15.03.1993

„Schwups - schon steht er“

Mindestens zehn Prozent aller deutschen Männer leiden an Impotenz - der erigierte Penis ist im Zeitalter von Leistungsdruck und Pornovideos bedroht wie nie zuvor. Vielfältig, aber auch riskant sind die Behandlungsangebote: Penisprothesen und Injektionen, Saugpumpen und Psychotherapie. Was taugen die neuen Methoden?
Männer wollen immer. Männer können immer. Beim Sex zählt Leistung. Keine Liebe ohne Erektion. Kein Sex ohne Orgasmus.
Wer das alles glaubt, ist schon verloren, ein Opfer der fünf "phallischen Mythen". Sie suggerieren dem Mann die überwertigen Ideen vom Phallus als standfestem Monument seiner Potenz, Macht und Herrlichkeit. Das geht selten gut: Die Lust wird zur Last, was hart war, wird weich. Still ruht das Glied.
Der erigierte Penis, dieses "ehrwürdige Symbol an sich" (Philosoph Friedrich Nietzsche), macht schlapp. Sexualstörungen aller Art nehmen zu. Mannesschwäche - "Impotenz", neuerdings "erektile Dysfunktion" genannt - ist nur die auffälligste.
Wenn die Erektion nicht mehr richtig funktioniert, sind Verunsicherung und _(* Oben: mit Jane March und Tony Leung; ) _(unten: etruskische Vasenmalerei. ) Ratlosigkeit, oft auch Wut angesagt. "Männer", lehrt der Berliner Psychoanalytiker Peter Diederichs, "können ihre Sexualstörungen weniger gut verstecken als Frauen." Auch deshalb suchen sie energischer nach Hilfe.
"Eine immens gewachsene Behandlungsnachfrage" vor allem älterer Männer diagnostiziert die Medizinische Hochschule Hannover. Sie unterhält deshalb gleich zwei Spezialsprechstunden. "Fast wie am Fließband" behandelt auch der Münchner Diplompsychologe Paul Kochenstein die lendenlahmen Patienten. Beträchtlich, "viel größer als erwartet", seien Ausmaß und Schwere der Sexualstörungen in der Ex-DDR, hat der (West-)Berliner Therapeut Hermann Wendt herausgefunden.
Ernest Bornemann, 77, Nestor der deutschen Sexualforscher und Ehrenvorsitzender der deutschen Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung, ist völlig verzweifelt: Wir leben "in einer lieblosen Dekade", urteilt er. Es werde "immer weniger koitiert".
Bedrohlicher noch als die erektile Dysfunktion erscheint vielen Experten die "dramatische Verschlechterung der Spermaqualität", so das Ärzteblatt Medical Tribune. Vergleichsuntersuchungen belegen, daß die Konzentration der Samenfäden (Spermien) pro Milliliter Samenflüssigkeit sich in den letzten 50 Jahren nahezu halbiert hat: Von durchschnittlich 113 Millionen sank sie auf 66 Millionen. Abgenommen hat auch die absolute Spermamenge, von 3,4 auf 2,7 Milliliter pro Samenerguß. Welche biologischen Korrelationen zwischen der nachlassenden Leistung der Hoden und der Zunahme der Potenzstörungen bestehen, ist noch unerforscht.
Um schnell "neue Erkenntnisse über Entstehung, Erhalt und Wiederherstellung der männlichen Zeugungsfähigkeit zu gewinnen", hat das Bonner Forschungsministerium einer interdisziplinären Arbeitsgruppe von Hamburger Wissenschaftlern im letzten Herbst 3,7 Millionen Mark überwiesen. Das Steuergeld, meint Bild, sei gut angelegt: "Deutschland braucht Nachwuchs!"
Alarmierende Zahlen wurden auch jenseits des Atlantik festgestellt. 10 bis 15 Millionen amerikanische Männer leiden unter "totaler Impotenz", bei weiteren 10 Millionen müsse mit einer "partiellen Dysfunktion" gerechnet werden, melden die Medizin-Fachblätter. Von den über 60jährigen sei jeder dritte Mann betroffen.
Anfang Dezember letzten Jahres berief das National Institute of Health deshalb eine "Consensus-Konferenz" zum Thema Impotenz nach Bethesda im US-Bundesstaat Maryland ein. Hoffnungsvoller Konsens nach drei Tagen: "Die meisten Patienten und viele Ärzte wissen nicht, daß es sich bei der erektilen Dysfunktion meist um eine Erkrankung handelt, die mit einer ganzen Anzahl von Methoden effektiv behandelt werden könnte."
