30.12.1991

IrakNichtige Zwerge

US-Präsident Bush denkt über neue Möglichkeiten nach, Saddam Hussein zu stürzen.
Der Diktator war prächtiger Laune. Live übertrug das irakische Fernsehen, wie Saddam Hussein 30 Offiziere mit dem höchsten Orden "Mutter aller Schlachten" dekorierte.
Dann versammelte er, auf einem vergoldeten Sessel thronend, die Ausgezeichneten um sich und schlug ein "interessantes Spiel" vor: "Wir werden jetzt, zur Freude der Amerikaner und Zionisten, einen Putsch gegen mich inszenieren."
Unter dem Gelächter seines Vize Issat Ibrahim und der militärischen Claqueure ließ der Präsident ein Papier kreisen, in das sich jeder der Anwesenden als Putschist eintragen sollte. Er selbst unterschrieb als erster - als "leitender Kommandant" des Staatsstreiches gegen sich selbst.
Mit dieser sorgfältig inszenierten Show wollte Saddam Hussein Mitte Dezember westliche Geheimdienstberichte ad absurdum führen, die Anzeichen für einen baldigen Aufstand enttäuschter Offiziere gegen den Golfkriegs-Verlierer zu erkennen glaubten.
Anlaß für wachsende Spekulationen über einen bevorstehenden Umsturz hatte der Diktator selbst geliefert: Anfang November setzte er seinen Verteidigungsminister Hussein Kamil plötzlich ab. Kamil, 37, Cousin und Schwiegersohn des Präsidenten, galt als engster Vertrauter und verläßlichster Helfer Saddam Husseins.
Nachfolger wurde der bisherige Innenminister Ali Hassan el-Madschid, der für die Giftgaseinsätze gegen aufständische Kurden verantwortlich war.
Wollte Saddam mit der Entmachtung einen gefährlichen Frondeur ausschalten, der ansetzte, nach Macht und Leben seines Gönners zu trachten? Die Tyrannenmörder, so behauptete jedenfalls der US-Geheimdienst hoffnungsfroh, seien bereits im letzten Stadium ihrer Planung. "Krankes Wunschdenken" Washingtons, höhnte der irakische Staatschef: "Solche nichtigen Zwerge gibt es in meinem Land nicht, nur ich kann mich absetzen."
Der Diktator aus Bagdad, der trotz des verlorenen Kriegs sein 18-Millionen-Volk weiterhin ungehindert terrorisiert, könnte mit seiner Prahlerei auf absehbare Zeit recht behalten - und damit seinen Besieger George Bush im Präsidentschaftswahljahr 1992 noch in gewaltige Schwierigkeiten bringen.
Denn der strahlende Saddam-Bezwinger vom Frühjahr 1991 ist in Umfragen binnen weniger Monate in ein gefährliches Popularitätstief gesackt. Wie gelähmt reagiert Bush auf die bedrohliche Wirtschaftslage und die wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung. Nun wirkt er angeschlagen und orientierungslos - und dies knapp ein Jahr vor seiner erhofften Wiederwahl.
Als "Zeitbombe" (so die New York Times) könnte sich für den Außenpolitiker im Weißen Haus ausgerechnet das weitere Schicksal des Despoten von Euphrat und Tigris erweisen. Erst wenn Saddam und sein Regime stürzen, will die Uno ihr auf amerikanischen Druck verhängtes Wirtschaftsembargo gegen den Irak wieder aufheben. Doch der Diktator baut darauf, daß die Völkergemeinschaft aus humanitären Gründen die Sanktionen rasch lockert - denn sein Volk, im kurdischen Norden ebenso wie im schiitischen Süden, ist von einer katastrophalen Hungersnot bedroht. Epidemien wie Kinderlähmung, Cholera und Typhus greifen um sich.
Kommt es so, stünde Saddam am Ende als politischer Gewinner da, der erfolgreich der Weltkoalition getrotzt hat - und George Bush als Versager, der es nicht schaffte, seinen militärischen Sieg auszunutzen. Schon rät New Yorks Gouverneur Mario Cuomo den demokratischen Bush-Herausforderern: "Man muß nur Bilder zeigen, die Saddam Hussein bei der Truppenparade zeigen, und dazusagen: Gratuliere, George."
Diese Gefahr erkannten 17 republikanische Senatoren, die Bush vor kurzem in einem Brief an sein Versprechen erinnerten, Saddam hinwegzufegen. Dazu ist der Präsident nach wie vor entschlossen.
Das spektakulärste Szenario stammt aus dem Pentagon: Unterstützt von der Luftwaffe sollten Bodentruppen die Hauptstadt Bagdad stürmen und Saddam gefangennehmen. Doch dazu würde es erneuter massiver internationaler Waffenhilfe bedürfen, einer Art Operation Desert Storm Nummer zwei.
Eine andere Variante, von der CIA favorisiert, bestünde darin, die rebellierenden Kurden-Krieger mit schweren Waffen zu versorgen.
Die Hoffnung, Saddams innenpolitische Widersacher könnten sich gegen Saddam auflehnen, ist gering: Die meisten Oppositionellen wie der schiitische Ajatollah Mohammed Bakir el-Hakim leben im Exil. Der hohe Geistliche lud vergangene Woche die Oppositionsgruppen zu einem Treffen in Damaskus ein, um einen "neuen Anlauf" zum Sturz des Herrschers zu nehmen.
Die aussichtsreichste Chance, den Tyrannen loszuwerden, ist nach Meinung aller Experten nach wie vor ein Umsturz durch Militärs. Der irakische General Hassan el-Nakib, vor Saddam Hussein ins saudiarabische Exil geflohen, verläßt sich auf den verletzten Stolz seiner Offizierskameraden: "Noch nie hat ein irakischer Herrscher seine Armee so gedemütigt wie Saddam. Er hat den Soldaten den Stolz aus der Seele gerissen. Dafür werden sie sich rächen."

DER SPIEGEL 1/1992
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