27.04.1992

„Deutsche Adresse ohne Problem“

Waffen und Munition aus einstigen Ostblockländern, aus dem untergegangenen deutschen Osten wie aus der alten Bundesrepublik finden derzeit reißenden Absatz im jugoslawischen Bürgerkrieg. Das Kriegsgerät gelangt auf verschlungenen Wegen an die Front. Deutsche Händler verdienen kräftig mit.
Vom Zimmer 615 des Rosebank-Hotels in Johannesburg telefonierte der kanadische Kaufmann Anton Kikas stundenlang rund um den Erdball, zumeist mit Deutschland. Allein siebenmal rief er Anschlüsse in Burgheim bei Ingolstadt an. Das längste Gespräch dauerte 25 Minuten und 30 Sekunden.
Um sicherzugehen, schickte Kikas dem Inhaber der Burgheimer Anschlüsse, Franz Rothkopf, noch ein eiliges Fax: Seine Bank solle sofort der Volkskas Bank Ltd. Pretoria, Südafrika, einen Kredit über 515 000 Dollar bestätigen: "Das ist der einzige Weg, den der Lieferant akzeptiert, um die Ware rauszugeben."
Die Ware, angeblich Ersatzteile für Traktoren, wurde in der Nacht zum 30. August 1991 auf dem Flughafen Mmabatho im südafrikanischen Homeland Bophuthatswana an Bord einer Boeing 707 der Uganda Airlines geladen. Der Frankfurter Kaufmann Gerhard Merz hatte die Maschine für einen Flug nach Ljubljana in Slowenien gechartert.
"Gerhard" bekam per Fax Anweisung, "die notwendigen Vorbereitungen am Zielort zu treffen". In Ljubljana werde ein Zöllner an Bord kommen, aber "es wird überhaupt keine Probleme geben".
Nach einer Zwischenlandung in Entebbe flog die Maschine mit Kikas an Bord Richtung Jugoslawien. Bei Zagreb wurde die Boeing von zwei Kampfflugzeugen der jugoslawischen Volksarmee abgefangen und zur Landung gezwungen. Soldaten umstellten das Flugzeug mit dem Kennzeichen 5X-UCM und beschlagnahmten die 19,2 Tonnen schwere Ladung: 1500 Granaten, mehr als 500 Sturmgewehre und eine Million Schuß Munition, Kaliber 5,56 Millimeter - Nachschub für das kroatische Militär.
Flugpassagier Kikas, Präsident der Vereinigung Kroatischer Geschäftsleute in Toronto, wurde festgenommen. Er gestand, mit Helfern aus England und Deutschland den Deal geplant zu haben. Zentrale für die Operation sei Frankfurt gewesen.
"Ich habe meine Liebe aufs Spiel gesetzt, ich habe das Spiel verloren", notierte der Katholik in ein Tagebuch. "Warum straft mich Gott?"
Wer seine Mitspieler waren, steht nicht in der Kikas-Kladde. Der Burgheimer Kaufmann Rothkopf "weiß von rein gar nichts". Den Namen Kikas kennt er nicht, er hat den Mann nie getroffen, nie mit ihm telefoniert. Er kümmere sich um Maschinenbau, sagt er. Flugzeugbeschaffer Merz stand nach eigenen Angaben mit der Uganda Airlines "seit Herbst 1990 in Verbindung" und hatte natürlich von der tatsächlichen Ladung keinen Schimmer.
Der Staatsanwalt interessiert sich bislang nicht für die beiden deutschen Kaufleute.
Deutschland hat einen guten Ruf bei Waffenschiebern. So nahmen im Sommer vorigen Jahres _(* Auf dem Flughafen Zagreb. ) US-Zollfahnder in Miami vier Männer fest, die Raketen, Gewehre und sonstigen Kriegskram im Wert von zwölf Millionen Dollar nach Kroatien schaffen wollten. Aus abgehörten Gesprächen erfuhren die Ermittler mancherlei über die Fuhre. "Was ist der sicherste Weg?" hatte ein Undercover-Agent gefragt. "Eine deutsche Adresse", hatte einer geantwortet. "Dort gibt es keine Probleme."
Nach der Festnahme blieben die vier stumm. Ehrensache.
