30.12.1991

„Gnadenlos ausgenommen“

Als die Jugend-Nationalmannschaft Ghanas vor drei Monaten Weltmeister wurde, setzte ein beispielloser Run auf die Fußballer ein. Inzwischen haben europäische Profiklubs über die Hälfte der Weltmeister-Equipe verpflichtet. Das Gefeilsche um die schwarzen Talente erinnert an Menschenhandel zur Kolonialzeit.
Lässig demonstriert Alexander Opoku seinen Wohlstand. Wie zufällig fährt er sich immer mal wieder mit der linken Hand durchs schwarze Stoppelhaar oder legt den Arm auf die Tischplatte. Am linken Handgelenk hängt wie ein Mühlstein sein ganzer Stolz: eine wuchtige goldene Uhr.
Opoku, 17, ist ein Volksheld in Ghana. Der schmächtige Fußballer, der leise spricht und manchmal stottert, wurde als Kapitän der Jugend-Nationalmannschaft U 17 vor drei Monaten Weltmeister - zum ersten Mal hatte eine afrikanische Auswahl gegen die Besten der Welt bestanden. Begeistert unterbrach Staatspräsident Jerry Rawlings die Konferenz der blockfreien Staaten, ließ sich im Nationaltrikot fotografieren und versprach jedem Spieler fünf Millionen Cedis, über 20 000 Mark, in Wertpapieren.
Doch trotz Ruhms und Wohlstands ist Opoku tief enttäuscht. Während er noch für monatlich 15 000 Cedis, gut 60 Mark, beim Erstligisten Brong Ahafo United kicken muß, sind seine Freunde aus der Weltmeisterelf, alle zwischen 14 und 17 Jahre alt, längst in Turin, Anderlecht und Leverkusen unter Vertrag. 9 der 18 Nationalspieler haben Ghana verlassen und leben in der Fremde, so glaubt Opoku, "wie die Könige".
Opoku fürchtet schon, daß er womöglich "als einziger hierbleibt". Sein Fernweh wird jeden Mittwoch geschürt, wenn abends um neun Uhr "British League" läuft, die Sportsendung, die regelmäßig Spiele aus dem vermeintlichen Schlaraffenland Europa bringt.
"Ich will auch endlich weg", mault der Mittelfeldspieler. Er hat es satt, jede Woche wieder als Verlierer in seine Heimatstadt Sunyani, 400 Kilometer von der Hauptstadt Accra entfernt, zurückzukehren, wo seine alleinstehende Mutter enttäuscht und alle Bekannten spitz fragen, wie es denn stehe mit dem Profikontrakt. Spätestens im Januar beim Africa-Cup im Senegal, tröstet sich Opoku, "wird endlich unterschrieben".
Opoku ist Opfer eines Mißverständnisses geworden. Weil die Talentjäger der großen Klubs glaubten, der Beste des ghanaischen U-17-Teams habe längst bei der Konkurrenz unterschrieben, hatte sich keiner mehr um ihn gekümmert, als die jungen Fußballer durch den Titelgewinn schlagartig zum gefragtesten Exportartikel des westafrikanischen Entwicklungslandes wurden.
"Wie die Geier", erinnert sich Otto Pfister, der deutsche Trainer des ghanaischen Teams, stürzten sich europäische Agenten auf "meine Buben", die noch bis vor kurzem nie mehr als zehn Dollar in der Hand hatten.
Die afrikanischen Talente, die ihre ans Barfußlaufen gewohnten Füße mühsam in Fußballschuhe zwängen mußten, hatten bei der WM nach Expertenmeinung "Fußball vom anderen Stern" geboten. Während der teutonische Nachwuchs mit biederem Spiel schon im Viertelfinale scheiterte, wertete der Weltverband Fifa die Begegnung der Ghanaer gegen Brasilien als das "anspruchsvollste Fußballspiel" seit dem WM-Finale von 1970, Italien gegen Brasilien.
