30.12.1991

EiszeitVerstopfter Abfluß

Meeresforscher haben ein paradoxes Klimamodell entwickelt: Wird der Treibhauseffekt Nordeuropa in eine Gletscher- und Eiswüste verwandeln?
Mit einer Geschwindigkeit von neun km/h fließen die grün schimmernden Wassermassen aus der Karibik heran. Die warmen Fluten strömen die US-Küste empor, branden dann quer über den Atlantik und ergießen sich schließlich ins Europäische Nordmeer. "Der Golfstrom", sagt der Hamburger Ozeanograph Jens Meincke, "ist die Zentralheizung für ganz Nordeuropa."
Ständig pumpt die Wasserader Myriaden Tonnen Tropennaß bis nach Spitzbergen. Ohne Golfstrom könnten in Brighton/Südengland keine Palmen wachsen, wären die norwegischen Häfen nicht eisfrei.
Doch der "Lebensnerv Europas" (Meincke) könnte in naher Zukunft versiegen. Meeresforscher und Ozeanographen warnen vor einem schlagartigen Umkippen der Strömungsverhältnisse im Atlantik. "Leute, die glauben, daß uns der Treibhauseffekt ein wärmeres Klima bringt, sind auf der falschen Spur", meint der norwegische Meeresbotaniker Egil Sakshaug. Das Fachblatt Ocean 99 rechnet gar mit einer "neuen Eiszeit in 50 Jahren".
Der paradox klingende Alarmruf bezieht sich vor allem auf den nördlichen Ausläufer des Golfstroms, den Norwegenstrom. Diese Drift streicht wie eine warme Zunge zwischen Island und der norwegischen Fjordküste empor und sorgt hoch am Polarkreis für eine "Wärmeanomalie". Die heranschwappende Fernwärme gibt hohe Energiemengen an die Luft ab und schützt ganz Nordwesteuropa vor Gletschern und Treibeis.
In Höhe der Lofoten ist der urwüchsige Thermalfluß jedoch auf eine Breite von wenigen Dutzend Kilometern zusammengeschnurrt. Wenn diese Drift abreißt, sagt der Paläo-Ozeanologe Jörn Thiede vom Kieler Forschungszentrum Geomar, "haben wir in Deutschland ein Klima wie in Nordsibirien".
Wie stark die Heizkraft der Meereswogen ist, zeigt ein geographischer Vergleich: Der Badeort List auf der Insel Sylt liegt auf dem 55. Breitengrad. Auf dem amerikanischen Kontinent markiert diese Position die eisige Südgrenze von Alaska. Trotz der ungeheuren Bedeutung der Ozeane für das Klima werden die Meeresbewegungen jedoch erst seit kurzer Zeit in die Klimahochrechnungen einbezogen.
Den langen Marsch zum Pol schafft das Karibikwasser nur, weil es von einem unsichtbaren Sog gezogen wird: Zwischen Grönland, Spitzbergen und Island ist quasi ein Loch im Ozean. Jede Sekunde sinken hier im Schnitt eine halbe Million Kubikmeter kaltes Seewasser in tiefere Meeresschichten. Der so entstehende Sog zieht das heranströmende tropische Oberflächenwasser an - wie der gurgelnde Abfluß das Badewasser.
Der Wasser-Fahrstuhl, thermohaline Zirkulation genannt, ist Teil eines gewaltigen Schwungrads in den Ozeanen. Die abgekühlten Grönland-Fluten sinken 3000 bis 4000 Meter tief auf den Meeresboden und kriechen mit einer Fließgeschwindigkeit von wenigen Zentimetern pro Sekunde im untersten Stockwerk in die Weltmeere zurück. Bis heute ist den Forschern jedoch unklar, wie und wo das abgetauchte Eiswasser wieder an die Oberfläche gelangt.
