30.12.1991

RüstungGefährlicher Cocktail

Die USA wollen die meisten Atomwaffenschmieden schließen. Das nukleare Wettrüsten hinterläßt ein Umweltdesaster.
General Colin Powell, ranghöchster Soldat der USA, suchte seine Verbündeten zu beruhigen: "Wir werden unsere Atomwaffen in Europa nicht abschaffen", versicherte er im Oktober dem Atlantikrat.
Die Nato-Strategen waren kurz zuvor von einem kühnen Abrüstungsschritt der Amerikaner überrascht worden: Einseitig wollte Washington die meisten taktischen Atomwaffen der USA aus aller Welt in die Heimat zurückholen, mehrere tausend allein aus Europa.
Das Versprechen des amerikanischen Stabschefs, daß nun erst einmal Schluß mit der atomaren Abrüstung sein solle, hielt nur zwei Monate. Beim vorweihnachtlichen Nato-Treffen in Brüssel sah der gerade von einer Reise durch fünf einstige Sowjetrepubliken zurückgekommene US-Außenminister James Baker trotz aller Sorgen um das Atom-Chaos in der zerfallenen Supermacht reichlich Spielraum für weitere "Verringerung und Beseitigung" von Nuklearwaffen.
Die gigantischen Rüstungsapparate, die von Washington und Moskau über fast ein halbes Jahrhundert hinweg aufgebaut worden waren, werden künftig wohl vor allem mit der Zerstörung dessen beschäftigt sein, was sie bisher entwickelt und hergestellt haben.
Die sowjetische Atomwaffenproduktion, deren Funktionieren ohnehin vom jetzt dahingeschiedenen Zentralstaat abhing, zerfällt praktisch von allein. Nur die Sicherung des Nuklearkomplexes - Waffen, Wissenschaftler und Know-how - bereitet noch Probleme. Mit 500 Millionen Dollar will Washington diese Mammutaufgabe fördern.
Amerikas Atomwaffenindustrie, die zeitweilig auf mehr als 100 Anlagen mit einer Spitzenproduktion von bis zu 6000 Sprengköpfen pro Jahr angewachsen war, muß dagegen gleichsam aus voller Fahrt heraus gestoppt werden. Noch im Herbst hatte Verteidigungsminister Richard Cheney den Bombenbauern sichere Arbeitsplätze garantiert: "Wir besitzen eine ausgezeichnete Strategie, und an der sollten wir während der nächsten Jahre festhalten."
Sein Kabinettskollege James Watkins, als Energieminister für die Nuklearrüstung zuständig, sieht das heute anders: "Wir wollen die Nuklearfabriken soweit wie möglich loswerden", verkündete er Mitte Dezember. Das Energieministerium beschäftigt in seinen derzeit 15 Atomwaffen-Komplexen 30 000 Arbeiter. Bis zum Jahr 2005 wird nur noch die Hälfte von ihnen mit Sprengsätzen zu tun haben.
Um das schrumpfende US-Arsenal zu versorgen, genügen künftig vier Anlagen: die Savannah River Plant in South Carolina, die Y-12-Anlage in Oak Ridge (Tennessee), die Pantex Plant nahe dem texanischen Amarillo und die Bendix Plant in Kansas City, Missouri. Auch das Testgelände in Nevada soll erhalten bleiben. Die übrigen Atombombenfabriken werden geschlossen.
Schon jetzt sind alle Neuentwicklungen, an denen US-Wissenschaftler in letzter Zeit arbeiteten, hinfällig geworden: *___Dem W-88-Sprengkopf fehlt womöglich schon bald der ____Träger, wenn der Kongreß den Bau der supergenauen ____U-Boot-Rakete Trident-2 beendet. *___Der atomaren Raketenladung W-61, deren Detonation tief ____in der Erde vergrabene sowjetische Kommandobunker ____ausheben sollte, gehen mit dem Zerfall der Sowjetunion ____die Ziele aus. *___Die Gefechtsköpfe W-91 und W-89 finden keine Verwendung ____mehr, seit Präsident George Bush die dazugehörige ____SRAM-Flugzeugrakete nicht mehr beschaffen will. *___Die nukleare Wasserbombe B-90, ausschließlich für die ____Jagd auf Moskaus ____Atom-U-Boote gedacht, wird mangels Bedrohung wohl nie ____produziert werden.
Die drei Forschungszentren (Los Alamos und Sandia in New Mexico sowie das kalifornische Lawrence Livermore Laboratory), in denen diese Waffen derzeit entwickelt werden, suchen bereits nach neuen Beschäftigungsmöglichkeiten. Sandia, wo die rund 5000 nichtnuklearen Einzelteile für jeden der in den beiden anderen Labors ausgetüftelten Sprengsätze entwickelt werden, bleibt als Zentrum für die Sicherheit von Sprengkopfladungen und für die technische Überwachung des atomaren Restarsenals im Nukleargeschäft.
Zweifelhaft ist, was aus Los Alamos und Livermore wird. Diese von der Universität Kalifornien betriebenen Forschungseinrichtungen arbeiten vielfach parallel. Eine solche Überkapazität ist heute entbehrlich.