An den Ärzten soll das Vorhaben nicht scheitern - die haben sich des Themas mit aller Inbrunst angenommen: Es gibt nationale und internationale Fachgesellschaften, Spezialzeitschriften und Weltkongresse über Impotenz. Auf dem letzten, im September 1992 in Mailand, wurden 150 Vorträge gehalten. In allen Teilen der USA entstehen neue "Impotenz-Zentren". Es gibt sie aber auch schon in Sao Paulo und sogar im rotchinesischen Schanghai.
Eine "massive Medizinalisierung der sexuellen Dysfunktion, die die Therapielandschaft nachhaltig verändert hat", diagnostiziert der Hannoveraner Diplompsychologe Uwe Hartmann. Es sei "natürlich kein Zufall", erläutert er, daß die jetzige "medizinische Großoffensive", dieser "neue Medikozentrismus", bislang "fast ausschließlich die sexuellen Dysfunktionen der Männer", speziell die Erektionsstörungen, betrifft. Hartmanns Erklärung: Auf der Suche nach einer "schnellen Patentlösung" koalieren männlicher Arzt und männlicher Patient.
Der Doktor ist fast immer ein Urologe, ein chirurgisch orientierter Facharzt für Niere, Harnwege und Hoden. Urologen sind zupackende Mediziner, nicht angekränkelt von des Geistes Blässe, unter der die psychologisierenden Sexualtherapeuten leiden.
Die Koalition von Urologe und Patient, der wieder seinen Mann stehen will, funktioniert laut Hartmann deswegen so gut, weil "viele Männer mit ihrer Sexualität einen abgespaltenen, werkzeughaften und leistungsbetonten Umgang" haben. Für diese Männer ist eine "unpsychologische, technisch-apparative Behandlung" von großer Anziehungskraft. Und an Apparaten für Männer, denen der stolz ragende Phallus abhanden gekommen ist, herrscht neuerdings kein Mangel.
Wer die gestörte Erektion reparieren lassen will wie eine defekte Kfz-Hydraulik, begibt sich auf einen schmerzvollen, nicht immer gefahrlosen Weg. Am Ende aber steht sein starkes Stück wieder, jedenfalls meistens. Sichtbarer Erfolg ist die beste Propaganda für alle urologischen Nothelfer.
Wenn es nach Sigmund Freud ginge, dem Vater der Psychoanalyse, wäre Impotenztherapie noch immer die Domäne seiner Schule. "Zur Psychoanalyse, Impotenz, drei Monate", stand auf den Überweisungszetteln, die Freud seinen hilfesuchenden Patienten mit auf den Weg gab, wenn er sie seinem Adepten Wilhelm Reich schickte. Reich "quälte sich ab", wie er notierte - meistens vergeblich. Auch heute noch legen sich Lendenschwache drei bis fünf Jahre lang viermal wöchentlich je eine Stunde auf die Couch eines Psychoanalytikers. Das kostet pro Stunde rund 130 Mark; Erfolgsquote: bestenfalls 70 Prozent.
Seit Sigmund Freud galt als ausgemacht, daß nur die psychoanalytische, unbewußte Konflikte aufdeckende Therapie die Ursachen der Impotenz erkennen und beseitigen könne. Es handele sich, lehren die Seelenkundler, um eine am "Penis, dem Exekutionsorgan der männlichen Sexualität, manifest werdende zentrale Hemmung".
Bis vor wenigen Jahren wurde diese Ansicht von nahezu allen Ärzten geteilt. Impotenz galt zu mindestens 90 Prozent als seelisch bedingt. Jetzt schwören viele Experten, es sei genau umgekehrt: 90 Prozent der erektilen Dysfunktionen beruhten auf organischen Ursachen.
Deren Liste ist lang. Der Münchner Experte Hermann-Josef Vogt, Medizinprofessor an der TU München, nennt "Alterungsprozesse, hormonelle Störungen, Stoffwechselstörungen, rheumatische Krankheiten, Krankheiten am Gefäß-System, Genitalveränderungen, Verletzungen oder Unfall, Medikamente und Drogen" sowie, damit keine Möglichkeit vergessen wird, auch noch "andere Krankheiten" als Ursache.
