30.12.1991

Tote Pose

Ein TV-Spiel der ARD versucht sich als schwarze Komödie: DDR-Kommunisten kämpfen unerschrocken gegen eine Leiche.
Leichen, Särge, Gräber - das Spiel mit den letzten Dingen kann zum Totlachen sein. Bis die Hülle jenes Mannes, mit dem viele im Ort eine Leiche im Keller zu haben glauben, unter der Erde ist, stöhnen die Dorfbewohner, und das Publikum wiehert: "Immer Ärger mit Harry", Hitchcocks Meisterwerk von 1955, ist ein Prunkstück des schwarzen Humors.
Auch der Südwestfunk, Produzent des am Sonntag um 20.15 Uhr in der ARD laufenden Fernsehspiels "Begräbnis einer Gräfin", hat schon mal mit Toten Quoten gemacht. Das TV-Stück "Gaukler", eine launige Krematorien-Klamotte, feierte vor kurzem als Wiederholung Auferstehung.
Warum also nicht mit dem Zinksarg der Gräfin Mollwitz - Nomen könnte Omen sein, sogar die Tonlage paßt - erneut das schwarze Genre bedienen, zumal mit Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase ("Solo Sunny") und Regisseur _(* Mit Hans Christian Blech, Jan ) _(Oberndorf, Dieter Montag. ) Heiner Carow ("Die Legende von Paul und Paula") gestandene Defa-Leute den Totentanz choreographieren.
Der Plot verspricht Witz: Die Gräfin, im Westen verstorben, möchte in mecklenburgischer Heimaterde ruhen. Doch der Letzte Wille der adligen Dame bringt die ideologische Welt der frühen DDR-Jahre (der Film spielt in den Fünfzigern) durcheinander. Denn der Klassenkampf auf dem Dorf duldet keine Feudalisten - selbst wenn die nur noch verwesen wollen.
Ausgerechnet der linientreue Bürgermeister verhindert mit seinem Übereifer die von der Partei befohlene Rückführung des gräflichen Leichnams in den verrotteten Westen: Weil die Vertreter der neuen Macht die metallene Totenlade mißtrauisch geöffnet haben, greift die Hygiene-Verordnung von 1907, wonach geöffnete Särge nicht transportiert werden dürfen.
Vor der Sauberkeitsforderung aus wilhelminischem Geist kapitulieren die roten Preußen nicht vollständig: Erst zwingen sie den Pfarrer (Hans Christian Blech), die Gräfin in der miesesten Ecke des Gottesackers zu bestatten, dann behindern sie den Trauerzug mit einem quergestellten Traktor.
Kohlhaases Gruft-Groteske, 1952 geschrieben, mag zu ihrer Zeit Aufsehen erregt haben - die Geschichte durfte nur im Westen erscheinen. Heute stimmt sie eher traurig: Als hätte das deutsche Fernsehspiel, auch wenn es Komödie sein will, aus der DDR-Vergangenheit nichts Brisanteres dem Gespött preiszugeben als den Biedersinn vernagelter Funktionäre auf dem Dorf.
Daran, daß die Beerdigung einer Gräfin zur toten Pose wird, trägt die Regie ihre Mitschuld: Nie setzt sie ganz auf den schwarzen Witz, stets will sie auch die Roten anschwärzen, entlarven, verurteilen - und meint es todernst damit.
Autor und Regisseur haben wohl gemerkt, daß man etwas gegen die Sterbenslangeweile dieses Trauerspiel tun muß. So wurde ein Schluß angepappt: Die Nachfahren der Gräfin finden sich nach der Wende mit der Attitüde der neuen Herren auf dem Gut ein.
Doch sie entdecken nur einen verfallenen Besitz im Dornröschenschlaf. Auch der Humor ist längst entschlummert.
* Mit Hans Christian Blech, Jan Oberndorf, Dieter Montag.

DER SPIEGEL 1/1992
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