20.04.1992

„Wir hatten sie im Griff“

Oberkirchenrat Helmut Zeddies, früher stellvertretender Sekretär beim DDR-Kirchenbund, war geschockt. "Ich habe die ganze Nacht nicht schlafen können", klagte der Kirchenmann.
Um seine Träume gebracht hatte den Oberkirchenrat die Enttarnung eines Pfarrers als Stasi-Mitarbeiter in der Fernsehsendung "Kontraste". Der Chefredakteur der Mecklenburgischen Kirchenzeitung, Jürgen Kapiske, so enthüllten die TV-Leute, habe fast 17 Jahre lang als Maulwurf des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) die evangelische Kirche der DDR untergraben.
Kapiske galt seit über 20 Jahren als vertrauenswürdiger Pfarrer und Kirchenjournalist, der zu DDR-Zeiten überall dabei war und von seiner Kirche sogar in den Westen geschickt wurde: zum Weltkirchenrat nach Genf oder _(* Am 11. Juni 1989 in Greifswald. ) zum Lutherischen Weltbund nach Wien und Budapest. In den letzten Monaten tat sich Chefredakteur Kapiske besonders eifernd in der Debatte um die Inoffiziellen Mitarbeiter (IM) des MfS hervor. Er wetterte in seinem Blatt gegen die "Diffamierungskampagne" der Medien und die "mörderischen Kampagnen gegen Einzelpersonen".
Angst vor der eigenen Enttarnung? Kapiske, Stasi-Deckname IM "Walter", hat für seinen wahren Arbeitgeber mehr als 3000 Seiten Spitzelberichte verfaßt, die meisten handschriftlich, über seine Kirche und seine Mitbrüder, über westliche Journalisten und ostdeutsche Dissidenten. Dafür bekam er nicht nur Geld von der Stasi, sondern auch einen Orden vom obersten Chef Erich Mielke.
Die öffentliche Enttarnung des Gottesdieners Kapiske vor Millionen Fernsehzuschauern, jammerte Oberkirchenrat Zeddies, "hat der Kirche geschadet wie kein anderer Fall".
Zeddies und seinen Mitbrüdern dürften noch viele schlaflose Nächte bevorstehen, wenn erst das ganze Ausmaß der Verstrickung von Kirche und Stasi ans Licht kommt: Mehr als 3000 von den 40 000 bis 50 000 Angestellten der evangelischen Kirche in der DDR standen nach Kontraste-Recherchen im Stasi-Sold - vom Kraftfahrer bis zum Bischof.
Selbst offenbart hat sich bislang kaum einer von ihnen. IM "Walter" wurde nur zufällig in den Akten seiner Opfer geortet. Die wenigen Pfarrer und Kirchenleute, die ihre Stasi-Kontakte zugeben, verklären sie meist.
Ein Theologie-Professor aus Halle traf sich mit der Stasi, um diese von seinen Studenten fernzuhalten. Der Kirchenlehrer (Deckname "Professor Baum") beteuert: "Die Gespräche drehten sich ausschließlich um die Bewertung bekannter Gegebenheiten."
Studentenpfarrer Detlef Haupt aus Erfurt führte über Jahrzehnte heimliche Gespräche, "weil ich glaubte, damit etwas zum Überwinden der Konfrontation zwischen Staat und Kirche tun zu können". Zum Beispiel habe er "Fehlurteile der Stasi" über kirchliche Basisgruppen korrigieren wollen. Der Erfurter Propst Heino Falcke, bei der Stasi wegen seiner Regimekritik auf der schwarzen Liste, erfuhr jedoch aus seiner Opferakte, daß Studentenpfarrer Haupt ganz im Sinne der Stasi "den Differenzierungsprozeß in der Propstei Erfurt" - in klardeutsch: die Zersetzung der Gemeinde - tatkräftig gefördert hat.
