30.12.1991

RoboterVerrückter Blechmann

Ein Hamburger Künstler baut elektronische Wesen. Seine jüngste Schöpfung: ein kybernetisches Haustier.
Der Mann ist kein Frankenstein, doch er arbeitet an der gleichen Sache. Nicolas Baginsky, 30, nimmt Schrott statt Leichenteilen, und Leben haucht er seinen Kreaturen mit modernster Software ein.
Alles begann vor ein paar Jahren mit einem ziemlich primitiven, etwa gorillagroßen Roboter, dessen Skelett aus geschweißten Rohren, verrosteten Stahlplatten und ein paar Gelenken bestand. Er hörte auf den Namen Humunculus, und wenn sein Schöpfer eine Baßgitarre oder einen Synthesizer an die Eingeweide des künstlichen Wesens stöpselte, schlug der Roboter wie ein Verrückter um sich.
Wahlweise konnte man noch ein halbes Dutzend kleinerer Arme anschrauben, und wenn der Blechmann richtig Amok lief, gab es schon mal eine Rangelei mit menschlichen Tänzern. Humunculus trat öffentlich in U-Bahnröhren und in Kunstgalerien auf, spielte die Hauptrolle in einem Maschinen-Musical und war der Held von bedeutenden Performances in London, Amsterdam und Luzern.
Heute programmiert der Hamburger Avantgardist die schrecklichen Nachfahren seines ersten Geschöpfs. Baginsky baut Haustiere aus Metall, doch die künstlichen Wesen kann man weder in der Tierhandlung noch im Elektronik-Shop erstehen. Die Roboter treten nur bei Performances auf oder sind in Galerien zu bestaunen - vom 18. Januar an etwa in Rotterdam, wo die Henk-Stiftung für die kybernetischen Tiere ein halbes Stockwerk leer geräumt hat.
Nicolas Baginskys Labor im "Westwerk", einem alten Lagerhaus in der Hamburger Innenstadt, sieht aus, als wäre hier kürzlich ein Raumschiff notgelandet und aus den Resten hätte sich jemand eine Schweißer- und Schreinerwerkstatt gezimmert.
Von der Decke hängen die "Killer-Mosquitos", eine elektronische Abart der Kerbtiere, die sich mit zischenden Propellern und grellen Scheinwerfern auf den Besucher stürzen können. In einer Ecke liegt ein riesiger Wurm aus Panzerkettengliedern. Ein "mechanischer Specht" hämmert auf eine Horde beweglicher Fußabstreifer. Verbeulte Androiden glotzen auf merkwürdige Maschinen und Apparaturen, und um sich einen Weg durchs 160 Quadratmeter große Atelier zu erkämpfen, muß einer ganz schön mutig sein.
Ein paar Narben auf dem kahlen Kopf des Künstlers erzählen von der Zuneigung zu seinen unberechenbaren automatischen Freunden. Nicolas Baginsky lebt asketisch, denn seine Erfindungen kosten viel Geld. Nur manchmal hat er Glück und findet im Industrieabfall einen Haufen ausgedienter Fließbandroboter zum Ausschlachten.
Seine neueste Kreation ist eine komplette Familie künstlicher Haustiere, die er "Quasis" nennt. Es sind Roboter, die etwa die Größe eines mittleren Hundes, die Intelligenz einer Küchenschabe und die Persönlichkeit eines Elektroquirls haben.
Quasi klingt wie die Abkürzung von Quasimodo, und genauso sehen die Wesen aus: wie die geköpfte Version des buckligen Glöckners von Notre-Dame. Geblieben ist nur noch ein amputierter Rumpf, der von drei Stelzenbeinen aufrecht gehalten wird. Ein Umhang verhüllt die Elektronik im Inneren, und da, wo man einen Kopf vermutet, stecken eine Handvoll Sensoren.
Wenn die Quasis damit einen Menschen wittern, setzen sie sich robbend in Bewegung. Weil sie keine Arme haben, erweckt dieser Kriechversuch den Eindruck, als würde sich ein deformierter Fleischklumpen heranschleppen.
Quasi Nummer IV, das jüngste Exemplar der Gattung, ist auch das am weitesten fortgeschrittene. Baginsky hat ihm folgenden Befehl einprogrammiert: "Du sollst ein warmblütiges Wesen suchen."
Quasis Gehirn simuliert ein Netzwerk von Nervenzellen und arbeitet selbständig. Mikrofone und Infrarotbewegungsmelder sind seine Sinnesorgane, und niemand kann das genaue Verhalten eines Quasis vorhersagen.
"Ich möchte Maschinen schaffen", sagt Nicolas Baginsky, "die etwas erwidern können."
Wenn man den Quasi anschreit, antwortet er mit wütenden Annäherungsversuchen. Spricht man aber mit ruhiger Stimme, wird das Ding ganz zutraulich. Vor einigen Monaten auf der "Ars Electronica" in Linz, wo die Quasis ihren großen Auftritt hatten, sah man nicht nur verwirrte Besucher über die stummen Roboter staunen, sondern auch ausgewachsene Schäferhunde ängstlich Reißaus nehmen. Sie hatten den Quasi zunächst als Bruder anerkannt, waren aber dann vom fehlenden Eigengeruch und den Motorengeräuschen irritiert.
"Die Roboter gehören endlich selbst ins Rampenlicht", fordert der Künstler. "Sie haben ein Recht auf Selbstdarstellung." Scharlatane wie Robocop und der Terminator, die künstlichen Kinohelden, hätten das Bild von den Fähigkeiten der kybernetischen Maschinen verzerrt, weil im Kino nur immer Menschen unter Blechkostümen steckten.
Baginsky, der früher als Designer und Bühnenbildner in New York gearbeitet hat, sieht seine Arbeit als psychologisches Spiel: "Was kann so ein mathematischer Mechanismus für Gefühle erwecken oder darstellen."
"Träumen Roboter von elektrischen Schafen?" - in Philip K. Dicks berühmtem Science-fiction-Roman spielen nachgemachte Tiere eine wichtige Rolle; denn die echten sind so gut wie ausgestorben. Wer nicht mindestens ein elektrisches Schaf als Statussymbol auf dem Hausdach grasen läßt, gilt als Asozialer.
Für Baginsky war diese Geschichte eine wichtige Inspirationsquelle. Seine elektronischen Hausgenossen taugen längst als Ersatz für stinkende Vierbeiner und sind auch viel pflegeleichter: Es kann sich also nur um ein Mißverständnis handeln, wenn der Erfinder immer nur zu Performances und Ausstellungen gebeten wird - seine Geschöpfe müßten längst industriell produziert werden.
Wenn Nicolas Baginsky nachts allein in seinem Atelier sitzt, beobachtet er wohlwollend das Treiben seiner fiependen und schnarrenden Roboterkinder. Auch er träumt davon, einmal eine Kreatur zu erschaffen, die "klug ist und Gefühle entwickelt". Das Ding muß ja nicht so hübsch aussehen wie Boris Karloff als Frankensteins Monster. Hauptsache, es funktioniert.

DER SPIEGEL 1/1992
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