16.03.1992

GeheimdiensteDie Gussen kommen

Spähen Ex-Spione Erich Mielkes jetzt für die Geheimdienste der GUS-Staaten?
Zum Finale gab es Wodka und Kaviar: Mit drei Ladas waren im Frühjahr 1990 die Spitzen der Ost-Berliner Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) zum Abschiedsbesuch beim sowjetischen Bruderdienst KGB in Karlshorst angerückt.
Feierlich wünschte Moskaus Oberresident, Generalmajor Anatolij Nowikow, den HVA-Mannen Lebewohl - "viel Glück in dieser schwierigen Zeit". Westliche Geheimdienst-Experten sind sicher, daß der rührselige Treff der Tschekisten kein Abschied für immer war.
Zwar ist die HVA längst aufgelöst und das KGB nach dem Moskauer Putsch im Zwangsumbau. Doch Profis beider Seiten kooperieren womöglich unverdrossen weiter.
"Wir wissen, daß neben den Unterlagen, die dem KGB übergeben wurden, auch Mitarbeiter übernommen wurden", behauptet Eckart Werthebach, Leiter des Kölner Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV). Der Sowjet-Geheimdienstler Leonid Schebarschin, letzter Chef der KGB-Auslandsaufklärung, hingegen beharrt im SPIEGEL-Interview darauf, er habe nach der Wende in Ost-Berlin "befohlen, keine MfS-Mitarbeiter oder deren Agenten zu übernehmen" (siehe Seite 128).
Fest steht, daß das KGB auf dem Gebiet der einstigen Sowjetunion keineswegs ein Vakuum hinterlassen hat. In Moskau wurde die "Erste Hauptverwaltung" im Dezember als russischer Auslandsspionagedienst mit 15 000 Beschäftigten etabliert. Ungeschmälert agiert noch der Militärnachrichtendienst GRU in Deutschland; Verfassungsschützer drängen auf Abbau einer jüngst im Ostteil Berlins aufgemachten GRU-Funkstelle.
Derweil bauen auch die neuen Staaten der GUS, etwa die Ukraine, eigene Dienste auf, teils nach dem Organisationsschema des KGB und auch mit dessen alten Kämpen. Die GUS-Länder werden, vermuten westliche Experten, auch im Ausland spionieren. Bonns Abwehr müsse sich daher auf ein neues Szenario einstellen: "Die Gussen kommen."
Zweckprognosen von westlichen Geheimdienstlern, die seit dem Niedergang des roten Reiches um ihre Existenzberechtigung fürchten?
Einige Indizien sprechen für die westliche Annahme, daß möglicherweise an die 350 Spitzenagenten der Stasi für Spitzeldienste im östlichen Auftrag ausersehen sind: *___Offiziere des ehemaligen KGB haben nach Erkenntnissen ____deutscher Abwehrstellen ** Peter Richter/Klaus Rösler: "Wolfs West- _(Spione". Elefanten Press, Berlin; 192 ) _(Seiten; 24,80 Mark. * KGB-Generale ) _(Alexander Sacharowski, Wladimir ) _(Semitschastny, MfS-Chef Erich Mielke, ) _(HVA-Chef Markus Wolf. ) einer großen Zahl von früheren MfS-Zuträgern eine künftige Mitarbeit angeboten. *___Ein GRU-Offizier wurde bei dem Versuch, in ____Sachsen-Anhalt einen ehemaligen Volkspolizisten ____anzuwerben, im November festgenommen. *___Deutsche Abhörstellen registrieren im Agentenfunk aus ____Deutschland-Ost zunehmend Signale mit herabgesetztem ____Übermittlungstempo, die sie als "Schulungsfunk" für ____Novizen in Moskauer Diensten interpretieren.
Noch im November 1989 hatte eine HVA-Weisung zur "Konservierung" sowie zur "langfristigen Sicherung der Funktionsfähigkeit" der durch die Wende heimatlos gewordenen Spitzenspione aufgerufen. Obwohl die MfS-Führung offiziell verfügt hatte, daß die Spione abzuschalten und alle Geheimakten zu vernichten seien, wurde der Befehl in der Ost-Berliner MfS-Zentrale wie in den Bezirksstellen offenbar nur teilweise vollzogen.
Neben einer unbekannten Menge eigenmächtig in den Osten transferierter Spionageunterlagen aus Berlin verfügt Moskau nach wie vor über alle Deutschland betreffenden Fakten aus der einst von den Warschauer-Pakt-Staaten gemeinsam betriebenen Geheimdienstdatei "Soud". Vergebens hat sich die Berliner Gauck-Behörde um Rückführung bemüht. Es geht um gewaltige Datenbestände: Die eifrigen Ostdeutschen hatten Soud zu rund 25 Prozent mit ihrem Material aufgefüllt.
