22.02.1993

„Alle Scharmützel im Kasten“

Die Fernsehware Fußball schadet dem Original: Die Übertragungen werden wie Unterhaltungs-Shows inszeniert, der Bezug zur Realität geht verloren. Die Kameras in den Stadien bringen die Profis in Bedrängnis. Weil jedes Foul zum Medienspektakel wird, drohen den Spielern Sperren, auch wenn der Schiedsrichter nicht gepfiffen hat.
In höchster Not griff Heiko Laessig zum Äußersten. Mit einem kräftigen Grapscher ins Gemächte seines Gegenspielers stoppte der Fußballprofi von Bayer Uerdingen den davoneilenden Kontrahenten. Auch der Dortmunder Stephane Chapuisat packte bei einem Zweikampf blitzschnell zu.
Die Gekniffenen sanken schreiend zu Boden. Die Schiedsrichter hatten die Attacken auf den Unterleib nicht gesehen. Doch dann machte das Fernsehen die Grapscher zu TV-Stars: Die Griffe an den Hosenlatz wurden auf allen Kanälen gezeigt, live, in Zeitlupen-Wiederholung und auch in Super-Zeitlupe.
Die Kommentare schwankten zwischen Männer-Spott und geheuchelter Sorge um die Sauberkeit des Fußballs - _(* Am 13. November 1992 gegen den Bremer ) _(Rune Bratseth. ) prompt trat das Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) zum Bilderstudium zusammen. Laessig wurde für sechs Wochen gesperrt, bei Chapuisat fehlte den Richtern die letzte "Sicherheit" für einen Schuldspruch.
Durch den "Überschiedsrichter Fernsehen", argwöhnt Laessigs Rechtsanwalt Christoph Schickhardt nach dem Urteil, würden "Manipulationen Tür und Tor geöffnet". Auch Dortmunds Trainer Ottmar Hitzfeld fühlt sich schon als Fernsehopfer: "Wir sind der Willkür der Journalisten ausgesetzt."
Der Fußball-Bundesliga fällt es schwer, sich auf das neue Fernsehzeitalter einzustellen. Zwar kassieren die Manager der Vereine gern die 122 Millionen Mark, die im laufenden Spieljahr durch den Verkauf der Senderechte verteilt werden können. Doch die Folgen des Wandels vom schlichten Fußballspiel hin zur totalen Fernseh-Show empfinden Trainer wie Spieler inzwischen als lästiges Übel.
Einst genügten drei Kameras für eine Übertragung; der Zuschauer vor dem Bildschirm sah nicht viel mehr als der Besucher im Stadion - eben Fußball wie aus dem richtigen Leben.
Seit Beginn der Saison 1992/93 erfassen aber mindestens neun Elektronen-Augen unbarmherzig jede Regung auf dem Spielfeld. "Wir wollen alle kleinen Scharmützel im Kasten haben", postuliert Sat-1-Sportchef Reinhold Beckmann, 37, seinen Anspruch. Die so gewonnene dreifache Bildermenge wird dann immer wieder neu komponiert: Mal werden die Fouls aneinandergereiht - mehr als jeder Schiedsrichter gesehen hat; mal werden Trainergesten gesendet - was den Mythos vom großen Zampano festigt; mal werden die Versager vorgeführt - den Fans im Stadion blieben die Szenen der Unbeholfenheit meist verborgen.
In der Neu-Zeit des Reality-TV machen die Fußball-Dokumentationen offenbar, was bisher verborgen blieb. Das sportliche Ereignis, folgert der Medienkritiker Dietrich Leder, werde auf ein "Halbprodukt reduziert". Ohne die Fernsehästhetik sei der Rohling Fußball "heute bedeutungslos und deshalb inexistent". Die Verwandlung des Stadions in ein TV-Studio macht dem Zuschauer bewußt: Die Wiedergabe des Spiels auf dem Fernsehschirm ist viel besser als das Original.
Um die in Show-Dimensionen gestiegenen Gagen wieder einzuspielen, wird gesendet wie nie. Mit Saisonbeginn stieg die Übertragungsdauer gegenüber dem gleichen Zeitraum im Vorjahr um 300 Prozent. Durchschnittlich werden jedes Wochenende über zehn Stunden Bundesliga-Fußball gezeigt (siehe Grafik Seite 192).
"Nirgendwo", so Josef Hackforth, Leiter des Instituts für Publizistik an der Sporthochschule Köln, werde heute die amerikanische Metapher des "more of the same" deutlicher als im Fußball. Die Herstellung der Bilder wirkt wie der Versuch, aus den immergleichen Produktionsteilen des VW Golf ein buntes Kleinwagensortiment zu fertigen.
