30.12.1991

EnglandGulag der Seele

„Essex man“ und „Essex girl“, populäre Karikaturen des neuen Tory-Wählers, drohen zu Labour überzulaufen. Grund: die Rezession.
Aus den mit grellbuntem Plastikflitter vollgehängten Londoner Büros dröhnt Rockmusik; Whisky und süßlicher Weißwein fließen. Britannien schwelgt zum Jahreswechsel in den unvermeidlichen "office parties" und deren sexueller und alkoholischer Zügellosigkeit.
In diesem Jahr wurde die Tradition der feuchten Bürofeste um eine neue Komponente bereichert. Wenn die Stimmung ihrem Höhepunkt zutrieb, kam einer der angetörnten Gentlemen ziemlich sicher mit dem neuesten Witz über "Essex girl" heraus. Etwa: "Warum läßt Essex girl beim Baden die Füße aus der Wanne hängen?" Antwort: "Damit die goldenen Fußkettchen nicht rosten."
Deutschen Ostfriesenwitzen vergleichbar, jedoch vorherrschend machohaft und zotig, haben die Witzeleien über die Mädchen aus der südostenglischen Grafschaft Essex das Königreich wie eine Flutwelle überrollt.
Im Radio unterhalten Plattenjockeys ihre Hörer mit Kalauern wie: "Warum will Essex girl nichts vom Kamasutra wissen?" - "Weil es indische Küche nicht mag." Gleich zwei Bücher, "Essex girl joke books", finden im Fachhandel und in Kaufhäusern reißenden Absatz.
Essex County mit Städten wie Colchester, Basildon, Chelmsford oder Southend-on-Sea überlappt sich mit den armen Ost-Londoner Vororten. Die Grafschaft ist der größte Einzugsbereich für die Büro-Angestellten der Londoner City. Liverpool Street Station, ihr Bahnhof in der Hauptstadt, bietet morgens und abends ein gigantisches Knäuel an Essex-Pendlern.
In den bescheidenen Reihenhäusern zwischen London und der Nordsee entwickelte sich in den Jahren des Thatcher-Aufschwungs eine neue Spezies des Konservativen: eine zu etwas Geld gekommene und deswegen nach rechts gewanderte Unterklasse mit weißem Kragen, die sich seither für Mittelklasse hält und große Klasse zeigen will. Der Essex man und das Essex girl gelten seitdem als Prototypen des jungen neuen Tory-Wählers.
Nicht etwa ein gehässiger Linksintellektueller, vielmehr das den Konservativen nahestehende Sonntagsblatt Sunday Telegraph schuf zunächst den Essex man als Karikatur des "working class Tory", ohne den Maggie Thatcher nicht dreimal hintereinander die Wahlen hätte gewinnen können.
Der Inbegriff des Aufsteigers aus der platten Grafschaft liebt vulgäre Statussymbole (seidig schillernde Anzüge, weiße Socken, Goldring am linken Ohrläppchen, Goldkettchen am Handgelenk), ist europafeindlicher Nationalist, liest vornehmlich den ultrarechten Daily Express, denkt in den Kategorien des "nackten Materialismus" und pflegt einen als "Patriotismus getarnten Rassismus".
Natürlich ist er Anhänger der Todesstrafe, die er an Schwulen oder Kindesverführern "am liebsten selbst vollstrecken" würde.
Der Essex man fragt nicht, so trug der Londoner Journalist Richard Littlejohn zur Charakterisierung der neuen Spezies bei, "was er für sein Land tun kann, sondern was sein Land für ihn tun kann".
Giftig wehrten sich die Tories gegen diese "Verunglimpfung" ihrer neuen Anhänger in Englands Südosten; es half ihnen nichts - die Spottfigur fand schnell ihren Stammplatz in Britanniens Wähler-Panoptikum.
Besonders sauer reagierten die Konservativen, als sich Englands Journalisten geradezu instinktiv einigten, wer an der Tory-Spitze den Essex-Typen am besten verkörpere: der frühere Tory-Chef, Maggie-Anbeter und glühende Europa-Feind Norman Tebbit, Abgeordneter des Wahlkreises Chingford (Essex).
Wenige Monate nach der Erschaffung des Essex man lieferte der Sunday Telegraph das weibliche Gegenstück nach. Tracey und Sharon - so die Standardnamen der Kunstfiguren - machen Urlaub auf den Kanarischen Inseln und fahren ein weißes Ford Escort Kabriolett ("Wie macht Essex girl während der Liebe das Licht aus?" - "Sie schließt mit den Zehen die Tür ihres Escort").
Doch inzwischen bereiten die soziologischen Archetypen aus dem Südosten des Königreichs den Konservativen Sorgen.
Die Rezession hat auch in Branchen eingeschlagen, in denen Arbeitslosigkeit unvorstellbar schien: Bankfilialen machen dicht, Industrieberater, Reisebüros, Werbeagenturen und City-Broker entlassen massenhaft Mitarbeiter. Zehntausende von mittleren Unternehmen - Lebensraum der Essex-Spezies - sind bankrott gegangen.
Als Premierministerin hatte Margaret Thatcher vor Jahren die Unterklasse beschwatzt, aus Gemeindebesitz ein Eigenheim zu kaufen, auf Raten. Zu hohe Zinsen oder Jobverlust aber haben den Neokapitalisten ruiniert, in diesem Jahr sind an die 85 000 Häuschen zwangsversteigert worden. Essex girl hat seine zehn Telecom-Aktien längst wieder veräußern müssen, der Firmenwagen vom Typ Escort ist abgeschafft worden.
Der Essex man verliere "den Glauben an den Tory-Traum", beschrieb das chauvinistische Massenblatt The Sun die Stimmungswende unter den Thatcher-Anhängern. Der seriöse Guardian machte in Essex gar einen "postthatcheristischen Gulag der Seele" aus.
Tief enttäuscht sind die Essex-Bewohner vom Thatcher-Nachfolger John Major, der von Thatcher vor allem die Rezession geerbt hat. Erschwerend kommt hinzu, daß der mausgraue John - Unterklassenkind auch er - für die glamoursüchtigen Yuppies kein bißchen Appeal verstrahlt.
Dennoch glauben Wahlstrategen der Tories, daß die Emporkömmlinge noch einiges an sozialen Rückschlägen wegstecken werden, ehe sie aus Rache zu Labour überlaufen. Links wählen, so tröstet sich ein Analytiker im Parteihauptquartier der Konservativen an Londons Smith Square, wäre für Essex people "das Eingeständnis eines Klassenabstiegs".
In der Labour-Zentrale an Londons Walworth Road muntert man sich derweil mit einem neuen Witzchen auf: "Warum mag Essex girl nicht John Major wählen?" - "Weil Grau nicht zu Wasserstoffblond paßt." o

DER SPIEGEL 1/1992
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