Die Übernahme von Spionen aus Beständen der aufgelösten HVA gilt unter Praktikern als Vabanquespiel: "Jede übergebene Quelle war wenigstens einem halben Dutzend ehemaliger DDR-Aufklärer bekannt", ließen frühere HVA-Offiziere in einem jüngst erschienenen "Insider-Report"** wissen. So wurde die versuchte KGB-Anwerbung des mutmaßlichen Rüstungsspions Anton Steppan sofort publik, weil der in den Deal eingeschaltete ehemalige HVA-Führungsoffizier prompt den Verfassungsschutz informierte.
Die in Jasenewo bei Moskau residierende Auslandsspionage Rußlands ging nach Expertenurteil denn auch mit "zögernder Haltung" an die Sichtung der versprengten HVA-Veteranen.
Andererseits bemühen sich neuerdings auch Geheimdienstler der übrigen GUS-Staaten, in Deutschland "Boden unter die Füße zu bekommen", wie Verfassungsschützer beobachteten: Mangels Botschaften, Handelszentren und sonstiger als "legale Residenturen" bevorzugten Einrichtungen sind sie fürs erste auf den Markt angewiesen.
Auch die Moskauer Zentrale kann kaum auf Werbung unter den damaligen Leuten des einstigen Stasi-Ministers Erich Mielke verzichten. Denn im deutschen Operationsgebiet arbeitete das KGB weitgehend gestützt auf Zuarbeit und Datenschatz der deutschen Freunde - man könne "fast von einer Abhängigkeit des KGB vom MfS sprechen", urteilt das Bundesamt für Verfassungsschutz in einer soeben erstellten geheimen Expertise.
Wie unbeholfen die sowjetischen Freunde ohne deutsche Zulieferung dastanden, belegt eine Episode aus den Tagen nach Erstürmung der MfS-Zentrale durch Bürgerrechtler im Januar 1990: Moskauer Auswerter protestierten gegen den Abriß des Informationsflusses und mahnten Telefon-Abhörprotokolle aufgrund der Vereinbarung "Mineral III" an.
Die Verquickung mit den "Freunden" und dem "KfS" (Komitee für Sicherheit), wie die KGB-Brüder wechselweise amtlich genannt wurden, war Herzenssache im Hause Mielke, wo bereits im Vestibül eine Bronzestatue von Felix Dserschinsky, dem polnischen Gründer des KGB-Vorläufers Tscheka, stand.
Wenn an Jubiläumstagen der Minister den Toast auf die Gäste ausbrachte ("Die ruhmreichen Tschekisten - sie leben hoch, hoch, hoch!"), trat sogar das im Hausbrauch verankerte Alkoholverbot außer Kraft.
Die Kooperation zwischen beiden Diensten war zuweilen enger, als es selbst dem Minister paßte: HVA-Gründer Markus Wolf hatte dafür gesorgt, daß die Freunde - ohne Mielkes Wissen - "von allen beschafften Aufklärungsmaterialien eine Ausfertigung erhielten", wie ein Ex-HVA-Mann dem Kölner Bundesamt belegte.
Die Ost-Berliner Spionageabteilung half den sowjetischen Kollegen von Fall zu Fall sogar mit "Auffanglegenden": Festgenommene KGB-Leute durften sich vor ihren westdeutschen Vernehmern als HVA-Spione ausgeben, wenn Moskau es wieder mal für angezeigt hielt, "der Gegenseite keinen Anlaß zu antisowjetischer Propaganda" zu liefern. Das war um so leichter, als viele KGB-Offiziere, die in der Bundesrepublik operierten, auch ihre falschen Papiere von der HVA erhalten hatten.
"Unter Hintanstellung eigener Interessen", so glaubt jetzt das Kölner Bundesamt, habe die HVA den sowjetischen Nachrichtendienstlern in Deutschland "etwa 80 Prozent ihres Informationsaufkommens" erarbeitet.
Nur selten wurden den KGBlern Klarnamen oder auch nur Originaldokumente jener Quellen zugänglich, die von der HVA in Amtshilfe angezapft worden sind. Gleichwohl konnten die Sowjets "die operativen Positionen der HVA mit verhältnismäßig hoher Genauigkeit bestimmen", heißt es in der BfV-Expertise.
Die Autoren des Kölner Amtspapiers sagen voraus, daß viele untergetauchte MfS-Spione, die jetzt noch auf die Verschwiegenheit ihrer ehemaligen Führungsoffiziere bauen, über kurz oder lang mit Erpressung und "Zwangsreaktivierung" durch russische Anwerber zu rechnen haben.
Für bislang nicht enttarnte Agenten, die da glaubten, daß nach Vernichtung der Akten ihr Spionage-Job endgültig überstanden sei, werde es, so das BfV-Papier, noch "ein böses Erwachen geben". o
** Peter Richter/Klaus Rösler: "Wolfs West-Spione". Elefanten Press, Berlin; 192 Seiten; 24,80 Mark. * KGB-Generale Alexander Sacharowski, Wladimir Semitschastny, MfS-Chef Erich Mielke, HVA-Chef Markus Wolf.

DER SPIEGEL 12/1992
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