Selbst Reagans Weltraumverteidigung SDI, die bislang Jahr für Jahr Nachwuchsforscher mit ausgefallenen Ideen anlockte, hat entscheidend an Zugkraft verloren. Für futuristische Strahlenwaffen, an denen die Jünger des Livermore-Mitgründers Edward Teller hartnäckig bastelten, hat der Kongreß kein Geld bewilligt.
Intensiv bemühen sich die Chefs der beiden Laboratorien daher um nichtmilitärische Aufträge. Los Alamos und Livermore beteiligen sich schon an Programmen zur Klimaforschung.
Gleichwohl bleibt für die meisten Anlagen des amerikanischen Atommolochs auch ohne den Bau neuer Bomben noch genug zu tun: Tausende Atomsprengköpfe müssen in ihre Bestandteile zerlegt werden - meist in denselben Fabriken, in denen sie hergestellt wurden.
In der Pantex Plant nahe dem texanischen Amarillo werden alle US-Atomwaffen wieder auseinandergenommen. Dort werden die elektronischen Sicherungen der Sprengköpfe ausgebaut, die Präzisionszünder entfernt, das explosionsverstärkende Tritium-Gas abgepumpt und die maßgefertigten Hüllen aus Spezialsprengstoff demontiert.
Der strahlende Plutoniumkern, das eigentliche Bombenmaterial, soll eingelagert werden. Bei der anstehenden Massenverschrottung von Atomwaffen fällt so viel Plutonium an, daß diese Reserven nach Meinung der Experten bis weit ins nächste Jahrtausend reichen, um Ersatz und Modernisierung eines geschrumpften US-Arsenals zu garantieren.
Anders als herkömmliche Fabriken können Atomanlagen nicht einfach außer Dienst gestellt werden. Ihre zum Teil über Tausende von Jahren lebensgefährlich strahlenden Bestandteile müssen sorgsam entnommen und sicher gelagert werden. Noch mehr Aufwand erfordert die Entseuchung der ausgedehnten Fertigungsgelände, in denen oft ohne ausreichende Sicherheitsvorkehrungen gearbeitet wurde.
Allein für solche Arbeiten wird das Energieministerium bis zum Jahr 2005 mindestens 1000 Leute mehr einstellen, als es im gleichen Zeitraum aus der Atombombenherstellung entlassen will. Auf 100 Milliarden Dollar schätzen Fachleute die Sanierungskosten.
Und in dieser Summe sind nicht einmal die Ausgaben für die bislang ungelöste Endlagerung von Millionen Tonnen an Schadstoffen enthalten. Beseitigt werden müssen riesige Klärteiche, aus denen Schwermetalle und giftige Chemikalien ins Erdreich sickerten, sowie Maschinen und Gebäudeteile, die vom jahrzehntelangen Umgang mit Spaltmaterial verunreinigt sind.
Die Zahlen aus der ehemaligen Plutoniumfabrik Hanford belegen beispielhaft das ganze Ausmaß der Umweltkatastrophe: Sieben Atommeiler warten dort auf die Abrißbirne; 444 Milliarden Liter radioaktiv verseuchtes Wasser versickerten im Boden. Unzählige Kubikkilometer Erdreich wurden mit Uran, Chemiegiften und Schwermetallen verseucht.
Zudem lagern 2100 Tonnen Reaktorbrennstoff in zum Teil defekten Behältern. 700 000 Kubikmeter strahlender Abfälle, von Arbeitsstiefeln bis zu Kadavern von Versuchshunden, stehen in Fässern eingeschweißt im Freien herum, und 177 unterirdische Tanks bergen nach Meinung von Chemikern einen "gefährlichen Cocktail" aus Plutonium, Uran und hochgiftigen Chemikalien. Über ein Drittel dieser Tanks ist undicht.
In Hanford steht auch der Tank 101-SY, der den Atommanagern des Energieministeriums Alpträume beschert. Eine Million Gallonen radioaktiver Chemikalien führen unter einer harten Kruste ein gefährliches Eigenleben. Etwa alle 100 Tage bricht eine giftige Gaswolke durch die Oberflächenkruste und entweicht durch Filter in die Luft.
Vor Monaten schon warnte die Hanford-Wissenschaftlerin Sonja Anderson, jeder Funke könne "das Gas zünden - die Folge wäre eine unkontrollierbare Explosionskette". Dann aber droht ein Umweltdesaster wie 1957 im russischen Kyschtym, wo bei einem ähnlichen Unglück eine ganze Region unbewohnbar wurde.
Energieminister Watkins hofft deshalb, daß die "unvorhergesehene Umwälzung der nationalen Strategie" nicht nur den nuklearen Weltbrand, sondern auch die "Atomkatastrophe zu Hause verhindern wird". o
[Grafiktext]
_120b Rüstung: USA wollen Kapazität Atomwaffenschmieden verringern
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 1/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


  • Doku über DNA-Reproduktion: Missy, die Mammut-Leihmutter
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik
  • Starkes Gewitter im Tatra-Gebirge: Mindestens fünf Menschen getötet
  • Nach Notwasserung: Pilot filmt eigene Rettung