04.05.1992

ÖsterreichWie im Märchen

Eine steirische Gemeinde lockt an, was andere loswerden wollen: Sie macht Dreck zu Gold.
Alle reden vom Müll. Doch niemand tut das so begeistert wie die Bürger der steirischen Gemeinde Frohnleiten unweit der Landeshauptstadt Graz. Die können gar nicht genug von dem Abfall kriegen, der anderswo zum Himmel stinkt und Stadtverwaltungen verzweifeln läßt. Den Frohnleitnern gerät der Dreck der anderen wie weiland dem König Midas zu purem Gold.
Das Müll-Märchen in der grünen Mark begann mit einem Misthaufen im Wald, aus dem sich die modernste Deponie Österreichs entwickelte. Selbst die Grünen rühmen sie als "die technisch beste" und geologisch "am günstigsten" gelegene. Frohnleiten wurde damit binnen weniger Jahre zur reichsten Gemeinde des Landes.
Daß die 7000 Bürger der Marktgemeinde an der Mur wie im Schlaraffenland leben, verdanken sie Bürgermeister Peter Gottlieb, 52. Der Sozialdemokrat machte aus der Müll-Grube in einem abgelegenen Waldkessel, den drei Bauern verpachtet hatten, eine Großdeponie "mit dem derzeit optimalen Stand der Umwelttechnik" (Gottlieb).
Zwar hämten anfangs die Genossen, der Dreck werde seine Karriere jäh beenden; die Opposition zeterte, Frohnleiten wolle nicht zum "Abfallkübel der Steiermark" werden, und forderte eine Volksbefragung. Doch Gottlieb brach allen Widerstand, weil er "immer mit offenen Karten spielte".
Die Gemeindebetriebe Ges.m.b.H., die bislang mehr als 100 Millionen Schilling (15 Millionen Mark) investierte, um die ortseigene Deponie zur sichersten des Landes zu machen, informierte penibel über jeden Schritt des Ausbaus.
Ihre Sicherheitsvorkehrungen eilen den strengen österreichischen Öko-Gesetzen noch voraus. Stützdämme und Abdichtungen, Tiefendrainagen und Umleitungsgerinne, begehbare Kollektorkanäle, Zwischenabdeckungen und Kläranlagen, alles ist überdimensioniert. "Auch der Grundwasserschutz ist damit hundertprozentig", behauptet Betriebschef Alfred Hammernik.
Die Bauern, die der Gemeinde den Talkessel für die Deponie teils verpachteten, teils verkauften, wurden umsatzbeteiligt. Sie haben sich längst zu Müll-Millionären aufgeplustert, die nur noch über zu hohe Steuern stöhnen. Die Frohnleitner dankten ihrem Bürgermeister mit einem Wahlergebnis von über 72 Prozent - und kassieren freudig mit:
Allein mit der Landeshauptstadt Graz schloß Frohnleiten einen Zehnjahresvertrag, der die 250 000-Einwohner-Stadt verpflichtet, ihren gesamten Hausmüll bis zum Jahre 2001 ausschließlich in Frohnleiten zu deponieren. Das sind etwa 100 000 Tonnen jährlich, die sich bei einem Tonnenpreis von derzeit 1700 Schilling (1900 ab nächstem Jahr, danach Bindung an den Preisindex) auf sichere Einnahmen von rund zwei Milliarden Schilling für die 7000-Seelen-Gemeinde addieren. Insgesamt entsorgt der Ort den Müll von 350 000 Steirern, einem Drittel des Bundeslandes.
Damit haben die Frohnleitner nur noch "ein einziges Problem", spöttelte der Wiener Standard: "Man weiß nicht mehr, wohin mit dem Geld." Das stimmt nicht ganz. Bürgermeister Gottlieb und sein glücklicher Gemeinderat, in dem längst auch die Opposition voll auf den Müll-Kurs eingeschwenkt ist, haben schon ihre Vorstellungen, was sie mit dem Geld machen wollen. Die Gemeinde zwischen Fluß und Bergen ist Dauerbaustelle. Eine Allzwecksporthalle ist ständig ausgebucht, für einen Erlebnispark an der Mur mit einem Naturlehrpfad, der Öko-Touristen anzieht, erhielt der Ort einen ersten Preis.
Ob Milchzahngeld im Kampf gegen Karies, Geburten-, Kindergartenzuschuß, Schul- und Studienbeihilfe, ein Bonus für Hausbauer, Investitionen in Fremdenbetten oder der Barscheck zur Altenehrung - der Gemeinde geht das Geld nicht aus. Längst haben sich die Frohnleitner Kommunalpolitiker daran gewöhnt, von neidischen Nachbarn als "Müll-Scheichs" angemacht zu werden.
Mit einem Gemeindebudget, das sich binnen weniger Jahre auf eine halbe Milliarde Schilling verfünffacht hat, will Frohnleiten wieder werden, was es einmal war - Luftkurort; nun mit luxuriösem Kurhotel, einer Rehabilitationsklinik, einem historischen Park mit Originalzeugnissen aus der Siedlungsgeschichte der Steiermark.
Hinreichend Projekte für die Zeit, in der noch täglich Dreck zu Geld wird. 15 bis 20 Jahre können es nach Rechnung der Gemeinde wohl noch werden, denn für mindestens 1,5 Millionen Kubikmeter Müll ist Platz auf der Deponie.
Danach sollen all die Investitionen aus dem Abfallobolus Rendite bringen. Dort, wo der Reichtum herkam, wird über der abgedichteten Müll-Masse wieder Wald wachsen wie vorher. Und dann, glauben die Frohnleitner, braucht niemand mehr über Müll zu reden.

DER SPIEGEL 19/1992
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DER SPIEGEL 19/1992
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