01.02.1993

Talk-ShowsGehen ist Gold

In das ausgelaugte Genre Talk-Show kommt Bewegung. Immer öfter verlassen Teilnehmer eine Quasselrunde noch während der Sendung.
Die RTL-Talk-Show "Der heiße Stuhl" näherte sich dem unappetitlichen Nebensinn ihres Titels. "Gebt's doch zu", forderte der österreichische Oberkritiker Günther Nenning in einem Streit um die Wahrheit des Volkstheaters seine Gegenüber auf, "daß ihr auch bloß oan Scheiß macht."
Der Stammtisch-Sound, beim heißen Stuhl nichts Ungewöhnliches, ging dem Kölner Regisseur Walter Bockmayer, Schöpfer von TV-Gemütsheldinnen ("Sissi - Beuteljahre einer Kaiserin"), entschieden auf den Nerv. Mitten in der Sendung setzte er Nenning einen im Publikum ergatterten Tirolerhut auf und trollte sich.
Schon tags zuvor hatten die Zuschauer am Premierenabend des neuen Nachrichtenkanals Vox sehen können, wie sich ein Talk-Gast mit Grausen wendet. "Schlagabtausch" heißt die Vox-Kreation und soll, wie Moderator Hanjo Seißler zu Beginn der Sendung verkündete, "beweisen, daß die Deutschen nicht nur essen und trinken, sondern auch eine hohe Kultur des Streitens haben können".
Doch beim "Herausjucken der Argumente" (Seißler) erwies sich der Vox-Mann, der schon mal als Beschimpfer der Münchner ("Schaumschläger, Trickbetrüger, Sackschlitzer") hervorgetreten ist (SPIEGEL 15/1988), als unfähig, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Politiker seien geltungssüchtige, geldgierige Alkoholiker, außerstande, ein Problem zu lösen, bekamen der SPD-Bundestagsabgeordnete Freimut Duve und dessen CSU-Kollege Erich Riedl von ihm zu hören - so lange, bis dem Bayern beim Thema Asyl der Kragen platzte. Riedl zieh den hilflosen Moderator der Parteilichkeit und zog sich zurück: "Ich wünsche Ihnen eine angenehme Sendung."
Gehen ist Gold - diese Handlungsmaxime setzt sich bei genervten Talk-Teilnehmern nicht nur dann durch, wenn Blech geredet wird. Der Abgang ist als ultimatives Kommunikationsmittel programmiert, seit die Macher in den Sendern das ausgelaugte Gesprächsgenre zur Raubtiernummer hochzüchten.
Krawalliere wie Olaf Kracht und Ulrich Meyer hetzen in Sendungen wie "Heißer Stuhl" oder "Einspruch!" Gesprächspartner und ein aufgestacheltes Studio-Publikum aufeinander, als habe eine Diskussion Biß, wenn die Teilnehmer dem Redenden schon nach dem ersten Viertelsatz ins Wort stürzen.
Die Theatralisierung der Gesprächskultur befördert nonverbale Strategien. Der bühnenreife Abgang ist längst nicht mehr nur unheimlich starker Effekt im Repertoire mental randständiger Figuren wie Klaus Kinski oder der Dichterin Karin Struck, die ihr Eintreten für ungeborenes Leben dadurch bekräftigte, daß sie vor Verlassen der Szene Frauenministerin Angela Merkel mit einem Mikrofon bewarf.
Auch ernstzunehmende Zeitgenossen wie der junge Bonner CDU-Abgeordnete Stefan Schwarz wählen den spektakulären Abtritt. Anfang Januar marschierte er aus der Sat-1-Sendung "Einspruch!" zum Thema jugoslawischer Bürgerkrieg, "weil ich ein Mensch mit Selbstwertgefühl bin".
Schwarz hatte es nicht gepaßt, daß serbenfreundliche Stimmen aus dem Publikum die erschütternden Schilderungen einer von Serben vergewaltigten Bosnierin mit Hohn und Spott begleitet hatten.
Auch das Kalkül von Programmgestaltern, es erzeuge Reiz, wenn man Menschen miteinander konfrontiere, die sich besonders fremd sind, erhöht die Absetzbereitschaft der Kontrahenten. Als während der NDR-Talk-Show "Visavis" die grüne Rebellin Jutta Ditfurth und der Titelhändler Konsul Weyer ohne Moderator in den Ring geschickt wurden, ging das nicht gut. Erst nörgelte der Schönling an Ditfurths Outfit: "Ich würde nie weiße Schuhe oder Turnschuhe tragen", dann wurde er auch noch politisch.
Da war die linke Öko-Frau das Gelaber des schönen Konsuls leid: "Sie reden einfach unendlich viel Stuß, geballten Mist." Sprach's und ging.
Ganz besonderes Geschick mit dem Stilmittel Abgang bewies im September letzten Jahres Margarethe Schreinemakers. Sie lud den Frauenkritiker Joachim H. Bürger (SPIEGEL 47/1990) in ihre Sat-1-Show - und ließ den verdutzten Obermacho gleich wieder von zwei starken Leibwächterinnen hinauswerfen. Schreinemakers mißfiel die Absahnerei des bis dato 52fachen Talk-Show-Touristen: "Er ist das typische Beispiel dafür, wie man aus Scheiße Geld machen kann."
Daß Talk-Gäste immer heftiger durch freiwilligen Abgang auffallen, liegt nach Ansicht von Programmachern womöglich an der immer noch wachsenden Vielzahl von Rede-Shows auf immer mehr Kanälen und dem ständigen Auftreten immer gleicher Gäste. "Die müssen ja vorher gehen", sagt ein WDR-Mann, "damit sie pünktlich zum nächsten Sender kommen."

DER SPIEGEL 5/1993
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