10.01.1994

GenetikVerhinderte Hochzeit

Orthodoxe Juden propagieren Gentests zur Bekämpfung einer Erbkrankheit.
In nicht allzu ferner Zukunft, so warnt der amerikanische Molekularbiologe Robert Weinberg, werde eine "neue Astrologie" in Mode kommen, bei der "nicht Sterne, sondern Gene das Schicksal bestimmen".
Unter Chassidim, einer Gruppe orthodoxer Juden in New York und Jerusalem, werden schon heute Gen-Horoskope erstellt: Heiratswilligen Paaren, die genetisch nicht zueinander passen, wird empfohlen, sich schnell zu trennen.
Das Prognoseprogramm mit dem Namen Dor-Yeshorim ("Die aufrechte Generation") geht auf den Rabbi Josef Ekstein zurück. Hilflos mußten Ekstein und seine Ehefrau mit ansehen, wie vier ihrer zehn Kinder elend zugrunde gingen: Fünf Monate entwickelten sich die Neugeborenen normal, dann traten Krampfanfälle und Hirnschäden auf, die Babys erblindeten, nach wenigen Jahren starben sie an Atemlähmung - das typische, qualvolle Ende beim sogenannten Tay-Sachs-Syndrom, einer unter aschkenasischen Juden verbreiteten Erbkrankheit.
Durch Gentests bei Jugendlichen will Rabbi Ekstein das Leiden der Tay-Sachs-Babys aus der Welt schaffen: Seine Mitarbeiter besuchen regelmäßig Privatschulen und Eliteuniversitäten der orthodoxen Juden, um die zeugungsfähigen Teenager zu ermahnen, nur ja rechtzeitig ihr Blut untersuchen zu lassen.
Mit Hilfe der Tests wird ermittelt, welche Jugendlichen die verhängnisvollen Krankheitsgene in sich tragen: Zwar sind die Gene bei den Untersuchten offenkundig nicht zur Wirkung gelangt; sie können aber weitervererbt werden und bei den Nachkommen das Tay-Sachs-Syndrom auslösen. Die Testergebnisse werden im Dor-Yeshorim-Zentralcomputer gespeichert; die untersuchten Jugendlichen (8000 im vergangenen Jahr) erhalten eine sechsstellige Identifikationsnummer.
Neben Tay-Sachs erfaßt der 25 Dollar teure Erbgutcheck seit wenigen Monaten auch die Gaucher-Krankheit (ein tödlicher, mit heftigen Krämpfen beginnender Muskelschwund) und die Mukoviszidose, ein Leiden, bei dem die Kranken mit zähem Schleim in den Bronchien kämpfen und meist im Alter von 30 Jahren an Lungenversagen sterben. Bezahlt wird das Screening von wohlhabenden Spendern und dem Department of Health and Human Services.
Der Sinn des Registrierverfahrens: Bevor sich zwei junge Chassidim zu einem Pärchen zusammenschließen, sollen sie im Dor-Yeshorim-Büro telefonisch nachfragen, ob sie genetisch zueinander passen. Verfügen beide über das Tay-Sachs-Gen, so wächst das Risiko beträchtlich, daß sie erbkranke Kinder zeugen - von einer Heirat wird in solchen Fällen dringend abgeraten.
Die Erfahrungen zeigen, daß der Einspruch aus dem Gen-Archiv stärker sein kann als die Liebe: 70 Paare trennten sich bislang, nachdem ihnen kurz vor der bereits anberaumten Hochzeitsfeier ein ungünstiges Gen-Horoskop erstellt worden war. Y

DER SPIEGEL 2/1994
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