So verworren wie im jugoslawischen Bürgerkrieg laufen die Fäden des internationalen Waffenhandels selten. Der Osten ist zu einem riesigen Waffenbasar verkommen. Nichts scheint derzeit unmöglich.
In einem farbigen Prospekt preist die Bonaventure International mit Sitz in London, Monte Carlo und Genf russische T-72 M1-Panzer zum Kauf an. Dieser Kampfwagen mit ausladender Turmfrontpanzerung, nach dem amerikanischen Busenstar auch Dolly Parton genannt, war der Stolz der Sowjetarmee. Hinter der Bonaventure steckt ein deutscher Waffenhändler namens Heinz Pollmann. Als Geschäftszweck gibt seine Firma "Dienstleistungen für die Gruppe im Ausland" an.
Rund 30 neue Waffenfirmen sind allein in der Tschechoslowakei gegründet worden, die meisten haben starke westliche Partner. Waffen werden in der CSFR en gros gehandelt - gestohlenes Gut aus Beständen der Armee und überschüssige Fabrikware.
Manchmal fliegen ein paar Todeshändler auf. Das bayerische Landeskriminalamt nahm Ende letzten Jahres fünf Geschäftsleute fest, die über Prag und Warschau Kriegsmaterial für Kroatien im Wert von 20 Millionen Mark besorgen wollten. Endabnehmer-Bescheinigungen von exotischen Ländern wie Burkina Faso (ehemals Obervolta) hatten sie schon, doch es fehlte für die Jugoslawien-Lieferung über den Umweg Schwarzafrika das nötige Kleingeld.
Nach der Wende im deutschen Osten waren, im Sommer 1990, westdeutsche Kaufleute vor den Kasernen vorgefahren und hatten cash gezahlt: für Hubschrauber, Maschinengewehre, Munition. In einer Art Ameisenverkehr werden die Waffen an die Front geschleppt: Wochenendkämpfer und Todeskrämer lassen den Nachschub nicht abreißen. Nun gehört etwa die einst beim Volkseigenen Betrieb Geräte- und Werkzeugbau in Wiesa produzierte Kalaschnikow, Typ AK-74 - die mit dem Plastekolben - zu den Waffen im Jugoslawien-Krieg.
Selbst das beste DDR-Gewehr, die "Wieger 940" (siehe Kasten), ist nach Jugoslawien gelangt, auf welchen Wegen auch immer. Westliche Waffenhändler sicherten sich frühzeitig das Gerät, das jedem Vergleich mit Sturmgewehren der Nato standhält. Die Bundesregierung, die seit 1982 immerhin Waffenlieferungen im Wert von 2,25 Milliarden Mark an Belgrad genehmigt hat, beteuert wie gewohnt, sie habe "keine Erkenntnisse" - von nichts.
Bei den Scharmützeln in Jugoslawien taucht stets ein Produkt made in Germany auf: die Maschinenpistole MP 5 von der Oberndorfer Waffenfabrik Heckler _(* Mit Maschinenpistolen Typ MP 5 von ) _(Heckler & Koch. ) & Koch, beste deutsche Qualität. Die MP 5 ist nach Ansicht des Stuttgarter Waffenexperten Siegfried Hübner "der Mercedes unter den Maschinenpistolen. Kurz, leicht und sehr handlich, mit überlegener Feuerkraft".
In mehr als 50 Länder hat H & K die MP 5 bereits exportiert und an zwölf Staaten Lizenzen vergeben. Aber die Firma versichert: "Wir haben niemals Waffen nach Jugoslawien geliefert." Daß dort MP-5-Waffen mit deutschen Stempeln sichergestellt wurden, dafür hat H & K eine simple Erklärung: Läufe dieser Gewehre seien, "selbstverständlich mit Ausfuhrgenehmigung", an Partner in England geliefert worden. Diese Gewehrläufe "wurden im Beschußamt Ulm beschossen", zu deutsch: schießend geprüft.
Möglicherweise könnte Ex-Staatssekretär und Ex-Stasi-Oberst Alexander Schalck-Golodkowski das Rätsel um die Jugoslawien-Connection lösen. Im Sommer 1988 erschienen zwei Abgesandte seiner Imes Import-Export GmbH bei der Londoner Spedition Jeppeson Heaton. Ihr Auftrag: Sie sollten en gros Waffen von Heckler & Koch einkaufen.
