30.12.1991

„Genial und kreativ“

Pfister, 54, war 15 Jahre lang Vertragsspieler in Deutschland und in der Schweiz, bevor er 1972 als Trainer nach Ruanda ging. Seitdem hat der Kölner im Auftrag der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) in sechs Staaten Afrikas als Sport-Entwicklungshelfer gearbeitet. Nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft bei den Jugendlichen unter 17 Jahren übernahm Pfister die ghanaische A-Nationalmannschaft, die sich noch für die Olympischen Spiele 1992 in Barcelona qualifizieren kann.
SPIEGEL: Herr Pfister, nach dem WM-Sieg sprachen europäische Experten von Manipulation und bezweifelten das jugendliche Alter Ihrer Spieler.
PFISTER: So ein Unsinn wird erzählt, weil meine Jungen schon mit 15 Jahren technisch weiter sind als jeder mittelmäßige Bundesligaspieler. Kameruns Auftritt bei der WM 1990 in Italien war doch kein Zufall. Die Europäer denunzieren uns, weil sie Angst haben. Sie ahnen: Die Zukunft des Fußballs liegt in Afrika.
SPIEGEL: Wird diese Zukunft nicht verkauft, wenn schon 14jährige an europäische Profiklubs abgegeben werden?
PFISTER: Solange die Transfererlöse nach Afrika fließen, ist es auch eine riesige Chance. Wer einen Vertrag bekommt, ist ein Nationalheld, alle Kinder träumen von solchen Karrieren. Der Strom ist gar nicht mehr aufzuhalten, im französischen Profifußball sind schon 54 Afrikaner beschäftigt. Da sieht es bald aus wie beim Boxen, in der Leichtathletik oder beim US-Basketball: Auf Schlüsselpositionen sind keine Weißen mehr zu finden.
SPIEGEL: Viele europäische Trainer klagen, daß Afrikaner kaum zu integrieren sind. Sie seien zu verspielt und undiszipliniert.
PFISTER: Das ist rassistisches Gequatsche. Schicken Sie mal einen 15jährigen Deutschen nach Accra - der ist überhaupt nicht zu integrieren, der rennt nach einer Woche heim zu Mutti. Meine Jungs sind diszipliniert, davon träumt jeder Trainer. Bei der WM war Telefonieren, Fernsehen, Radio und Walkmanhören verboten, es gab keinen Kaffee, nicht mal Tee oder Limonade. Wir haben uns zwei Monate abgeschottet und konzentriert nur auf diese WM vorbereitet.
SPIEGEL: Ghana verdankt den Erfolg also vor allem strammen deutschen Kommißtugenden?
PFISTER: Die Spieler wissen ganz genau, daß sie nur mit vorbildlicher Profieinstellung einen Vertrag bekommen. Weil sie sich im Vergleich zu Weißen doppelt anstrengen müssen, wächst eine ungeheure Motivation und mentale Stabilität. Nach einer Niederlage trauern die Spieler nicht lange - die haben wirklich andere Probleme.
SPIEGEL: Demnach kann Fußball nur in sozialer Armut entstehen?
PFISTER: Was hier gespielt wird, lernen Sie eben nicht auf der Kölner Trainerschule. Hier werden Pässe gegen jede Logik geschlagen, daß ich auf der Bank fast einen Herzinfarkt bekomme. Und plötzlich sehe ich, daß es genial ist, genial und kreativ.
SPIEGEL: Aber in die strengen taktischen Konzepte europäischer Spitzenteams lassen sich diese Spieler nicht einbinden.
PFISTER: Die ganze Taktik ist ein Zeichen von Hilflosigkeit, der europäische Fußball ist so verschult und verwissenschaftlicht, der steckt tief in einer Sackgasse. Immer kommen neue Moden auf: Stretching, Auslaufen, Entmüdungsbecken, psychologische Mätzchen oder Kälberblutbehandlungen. Aber wenn ich mir anschaue, was bei einer millionenteuren Jugendarbeit wie der des FC Bayern herauskommt, kann ich nur lachen. Wir haben keine Bälle, keine Tore, nicht mal Schuhe, in ganz Ghana gibt es nur zwei Sportärzte. Wenn meine Spieler etwas Aufbauendes brauchen, bekommen sie einen Löffel Honig. Trotzdem wird unsere U-17-Auswahl Weltmeister, die Deutschen scheiden vorzeitig aus. Warum? Weil Afrikaner den besseren Fußball spielen.
SPIEGEL: Befürchten Sie nicht, daß auch Ihre Spieler eines Tages vom westlichen Luxus irritiert werden?
PFISTER: Den könnten nur europäische Sponsoren nach Ghana bringen. Aber die kümmern sich überhaupt nicht um uns, die halten wohl nichts von Farbigen. Als der ghanaische Verband vor der WM im deutschen Auslieferungslager von Adidas in Langen für 26 000 Mark eingekauft hat, bekamen wir nicht mal ein T-Shirt geschenkt, obwohl bekannt ist, daß es bei uns an allem fehlt.
SPIEGEL: Leidet darunter nicht das Selbstwertgefühl Ihrer Spieler?
PFISTER: Ganz im Gegenteil. Die Jungs sind so stolz und so überzeugt von ihrem Können, die akzeptieren neben sich höchstens noch Brasilianer. Minderwertigkeitsgefühle gegenüber Europäern kennen die nicht. Vor dem Spiel sagen die Jungs: Okay, coach, no problem - und dann stürmen sie aufs Feld und gewinnen.

DER SPIEGEL 1/1992
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