An dem "unseligen Streit" über Zahlen und Prozentanteile körperlicher oder seelischer Ursachen will sich Männerarzt Vogt jedoch nicht beteiligen. Beweise im streng naturwissenschaftlichen Sinn gibt es ohnehin nicht. Denn "eigentlich", sagt der Hannoveraner Medizinprofessor Dieter Langer, "versteht es sich doch von selbst, daß Erektionsstörungen multifaktoriell verursacht sind und daß ihre Behandlung mehrdimensional sein muß".
Mindestens einmal in der Woche nimmt Langer an der Impotenz-Sprechstunde der Medizinischen Hochschule teil, die Urologen und Medizin-Psychologen gemeinsam abhalten. "Wenn heute die Erektion sozusagen fest in urologischer Hand ist", urteilt Langer, "kommt natürlich die psychologische Seite oft hoffnungslos zu kurz."
Der Ärztestreit ums Glied und darum, wer ihm wieder aufhelfen darf, muß unentschieden bleiben. Des Mannes Wunderhorn hat eine so komplexe anatomische Struktur, es wird zudem auf diffizile Weise durch Hirn und Hoden ferngesteuert, ihm fehlt auch der Knochen, os penis (den der Bär an dieser Stelle hat), so daß am Ende sich jeder Arzt oder Psychologe zuständig fühlen darf. Dabei "rangieren Erektionsstörungen", davon ist die Ärztliche Praxis überzeugt, "in der Skala der Zivilisationskrankheiten noch vor der koronaren Herzkrankheit und dem Diabetes an erster Stelle".
Blut richtet den Penis auf ("Erektion"), gibt ihm Fülle ("Tumeszenz") und Steife ("Rigidität"). Mit sauerstoffreichem (arteriellem) Blut aufgefüllt werden drei Schwellkörper, die aus schwammartigen kleinen Hohlräumen bestehen (siehe Grafik Seite 237). Wie stark die Blutzufuhr gesteigert wird und wie lange sie anhält, hängt von der Erweiterung der arteriellen Gefäße ab. Diese wiederum werden gesteuert durch Nervenfasern, die dem Rückenmark entspringen; über das Rückenmark sind sie mit Gehirn und Sinnesorganen gekoppelt.
Vermittelt werden Aufstieg und Fall durch mindestens vier "Neurotransmitter". Das sind Wirkstoffe, die Nervenimpulse vor Ort in Aktivitäten der sogenannten glatten Muskelzellen umwandeln. Erst wenn die glatten Muskelzellen in den Schwellkörpern sich entspannen, kann deren Blutvolumen deutlich zunehmen. Erfolg stellt sich jedoch nur ein, wenn gleichzeitig der Abstrom des Blutes möglichst wirkungsvoll gedrosselt wird - einerseits durch den mechanischen Druck der prallen Schwellkörper auf die Penisvenen, andererseits durch deren nervöse Steuerung.
Von außen läßt sich Potenz dem ruhenden Penis nicht ansehen. Impotenz schmerzt nicht vor Ort, sondern in der Seele. Die Mannesschwäche kommt (und manchmal geht sie auch wieder), ohne daß der Betroffene weiß, wie ihm geschieht.
Ob ein Mann zu passender Stunde gut aufgelegt ist oder nicht, darüber entscheidet nicht die Größe seines Organs. Kleine (5 bis 9 Zentimeter) oder Große (9 bis 12 Zentimeter) - wenn sie in Hitze geraten, sind sie alle etwa gleich (16 bis 18 Zentimeter). Äußere Merkmale - lange Nase, Wuschelkopf, Glatze oder schwarze Hautfarbe - sagen weder über den Penis etwas aus noch über die Potenz.
Deren Normwerte sind ohnehin Ansichtssache. Die Sexperten müssen sich notgedrungen auf das Hörensagen verlassen. Unmittelbarer Beobachtung ist der Koitus selten zugänglich. Ob die Befragten bei der Wahrheit bleiben - oder ob sie wenigstens in einander statistisch ausgleichender Weise über- und untertreiben -, keiner weiß es.
Entgegen weit verbreiteter Annahme ist das menschliche Sexualverhalten keineswegs zuverlässig erforscht. Potenz und Koitusfrequenz unterliegen offenbar großen individuellen Schwankungen, die von zahlreichen Faktoren beeinflußt werden, vor allem vom Lebensalter, aber auch von Triebstärke und Gesundheit, Freiheitsraum und Sanktionsdrohungen.
