09.03.1992

„Kopf runter und durch“

Die großen Erfolge der DDR-Athleten wurden einst im Leipziger Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport ausgetüftelt. Unter neuem Namen soll das Geheimlabor jetzt mit alten Methoden für den gesamtdeutschen Sport Medaillen produzieren. Deshalb wurden gezielt auch etliche dopingbelastete Wissenschaftler übernommen.
Nur 19 Tage nach Öffnung der Mauer begann im Keller der Medaillenschmiede der Reißwolf zu rattern. "Alles Material vernichten", hieß der telefonische Befehl, der am 28. November 1989 im Leipziger Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) einging.
Die Wissenschaftler, deren Geheimversuche den DDR-Athleten Weltruhm und Medaillen verschafft hatten, trugen getreu der Anweisung aus Ost-Berlin folgsam wie eh und je ihre Untersuchungsberichte nach unten. Drei Tage später fand ein Kontrolleur nur noch leere Panzerschränke vor.
Mit dem gleichen Elan wurden die Kaderakten von inkriminierenden Passagen gesäubert. In Einzelgesprächen erörterte jeder mit dem institutseigenen Stasi-Mann, was "zur Sicherheit der Person und zur Sicherheit des sozialistischen Staates" getilgt werden sollte.
Als der Stasi-Offizier Peter Weigand am 15. Januar 1990 sein Zimmer räumte, war die einstige Giftküche des DDR-Sports Stasi-frei und dopingrein gefegt.
Auch ideologisch machten die SED-Kader am FKS schneller kehrt als anderswo im zerfallenden Arbeiter-und-Bauern-Staat. Monate vorher hatte der Forschungsbereich I, eigentlich für die rechte kommunistische Erziehung zuständig, eine Analyse erstellt, die alle Verantwortlichen in die Lage versetzte, ihr klassenkämpferisches Gedankengut "den herannahenden neuen gesellschaftlichen Bedingungen" anzupassen.
Die Tarnung gelang. Vom Montag nächster Woche an wirkt das Forschungsinstitut für das vereinte Deutschland. Treuherzig versichert das zuständige Bundesinnenministerium, das künftig den 13-Millionen-Jahresetat finanziert, alle Altlasten seien beseitigt. Der Neubeginn wird stilecht mit einer Feierstunde im Gewandhaus eingeläutet.
Doch außer dem Namen, das FKS firmiert jetzt als "Institut für Angewandte Trainingswissenschaften" (IAT), hat sich in Leipzig wenig geändert: In Führungspositionen des IAT wurden sechs Wissenschaftler berufen, die jahrzehntelang bei der Dopingforschung in der DDR mitgemacht haben.
Die Entstehungsgeschichte des scheinbar gewendeten IAT dokumentiert beispielhaft, was auch im gesamtdeutschen Sport gefragt ist: Medaillen um jeden Preis.
Deshalb haben sich die alten Seilschaften und die neuen Zahlmeister aufs engste verbündet. Zur Vergangenheitsbewältigung genügten einfache Erklärungen, in denen die Mitarbeit bei Stasi-Spitzeleien und Dopingforschung nur schlicht geleugnet werden mußte - die Richtigkeit der Angaben hat niemand ernsthaft überprüft. Im Gegenteil: Vehement vorgebrachte Einwände einer Integritätskommission wurden ignoriert.
Sogar die wenigen personellen Konsequenzen - der ehemalige Institutsleiter Professor Hans Schuster und sein Stellvertreter Alfons Lehnert mußten gehen - wurden konterkariert: Der rote Filz kehrte durch die Hintertür zurück. "Das hier ist nach wie vor ein SED-Institut", klagt Heiner Schumann, Sprecher einer Wissenschaftlergruppe, die bislang vergebens eine Demokratisierung forderte.
Die Sportführer ficht das nicht an. Seitdem ihnen im Herbst 1989 geflüchtete DDR-Wissenschaftler geheime Details des erfolgreichen Staatssports verrieten, machte der Bundesausschuß Leistungssport (BAL) mobil. Der BAL, nach Einschätzung seines Leitenden Direktors für "die Produktion von Leistung verantwortlich", sorgte dafür, daß das Weiterbestehen des FKS im Einigungsvertrag festgeschrieben wurde.
Die westdeutschen Medaillenzähler hatte in der DDR vor allem die strenge Hierarchie fasziniert, in der die Wissenschaft dem Sport untergeordnet war. Um die bewährte Struktur und die autoritätshörigen Professoren zu retten, akzeptierten sie jedes noch so durchsichtige Manöver der alten Garde. Als Schuster und Lehnert klar wurde, daß sie aufgrund ihrer Vergangenheit nicht zu halten sein würden, bauten sie ihren Nachfolger auf ("Wir brauchen einen, der mit den Wessis saufen kann") und tarnten den Schachzug als "Wiedergutmachung" an einem Stasi-Opfer.