Die Alt-Bischöfe Horst Gienke (Greifswald) und Ingo Braecklein (Erfurt), in den Stasi-Akten als IM "Orion" und IM "Ingo" geführt, weisen bisher nur halbherzig zurück, sie seien für das MfS tätig gewesen. Die Mitglieder kirchlicher Untersuchungsausschüsse, die in manchen Landeskirchen die Stasi-Verstrickungen von Kirchenleuten aufzuhellen suchen, beklagen, "daß von den Amtsträgern praktisch nichts kommt". Der Berliner Kirchenhistoriker Erhard Neubert - einst in der Theologischen Studienabteilung des DDR-Kirchenbundes tätig - sieht Kontinuität: Die große Scheu der Kirchenleitungen vor Öffentlichkeit, so Neubert, habe früher der Konspiration mit der Stasi Vorschub geleistet und verhindere jetzt die notwendige Aufklärung.
Neubert glaubt, die Stasi als archaischer und geheimer Männerbund habe auf kirchliche Patriarchen erhebliche Anziehungskraft ausgeübt. Der Stasi waren die Motive der Kirchenleute im Grunde egal. Mielkes Vasallen interessierte lediglich, mit welchen psychologischen Tricks sie am besten an ihre Opfer herankamen.
Für jeden Kontakt entwarfen die Stasi-Offiziere eine Gesprächskonzeption. Denn bei der IM-Werbung ging es nicht um das Rekrutieren militärischer Befehlsempfänger, sondern - gerade in den Kirchen - um Menschen mit Zweifeln, Hoffnungen und Sehnsüchten. Das psychologische Geschick des Führungsoffiziers war für die Bindung wichtiger Kirchenleute ausschlaggebend.
Die Stasi-Psychologen kamen mit der vom Pfarrer bevorzugten Zigarettenmarke ins Pfarrhaus und begannen Gespräche nach dem Motto: "Wir wollen was tun zur Klimaverbesserung. Sie haben doch ständig Probleme in Ihrer Gemeinde, wo Sie beim Rat des Kreises nicht weiterkommen, da ist doch ein direkter Kontakt zu uns viel nützlicher. Lassen Sie uns ab und zu treffen, dann können wir helfen, Konflikte zu lösen."
Anderen Geistlichen näherte sich der Stasi-Versucher als lernwilliger Atheist: "Die neue Kirchenpolitik, Sie verstehen, ich möchte die Kirche kennenlernen, Beratung in theologischen Fragen, die Theologie ist ja komplizierter als der Marxismus, ich will niemandem Unrecht tun, wenn ich da mal was zu bewerten habe."
Für die Werbung kirchlicher Mitarbeiter hatte die Stasi schon früh Sonderrichtlinien erarbeitet - Zeichen für den Stellenwert, den das MfS der Infiltration der Christenheit zumaß. In der Mielke"Richtlinie 1/58" aus dem Jahre 1958 heißt es unter dem Stichwort "Allmähliches Heranziehen zur Mitarbeit": _____" Besonders bei kirchlichen Würdenträgern u.a. ist " _____" durch eine systematische und zielstrebige Zusammenarbeit " _____" zu erreichen, daß das Vertrauen dieser Personen zu den " _____" Organen für Staatssicherheit wächst und das MfS wichtige " _____" und wertvolle Informationen erhält. Durch ständige " _____" ideologische Beeinflussung muß im Endergebnis eine enge " _____" Zusammenarbeit geschaffen werden, so daß in besonderen " _____" Fällen selbst von einer schriftlichen Verpflichtung " _____" abgesehen werden kann, wenn ohne eine schriftliche " _____" Verpflichtung das Ziel besser erreicht wird bzw. durch " _____" die Ergebnisse der Mitarbeit eine unzertrennbare Bindung " _____" erfolgt. "
Ähnlicher Sonderfürsorge erfreuten sich nur noch die ostdeutschen Rechtsanwälte und einzelne Intellektuelle.