Auch das Absacken der Wasserschichten grenzt an einen wunderbaren Vorgang. Meerwasser enthält 34,9 Gramm Salz pro Liter und friert daher erst bei minus 1,8 Grad. Haben sich die Fluten im Nordmeer auf diese Temperatur abgekühlt, beginnen sich die ersten Eiskristalle zu bilden. Doch "Bruchteile von Graden vor dem Frostpunkt" (Meincke) wird das Wasser so schwer, daß es die darunterliegenden Wasserschichten durchstoßen und versinken kann.
Schon die geringste Abnahme der Salzkonzentration würde den Kreislauf jedoch blockieren. Noch ehe das erkaltende Wasser die nötige Schwere hätte, würde es zu Eis gefrieren. Anstatt abzutauchen, könnten sich die Wogen explosionsartig in Eis verwandeln. Unter geschlossenen Frostschichten findet jedoch keine Wasserzirkulation mehr statt. Ergebnis: Der Abfluß für den Norwegenstrom würde verstopfen, die Drift käme zum Erliegen.
Die Gefahr einer Salzausdünnung im Nordmeer wird nach Ansicht der Experten aber immer wahrscheinlicher. Als Folge des Treibhauseffekts erwarten sie im Sommer immer mehr Schmelzwasser, das aus den über drei Kilometer dicken Grönlandgletschern sickert. Zudem ergießen sich alle sibirischen Ströme in den Pol-Ozean.
Auch weite Teile Alaskas und Kanadas entwässern in Richtung Polargebiet. Selbst Tauwetter in der Mongolei würde den Salzgehalt am Nordpol senken - die Wasserscheide liegt im Himalaya. Die Süßwasser-Bedrohung spannt sich gleichsam um den halben Planeten.
Schon eine Salzausdünnung von 0,2 Gramm pro Liter Seewasser reicht aus, um das Eis-Desaster im Polarmeer in Gang zu bringen. Ohne Sog und Wasserzirkulation, so die Experten, werde der nördliche Golfstrom seine Stoßkraft einbüßen und schon viel weiter südlich verebben. Die Folge: Die Festung Europa wäre an ihrem Nordrand schutzlos dem Polarklima ausgesetzt.
"Ohne Norwegenstrom schwimmen die Eisberge bis zu den Kanaren", beschreibt der Geomar-Wissenschaftler Thiede den zu erwartenden Kälteschock. Vor allem die Bürger Schottlands, Islands, ganz Skandinaviens und Norddeutschlands kämen in die Bredouille. Deren Eigenheime, warnt Thiede, dürften von "mehreren hundert Meter hohen Eisschilden" plattgewalzt werden.
Was dem Eiszeit-Szenario zusätzlichen Schrecken verleiht: Seit kurzem wissen die Forscher, daß frühere Glazialzeiten häufig abrupt eintraten. Insgesamt 26mal vereiste die nördliche Hemisphäre in den letzten 2,5 Millionen Jahren. Anhand von Sedimentablagerungen auf dem Meeresgrund kommt Thiede zu dem Ergebnis: "Die dramatischen Ereignisse vollzogen sich in Zeitspannen, die viel kürzer sind als angenommen."
Das letztemal schlugen die weißen Riesen während der kleinen Eiszeit zwischen dem 14. und 18. Jahrhundert zu. Innerhalb weniger Jahre fror mehr als die Hälfte des Nordmeers zu. Island und Spitzbergen wurden von Gletschern zerquetscht, in Skandinavien kam es zu Hungersnöten, auf Grönland starben die Nordmänner aus.
Bei einem Abflauen des Golfstroms wäre mit größeren Katastrophen zu rechnen. Die Wissenschaftler sagen für ganz Deutschland eine "Tundra-Vegetation ohne Wälder und Landwirtschaft" voraus. Auf der mit Packeis verrammelten Ostsee könnten sich Eisbären ansiedeln.
"Das Szenario mag phantastisch klingen", erklärt der Hamburger Meeresforscher Meincke, "aber wenn der Norwegenstrom versiegt, haben wir unsere Lebensgrundlagen für immer verspielt."
[Grafiktext]
_163_ Eiszeit: Gegenwärtiger Verlauf des Golfstromes
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 1/1992
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