Harold Tünnemann war 1979 wegen Hochverrats zu eineinhalb Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt worden. Die Stasi hatte in seiner Wohnung Unterlagen gefunden, die nicht aus dem FKS mitgenommen werden durften. Tünnemann führte fortan nur noch untergeordnete Arbeiten aus.
Schuster betrieb die Rehabilitation persönlich. Obwohl Tünnemanns Habilitationsschrift, so Kollegen, nur in Fragmenten vorlag, wurde der Ringer-Experte im Schnellverfahren zum Professor gemacht. Im Mai 1990 wurde er Schusters Nachfolger als Institutsdirektor.
Doch Tünnemann erwies sich zur Überraschung vieler schnell als gelehriger Schüler der alten SED-Kader. Die Begründung für die Abhängigkeit steht in jetzt aufgetauchten Geheimakten: Auch Tünnemann war von Anfang an in die Dopingforschung involviert. Als am 16. Januar 1975 erstmals über Anabolika beraten wurde, saß er ebenso am Tisch wie bei einem "Anwenderseminar" am 14. März 1978, als über exakte Dosierungen für Ringer und die Depressionen eines anabolikagefütterten Judoka gesprochen wurde.
An den alten Strukturen des FKS änderte Tünnemann sowenig wie möglich. Schuster und Lehnert gingen weiterhin ein und aus. Der neue Mann versprach sogar ausdrücklich, bei wichtigen Entscheidungen um Rat zu fragen. Als eine Reduzierung um 230 Stellen anstand, mußten denn auch vor allem jüngere und kritischere Mitarbeiter gehen.
Die Trainingswissenschaftlerin Marianne Fiedler von der Demokratisierungsgruppe wandte sich schließlich an den Sportausschuß des Bundestages, weil sie sich "Kräften ausgeliefert" sah, die sie "zu isolieren, zu diffamieren und sogar herauszudrängen" versuchten.
In einem "offenen Brief", der an Stasi-Methoden erinnerte, kritisierte daraufhin der zweite Vorsitzende des neu gegründeten IAT-Trägervereins, der Hanauer Sportfunktionär Martin Engelhardt, "das Profilierungsstreben einzelner Personen" und diskreditierte die Volleyball-Expertin mit falschen Angaben als "belastete Person".
Die Unverfrorenheit, mit der Andersdenkende eingeschüchtert werden, kommt nicht von ungefähr. Die Leipziger Chargen dürfen sicher sein, daß altes Gedankengut gefragt ist wie nie. Belastete Wissenschaftler waren auf West-Kongressen umschmeichelte Gäste. Selbst der Mephisto des DDR-Sports, Manfred Ewald, der als ZK-Mitglied alle Pervertierungen des Staatssports befohlen hatte (siehe Seite 233), wurde weiter im Westen hofiert.
Ewald, der jede Verantwortung leugnet, weil er alle Akten vernichtet meint und an eine andauernde Einschüchterung seiner ehemaligen Mitarbeiter glaubt, war im letzten Jahr Ehrengast bei der Olympiaparty des Nationalen Olympischen Komitees. Dessen Präsident Willi Daume verschaffte dem Sportdiktator anschließend eine Audienz bei Juan Antonio Samaranch, dem Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees. Auch der für den Sport verantwortliche Ministerialdirektor im Innenministerium, Erich Schaible, mochte auf Erfolgsrezepte aus erster Hand nicht verzichten: Er bat Ewald zu einem vertraulichen Informationsaustausch nach Bonn.
So rekrutierten denn auch die neuen westdeutschen Herren die Führungskräfte für das Leipziger Institut, wie es Ewald nicht besser hätte anordnen können. Die ersten Personalvorschläge machte noch Schuster, dann äußerten die von Wessis dominierten Sportverbände ihre Wünsche, schließlich legte eine Berufungskommission eine Liste vor. Die Integritätskommission unter Vorsitz des Kölner Professors Horst de Marees erhob bei fünf Berufungen Einspruch - über die sich der BAL aber locker hinwegsetzte. Nicht einmal eine Überprüfung bei der Gauck-Behörde, mit der alle Mitarbeiter einverstanden waren, wurde abgewartet.