Der Verzicht auf die schriftliche Verpflichtung "erklärt" - so ein Offizier der Stasi-Kirchenabteilung XX/4 -, "daß heute so viele sagen, sie wüßten nicht, ob sie IM waren". Entscheidend für das MfS sei gewesen, "ob jemand wußte, daß er da konspirative Kontakte zur Stasi unterhielt, wozu schon ein gewisser Grad der Vertraulichkeit zählte".
Mit der Konspiration hatten die Stasi-Zuträger aus der Christenheit meist kaum Probleme. Denn ebenso wie die Stasi waren viele Kirchenfunktionäre aus innerer Überzeugung daran interessiert, gesellschaftliche Konflikte unter dem Deckel zu halten, um Unruhe im Land zu vermeiden.
Die Kirchen-IM bemerkten mitunter nicht einmal, wie sie "instruiert" wurden. "Das geschah oft schon einfach dadurch, daß man ihnen eine bestimmte Information gab", sagt ein Führungsoffizier, "denn ich gehe ja mit einem Informationsvolumen auf den Mann zu, das der nicht hat. Hör zu, sage ich, nächste Woche läuft es wahrscheinlich so und so auf der Synode. Du vertrittst doch auch die Meinung, daß . . .? So hat man sich eben Gruppen in der Kirche aufgebaut und Einfluß genommen."
Die Stasi plante ihre strategischen Einsätze in der Kirche weit voraus. Standen Entscheidungen in den Landeskirchen oder auf der Synode an, dem obersten Gremium der DDR-Kirche, machte die örtliche Stasi über ihre IM Stimmung in den Gemeindegruppen und Gemeindekirchenräten. Gleichzeitig mobilisierte die Stasi-Zentrale ihre IM in den wichtigsten kirchlichen Gremien auf allen Leitungsebenen.
Noch heute schwärmen die Stasi-Offiziere der XX/4 davon, wie sie die evangelische Bundessynode 1974 gesteuert haben. In jenem Jahr, in dem die DDR 25 Jahre alt wurde, gelang es dem MfS erstmals, die Kirche zu einem klaren Bekenntnis zur DDR zu bringen - ein Meilenstein auf dem Weg zur vier Jahre später propagierten Formel "Kirche im Sozialismus". Daß die Mielke-Helfer nicht aufschneiden, belegen zahlreiche Partei-, Stasi- und Kirchendokumente.
SED-Chef Erich Honecker hatte den Kampfauftrag an das MfS bereits ein Jahr zuvor formuliert. Es müsse gewährleistet werden, heißt es in einem Papier der "Arbeitsgruppe Kirchenfragen" beim SED-Zentralkomitee vom Oktober 1973, daß "eine grundsätzliche Erklärung des Kirchenbundes aus Anlaß des 25. Jahrestages angestrebt wird, in der die Politik der DDR zum Wohle des Menschen bejaht und unterstützt und zur Entwicklung unseres Staates positiv Stellung genommen wird".
Eine Woche vor dem 25. Jahrestag im Oktober 1974 sollte die Bundessynode in Potsdam tagen. Durch Stasi-Zuträger hatte die SED bereits im Frühjahr erfahren, daß "erneut Angriffe gegen unser sozialistisches Bildungssystem zu erwarten sind". Pfarrer planten, meldeten mehrere IM, wegen der massiven Benachteiligung christlicher Schüler Eingaben an die SED-Führung. Die "Arbeitsgruppe Kirchenfragen" der SED schrieb daraufhin an die Stasi: "Würde es gelingen, die Leitung des Kirchenbundes zur Abgabe einer positiven Grundsatzerklärung zu bringen, würden ihr Ausfälle gegen unseren Staat auf der Bundessynode fast unmöglich gemacht."
Generalstabsmäßig organisierte die Stasi-Hauptabteilung XX/4 die Vorgabe der Partei. Den IM wurde fortan bei jedem Treff der Gedanke einer "notwendigen kirchlichen Anerkennung der DDR" nahegebracht. Auf den Frühjahrssynoden einiger Landeskirchen setzten inoffizielle Stasi-Mitarbeiter unter den Synodalen den Slogan bereits erfolgreich in Beschlüsse um.
