17.01.1994

BehinderteSchrei nach Liebe

Eine Rollstuhlfahrerin aus Halle erfand einen Skinhead-Überfall - wahrscheinlich aus seelischer Not.
Als Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Christoph Bergner (CDU) auf seinem Neujahrsempfang den "schrecklichen Fall aus Halle" ansprach, herrschte unter den Gästen plötzlich betretenes Schweigen.
Ein 17 Jahre altes behindertes Mädchen sei, so Bergner, in seiner Heimatstadt Halle einem grausamen Überfall von Skinheads zum Opfer gefallen. Am hellichten Tag hätten die Rechtsradikalen ihr in der Südstadt ein Hakenkreuz in die Wange geritzt.
Das Bild von der Wunde ging um die Welt als ein besonders infames Beispiel rechten Terrors in Deutschland. Politiker entrüsteten sich, über 10 000 Menschen demonstrierten am Donnerstag voriger Woche in Halle gegen den scheußlichen Anschlag.
Rund hundert Polizisten waren im Einsatz, verteilten Fahndungsplakate und brachten die Täterbeschreibung mit Lautsprecherwagen unters Volk. Bundesweit fahndeten Beamte nach den rechtsextremen Brutalos.
Doch die Täter, zwei Skins und ein blondes Mädchen, wurden nicht gefunden - weil es sie nicht gibt. Elke J., Tochter aus gutem Hallenser Hause, hat sich am Montag vergangener Woche wohl selbst in die linke Wange geschnitten. Daran hat der sachsen-anhaltinische Generalstaatsanwalt Jürgen Hoßfeld "keinen Zweifel" mehr.
Fünf Tage lang hatte eine 18 Beamte starke Sonderkommission der Hallenser Kripo nach den Tätern gesucht. Die Fahnder glaubten zunächst an die Darstellung des Mädchens. Die Ermittlungen, lobte Hoßfeld die Beamten, seien "mit äußerster Beschleunigung und Sorgfalt" geführt worden.
Doch die Fahnder dachten wohl erst Mitte voriger Woche an das Undenkbare. Wichtige Zeugen wurden am Donnerstag vernommen, beispielsweise Anwohner des Tatortes, eines Ärztehauses, oder dort arbeitende Menschen. Auch zwei Schülerinnen, die Elke J. kurz nach dem Vorfall auf dem Weg zurück in ihr Gymnasium gegen 13 Uhr getroffen hatten, gaben ihre Aussagen erst am Donnerstag zu Protokoll.
Manchem Kriminalisten kam es schon früh merkwürdig vor, daß sich das Opfer so genau an die Täter erinnern konnte. Selbst dreckige Fingernägel wollte das Mädchen mitten im Gerangel bei einem Täter gesehen haben.
Als sich dann trotz der detaillierten Phantombilder niemand meldete, der die Täter kennen wollte, wuchsen die Zweifel bei den Beamten. Das Gutachten eines Gerichtsmediziners, der am Freitag per Hubschrauber eingeflogen wurde, ergab schließlich, daß das Hakenkreuz aus über 30 Einzelverletzungen besteht: ein klares Indiz, daß sich das Mädchen selbst verstümmelt hat.
Warum Elke J. die Republik in Aufruhr versetzte, wissen die Ermittler nicht. Die Beamten konnten sie mit ihrem Verdacht nicht einmal konfrontieren: Am Freitag hielt sich die Familie versteckt, selbst enge Bekannte wußten nichts über den Aufenthaltsort.
Schon Mitte der Woche war Elke nebst ihrer jüngeren Schwester und ihren Eltern zur Großmutter geflüchtet. Vater und Mutter hatten die Tochter gleich nach dem angeblichen Gewaltakt sorgfältig von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Fotos, die Elkes Verletzung zeigen, konnten nur durch Zufall aufgenommen werden: Die Mutter telefonierte gerade, die kleine Schwester öffnete die Tür. Elke ließ sich bereitwillig ablichten.
Hoßfeld sieht psychische Gründe für Elkes Lügengeschichte. Das Vorgaukeln der Tat hat womöglich dieselben Ursachen wie die Krankheit, die das Mädchen an den Rollstuhl fesselt. Elke J. leidet nach Angaben von Ärzten seit zwei Jahren an einer psychosomatischen Lähmung. Diese Krankheit, im vergangenen Jahrhundert häufiger anzutreffen und "hysterische Lähmung" genannt, tritt gelegentlich bei Mädchen in der Pubertät auf - durch ein Schockerlebnis etwa. Auch Elke befiel sie von einem Tag zum anderen.
Ärzte und Psychologen glauben, Elke versuche verzweifelt, Aufmerksamkeit und Zuneigung zu gewinnen. Die Wunde, die sie sich selbst beibrachte, sei, ähnlich wie mancher Selbstmordversuch, in Wahrheit ein Schrei nach Liebe.
Die Geschichte von Elke J. hat sich so ähnlich vor einem Jahr schon einmal in Bautzen zugetragen. Dort hatte sich ein 14jähriges Mädchen mit einem spiegelverkehrten Hakenkreuz auf der Wange bei der Polizei gemeldet. Skinheads, so sagte sie, hätten sie überfallen. Im Verhör gab sie zu, sich die Wunden selbst beigebracht zu haben. Sie wollte einmal im Mittelpunkt stehen.
Daß Elke alle an der Nase herumgeführt hat, wollten Mitschülerinnen zunächst nicht glauben. "Warum sollte sie das tun? Sie hat das nicht nötig", meinte eine Klassenkameradin. Auf dem Gymnasium, dem einzigen mit einem Fahrstuhl und einer Behindertentoilette in Halle, war Elke erst seit September Schülerin. Sie habe sich gut eingelebt, sei freundlich und habe ein offenes Wesen, berichtete Direktor Manfred Prouza.
Generalstaatsanwalt Hoßfeld schwante am Freitag vergangener Woche, ihr Fall könne den guten Willen all jener Bürger lähmen, die sich für das Mädchen einsetzten. "Gegen wachsende Gewalt zu protestieren", sagte der Fahnder, könne trotz allem "nicht falsch sein".
Der psychische Zustand von Elke J. hat sich seit dem Vorfall verschlechtert. Offenbar drückt sie das Gewissen. Zudem muß sie nun mit einer Anzeige wegen Vortäuschung einer Straftat rechnen. Vor allem aber, sagt Hoßfeld, "braucht das Mädchen ärztliche Hilfe". Y _(* Am Dienstag vergangener Woche. )
Angebliches Skin-Opfer Elke Offenes Wesen
Hallenser Polizeiführer, Steckbrief*: Das Undenkbare gedacht
* Am Dienstag vergangener Woche.

DER SPIEGEL 3/1994
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