So wurden neben Tünnemann noch weitere Wissenschaftler, die schriftlich jede frühere Verstrickung geleugnet hatten, gezielt in Führungspositionen am IAT gehievt. Fünf von ihnen, das beweisen bei der Vernichtung übersehene Dokumente, waren am systematischen DDR-Doping beteiligt: *___Professor Jürgen Krug wird Leiter der Fachgruppe ____Technik, obwohl er zu den Mitwissern der ersten Stunde ____gehört. Schon am 25. November 1978 referierte er über ____"Lernexperimente im Turmspringen", die einen ____"signifikanten Qualitätszuwachs von 19 auf 39 Prozent" ____durch Anabolika ergeben hätten. *___Professor Gottfried Stark, der am Aufbau der ____Dopingabteilung beteiligt war und bereits 1975 ____Menschenversuche an Studenten vorschlug, ist künftig ____für die Trainingsmethodik zuständig. *___Professor Georg Neumann wurde in die Fachgruppe ____Leistungsphysiologie berufen. Dort kann er seine ____Erfahrung einbringen, die er am 9. März 1977 bei einer ____"Kontrollberatung" zu Protokoll gab: Anabolikagaben ____hätten sich bei Skilangläuferinnen in der Kombination ____mit Vitaminen und kohlenhydratreicher _(* Mit dem Staatsratsvorsitzenden Erich ) _(Honecker bei der "VI. Kinder- und ) _(Jugendspartakiade" 1977 in Leipzig. ) Kost als "besonders günstig erwiesen". *___Professor Manfred Reiß, künftig stellvertretender ____Leiter in der Fachgruppe Ausdauer I, qualifizierte sich ____als Dopingexperte derart, daß er am 9. August 1988 zum ____Gutachter berufen wurde, als sein Kollege Thomas Ferkl ____eine Promotionsarbeit über die Anabolikawirkung im ____"Mittel-, Langstrecken- und Marathonlauf" vorlegte. *___Dr. Gudrun Fröhner arbeitet künftig in der Fachgruppe ____Leistungsphysiologie, obwohl sie als Verbandsärztin im ____Turnen jahrelang Dopingmittel eingesetzt hat. Noch am ____16. August 1988 quittierte sie den Empfang von ____Lysin-Vasopressin. Das Nervenmittel wurde als ____gehirnaktivierendes Nasenspray genutzt.
Die Zweifel der Integritätskommission hatten auch die Sportpolitiker aller Bonner Parteien auf den Plan gerufen. Der Vorsitzende des Sportausschusses, Ferdi Tillmann (CDU), wollte vor Auszahlung der Steuergelder sichergehen, daß die "personelle Besetzung Gewähr für demokratisch legitimiertes Handeln bietet". Der SPD-Abgeordnete Wilhelm Schmidt weigerte sich, daran mitzuwirken, daß die "ganze DDR-Maschinerie eingekauft wird". Der Sportausschuß sperrte deshalb die Subventionen.
Doch während die Abgeordneten einer flammenden Anti-Doping-Rede von Innenminister Rudolf Seiters lauschten, forcierten die Bürokraten vor der Tür den Gang der Dinge. BAL-Direktor Manfred Löcken, der für die Westdeutschen in Leipzig als Aufpasser fungiert, erklärte dem Bonner Ministerialrat Peter Busse die Dringlichkeit der IAT-Arbeitsaufnahme so: "Die Verbände wollen diese Leute haben, wir brauchen sie." Deshalb gebe es nur eins: "Kopf runter und durch." Dann forderte Löcken die erste Abschlagszahlung - wenig später ging das Geld in Leipzig ein.
So nimmt vom nächsten Montag an eine Forschungstruppe die Arbeit auf, wie sie sich die westdeutschen Sportfunktionäre immer erträumt haben: streng erfolgsorientiert und in der Spitze bedingungslos befehlstreu.
Für ein paar Mark Schweigeprämie akzeptierten sie klaglos, daß sie ihre wissenschaftlichen Ergebnisse nicht publizieren durften. Viel heftiger reagierten sie, wenn sie sich wirklich benachteiligt fühlten. So war der Institutsfriede ernsthaft in Gefahr, als Direktor Schuster seinen Untergebenen von den Olympischen Winterspielen 1976 in Innsbruck eine hübsch verpackte Enzianflasche mit passenden Gläsern mitbrachte, die Beschenkten aber feststellen mußten, daß ihr Chef die Flasche schon ausgetrunken hatte.
Das so ramponierte Selbstwertgefühl kam erst wieder ins Lot, als ein Jahr später der Staatsratsvorsitzende Erich Honecker die Wunderlabors besuchte. Beim Rundgang bat die Leibärztin, die Honecker Tag und Nacht diente, einige der Leistungs-Wissenschaftler vertraulich um Hilfe: Ob man nicht etwas habe, was auch dem ersten Mann im Staate richtig auf die Sprünge helfen könne?
Als am 4. Oktober vergangenen Jahres Beamte der Landesregierung Sachsen das Institut inspizierten, fanden sie noch Dopingmittel im Werte von rund einer halben Million Mark.
Die Medaillenproduktion, haben die kritischen Geister im Institut längst resigniert, werde in Leipzig immer noch "als Kampfauftrag" verstanden, lediglich der Auftraggeber habe gewechselt: "Die politischen Zwänge wurden durch ökonomischen Druck ausgetauscht."
Die Forscher dürfen sich tatsächlich wieder wie in alten Tagen fühlen. Um die interne Diskussion über die Vergangenheitsbewältigung zu stoppen, verordnete Löcken allen Institutsmitgliedern einen Maulkorb und verbot Medienkontakte. Und Scharfmacher Engelhardt verlangte, auch künftig möglichst wenig zu publizieren. Wie bisher sei "Geheimforschung erwünscht". o
* Mit dem Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker bei der "VI. Kinder- und Jugendspartakiade" 1977 in Leipzig.

DER SPIEGEL 11/1992
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