Die entscheidende Stütze für das MfS aber waren ihre Inoffiziellen Mitarbeiter unter den Bischöfen und in der Konferenz der Kirchenleitungen, dem obersten Führungszirkel des DDR-Kirchenbundes, die bei Sitzungen und Tagungen das DDR-Jubiläum thematisierten. Der IM "Ingo" wurde, laut Stasi-Akten, bei mehreren Treffs vom damaligen Chef der HA XX/4, Oberstleutnant Franz Sgraja, "instruiert". Parallel dazu forderten Führungsoffiziere Dutzende Oberkirchenräte, Kirchenreferenten und Kirchenjuristen in der ganzen DDR auf, in allen Landeskirchen für Zustimmung zum DDR-Jubeltag zu sorgen.
Die SED sicherte auf offizieller Ebene das Unternehmen ab. Anläßlich des Geburtstages des DDR-Staatsratsvorsitzenden Willi Stoph am 9. Juli 1974 empfing die SED-Spitze erstmals Vertreter des Kirchenbundes und suggerierte "Entspannung im Staat/Kirche-Verhältnis", wie der Berliner Bischof Albrecht Schönherr, der Leiter des Kirchenbundsekretariats Manfred Stolpe und der thüringische Landesbischof Ingo Braecklein anschließend verkündeten.
Wenige Wochen später legte der Staatssekretär für Kirchenfragen, Hans Seigewasser, den Bischöfen Schönherr und Braecklein offiziell ein Hirtenwort zum DDR-Jubiläum nahe.
Die Doppelstrategie aus konspirativem und amtlichem Druck zeigte Wirkung. Auf einer internen Besprechung der evangelischen Landesbischöfe sprachen sich die Bischöfe Breacklein, Gienke, Schönherr und der Dessauische Kirchenobere Eberhard Natho für ein Jubelwort aus. Dagegen waren nur noch drei: die Bischöfe Werner Krusche (Magdeburg), Johannes Hempel (Dresden) und Hans Joachim Fränkel (Görlitz). Von der Besprechung, an der nur Bischöfe teilnahmen, finden sich in den Stasi-Akten detaillierte Schilderungen.
Bei der Sitzung der Konferenz der Kirchenleitungen kurz danach, am 12. und 13. Juli 1974, fehlen die von der Stasi als "negativ" eingestuften Bischöfe zufällig - wegen Urlaubs. Die Oberhirten Schönherr und Gienke, Sekretariatschef Stolpe und der thüringische Bischofs-Vertreter Oberkirchenrat Gerhard Lotz (Eisenach) setzen durch, daß ein Entwurf für ein "Wort der Kirche zum 25. DDR-Jahrestag" erarbeitet wird.
Der Eisenacher Kirchenjurist Lotz - Deckname IM "Karl" - war nach Aktenlage für die Stasi ein wichtiger Mann: Lotz traf sich in jenen Tagen laut Unterlagen mehrfach mit seinem Führungsoffizier, Hauptmann Klaus Roßberg, und lieferte dem eigens aus Berlin zum Treffen in Thüringen angereisten Stasi-Offizier Interna aus dem innersten Führungskreis der Protestanten, Sitzungsprotokolle und Arbeitspapiere inklusive.
