30.12.1991

HaieBegehrte Flossen

Viele Haifischarten sind vom Aussterben bedroht - Folge hemmungsloser Überfischung und brutaler Sportangelei.
Die beiden Taucher waren noch 350 Meter vom Ufer entfernt, da hörte Dave Roberts, der vorausschwamm, hinter sich ein "donnerndes Röhren wie von einem großen Boot". Als Roberts sich umdrehte, sah er einen vier Meter langen Weißspitzenhai, der "seinen Kopf wild von einer Seite zur anderen schwang".
Dann erkannte er den "Umriß eines Taucheranzuges". Der Raubfisch war damit beschäftigt, seinen Co-Taucher, den 19jährigen Studenten Jonathan Lee, zu verschlingen: "Eine Wolke aus Blut und aufgewirbeltem Sand", erinnert sich Roberts, "verdunkelte das Meer um mich herum."
Die Bluttat vor der australischen Küste bestätigt scheinbar das - besonders in Horrorfilmen wie "Der weiße Hai" - gepflegte Image einer gierigen "Freßmaschine", die mit weit aufgerissenem Rachen auf Menschenjagd geht.
Doch bei der mörderischen Attacke, die sich Anfang September vor der australischen Stadt Adelaide abspielte, handelte es sich um ein eher seltenes Ereignis: Die Zahl der Hai-Angriffe schwankt, weltweit, zwischen 120 und 200 pro Jahr; ein Drittel davon endet für den Menschen tödlich. "Durch Hundebisse oder Bienenstiche sterben weitaus mehr Menschen", sagt John West vom Taronga-Zoo nahe Sydney.
Nur zehn Prozent der in den Ozeanen lebenden Haie haben jemals Menschen angegriffen. Windsurfer und Segler auf kleinen Booten sind die häufigsten Opfer, da sie von unten betrachtet schwimmenden Robben gleichen, dem Leibgericht vieler Haiarten. Sonst aber vermeiden die Raubfische, die seit 300 Millionen Jahren die Meere bevölkern, möglichst den Kampf.
Tatsächlich ist das Raubtier Mensch für den Jäger der Meere inzwischen eine sehr viel größere Gefahr als umgekehrt: "Viele Arten wird es bald nicht mehr geben", warnte Professor Samuel Gruber von der University of Miami anläßlich einer Haischutz-Konferenz vergangenes Frühjahr in Sydney, "wenn die unbarmherzige Jagd nicht aufhört." 100 Millionen Haie werden laut Gruber jährlich durch Fischer getötet, 39 der 350 Arten stehen nach Ansicht von Fachleuten inzwischen kurz vor dem Aussterben.
Biologen fordern deshalb Schutzzonen für gefährdete Haiarten, außerdem feste Fangquoten, "die es bis jetzt für keine einzige Haiart gibt", wie Matthias Stehmann von der Bundesforschungsanstalt für Fischerei in Hamburg kritisiert. Ein entsprechendes US-Regierungsprogramm ist in Vorbereitung.
Eine Ursache für den bevorstehenden "Hai Noon in den Weltmeeren" (Die Tageszeitung): Das feste Fleisch der Haie erfreut sich immer größerer Beliebtheit, vor allem bei amerikanischen Yuppies. Manche Edelrestaurants bieten verschiedene Haifischsorten gleichzeitig an.
So ist in den USA die Menge von angelandetem Haifischfleisch von weniger als 500 Tonnen im Jahre 1980 auf über 7000 Tonnen 1989 in die Höhe geschnellt; 1990 gab es erstmals einen Rückgang der Fangergebnisse um 20 Prozent - ein alarmierendes Warnsignal, das auf eine hemmungslose Überfischung der Bestände hindeutet.
Um an die begehrten Flossen zu gelangen, veranstalten die Fischer zumeist ein blutiges Gemetzel, was in Australien in diesem Sommer zu Protesten von Naturschützern führte: Ein Filmteam, das zufällig das japanische Thunfischboot "Koshim Maru" überflog, beobachtete, wie die Fischer gefangenen Haien die Flossen abhackten und die Tiere zurück ins Meer warfen, wo sie qualvoll verendeten. Der westaustralische Fischereiminister Gordon Hill sprach von einer "barbarischen Schandtat".
Zusätzliche Gefahr droht den Haifischen vom wachsenden Heer der Sportangler. Als erstes Land der Welt hat Südafrika kürzlich angekündigt, Fang und Verkauf Weißer Haie unter Strafe zu stellen. Immer mehr Trophäenjäger reisen an das Kap, weil der begehrte Raubfisch (für dessen riesiges Gebiß mehrere tausend Mark bezahlt werden) an den Küsten Kaliforniens und Südaustraliens kaum mehr gesichtet wird.
Die Haifischjagd ist auch im US-Staat Florida weit verbreitet. Bis zu 500 Haie werden während eines einzigen Anglerwettkampfes gefangen und umgebracht. Immerhin konnten Naturschützer zahlreiche Veranstalter zu einer "catch and release"-Technik überreden: Nachdem die Beute gewogen und fotografiert worden ist, wird der Angelhaken entfernt und der Hai wieder ins Wasser gelassen - die Tiere überstehen die Prozedur durchweg ohne bleibende Schäden.
Die Regierung von Florida hat zudem für ihr Hoheitsgebiet beschlossen, daß kommerzielle Fischer ab Anfang 1992 nur noch außerhalb der küstennahen Aufzuchtgebiete der Haie fangen dürfen - eine richtungweisende Maßnahme. Denn im Gegensatz zu den meisten Knochenfischen, die im Laufe ihrer Laichperiode Tausende von Eiern legen, kommen Haie auf höchstens 50 Nachkommen pro Jahr.
Besonders mager sieht die Bilanz bei den lebendgebärenden Arten aus: So bringt der berüchtigte Weiße Hai (Carcharodon cacharias) jährlich höchstens fünf bis zehn Jungfische zur Welt - sie können bis zu 70 Jahre alt werden. Die Jungen des Grauen Ammenhai zerfleischen einander im Mutterleib, so daß am Ende nur die beiden stärksten Nachkommen geboren werden.
Auch bei der Paarung geht es ruppig zu: Bevor das Männchen sein Begattungsorgan, die Afterflosse, in den Eileiter des Weibchens einführt und an die 20 Liter Samenflüssigkeit einspritzt, beißt der kaltblütige Liebhaber seiner Partnerin mitunter kräftig in die Bauchflossen und den Rücken.
Für das Ökosystem Meer sind die urzeitlichen Meeresbewohner, die an der Spitze der maritimen Nahrungspyramide stehen, besonders wichtig, weil sie bevorzugt kranke und schwache Tiere töten. Haie, so der amerikanische Biologe Charles Manire, "helfen, den Ozean gesund zu halten".
Trotzdem können sich viele Tierfreunde leichter für niedliche Robbenbabys mit Kulleraugen erwärmen; die bißkräftigen Raubfische eignen sich nicht zum Sympathieträger: Einem Hai in die Augen zu schauen, berichtet der Unterwasserfotograf David Doubilet, gleiche dem Blick "in die Tiefe einer Maschine, nicht einer lebenden Kreatur".

DER SPIEGEL 1/1992
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