy nach Hause. Mich haben sie dann auf die Tribüne gesetzt, und da hatte ich viel Zeit zum Nachdenken. Jetzt bin ich ein Musterprofi.
SPIEGEL: Im Bundesliga-Geschäft werden Spieler wie der Mönchengladbacher Stefan Effenberg oder der Bremer Mario Basler zu Volkshelden gemacht. Doch Trainer wie Vogts haben ihre Not mit deren Eskapaden.
Berthold: Ich finde Leute wie Effenberg oder Basler gut. Sie sind jung, und sie schon jetzt auszugrenzen ist ein Fehler. Es ist doch wie in der Schule: Erst wenn du eine Fünf schreibst, setzt du dich hin und überlegst, was du anders machen kannst.
SPIEGEL: Wie ist dann zu verstehen, daß Sie gleichzeitig Zusammenhalt und Disziplin fordern?
Berthold: Die Grenze wird immer durch den Erfolg gezogen: Wer siegt, darf alles. Ich meine, daß Effenberg und Basler ihren Charakter auch in die Nationalmannschaft einbringen können. Wir brauchen jeden, der gut ist.
SPIEGEL: Viele Ihrer Kollegen haben Effenberg den Stinkefinger von der WM noch nicht verziehen.
Berthold: Da war mehr passiert. Als Spieler mußt du wissen, wann Schluß ist, sonst geht der Respekt verloren. Effe konnte nie etwas eingestehen und sagen: "Okay, das war mein Fehler."
SPIEGEL: Dennoch raten Sie Berti Vogts, ihn zurückzuholen?
Berthold: Das sind doch alles menschliche Sachen. Die passieren in einer Mannschaft wie in einer Familie. Man sollte so etwas im persönlichen Gespräch unter Männern austragen.
SPIEGEL: Verliert ein Trainer, der "nie wieder" gesagt hat und dann umfällt, bei den Profis seine Autorität?
Berthold: Wir alle haben schon so oft "nie wieder" gehört. Wenn ein Trainer sagt: "Ich habe das damals in meiner Enttäuschung so gesehen, aber das hat sich geändert", dann vergibt er sich gar nichts. Wer mit allen Spielern, die Fehler machen, nie mehr redet, kann den Laden zumachen.
SPIEGEL: Daß Vogts bei jeder Gelegenheit auf den zurückgetretenen Torwart Bodo Illgner schimpft, findet in der Mannschaft dennoch Zustimmung. Ist Illgner als Sündenbock ausgeguckt?
Berthold: Der Bodo ist ein guter Torhüter, aber er hat sich zu weit aus dem Fenster gehängt. Wir haben nach der Niederlage gegen Bulgarien noch völlig fertig in Turnhosen in der Kabine gesessen, da war er schon geduscht und hat seinen Rücktritt bekanntgegeben. Das war fatal. Er hätte sich einmal überlegen sollen, was er falsch gemacht hat.
SPIEGEL: Nämlich?
Berthold: Er hat es nie geschafft, sich auf das Wichtige zu konzentrieren. Ob die Ehefrau nach Malente kommen darf, kann bei der Vorbereitung auf eine WM nicht wichtig sein. Und da hat auch Berti Vogts Fehler gemacht. Er hätte sagen müssen: "Wenn das wichtig für dich ist, bitte schön, aber hier ist die Tür." Da hätte er ein Zeichen setzen müssen. Wir hatten genug gute Torhüter.
SPIEGEL: Illgner hat den Ego-Virus ins Team getragen?
Berthold: Wir haben uns an Nebensächlichkeiten zerrieben. Darf die eine Frau das? Darf die andere jenes? Dürfen die Kinder zum Essen kommen? Quark, Quark, Quark, alles nur Eifersüchteleien.
SPIEGEL: Der Trainer, aber auch Spieler wie Matthäus oder Sie sind nicht eingeschritten.
Berthold: Leider. Wir haben es nicht geschafft, uns zusammenzusetzen und zu sagen: "Okay, wir sind im Viertelfinale, aber alles, was bis jetzt war, war Mist, wir fangen neu an." Dabei wußten alle, was falschlief. Solange wir gewonnen haben, wurde alles unter den Tisch gekehrt - und irgendwann waren wir draußen.
SPIEGEL: Danach formulierte Bild ein Rücktrittsschreiben: "Herr Vogts, unterschreiben Sie hier." Kann die Mannschaft einen Trainer, der so in Frage gestellt wird, noch ernst nehmen?
Berthold: Ich nehme diesen Bild-Schwachsinn nicht ernst. Berti dagegen bewundere ich für seine Überzeugung.
SPIEGEL: Auch fachlich ist er unumstritten?
Berthold: Wenn der Erfolg nicht da ist, ist es klar, daß die Trainerfrage gestellt wird. Und daß er in Amerika auch personelle Fehler gemacht hat, weiß er bestimmt selbst.
SPIEGEL: Falls die Nationalelf sich nicht für die EM-Endrunde qualifiziert, will Vogts zurücktreten.
Berthold: Das Gerede darüber ist unwichtig, denn wir qualifizieren uns so oder so. Entscheidend ist, wie wir dann in England abschneiden. Wenn wir nicht unter die letzten vier kommen, knallt es. Aber dann ist das Thema auch für mich erledigt. Dann höre ich auf. Y

DER SPIEGEL 51/1994
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