08.03.1993

BunkerDer Name der Rose

Atombunker fürs politische Spitzenpersonal erscheinen nach dem Zusammenbruch des Ostblocks überflüssig. Viele Politiker sehen das anders.
Mit Filmkameras proben Elite-Soldaten aus dem Osten den Sieg über den Westen. "Herr Ministerpräsident", begrüßen die Eroberer den Gegner höflich, "Sie sind Gefangener der Nationalen Volksarmee." Dann wird der Gefangene betäubt und abtransportiert, Kameramänner der NVA halten die Szene auf Video fest.
So stellte sich die SED-Führung in Ost-Berlin das Ende der Bundesrepublik vor: Der Kanzler und sein Kabinett sowie die Chefs der Landesregierungen werden aus ihren gutgetarnten, über das ganze Land verteilten Führungsbunkern entführt und festgesetzt, die West-Armee ergibt sich.
Das Szenario der "Aktion Faustpfand" stammt aus dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS). Das Drehbuch für den Lehrfilm lieferten die Hauptverwaltung Aufklärung des MfS und die Spionageabteilung der NVA.
In einem mehrere hundert Seiten dicken Wälzer hatten die DDR-Spezialisten alle Details über die streng geheimen Kommandozentralen des Bonner Staates für den Ernstfall zusammengetragen.
Auf einem Übungsgelände beim brandenburgischen Lehnin baute die Stasi einen westdeutschen Führungsbunker nach. Dort trainierten Spezialkommandos den Einsatz hinter den feindlichen Linien. "Wir hatten", berichtet ein Ex-Hauptmann der NVA, "Fotos von den Eingängen, genaue Beschreibungen und grafische Darstellungen vom Aufbau und Inneren der Objekte."
Was in Deutsch-Ost schon lange vor der Wende Hunderten von Offizieren und Spionen geläufig war, wird in Deutsch-West auch heute noch, drei Jahre nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, als top-secret gehandelt. Die Standorte der Krisenzentralen, obwohl vielfach in der Öffentlichkeit bekannt, werden offiziell weiterhin sorgsam getarnt.
In einem vertraulichen Schreiben ("VS - Nur für den Dienstgebrauch") vom 13. Januar teilt Bundesinnenminister Rudolf Seiters seinen Länderkollegen mit, "daß die Bundesregierung entschieden hat, den Ausweichsitz für Verfassungsorgane in der Nähe von Bonn betriebs- und einsatzbereit zu halten, um die Handlungsfähigkeit des Staates in Situationen, die einen Verbleib am Friedenssitz unmöglich machen, zu sichern".
Der Kriegssitz ist teuer. Der Regierungsbunker der Bonner wurde von 1961 bis 1970 für weit über fünf Milliarden Mark in Marienthal bei Ahrweiler unter Weinbergen verbuddelt. Der Atombunker, mehr als 300 Meter tief, bietet über 3000 Regierungsmitarbeitern für mehrere Wochen sicheres Quartier. Die Unterhaltung verschlingt jährlich etwa 40 Millionen Mark.
Unter Berufung auf die Bonner Vorsicht weigern sich bislang mehrere Bundesländer, ihre kostspieligen Unterstände für die Politprominenz offenzulegen oder gar aufzugeben. Die sozialliberale Regierung von Rheinland-Pfalz will ihren Fluchtpunkt bei Alzey zwar schließen, hält Einzelheiten aber noch immer ebenso geheim wie die christsozialen Regenten in Bayern, die ihr bombensicheres Notlager direkt unter der Staatskanzlei angelegt haben.
Millionen von Kinogängern kennen den Kriegssitz der hessischen Landesregierung: Das Kloster Eberbach im Rheingau diente als Kulisse für die Verfilmung von Umberto Ecos Bestseller "Der Name der Rose". Die Hessen halten das Notquartier, zur Zeit als staatliches Weinlager genutzt, dennoch amtlich geheim.
Sorglos dagegen gehen die Schleswig-Holsteiner nicht erst seit dem Ende des Ost-West-Konflikts mit der Sicherheit ihrer Oberen um. Das Land meldete 1987 dem Bundesinnenministerium zwar einen atomsicheren Politbunker. Doch den gibt es in Wahrheit gar nicht.
Im Ernstfall könnten die Landesminister in die Keller der Akademie Sankelmark bei Flensburg und zweier Grundschulen im Kreis Schleswig-Flensburg fliehen. Die Objekte sind laut Prüfbericht des Kieler Innenministeriums jedoch völlig ungeeignet - die Betondecken sind nicht dick genug. Künftig wollen die Norddeutschen wie schon die Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberger gänzlich auf Schutzkeller verzichten.
Die Düsseldorfer Landesregierung hat bereits vor einigen Wochen ihren Bunker in Urft im Eifelkreis Euskirchen zur Besichtigung freigegeben. Die Stuttgarter Regierung spart rund 1,5 Millionen Mark ein, seit sie ihr Krisendomizil in Oberreichenbach bei Calw aufgegeben hat. Den Landtag, der über einen eigenen Bunker für die Volksvertreter verfügt, hat Ministerpräsident Erwin Teufel aufgefordert, seinem guten Beispiel zu folgen.
Negative Bescheide bekommt Seiters auf seine Anfrage, "welche Ausweichsitzplanungen in den neuen Länden bestehen", aus dem deutschen Osten. Die Thüringer etwa haben die alten Bonzenbunker aus SED-Zeiten sofort nach der Einheit den Kommunen zu anderweitiger Nutzung überlassen.
Die Bürger, so das auch in den anderen ostdeutschen Staatskanzleien geläufige Argument, würden es kaum verstehen, wenn die Länder die Trutzburgen der früheren Unterdrücker einfach übernähmen.
Die Stadtväter von Suhl haben für die Festung der alten SED-Herren eine höchst zivile Verwendung gefunden: Der Bunker des ehemaligen DDR-Bezirks dient heute als zeitgeschichtliches Museum.

DER SPIEGEL 10/1993
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