Das Geschäft, heißt es in einem Imes-Vermerk, werde durch einen westdeutschen Waffenhändler vermittelt, der gegenüber H & K "als Käufer und Weiterverkäufer nach Kolumbien" auftrete.
Es muß sich um eine Menge Kriegszeug gehandelt haben. "Aus betriebsorganisatorischen Gründen", heißt es in dem Imes-Bericht, sei H & K "nicht in der Lage, das bestellte breite Sortiment im vereinbarten Zeitraum zur Verfügung zu stellen".
In den Büroräumen von Alexander Schalck-Golodkowski in Ost-Berlin wurden bei Durchsuchungen nach der Wende eine Reihe MP-5-Maschinenpistolen sowie Pistolen von Heckler & Koch gefunden. Bereits 1990 erwog deshalb die Berliner Staatsanwaltschaft die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens, "da ein genehmigter Export in die Deutsche Demokratische Republik ausgeschlossen sein dürfte".
Als Panzerknacker bewährt sich in Jugoslawien derzeit ein anderes deutsches Produkt: die Anti-Tank-Waffe "Armbrust" vom Ottobrunner Konzern Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB). Auch die Armbrust, Reichweite bis zu 300 Metern, ist über verschlungene Wege weitergereicht worden.
Der Konzern stattete schon in den siebziger Jahren eine belgische Firma, an der MBB 66 Prozent Anteile besitzt, mit Armbrust-Konstruktionsplänen aus. Diese Firma, die Brüsseler European Defence Products, reichte die Armbrust-Lizenz an die Singapore Industries weiter. Deren Manager gelten als sehr verschwiegen.
Die MBB-Leute können wahrheitsgemäß beteuern, "zu keinem Zeitpunkt die Armbrust an Jugoslawien geliefert zu haben". Die Armbrust-Produktion sei überdies 1985 eingestellt worden.
Seltsamer Zufall: Auch im Armbrust-Fall tauchten 1988 Imes-Leute in England auf, bei dem Waffenhändler Robert L. Olivier. Die DDR-Kundschafter baten schlicht, "schnellstens" die Armbrust zu besorgen. Die "Ware muß entweder nach Rostock oder über die DDR-Grenze gebracht werden", vermerkt ein Imes-Bericht. Und: "Er will uns gern diesen Gefallen tun."
Um solche Lieferungen an die richtige Adresse zu bringen, sind stets Vermittler mit guten Kontakten vonnöten. Hervorragende Ost-West-Verbindungen pflegt seit Jahren die Managerin Rita Draxler aus Württemberg.
Früher kaufte Frau Draxler für ein Museum in Sinsheim bei Heilbronn historisches Kriegsgerät in Osteuropa ein, heute handelt sie mit Waren aller Art. In den letzten Monaten residierte sie in Zimmer 415 des Hotels Ananas, Rechte Wienzeile 93-101 im fünften Wiener Gemeindebezirk. In der Lobby hielt sie hof mit Geschäftsleuten und stadtbekannten Schiebern.
Das bayerische Landeskriminalamt und das Kölner Zollkriminalinstitut interessieren sich für ihre Geschäfte. Gemeinsam mit dem Kroaten Marijan Sokolovic soll sie versucht haben, 50 Tonnen polnischer Waffen nach Kroatien zu schleusen.
Die Regierung in Belgrad verdächtigt die Dame zudem, im Frühjahr 1991 mit den Slowenen einen Geheimvertrag über die Lieferung von mehreren Dutzend Panzerabwehrwaffen, Typ Armbrust, geschlossen zu haben.
Die Slowenen dementieren, Frau Draxler dementiert auch. Sie räumt nur generell ein: "Selbstverständlich treibe ich Handel mit Waffen im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten."
Rita Draxler: "Mensch, das kriegt man doch überall angeboten."
* Auf dem Flughafen Zagreb. * Mit Maschinenpistolen Typ MP 5 von Heckler & Koch.

DER SPIEGEL 18/1992
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 18/1992
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Deutsche Adresse ohne Problem“

  • Die Ü50-Mütter: Schwangerschaft statt Menopause
  • Filmstarts: Im Auftrag der Gerechtigkeit
  • Emotionaler Moment im EU-Parlament: Abgeordneter spielt "Ode an die Freude"
  • Seltene Ultraschallaufnahmen: Zwillinge "boxen" im Mutterleib