20.04.1992

Freude am Sex

Prostituierte wehren sich gegen die Doppelmoral des Staates: Wer Steuern zahlt, verlangen sie, muß auch soziale Sicherheit erhalten.
Der Frankfurter Finanzbeamte habe sie süffisant über den Rand der Brille taxiert: "Sie sind hübsch und gesund - 20 Freier die Woche, okay?" Wäre es nicht so entsetzlich erniedrigend gewesen, erzählt Ariane, 28, hätte sie laut gelacht. Der Beamte schien sich in der Szene gut auszukennen.
Ariane arbeitet als Prostituierte. Auf dem nationalen Hurenkongreß ("Berufsprofile und Tätigkeitsanalyse für Prostitution") am vorigen Wochenende in Düsseldorf schilderte sie den 50 Teilnehmerinnen ihre Erfahrung als steuerzahlende Arbeitnehmerin.
Wie bei allen Damen vom Fach wird Arianes Arbeit allein vom Finanzamt anerkannt, das, nach entsprechender Einschätzung, die fälligen Steuern kassiert. Die gesellschaftlichen Gegenleistungen für jeden Steuerzahler, wie die Mitgliedschaft in der Kranken-, Arbeitslosen- und Rentenversicherung, verweigert der Staat dem ältesten Gewerbe der Welt. Denn: Prostitution war, ist und bleibt sittenwidrig.
Zu ersten Zugeständnissen ist Bundesarbeitsminister Norbert Blüm jetzt bereit. Er will künftig das Treiben der Liebesdienerinnen als berufliche Tätigkeit nach Paragraph 42 des Arbeitsförderungsgesetzes anerkennen.
Die konkrete Auswirkung: Huren könnten auf Kosten der Bundesanstalt für Arbeit umschulen, wenn sie die üblichen Bedingungen für Arbeitsförderung erfüllen.
Auf diese Idee ist der Minister nicht freiwillig gekommen. Er befürchtet, daß ein Musterurteil des Berliner Sozialgerichts vom September 1991 trotz Berufung vor dem Landessozialgericht rechtskräftig wird. Die Prostituierte Karo, 27, hatte darauf geklagt, ihre Tätigkeit als "Sex-Arbeiterin" anzuerkennen, weil sie zur Tischlerin umschulen wollte (SPIEGEL 45/1991). Die Umschulung bezahlt die Bundesanstalt für Arbeit (BA) aber nur dann, wenn die Antragstellerin mindestens zwei Jahre sozialbeitragspflichtig gearbeitet hat und eine mehrjährige Tätigkeit "mit auf dem Arbeitsmarkt verwertbaren Kenntnissen" nachweisen kann.
Hure Karo gewann den Prozeß. Die Richter bestätigten, ihre Arbeit habe durchaus eine Funktion in der Gesellschaft.
Im Bonner Arbeitsministerium reagierten die Experten zum Entsetzen der Nürnberger Bundesanstalt wohlwollend. Günther Weinzierl, Referent für Fortbildung und Umschulung bei der BA, will, falls auch das Landessozialgericht der Prostituierten recht gibt, "sicher bis zur letzten Instanz" gehen. Weinzierl: "Prostitution ist nun mal kein Beruf." Der BA geht es ums Prinzip. Hohe Mehrausgaben wären ohnehin nicht zu erwarten, weiß Weinzierl, denn kaum eine Dirne könne zwei Jahre Beitragszahlungen nachweisen.
Karo gilt als Sonderfall, weil sie für diese Zeit an Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen eines Aussteigerinnen-Projekts der Berliner Prostituierten-Selbsthilfeorganisation "Hydra" mitarbeiten konnte.
Trotz der Einwände aus Nürnberg findet Stephanie Klee, Sprecherin von "Hydra", das Urteil "bahnbrechend". Dies sei der erste sichtbare Erfolg des jahrzehntelangen Kampfes der Hurenbewegung um mehr soziale Absicherung.
Dirnen, die wie andere Arbeiterinnen behandelt werden wollen, finden geringe Unterstützung. In Düsseldorf formulierten sie ihre Maximalforderungen: Der Beruf einer Hure müsse in der Bundesanstalt für Arbeit in den Blättern zur Berufskunde ebenso nachzuschlagen sein wie der des Bäckerlehrlings. Mögliche Anforderungen: angenehmes Äußeres; Bereitschaft, auf Menschen einzugehen; Freude an sexuellen Dienstleistungen.
Rund 400 000 Frauen in Westdeutschland gehen auf den Strich, arbeiten in Salons und Hotelzimmern. Wenn jede Frau nur drei Freier empfängt, so nehmen Tag für Tag etwa 1,2 Millionen Männer sexuelle Dienstleistungen in Anspruch. Der geschätzte Jahresumsatz des horizontalen Gewerbes von mehr als zwölf Milliarden Mark erreicht immerhin die Hälfte vom Umsatz des deutschen Brauereigewerbes.
Ausgegeben haben will dieses Geld niemand. Eine "Hydra"-Untersuchung in Berlin ergab, daß beinahe alle Männer auf die Frage antworten, ob sie denn schon mal bei einer Prostituierten waren: "Das war nur einmal und ist schon lange her."
Doppelmoral herrscht auch in Bonn. In den Heile-Familienwelt-Parteien CDU und CSU reizte das Thema bisher nur zu zotigen Witzen. Ein von den Grünen 1990 vorgelegter Gesetzesentwurf gegen die rechtliche Diskriminierung von Prostituierten verschwand mit den Grünen aus dem Bundestag.
Jetzt wird nicht nur im Arbeitsministerium umgedacht. Das Bündnis 90/Grüne erwägt eine Neuauflage des alten Grünen-Gesetzentwurfs im Bundestag, die PDS bot dem Düsseldorfer Hurenkongreß Lobbyhilfe an.
Selbst die Jungen Liberalen wollen bis Ende des Jahres ihrer Partei einen Gesetzesvorschlag unterbreiten. Der Saarbrückener Jung-Liberale Stefan Faßbender will bei freiwilliger Prostitution die Sittenwidrigkeit abschaffen.
Die Berliner Hurengruppe "Hydra" will auf die Politiker nicht mehr warten und schon im Sommer eine Bordell-GmbH gründen. "Dann sind wir unser eigener Arbeitgeber", freut sich Stephanie Klee, "und auch die Bundesanstalt für Arbeit muß uns anerkennen."

DER SPIEGEL 17/1992
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DER SPIEGEL 17/1992
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