In jungen Jahren, unter 20, entledigt sich der Mann mühelos einer "täglichen Schuld", wie es schon der griechische Verfassungsvater Solon bei frischgetrauten Ehemännern für angemessen hielt. Zwischen 56 und 60 Jahren ist hingegen ein Koitus alle 14 Tage eine ordentliche Leistung.
Gerade in dieser Lebensphase erweitern viele Männer noch mal ihr Jagdrevier, obwohl die Munition schon knapp wird. "Alle Woche zwier, schadet weder Dir noch ihr", hatte (ohne näheren Hinweis auf das Lebensalter) der entlaufene Mönch und Reformator Martin Luther dekretiert. Religionsstifter Mohammed kam auf die Hälfte: einmal wöchentlich.
Bei vielen Männern gelingt nicht mal das. Lange bevor die Revolution ihn um Kopf und Krone brachte, war dem französischen König Ludwig XVI. jedwede Sinneslust abhanden gekommen. Doch auch der große Anarchist Michael Bakunin, geschworener Feind aller Aristokraten in der Welt, war impotent. Selbst der amerikanische Fünf-Sterne-General Dwight D. Eisenhower, erfolgreicher Heerführer im Zweiten Weltkrieg, enttäuschte seine schöne, junge und willige Fahrerin Kay Summersby Morgan beim Liebes-Countdown. Später erinnerte sich das Fräulein Leutnant: "Er war verbittert. Er zog sich langsam an, küßte mich und lächelte traurig."
Gelächelt hat auch Pu Yi, der (entmachtete) letzte Kaiser von China, wenn sich Mao Tse-tung bei ihm mitfühlend nach den Fortschritten der verordneten Impotenz-Behandlung erkundigte: "Geht es besser, Pu Yi?" fragte Mao. "Bist du kuriert?" "Es geht schon viel besser", gab der Patient dem Großen Steuermann zur Antwort. Aber das war, sagt seine Witwe, eine Lüge; Pu Yi sei impotent geblieben, "aber wir hatten uns gern, und ich bedauere nichts. Er behandelte mich gut und liebte mich".
Pu Yis Mannesschwäche könnte sich aus den Lebensumständen erklären, denen der Regent von Kindesbeinen an ausgeliefert war. Umgeben von der Heerschar seiner Lakaien, ohne Liebe oder Intimität wuchs der Kaiser in Pekings "Verbotener Stadt" heran. Fünf Frauen wurden ihm angetraut; vergebens. Das höfische Zeremoniell, leib- und lustfeindlich, hat Pu Yis Triebleben für immer ruiniert - unstrittig ein Fall erektiler Dysfunktion aus psychosozialem Grund.
Nicht immer liegt die Sache so klar. Weil buchstäblich "jede körperliche Krankheit, wenn sie schwer genug ist, zu sexuellen Störungen führen kann", wie der Münchner Psychiater Götz Kockott erläutert, muß bei der Diagnose erst einmal jede körperliche Krankheit ausgeschlossen werden - durch gründliche Untersuchungen, Labortests und eine ausgeklügelte, eskalierende Apparate-Diagnostik. Die hat es in sich.
Um seelische von körperlichen Ursachen der Impotenz zu trennen, reichten noch vor wenigen Jahren zwei Fragen: Die Spezialisten erkundigten sich, ob der Ratsuchende morgendliche Erektionen habe und ob bei der Masturbation eine stabile Versteifung eintrete. Wer diese beiden Fragen bejahte, dessen Leiden galt als eindeutig psychisch bedingte Impotenz.
Denn die morgendliche Erektion stellt sich nur ein, wenn die Durchblutung ungestört ist. Die zuführenden Schlagadern müssen gesund sein und sich ordentlich erweitern können, die abführenden Blutwege dürfen kein "venöses Leck" aufweisen. Das gleiche gilt, wenn Masturbation das Glied hart macht.
Gesunde junge Männer haben während der Nacht im Schlaf vier bis fünf Erektionen, die an elektrisch meßbare Traumphasen gekoppelt sind. Das müssen schon die katholischen Heiligen gewußt haben, die den unwillkürlichen nächtlichen Samenerguß eine "Traumillusion des Satans" genannt haben.
