22.02.1993

KriminalitätSoko Samurai

Mit brutaler Gewalt machen neuerdings Vietnamesen-Banden Ostdeutschland unsicher.
In der Tagesschau kam der Sprecher gerade zum Wetterbericht, als es im Apartment 402 in der Havemannstraße 34 am Eingang klopfte. Arglos öffneten die Bewohner in dem Plattenbau-Wohnheim in Berlin-Marzahn die Tür.
Ruckzuck drangen zehn bis an die Zähne bewaffnete Männer in die Wohnung ein. Mit Samurai-Schwertern, Eisenstangen, Keulen und Messern richteten sie unter den vier Bewohnern ein Blutbad an.
Die Opfer waren Vietnamesen, die Täter auch. Fünf Minuten nach dem Gemetzel im vierten Stock schoß das Killerkommando auf einem benachbarten Parkplatz aus einer sowjetischen Makarow-Pistole auf Trinh Anh Tuan, 28. Der brach vor seinem Mercedes 190 zusammen und starb wenig später im Krankenhaus.
Tuan galt bei der Kripo als Kopf einer Zigarettenschmugglerbande, ein Komplize wurde bei dem Überfall angeschossen. Doch bei der Polizei meldete sich der Verletzte nicht.
Im deutschen Osten tobt ein Krieg unter vietnamesischen Gangs, das Berliner Massaker vom Dezember vorigen _(* Nach dem Überfall in Marzahn im ) _(vorigen Dezember. ) Jahres ist ein besonders krasses Beispiel. Polizisten und Staatsanwälte müssen sich in den neuen Ländern und der Hauptstadt mit einer neuen Tätergruppe der organisierten Kriminalität befassen: Nach Italo-Banden, Jugoslawen-Gangs und chinesischen Triaden tritt jetzt die "gelbe Mafia", so der Polizeijargon, zum Raubzug an.
Allein in Sachsen-Anhalt registrierten die Ermittler seit November 1991 insgesamt 16 Verbrechen, bei denen Vietnamesen Landsleute überfielen, ausraubten oder massakrierten.
Mitglieder einer vietnamesischen Bande hackten vorigen Monat in Halberstadt am Harz einem Zigarettenhändler mit einem Samuraischwert die Hände ab. In der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt wurde vor vier Wochen ein Vietnamese von Killern erschossen, ein anderer lebensgefährlich verletzt. Auch im brandenburgischen Nauen ermordeten Landsleute einen 35 Jahre alten Vietnamesen.
Anfang Februar fielen in Berlin den Kriminellen gleich zwei Vietnamesen zum Opfer. Eine 30 Jahre alte mutmaßliche Zigarettenhändlerin wurde in Kopf und Bauch geschossen, einem 37 Jahre alten ehemaligen vietnamesischen DDR-Vertragsarbeiter mit einem Kurzschwert fast der Arm amputiert. Jürgen Albrecht, 43, Abteilungsleiter im Landeskriminalamt (LKA) Brandenburg, bescheinigt den Tätern eine "beachtliche Brutalität, die wir so noch nicht erlebt haben".
Bereits im November trafen sich Fahnder aus den östlichen Landeskriminalämtern und dem Wiesbadener Bundeskriminalamt zum gemeinsamen Ratschlag in Magdeburg. Thema der Tagung: die Vietnam-Connection.
Doch nach wie vor werkeln die Ermittler einsam vor sich hin. So fahndet in Thüringen eine "Soko Samurai" nach den Killern, in Berlin forscht die "Soko Tabak", in Sachsen ermittelt die "Soko Blauer Dunst". Der notwendige Austausch von Informationen unter solchen Sonderkommissionen ist zäh. "Genau hier", fordert der Chef des LKA Sachsen-Anhalt, Volker Limburg, 43, "muß endlich Bewegung hineinkommen."
