30.12.1991

„Die Menschen fordern Rache“

Nur drei Kerzen flackern auf dem Altar. Der Rest des riesigen Kirchenschiffs versinkt im Dunkel. Weihnachtsstimmung? Ein Kriegsgottesdienst. Die Predigt von Pater Josip Sobtas ist eine Krisenverlautbarung: "Wegen der unerträglichen Situation", verkündet der Seelsorger, mußten die Messen in der Franziskanerkirche während der Feiertage "auf ein Minimum reduziert werden".
Viele Gläubige eilen dem Priester in die Sakristei nach: "Pater, nur ein Glas Milch, eine Decke, etwas Brot!"
Einige der Bittsteller lebten noch vor kurzem in relativem Wohlstand. Etwa die ehemalige Mathematik-Professorin Milka Nenadovic, die vor acht Wochen aus Cilipi nach Dubrovnik flüchten mußte. Serbische Freischärler, die gefürchteten Tschetniks, hatten ihr Haus überfallen, sie und ihren Mann verjagt. "Die waren wie die Besessenen", schüttelt sich die 63jährige Kroatin, "mit ihren Maschinenpistolen feuerten diese Irren minutenlang auf das kroatische Wappen über unserer Tür."
Um der Rache der Belgrader Bundesarmee und ihrer serbischen Lokal-Kommandeure zu entgehen, suchte die Wissenschaftlerin Schutz in Dubrovnik. Wie sie wissen Tausende anderer Flüchtlinge auch nicht, was mit ihrem Besitz in den umliegenden Dörfern geschah.
Dubrovnik, der mit seiner Geschichte bis in das 7. Jahrhundert zurückreichende Stadtstaat des alten Ragusa, ist von der Umwelt abgeschnitten, isoliert. Die kroatische Wochenschrift Danas spricht vom "größten Konzentrationslager dieser Welt".
Alle Zufahrtsstraßen kontrolliert die Armee - fast nur Militärfahrzeuge dürfen passieren. Die 40-Kilometer-Fahrt von der montenegrinisch-kroatischen Grenze entlang der Küste bis nach Dubrovnik ist eine Begegnung mit Zeugnissen barbarischer Vernichtungswut: das verwüstete Dorf Cilipi, das ausgebrannte Dorf Zvekovica, der nur noch aus Häusergerippen bestehende Ort Kupari. Die Adria-Magistrale säumen zerknautschte Autowracks, Gärten mit schwerbehangenen Orangenbäumen, deren goldrote Früchte niemand mehr erntet.
Lange werde er seiner Kirchengemeinde nicht mehr Gottes Botschaft von Frieden und Vergebung verkünden können, sagt der Franziskanerpater Sobtas. "Die Menschen hier fordern Rache. Ich werde sie davon nicht abhalten können."
33 Granaten fielen am 6. Dezember allein auf die Franziskanerabtei mit ihrer weltberühmten Bibliothek aus dem 14. Jahrhundert, als die Armee den bisher schwersten Angriff auf die Adria-Feste startete. Die Einschlaglöcher der Artilleriegeschosse sind überall sichtbar. Ein Teil des Geländers im Kreuzgang des Klosters stürzte ein, eine 1000 Jahre alte Palme knickte unter dem Beschuß wie ein Streichholz um.
"Glauben Sie uns, dies alles tut uns von Herzen leid", versicherten zwei hohe Militärvertreter dem Pater, als sie tags darauf die Schäden am Kloster besichtigten.
Schwer getroffen wurden auch zahlreiche andere Bauten der Altstadt, die von der Unesco zum "Weltkulturdenkmal" erklärt worden war: das Dominikanerkloster, die Kirche Sveti Vlaho, die Kathedrale. Den Onofrio-Brunnen (1438) erwischte eine Granate voll.
Wenigstens sechs Gebäude aus dem 13. und 14. Jahrhundert an der Puca, einer Parallelstraße zur marmorglatten Fußgängerpromenade Stradun, brannten vollständig aus. Verschont aber blieben die bis zu sechs Meter dicken Wälle, Wehrtürme und Bastionen der alten Stadtmauern, die Dubrovnik das unvergleichliche Profil seit dem Mittelalter verleihen. Ein halbes Jahrtausend haben sie dem Ansturm der Türken und bislang auch den Attacken der Serben zu trotzen vermocht.