Ihr Einfluß auf die Konferenz der Evangelischen Kirchenleitungen (KKL) reichte der Stasi aber noch längst nicht. Die Hauptabteilung XX/4 wollte ebenso verhindern, daß die Bundessynode eine Woche vor dem DDR-Jahrestag die DDR-Volksbildung kritisierte, was vor allem Bischof Fränkel beabsichtigte. _(* Im Februar 1983 in der Dresdner ) _(Hofkirche. )
In einem "Maßnahmeplan" legte die XX/4 eine konzertierte Aktion ihrer IM fest, um einen genehmen Duktus des Synodenberichts der Konferenz der Kirchenleitungen, wichtigstes Dokument der Kirchenversammlung, zu gewährleisten: In Eisenach, Dresden und Schwerin wurden neun Kirchen-IM auf die jeweils von einem Bischof verantworteten Hauptteile des Synodenberichts angesetzt. Es handelte sich um IM "Forell", Berliner Oberkonsistorialrat; IM "Schütz", mecklenburgischer Kirchenrat; IM "Jurist", leitender Kirchenbundjurist; IM "Prinz", Oberkirchenrat in der Kirchenkanzlei der Evangelischen Kirche der Union; IM "Zwinger", Oberkirchenrat; IM "Dietrich", leitender Kirchenmitarbeiter, sowie um die IM "Ingo" (Bischof Braecklein), "Karl" (Oberkirchenrat Lotz) und "Sekretär".
Als "Sekretär" führte die XX/4 den damaligen Leiter des Kirchenbundsekretariats und späteren Konsistorialpräsidenten von Berlin-Brandenburg Manfred Stolpe.
Die Aufgabe der neun laut Maßnahmeplan: ständige Information der Stasi und detaillierte Einflußnahme auf die Vorbereitung der Tagung sowie weitere Isolierung der "negativen" Kräfte.
Die Kirchenabteilung XX/4 inszenierte einen regelrechten Countdown bis zur Synode:
Vier Wochen vor Beginn der Tagung zitiert die XX/4 die für die Kirchen zuständigen hauptamtlichen Stasi-Mitarbeiter aus den Bezirken, die "über einsatzfähige IM verfügen", zur "politischoperativen Orientierung" nach Berlin. Ansichten und Stimmung eines jeden Bischofs werden erörtert, die Kräfteverhältnisse auf der Synode analysiert, die Aufgaben einzelner IM festgelegt.
Damit die Inoffiziellen, die auf der Synode zum Einsatz kommen, "optimale Ergebnisse" bringen, beschließt die Leitung der XX/4, auch deren Führungsoffiziere zur Betreuung nach Potsdam zu delegieren.
Zwei Wochen vor Beginn der Synode tagt auch die KKL noch einmal. Inzwischen ist die Ausarbeitung der Erklärung zum DDR-Jubiläum Bischof Braecklein und seinem Vertreter Oberkirchenrat Lotz übertragen worden.
Über deren Textentwurf kommt es zu heftigen Kontroversen mit den "negativen" Bischöfen Krusche, Fränkel und Hempel. Sie stoßen sich an Formulierungen wie "menschlichere Normen des Zusammenlebens", "Realität der sozialistischen Gesellschaftsordnung bejahend annehmen" oder "freudige Bejahung der Existenz als Kirchen in der DDR". Die drei Bischöfe lehnen solche Formulierungen als "Verfälschung von Tatsachen" ab und fordern statt dessen, die Synode müsse zum Jubiläum "die Behinderung christlicher Menschen" in der DDR anprangern. Doch Krusche, Fränkel und Hempel dringen nicht durch.
Die KKL - fast ein Drittel der Anwesenden sind bei der Stasi als IM registriert - beschließt vielmehr ein Grußtelegramm an Erich Honecker zum 25. Staatsjubiläum, eine Fürbitte für den Staat DDR von allen Kanzeln zu verlesen "zum bevorstehenden Tag der Republik" und die Einarbeitung der Glückwünsche ans Regime in den zentralen Synodenbericht.
Die Stasi hat gewonnen. Doch sie will mehr.
Als zwei Wochen später die ersten Synodalen aus allen Landeskirchen am späten Freitag vormittag zur Andacht anreisen, ist die Einsatzgruppe der XX/4 schon längst vor Ort. Ihr Ziel: Die Repräsentanten der evangelischen Christenheit in der DDR sollen ein noch klareres Bekenntnis zum sozialistischen Staat verabschieden.