Begabte Teenager wie die Ghanaer kommen den europäischen Spitzenklubs gerade recht. Denn auf dem einheimischen Talentmarkt findet sich immer weniger Nachschub für die Elite-Ligen: Die Schüler drängen verstärkt zu amerikanischen Modesportarten und zum Tennis. Bundestrainer Berti Vogts sieht als Ursache "fehlende Bolzplätze und fehlenden Spaß am Training".
In Afrika dagegen spielen noch jene Straßenkicker, die in Europa längst ausgestorben sind. Opoku etwa hat eine für den afrikanischen Fußball typische Blitzkarriere gemacht: Mit 12 Jahren jagte er barfuß auf einem holprigen Stück Acker erstmals einem Stoffbündel hinterher, das als Ballersatz diente. Als er 14 war, entdeckten ihn Späher, mit 15 spielte er in Ghanas erster Liga - jetzt, mit 17, ist er Weltmeister.
Spieler wie Opoku werden nun in "bester kolonialistischer Tradition" (Süddeutsche Zeitung) für künftige Aufgaben im Profizirkus rekrutiert. Denn die jungen Ghanaer bieten auch noch die Aussicht auf hohe Rendite.
In Erwartung künftiger Ablösegewinne holte etwa Bayer Leverkusen nicht nur die drei besten Jugendspieler aus der Ex-DDR, dazu einen Ungarn und einen Holländer, sondern auch zwei Ghanaer in ihre A-Jugend. Für Bayer-Manager Reiner Calmund war's wie Briefmarkensammeln: "Von diesen Spielern wollten wir einfach auch welche."
Seit drei Monaten sind Sebastian Barnes und Daniel Addo, beide 15 Jahre alt, bei Bayer und bemühen sich, die Feinheiten der deutschen Kultur zu verstehen. "First look, then buy", hatte ihnen etwa Horst Bräuninger, 56, während eines Einkaufstrips durch die Kölner City beigebracht, "damit die nicht immer gleich alles kaufen, was sie sehen."
Der frühpensionierte Werksingenieur von Bayer, der seit 17 Jahren die E-Jugend trainiert, kümmert sich rund um die Uhr um die minderjährigen Investitionsgüter des Klubs. Mit Erfolg, wie Bräuninger stolz berichtet: "Bei C&A gehen die allein zur Kasse, und was Nutella is', wissen sie auch schon."
In jeder Hinsicht genießen die Schwarzen umfassende Fürsorge. Gleich unterhalb der Autobahn, in Sichtweite der Flutlichtmasten des Ulrich-Haberland-Stadions, bewohnt Barnes ein Apartment, das nach frischverlegtem Teppich riecht. Die Schrankwand durfte er sich aussuchen, Stereoanlage, Fernseher, drei Poster und ein einsamer Weihnachtsstern auf dem Fensterbrett komplettieren das kataloggemäße Ambiente. Unten vor der Tür steht ein neues Mountainbike, versichert sind beide zum günstigen Klubtarif bei der Allianz.
"Wir geben uns echt Mühe", behauptet Calmund mit väterlichem Timbre in der Stimme, "das ist ja auch so was wie Entwicklungshilfe." Doch was der gewiefte Manager gern als humanitären Akt verstanden wissen will, ist in Wirklichkeit ein wohlkalkuliertes Geschäft.
Leverkusen spekuliert wie beim Börsenhandel mit Optionsscheinen. Rund 600 000 Mark wird Bayer für Ablöse, Sprachlehrer, Wohnung, Verpflegung, Gage und Heimflüge bezahlen, bis die beiden in drei Jahren erstmals bei den Profis spielen. Dann, hofft Calmund, sind die Spieler längst ein Vielfaches der Investition wert.
Wie üppig die Gewinnspannen sein können, wissen die Kopfjäger seit dem vorvergangenen Jahr. Da schleusten Vertreter des RSC Anderlecht bereits den Star des ghanaischen Jugendteams Nii Odartey Lamptey, 17, mit gefälschten Papieren über Nigeria nach Belgien und überwiesen als Ablöse lediglich 100 000 Dollar. Inzwischen schloß der RSC einen Vorvertrag mit Olympique Marseille über die Transferrechte an Lamptey ab - für 20 Millionen Mark.