Denn die Vietnamesen-Gangs, so sieht es aus, organisieren sich von Tag zu Tag besser. Oft laufen die Überfälle nach dem gleichen Strickmuster ab.
Vier bis zehn Täter verschaffen sich unter einer Legende Zutritt zu den Wohnungen ihrer Landsleute. "Die Opfer", referiert der erfahrene Fahnder Limburg, "werden in Todesangst versetzt, Enthauptungen werden angedroht und sogar Scheinhinrichtungen durchgeführt."
Die Banditen suchen gezielt nach Bargeld, Reisepässen und Elektronikgeräten. Oft kommt dabei stattliche Beute zusammen. In Dresden raubten die Gangster einem vietnamesischen Ehepaar 67 000 Mark und 1200 US-Dollar, in Sachsen-Anhalt kassierte die Truppe bei mehreren Überfällen mehr als 125 000 Mark und 20 000 US-Dollar.
Die Überfallenen sind fast alle in illegalem Zigarettenhandel verstrickt. Das erklärt, warum sie sich nach den Raubüberfällen so gut wie nie an die Polizei wenden - sie wollen sich nicht selbst belasten. "Die Opfer erzählen selber nichts", sagt Barbara Schunke, Sprecherin der Dresdner Polizei.
Von ehemals 60 000 Vietnamesen, die bis zur Wende alte Vietcong-Schulden als Vertragsarbeiter in der DDR abarbeiten mußten, leben heute noch rund 18 000 in den neuen Ländern und Berlin. Nach der Wende verloren nahezu alle ihre Jobs, über eine Arbeitserlaubnis verfügen nur noch wenige.
"Die meisten ehemaligen Vertragsarbeiter", sagt ein Zollfahnder, "leben heute vom Zigarettenschmuggel." Diese Erkenntnis nutzt auch die Samurai-Bande, deren Mitglieder nun ihre Landsleute im neuen Deutschland ausnehmen. Die Methoden sind rabiat: Schutzgelderpressung, Raubüberfälle, Mord.
Zum Zeitpunkt des Überfalls sitzen die Opfer meist schon auf ihren Koffern, der Rückflug nach Hanoi steht nur kurz bevor. All das, was den Heimkehrern das Leben in der tristen sozialistischen Heimat erleichtern soll - Geld, Computer, Hi-Fi-Anlagen -, wird ihnen geraubt.
Auffällig ist, daß die Überfallkommandos immer wissen, wo es was zu holen gibt, und daß sie sogar über die Rückflugdaten ihrer Opfer informiert sind.
Da die ehemaligen Vertragsarbeiter den Zeitpunkt ihrer Abreise der Ost-Berliner Dependance der vietnamesischen Botschaft melden müssen, hat die Polizei einen schweren Verdacht. "Da muß es Querverbindungen zu der Samurai-Bande geben", mutmaßt ein Thüringer LKA-Mann.
Hinweise haben die Ermittler auch auf einen schwunghaften Handel mit Aufenthaltsgenehmigungen und falschen Pässen. "Die schweren Jungs mit viel Geld haben die meisten Chancen, sich einen legalen Aufenthaltsstatus zu erkaufen", sagt die Mitarbeiterin eines Vietnamesen-Wohnheims. Eine Aufenthaltsgenehmigung kostet auf dem Schwarzmarkt 30 000 Mark. Die Fahnder ermitteln inzwischen, ob Ausländerbehörden in Deutschland-Ost und die vietnamesische Botschaft in die Geschäfte verwickelt sind.
Unter den Vietnamesen in den ostdeutschen Wohnheimen herrscht mittlerweile panische Angst. Wie brutal das Milieu reagiert, zeigt ein Fall aus Berlin. Dort vertraute ein Vietnamese sein Insider-Wissen einer Zeitung an. Seitdem ist er samt Familie spurlos verschwunden.
* Nach dem Überfall in Marzahn im vorigen Dezember.

DER SPIEGEL 8/1993
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