Jede Anstalt schneidet sich ein Spiel so zusammen, wie sie es braucht. Der Abonnementsender Premiere hat sich auf die qualitativ hochwertige Live-Übertragung spezialisiert. Die abgedrängte ARD konzentriert sich in ihren Regionalprogrammen auf lokale Fußballereignisse, das ZDF präsentiert am Samstagabend die Nachlese.
Weil trotz des Bilderbooms die Zuschauerzahlen im Vergleich zum Vorjahr nahezu stagnieren, sieht sich Branchenführer Sat 1 für seine Sendung "ran" in der Pflicht, sich stets "etwas ganz Besonderes einfallen zu lassen" (Beckmann).
So wurde der Blickwinkel verändert. Der Schütze des Eckballs interessiert nicht mehr, die Objektive werden nun im Zoom auf die Spielertrauben im Strafraum gefahren - dorthin, wo gerempelt und getreten wird. Den Kameras, verlangt Beckmann, soll "keine fragwürdige Szene mehr entgehen".
Technischer Schnickschnack erzeugt zudem eine Pseudo-Modernität, die oft nur Faktenhuberei ist - etwa wenn Computer Laufwege von Trainern, Schiedsrichtern oder Spielern vermessen.
Beim Berliner Hallenturnier wurden von Premiere sogar Herzfrequenz und Laktatwert der Akteure ermittelt. Für die am vergangenen Wochenende gestartete Bundesliga-Rückrunde führte der Abo-Sender einen "Telefinger" ein. Mit einem elektronischen Stift können jetzt Kommentatoren wie Franz Beckenbauer auf dem Bildschirm taktische Spielzüge erklären, Fehler aufzeigen und einen aussichtsreicheren Lauf des Balles demonstrieren.
Nächster Schritt ist die Verbesserung des Tons. Der "Zuschauer im Wohnzimmer", so Holger Timmreck, der Sport-Producer von Premiere, soll dann auch noch "richtig guten Stadion-Sound" erleben.
Konkurrent Beckmann, dem "Ideen für neue Spielereien oft im Kino kommen", will demnächst Bilder aus der Vogelperspektive zeigen. Die Kamera muß dafür mittels Seilzug zwischen den Tribünendächern aufgehängt werden. Vorbild ist hier das Eishockey, das bereits von 13 Kameras überwacht wird - eine steckt sogar im Helm des Torwarts.
So hechelt die Fußball-Berichterstattung von einem vorgeblichen Höhepunkt zum nächsten. Doch nicht alle möchten mehr mitspielen, wenn, wie es Fernsehmoderator Roger Willemsen sieht, die Spannung dramaturgisch aufgebaut wird durch die "drohende Zerstörung des Körpers durch Bruch, Riß, Gehirntrauma oder offene Wunde".
Man könne auf dem Platz "keinen Huster mehr tun", schimpft Dortmunds Stürmer Frank Mill über die Spitzel mit der Kamera. Selbst Ko-Kommentator Beckenbauer beklagt inzwischen die "totale Überwachung" auf dem Spielfeld. "Die Sucht nach Sensation", meint der Rekord-Nationalspieler, sei nicht nur "unappetitlich", sie nehme den Spielern auch noch "ihre Würde".
Die Spieler müssen fürchten, wie ihr Kollege Michael Frontzeck öffentlich als Gewalttäter bloßgestellt zu werden. "Direkt vor der Linse" seiner Zeitlupenkamera, schwärmt Premiere-Mann Timmreck, habe der Stuttgarter Profi zu einem Kopfstoß gegen den Münchner Lothar Matthäus angesetzt. "Sperrt diesen Rambo", forderte Bild nach Ansicht der "Horror-Szene".
Uerdingens Trainer Friedhelm Funkel, der bei seinen Kickern mangelnde Aggressivität beklagt, macht dafür bereits den großen Bruder Fernsehen verantwortlich: Sie hätten schlicht "Angst vor Sperren".
Diese Form der Enthaltsamkeit mag der DFB-Trainerausbilder Bernd Stöber allerdings nicht negativ sehen. Durch die ständige Kameraüberwachung sei "die Befürchtung brutaler Ausuferungen" im harten Fußballgeschäft "eindeutig" zurückgegangen.
Die Schere im Kopf der Spieler reicht bereits über das Spielende hinaus. Mit dem Argument, "man müsse sich erst die Fernsehbilder anschauen", entziehen sie sich besonders dann jeglicher Kommentare, wenn sie sich zuvor durch geschickte Schauspielereinlagen ("Schwalben") Vorteile erschwindelt haben.
Auch die Verbandsfunktionäre haben sich der Macht des Fernsehens unterworfen. Was bei anderen Sportarten noch in den Anfängen steckt (siehe Grafik Seite 188), ist beim Fußball, der TV-Sportart Nummer eins, bereits weit gediehen. Seine Hauptdarsteller, sagt selbstbewußt RTL-Chefredakteur Dieter Lesche, "sind vom Fernsehen abhängig".