Zur Stasi-Schattensynode gehören insgesamt 25 Geheimdienstler aus allen DDR-Bezirken; sie beziehen Quartier in einem Stasi-Objekt in unmittelbarer Nähe der Tagungsstätte in Potsdam-Hermannswerder.
An alles ist gedacht: Verpflegung, Übernachtung, Sekretärin, Auswerter, Fahrer, Kuriere, Nachrichtenverbindungen zur Zentrale.
Während die christlichen Synodalen noch beim Namensaufruf sind, führt die Schattensynode bereits ihre fünfte operative Beratung durch.Täglich - parallel zum Plenum der Synode - gibt es eine zentrale Zusammenkunft.
Die Genossen sind bestens vorbereitet: Jeder MfS-Mann kennt alle Personen auf der Synode, die Entwürfe für Reden und Beschlüsse liegen vor, ebenso Dutzende von Stimmungsberichten aus den Landeskirchen sowie Interna aus Vier-Augen-Gesprächen der Bischöfe und anderer Kirchenfunktionäre.
Die Herren sind rund um die Uhr auf Trab für das MfS - unterstützt von Offizieren im besonderen Einsatz, die als Abgesandte des Staatssekretariats für Kirchenfragen offiziell die Synode beehren.
Besonders erfolgreich verlief nach Aktenlage "die Beeinflussung" des Kirchenbundsvorsitzenden Bischof Schönherr "über ausgewählte IM". Zwei IM ("Forell" und der Theologieprofessor "Fritz") hatten im Vorfeld im Stasi-Auftrag die Gründe der "labilen Haltung Schönherrs gegenüber dem negativen Bischof Fränkel" zu ergründen versucht. Offenbar mit Erfolg. Denn anschließend gelang es laut Stasi-Akten den IM "Orion" und "Wilhelm", Schönherr gegen Fränkel einzunehmen.
Einen ähnlichen Auftrag bekamen auch andere IM: In Pausengesprächen und beim Plausch am Abend sollten sie eine "Anti-Fränkel-Stimmung erzeugen", um den Bischof weiter zu isolieren. Über Fränkels Pläne, die Synode zu harscher Kritik am DDR-Bildungswesen zu bewegen, war die XX/4 da schon bestens informiert - durch IM "Stein", einen engen Mitarbeiter des Görlitzer Bischofs.
Zwischen Synode und Stasi-Schattensynode herrschte rege Kommunikation. Einige IM wählten eine bestimmte Telefonnummer und gaben ihre Berichte durch, andere hinterlegten Papiere und handschriftliche Notizen an abgesprochenen Orten, wieder andere sprachen ihre Berichte auf Tonband oder trafen sich zum "Gedankenaustausch" nachts um drei mit ihrem Führungsoffizier.
Jeder vierte der 80 Delegierten auf der Kirchensynode wird in den Stasi-Akten als IM geführt. Akribisch vermerken die MfS-Offiziere insgesamt 123 Kontakte mit ihren IM-Klienten. Kein Wunder, daß am Sonntagabend die Beteiligung am Kulturprogramm der Synode zu wünschen übrig läßt: Es zieht eben nicht alle zur "Zauberflöte" ins Potsdamer Schloßtheater.
Oberkonsistorialrat "Forell" sorgt dafür, daß die anderen IM unter seinen Glaubensbrüdern die Informationen aus dem wichtigsten Synodenausschuß schneller bekommen als die anderen. IM "Forell" beschafft auch sofort nach Fertigstellung den Synodenbericht der Konferenz der Kirchenleitungen. Der Stasi-Einsatzstab auf der Schattensynode kann noch vor den Synodalen das Dokument lesen und seine IM für die Diskussion instruieren.