Wie schon im slawonischen Vukovar oder bei den Schlägen gegen andere kroatische Städte fühlt sich die Armee frei von Schuld. Major Milivoje Vukmanovic, ein Serbe, behauptet: "Wir haben nur ein paar Warnprojektile abgeschossen - klar, daß da auch was zerdeppert wird." Doch zwei Drittel der Schäden, sagt der Major, hätten die Kroaten selbst verursacht mit dem Zünden von Plastikbomben.
Nur: Wie konnte es geschehen, daß die Armee, die 40 Kilometer vor Dubrovnik postiert war, die süddalmatinische Metropole in drei Tagen erreichte, ohne auf wirksame Gegenwehr der kroatischen Nationalgarde zu treffen? "Da war Verrat im Spiel", vermutet der Besitzer eines Friseursalons. Andere äußern die Vermutung, Dubrovnik sei von Zagreb bewußt "geopfert" worden.
Gegen Abend - ab 17 Uhr ist Sperrstunde - versinkt die Stadt unter einem dunklen Schleier. Seit Anfang Oktober ist Dubrovnik ohne Wasser, ohne Strom. Kein Lichtschein dringt durch die Fensterritzen; Batterien und Kerzen sind längst Mangelware.
Nur mühsam ist im Mondlicht das Rathaus zu finden. Der Portier leuchtet mit einer Taschenlampe die Treppen hinauf. Bürgermeister Petar Poljanic sitzt im dicken Wintermantel hinter dem Schreibtisch, von seinem pastellfarbenen Prunkzimmer ist in der Düsternis kaum etwas zu erkennen.
Der Bürgermeister steckt in einer mürrischen Stimmung. Für ihn sind Serben-Präsident Slobodan Milosevic und die Killer-Armee größere Faschisten als Hitler: "Der hat keine Bomben auf Dubrovnik geworfen."
Die von serbischen Quislingen ventilierte Idee, Dubrovnik als "souveräne Republik" von Kroatien abzutrennen, hält Zagrebs Statthalter in der süddalmatinischen Metropole für einen "bösartigen Streich".
Poljanic: "Von den 71 000 Einwohnern, die Dubrovnik vor dem Bürgerkrieg zählte, haben sich über 80 Prozent zum Kroatentum bekannt. Der Anteil der Serben lag nur bei 6,5 Prozent." Rund 25 000 Dubrovcani haben sich davongemacht. Mit Schiffen nach Italien oder in sichere Gebiete Kroatiens. Wann sie zurückkehren können, ist völlig ungewiß.
Doch für den Berufspolitiker Poljanic gibt es ein magisches Datum: "Am 15. Januar wird der Bürgerkrieg in Jugoslawien die entscheidende Wende nehmen", prophezeit der Bürgermeister, auf die Anerkennung Kroatiens abhebend, "dann sind wir ein Teil der zivilisierten Welt."
Erhofft er sich von dieser zivilisierten Welt militärischen Beistand? "Was sonst?" trompetet Poljanic. "Schließlich geht es um den Genozid am kroatischen Volk."
Dubrovniks einstige Luxusherbergen wie das Excelsior, Libertas oder das Grand-Hotel sind zerstört. Daß neben Kirchen und Klöstern gezielt auch die Hotels unter Beschuß genommen wurden, ist der Zeitung Danas Beweis für ein schmutziges Spiel um Dubrovnik, bei dem auch die montenegrinische Tourismus-Konkurrenz mitgemischt hat. Allein aus der rivalisierenden Küstenstadt Budva hätten sich 1000 Freiwillige für die Angriffe auf Dubrovnik gemeldet.
Eines der wenigen unversehrten Hotels ist das Argentina. 350 Flüchtlinge aus den umliegenden Dörfern leben dort seit fast drei Monaten wie im Ghetto. Sie kamen hierher, bevor die Armee Dubrovnik einkesselte.
Flucht ist ausgeschlossen. Aus der Stadt kommt man nur mit dem Schiff heraus - und dafür sind Sondergenehmigungen der Armee notwendig. Immerhin wurde die totale Seeblockade inzwischen aufgehoben. Die Kriegsschiffe der jugoslawischen Marine haben sich in die Häfen von Tivat und Herceg Novi zurückgezogen.
Aber die Armee will die Belagerung fortsetzen, bis Kroatien seine "paramilitärischen Formationen" abgezogen hat und Dubrovnik entwaffnet ist. "Hier muß das Monte Carlo der Adria entstehen", fordert der Major Vukmanovic, "denn Dubrovnik ist keine kroatische, sondern eine jugoslawische Stadt."
Von Renate Flottau

DER SPIEGEL 1/1992
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