Das Risiko, hat auch Calmund überlegt, sei "eher gering" einzuschätzen in Zeiten, da Profis mit weit weniger guten Anlagen nicht unter 500 000 Mark zu haben sind. Ein "gutes Gefühl" habe er zudem, weil die beiden Ghanaer keineswegs Spontankäufe sind, sondern frühzeitig vom Sichtungssystem der jährlich eine Million Mark teuren Bayer-Jugendarbeit erfaßt wurden.
So führt Chefjugendtrainer Michael Reschke, 34, in unzähligen Leitz-Ordnern ("Bald haben wir's auf PC"), die wie pures Gold in zwei abschließbaren Stahlschränken lagern, Dossiers sämtlicher deutscher Talente ab 14 Jahre. Wie in alten DDR-Tagen wird dabei für jeden Jungen ein Bewertungsbogen mit Kriterien wie "Antritt" und "Technik" aber auch "Willenskraft" und "Persönlichkeit" erstellt.
Als die Leverkusener Scouts wieder einmal unterwegs waren, um die deutsche U-17-Auswahl zu begutachten, gefiel ihnen der ghanaische Nachwuchs weitaus besser. In einem Vorbereitungsspiel hatten die Afrikaner die Deutschen kurzerhand mit 5:1 abgefertigt. "Damit", so Reschke, "stand für uns fest, daß das Spitzenprofis werden."
Auch andere Interessenten waren rasch auf das Geschick der Afrikaner aufmerksam geworden. Ein Unterhändler hatte sich schon vor der WM im Trainingslager in die Kabine geschlichen und Opoku, der nur englisch spricht, einen in Französisch abgefaßten Kontrakt zur Unterzeichung hingehalten. "Diese Schweine", weiß Trainer Pfister, "schrecken vor nichts zurück."
Während des Turniers mußte Pfister seine wertvolle Truppe wie ein deutscher Schäferhund verteidigen. Im Foyer des Teamhotels drängelten sich die professionellen Menschenhändler so zahlreich, daß der Trainer erst die Telefonleitungen in die Zimmer kappen ließ und, als das nichts half, von der Fifa Polizeischutz anforderte. Nicht einmal die Bitte von Bayern Münchens Trainer Hermann Gerland, der ausrichten ließ, Pfister möge bitte bei Manager Uli Hoeneß anrufen, konnte den Coach beeindrucken. "Wer was will", entschied Pfister rigoros, "soll nach Accra kommen."
Dorthin machte sich nach der WM gleich eine ganze Gruppe eleganter Herren in geflochtenen Slippern und grellen Knitterleinensakkos auf den Weg; darunter die Spitzenkräfte des Gewerbes, wie der Kölner Wolfgang Fahrian und der Italiener Antonio Caliendo.
Leverkusens Unterhändler Reschke hatte noch Glück, daß er bei der Hatz nach Accra kurz vor den Rivalen eingetroffen war, "sonst wäre ich mit leeren Händen zurückgekommen". Mit 20 000 Mark Bargeld in der Tasche hätte der Trainer keine Chance gegen italienische Emissäre gehabt, die "die Dollar bündelweise auf den Tisch knallten".
Besonders aggressiv balgten sich die Italiener um Mittelfeldspieler Mohammed Gargo, 16, der ursprünglich bei Bayer zugesagt hatte, den die Leverkusener angesichts der übermächtigen Konkurrenz jedoch "sausenlassen mußten" (Reschke). Verfeindete Agenten hatten den heulenden Jungen auf offener Straße von einem Taxi ins andere gezerrt. Das Rennen machten schließlich die Männer des AC Turin, die Vater Gargo (Monatsverdienst: 120 Mark) plötzlich 80 000 Dollar in bar auszahlten. Für drei Spieler wendeten die Turiner insgesamt eine Million Dollar auf.