Die Debatte verläuft denn auch zur Zufriedenheit des MfS. Der zentrale Synodenbericht enthält ausführliche positive Würdigungen zum 25. Jahrestag der DDR, wie sie schon im Entwurf von "Ingo" und "Karl" enthalten waren, und das bis dahin deutlichste Bekenntnis der Protestanten zum SED-Regime: _____" Viel ist in den vergangenen 25 Jahren erreicht worden " _____" . . . Große Bemühungen gelten und galten den Menschen . . " _____" . Dieser Tag (ist) ein Höhepunkt des politischen und " _____" gesellschaftlichen Lebens . . . Wir sehen in unserem " _____" Staat den Ort, an dem wir . . . arbeiten wollen. "
Das SED-Zentralorgan Neues Deutschland jubelt am nächsten Tag: "Synode des Evangelischen Kirchenbundes bekennt sich zur DDR."
Die zur Synode 1974 entwickelte Stasi-Strategie wurde in den nächsten Jahren immer weiter verfeinert. Die Stasi-Synodalen hatten stets ein doppeltes Tagungsprogramm: Sie nutzten Anreise, Abreise, Sitzungspausen, die späten Abende oder frühen Morgenstunden zur Kontaktaufnahme mit ihren Führungsoffizieren. Decktelefone und Deckadressen dienten ebenso der Kommunikation wie die Hotels, in denen die Kirchen-IM der Einfachheit halber mitunter direkt neben ihrem Führungsoffizier untergebracht wurden.
Die Stasi stellte sich flexibel auf die jeweilige Kirchentagung ein. Bei der Generalsynode der Lutheraner 1975 waren nur sieben IM im Einsatz. Auf der Tagung, so hatte die Stasi recherchiert, war keine politische Kursdebatte zu erwarten. Zur Bundessynode 1981 in Güstrow setzte XX/4 insgesamt 17 IM und 16 Führungsoffiziere mit "ständiger Treffdurchführung" ein. Wieder mal erfolgreich. Die Stasi-Akten vermelden, es sei dem MfS gelungen, die Friedensdiskussion auf der Tagung zu "versachlichen".
Zur Stasi-Arbeit auf der Bundessynode ein Jahr später in Halle, bei der es um von der SED verbotene Friedenssymbole wie den Aufnäher "Schwerter zu Pflugscharen" und um die Haltung der Kirche zu den "Friedensdekaden" kirchennaher Oppositionsgruppen ging, vermerkt die XX/4 in einer "politischoperativen Einschätzung": _____" Politisch-realistisch leitende kirchliche Amtsträger " _____" (Bischof Gienke, Direktor Petzold, Oberkirchenrätin " _____" Lewek, Konsistorialpräsident Stolpe, Kirchenpräsident " _____" Natho) waren im Verlauf der Synodaltagung mehrfach " _____" bemüht, . . . politisch-loyale, zum Teil bisherige " _____" Äußerungen überschreitende und das Verhältnis " _____" Staat/Kirche nicht belastende Aussagen in den " _____" Diskussionen und Beschlüssen der Synode zum Tragen zu " _____" bringen. Dabei wurden sie von politischrealistischen und " _____" loyalen Synodalen (Konsistorialrätin Cynkiewicz/Berlin, " _____" Pfarrer Simon/Zirchow, Professor Dr. Hertzsch/Jena, " _____" Diplom-Geophysiker Semper/Oranienburg, Diplom-Ingenieur " _____" Krause/Berlin) unterstützt. "
Genau das war das Hauptziel aller kirchlichen Wühlarbeit der Stasi. "Dem MfS ging es vor allem um die politische Einflußnahme: um den Inhalt der kirchlichen Synoden-Erklärungen, um die Verhinderung negativer Aussagen in den Texten und Reden, um die Isolation negativer Synodaler, um sämtliche Personal- und andere kirchenpolitischen Entscheidungen", sagt einer der Führungsoffiziere der XX/4.
Und stolz fügt er hinzu: "Wir haben die Kirchen ständig vor uns hergeschoben. In den siebziger Jahren - und auch bis weit in die achtziger Jahre hinein - hatten wir die wichtigsten Synoden im Griff."
* Am 11. Juni 1989 in Greifswald. * Im Februar 1983 in der Dresdner Hofkirche.

DER SPIEGEL 17/1992
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