30.12.1991

KindesmißbrauchDrängendes Nachhaken

Zwei amerikanische Forscherinnen werfen den Gerichten leichtfertigen Umgang mit Aussagen von Kindern vor.
Der Doktor, so erzählten die drei kleinen Mädchen der Psychologin Gail Goodman im vertraulichen Gespräch, habe nicht nur routinegemäß ihren Rücken, sondern auch mit ungewöhnlicher Gründlichkeit die Vagina untersucht. Jawohl, und einem der sechsjährigen Schulkinder habe er zudem einen "Stab in den Po geschoben". Ein Fall von sexuellem Kindesmißbrauch?
In Wahrheit hatten die Kinder nur an einem Experiment teilgenommen, bei dem es darum ging, den Realitätsgehalt kindlicher Aussagen zu überprüfen. Der Arzt hatte den Kindern tatsächlich nur den Rücken abgetastet - die später zu Protokoll gegebenen intimen Manipulationen waren erfunden.
Also kann man Kindern doch nicht glauben? Das wäre fatal für die Justiz. Wenn es in Gerichtsverhandlungen um den sexuellen Mißbrauch Minderjähriger geht, sind die Opfer meist die einzigen Zeugen.
In den alten Bundesländern waren 1990 acht Prozent dieser Zeugen jünger als sechs Jahre. Ihre Aussagen sind nicht nur in Strafprozessen enorm wichtig, sondern auch bei Scheidungsverfahren. Denn oft beanspruchen Mütter das Sorgerecht für sich mit der Begründung, der Vater habe sein Kind mißbraucht.
Ob die Schilderungen immer zuverlässig sind, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Neuen Diskussionsstoff liefern jetzt die amerikanischen Psychologinnen Goodman und Alison Clarke-Stewart. In sechs Studien zur Glaubwürdigkeit von Kleinkindern und Grundschülern fanden sie heraus: Vor allem im Vorschulalter sind Kinder als Zeugen leicht beeinflußbar, ihre Schilderungen, die auf einen sexuellen Mißbrauch hindeuten, können falsch sein.
Die Forscherinnen ließen Kinder beispielsweise mit einer erwachsenen Person herumalbern und später den Handlungsablauf nacherzählen. Aus dem Vergleich zwischen dem tatsächlichen Geschehen und den Antworten zogen Goodman und ihre Kollegin Rückschlüsse auf die - zweifelhafte - Glaubwürdigkeit der Probanden. Zwei Drittel aller fünf- bis sechsjährigen Kinder übernehmen, das ergaben weitere Experimente, die von Erwachsenen suggerierte Bedeutung eines Szenarios.
Auf Kinder-Aussagen gestützte Vorwürfe wegen sexuellen Mißbrauchs in Strafprozessen sind, so fanden amerikanische Wissenschaftler heraus, fast immer berechtigt.
Anders sieht es aber in Scheidungsverfahren aus: Gerade beim Streit um das Sorgerecht haben Beeinflussungen der Kinder große Bedeutung. Nach dem Ergebnis einer Untersuchung aus den USA ist hier die Hälfte aller Mißbrauchs-Vorwürfe erfunden.
Geradezu katastrophale Folgen hatten unprofessionelle Interviews für die Kindergärtnerin Margaret Kelly Michaels aus New Jersey (SPIEGEL 46/1990). Immer wieder hatten Jugendamtsmitarbeiter Kellys frühere Schützlinge so unter Druck gesetzt, bis die meisten von ihnen offenbar gar nicht vorgefallene Strafhandlungen zu Protokoll gaben: "Okay, okay, sie hat das getan."
Kelly Michaels wurde wegen "115 schändlicher Handlungen sexuellen Charakters" zu 47 Jahren Gefängnis verurteilt. Versuche, das Verfahren wieder aufleben zu lassen, schlugen einstweilen fehl.
Eklatanten Justizirrtümern vorzubeugen, dienten nun die Bemühungen der beiden US-Psychologinnen. Nach Clarke-Stewarts Meinung beweisen sie aber auch, daß Suggestionen noch im nachhinein identifiziert werden können: 80 Prozent der Schulkinder beantworteten die Fragen nach den faktischen Abläufen korrekt, nur ihre Interpretation fiel unterschiedlich aus.
Eine wichtige Rolle spielt das Alter der Kinder: Als Dreijährige von ihrem Spiel mit einer Puppe berichteten, machten sie dabei deutlich mehr Fehler als die Fünfjährigen. Gerade bei Kleinkindern können Unterschiede zwischen Erwachsenen- und Kindersprache zu Mißverständnissen führen. Goodman ließ einen Clown mit dreijährigen Kindern herumtollen und fragte sie anschließend: "Hat er deine Intimzonen berührt?", was einige mit einem Nicken beantworteten. Sie meinten aber nicht die Genitalien, sondern Arme und Ohren. Solche Irrtümer lassen sich, so das Fazit der Forscherinnen, durch Nachfragen aufklären.
Max Steller, Psychologie-Professor an der Freien Universität Berlin, befürchtet nach der US-Veröffentlichung, daß nun die Bedeutung von "sorgfältig vorbereiteten und professionell geführten Interviews" unterschätzt werde.
Ursula Enders von der Kölner Beratungsstelle "Zartbitter" hat die Vermutung, daß Mütter dem Familienrichter in Zukunft nicht mehr den Mißbrauch ihrer Kinder berichten - aus Angst, das Gericht spreche dann erst recht dem Vater das Sorgerecht zu. Sie ist aber sicher, daß erfahrene Therapeuten normale kindliche Sexualität durchaus vom Verhalten eines mißbrauchten Kindes unterscheiden können und nicht qualvoller Endlos-Gespräche zur Aufklärung eines Sachverhalts bedürfen.
Doch auch das klärende Nachforschen will sensibel dosiert sein: Wer zu drängend nachhakt, erhält möglicherweise eine Falschaussage, wer es bei oberflächlichen Antworten beläßt, erhält auch keine Indizien für einen eventuellen Mißbrauch.
Ein Arzt untersuchte in einer von Goodmans Testreihen drei Dutzend fünf- bis siebenjährige Mädchen genital und anal. Danach ließ sich eine Psychologin von den Kindern den Vorgang schildern. 28 Mädchen verschwiegen die Berührungen im Intimbereich.
Erst bei direkter Nachfrage: "Hat der Doktor dich hier angefaßt?" antworteten 31 mit Ja.

DER SPIEGEL 1/1992
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