Auf der Suche nach Sensationen, mehr Tempo und mehr Toren arbeitet der Fußball-Weltverband verstärkt an Regeländerungen. So sollen verletzte Spieler nicht mehr auf dem Rasen behandelt werden; rund um das Spielfeld sollen Bälle auf Reklameständern deponiert werden, um bei Einwürfen Zeit zu sparen; Eckstöße sollen zur Erhöhung der Dramatik von der Strafraumgrenze aus getreten werden.
"Weil Unterhaltungs- und Informationsbereich identisch werden" (Hackforth), geht die kritische Distanz der Medien zu ihren Objekten verloren. Programmplaner und Sportjournalisten, warnt der ARD-Forschungsdienst, gerieten in die "Abhängigkeit von den Bedingungen einer optimalen Vermarktung".
Die Pflege der Fußball-Landschaft wird bereits ganz ungeniert betrieben. Sportrechte-Makler Axel Meyer-Wölden lockte den DFB zum Vertragsabschluß, indem er versprach, Sat 1 werde den Fußball "besser als bisher ins Bild bringen". Von den Fernsehleuten forderte er, den "Kontakt zu den Vereinen zu pflegen".
Das Geschäft zum gegenseitigen Nutzen kann sich sehen lassen. Die Klubs unterstützen den Sender auch bei den albernsten Gags, die Fernsehmacher rücken die Sponsoren besser und länger ins Bild. Das Karlsruher Institut für Medienanalysen ermittelte im Auftrag des SPIEGEL, daß die Signets der Trikotwerber bei "ran" zwischen 30 und 70 Prozent länger zu sehen sind als zu öffentlich-rechtlichen "Sportschau"-Zeiten. Auch die Bandenwerber dürfen sich über erhebliche Zuwachsraten bei der Bildschirmpräsenz freuen (siehe Grafik).
Für die Brauerei Holsten, die mit 14 Millionen Mark das meiste Werbegeld in den Fußball steckt, ist "ran" ein "Riesenerfolg". Nach nur drei Monaten, frohlockt Marketingleiter Werner Reineke im Fachblatt Sponsor-News, sei der Bekanntheitsgrad der Biermarke von 50 auf 65 Prozent gestiegen.
Die zufriedenen Sponsoren zahlen bereitwillig und dreifach: für die Trikotreklame und die Bandenwerbung an die Klubs, für zusätzliche TV-Spots an den Sender. Irritationen werden schnell begradigt. Als Moderator Beckmann in einem Anflug journalistischer Glaubwürdigkeit den als Litfaßsäule zum Interview angetretenen Schalker Trainer Udo Lattek ironisch anging ("Warum so bunt?"), wurde das "Mißverständnis" anschließend in einem Vier-Augen-Gespräch geklärt.
Es finden sich immer neue Vermarktungsmöglichkeiten. Da die Profis bei Hallenturnieren bereits ganz legal Doppelpaß mit den Werbebanden spielen, hat die Ufa, ein Tochterunternehmen des Mediengiganten Bertelsmann, einen Sondervertrag mit Bayern München abgeschlossen. Der Bundesliga-Tabellenführer tritt fortan nur bei Turnieren an, für die die Ufa mit ihren Beteiligungen RTL und Premiere die Senderechte besitzt. Die Agentur beteiligte sich im Gegenzug finanziell an der Heimholung des nach Italien abgewanderten Mittelfeldstrategen Lothar Matthäus.
So gerät auch in Deutschland das Balltretergewerbe immer stärker unter den Einfluß der Kommunikationskonzerne. Anderswo ist man schon weiter. Der französische Abonnementssender Canal Plus kaufte sich beim Erstligaverein Paris St. Germain ein. In Italien besitzt Silvio Berlusconi, der größte Fernsehmulti des Landes, den Fußballmeister AC Mailand. Dem Ortsrivalen Inter finanzierte er den Einkauf der Holländer Bergkamp und Jonk mit und sicherte sich im Gegenzug Übertragungsrechte. Sportwissenschaftler Hackforth sieht überall das gleiche Szenario voraus: "In Zukunft werden die Medienkonzerne eigene Ligen gründen."
[Grafiktext]
_188_ Wie Sportarten fürs Fernsehen verändert werden
_189_ Wie Sportarten fürs Fernsehen verändert werden
_192_ Vgl. von Fernsehübertragungen d. 1. Fußballbundesliga
_____ / Letzte beiden Jahre
_____ Werbung pro zehn Minuten Übertragungszeit
[GrafiktextEnde]
* Am 13. November 1992 gegen den Bremer Rune Bratseth.

DER SPIEGEL 8/1993
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