Derartige Summen, die bei italienischen Klubs nur einen Bruchteil der jährlichen Fehlinvestitionen ausmachen, bedeuten für ghanaische Familien einen unvorstellbaren gesellschaftlichen Aufstieg. In einem Land, in dem der jährliche Durchschnittsverdienst bei 600 Mark liegt und die Analphabetenquote bei 40 Prozent stagniert, können sich europäische Klubs daher preiswert und ungehindert bedienen - und die Familien der Spieler müssen den Menschenhandel notgedrungen akzeptieren.
So berichtet Kofi Nimo, Libero der WM-Mannschaft, daß sein Vater schon verärgert sei, weil er für seinen Sproß noch immer keinen Vertrag unterzeichnen konnte. Opoku dagegen hofft zusammen mit seinem Berater Tikei Obeng auf einen belgischen Spielervermittler, der verspätet in Accra eintreffen soll: 80 000 Dollar für den Klub und 50 000 Dollar für die Familie sind geboten.
Hilflos muß Nationaltrainer Pfister mitansehen, wie die Mannschaft "in Stücke gerissen" wird. Weil seine Spieler so schnell wie möglich ihren Vorbildern Abedi Pele (Olympique Marseille) oder Anthony Yeboah (Eintracht Frankfurt) nach Europa folgen wollen, "tun die alles, um hier wegzukommen".
Pfister wirkt seit 20 Jahren wie ein Missionar in Afrika. Seine Bibel ist das Fußballehrer-Handbuch, sein Kreuz ein erbsengroßer goldener Fußball, den er an einer Kette um den Hals trägt. Der Gewinn der WM hat ihn in Ghana blitzartig in den Rang eines Heiligen erhoben. Der massige Mann mit dem grauen Haarkranz kann in seinem weißen Jeep nicht durch Accra rollen, ohne daß sich prompt ein Spalier von Winkenden bildet, die mal andächtig, mal belustigt "Fista, Fista" rufen.
Doch selbst der mächtige Trainer kann nicht verhindern, daß die ehemalige Kolonie nun nicht mehr Gold und Elfenbein, sondern Fußballtalente zu Dumpingpreisen nach Europa liefert. So darf derzeit der Versicherungsvertreter Willi Hoppen aus Linz am Rhein den WM-Spieler Willis Brown, 17, ungestraft wie Stückgut anbieten, bei Schalke 04 etwa für 200 000 Dollar. Pfister bleibt da nur noch der Rat an die Klubs, "soviel Geld wie möglich zu verlangen".
So mußte Leverkusen einen Vertrag akzeptieren, der für die Heimklubs einen Nachschlag von je 100 000 Mark vorsieht, falls Barnes und Addo 25 oder gar 50 Bundesligaspiele absolvieren. Für den Fall, daß die beiden teuer weiterverkauft werden, fließen 50 Prozent des Ablösegewinns nach Ghana.
Doch faire Kontrakte sind die Ausnahme. Die im Transfergeschäft unerfahrenen Afrikaner, klagt Samuel Okyere, Vizepräsident des westafrikanischen Fußballverbandes, werden von "den Europäern gnadenlos ausgenommen".
Der Funktionär, der mit einem nur sporadisch arbeitenden Telefon und häufigen Stromausfällen kämpft, weiß, daß er von der europäisch dominierten Fifa keine Hilfe erwarten darf.
Auch das Reglement des Deutschen Fußball-Bundes fördert den Import junger Ausländer indirekt. Falls die Afrikaner drei Jahre in einer Jugendmannschaft und zwei Jahre bei den Senioren mitspielen, gelten sie als "Fußballdeutsche", die wie eingebürgerte Osteuropäer nicht einmal einen der künftig drei Ausländerplätze pro Profiteam blockieren. Die Folge: Je jünger die Afrikaner verpflichtet werden, desto lukrativer das spätere Geschäft.
Beruhigend für die Zukunft findet Samuel Okyere allenfalls, daß ein Ausverkauf des afrikanischen Fußballs kaum möglich ist. "Hier wachsen so viele Talente heran, daß sich die Europäer noch wundern werden", verspricht der Funktionär. Denn: "Das Jahrzehnt des afrikanischen Fußballs hat begonnen." o

DER SPIEGEL 1/1992
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