Damit die nächtliche Gliedversteifung nicht nur subjektive Erinnerung bleibt, haben sich die Mediziner mehrere Methoden zur Messung der Erektionen ausgedacht. Beim einfachsten und kostengünstigsten Verfahren wird der Penis vor dem Zubettgehen mit Briefmarken umklebt. Ist morgens die Perforation gerissen, hatte der Mann nachts mindestens eine Erektion.
Mit dem "Original Erectiometer", einem "18 x 2 cm langen Spezialband mit Gleitschuh", lassen sich Qualität und Kraft der Erektion in Zahlen ausdrücken. Kommt es zur nächtlichen Blutfüllung des Organs, mißt das Erectiometer die Vergrößerung des Umfangs, vorausgesetzt, das einströmende Blut entwickelt genügend Druck, um den 250 Gramm schweren Widerstand des Gleitschuhs zu überwinden.
Noch genauer, schwarz auf weiß, dokumentiert das Meßgerät "Rigiscan" jedes Auf und Ab der Penisdurchblutung. Dem Kandidaten werden zwei Schlaufen um das Glied gelegt, die sich in regelmäßigen Zeitabständen kontrahieren und bei dieser Gelegenheit den Umfang und mithin auch jede Versteifung registrieren. Es entsteht ein sogenanntes Phallogramm - eine harmlose und vergleichsweise noch vergnügliche Untersuchungsmethode. Denn dahinter kommt die "invasive" Diagnostik: Dabei geht es dem Penis direkt an die Schwellkörper.
Erst mal injiziert der Doktor testhalber eine "vasoaktive Substanz", zum Beispiel Prostaglandin, direkt in das dabei vor Angst immer besonders schlaffe Organ. Das Medikament soll die kontrahierten, vom Willen nicht steuerbaren glatten Muskelzellen in den Schwellkörpern entspannen. Tut es das, kommt es zu einer kraftvollen Erektion.
Was SKAT, die "Schwellkörper-Autoinjektions-Therapie", zu leisten vermag, hat der britische Professor Giles Brindley auf einem Urologenkongreß in Las Vegas demonstriert. Vor versammelter Kollegenschaft ließ der Medikus die Hose runter und injizierte sich die Potenzdroge. "Sehr schnell", so berichtete die Ärztliche Praxis über den Fortgang des Happenings, "kam es zu einer ausgeprägten Erektion, die er stolz wie ein Hahn auf der Bühne vorführte."
In den Impotenz-Zentren beschränkt man sich beim diagnostischen Puzzle aber nicht nur auf die kraftspendende Injektion. Die lokale Durchblutungsnot wird durch zusätzliche Kontrastmitteleinspritzungen in Schwellkörper und zuführende Blutgefäße objektiviert, wobei das Ergebnis durch wiederholte Röntgen- und Ultraschalluntersuchungen belegt werden muß. Die Verfahren, urteilt Experte Vogt, sind "mit einem erheblichen apparativen Aufwand verbunden und auch nicht risikofrei".
Bei Arzt und Patient finden sie gleichwohl Zustimmung. Der Doktor freut sich über das Honorar und mehr noch über die wissenschaftliche Dimension seines Tuns. Früher zog er mit spitzen Fingern am schlaffen Glied. Ließ es sich dabei um die Hälfte dehnen, galt es als organisch gesund, die Impotenz mithin als psychisch bedingt.
Das aber hören die meisten Patienten gar nicht gern. Viel "plausibler und entlastender" sei ein Hinweis auf "Ursachen im gestörten Organ selbst oder im Körper schlechthin", berichtet Siegfried Schnabl aus Chemnitz, Leiter der dortigen Ehe- und Sexualberatungsstelle. "Der größte Teil unserer Patienten mit erektilen Dysfunktionen kommt zumindest beim ersten Mal mit der Überzeugung in die Sprechstunde, die Unfähigkeit zum penetrativen Koitus sei irgendwie körperlich zu erklären, und erwartet eine körperliche Therapie, gewissermaßen eine ,Gliedbehandlung''."
Der Wunsch ist verständlich. Wer das "eigene Ich, die Beziehung, die Einstellung zum Partner oder eine psychische Fehleinstellung als Hauptursache" seiner Schwierigkeiten anerkennen soll, der zweifelt abwehrend erst mal an den "Fähigkeiten des Therapeuten" (Schnabl).
Besonders schwer fällt Einsicht den handfesten Männern der Unterschicht und den Herren Dynamikern aus dem richtungweisenden Top-Management. Beide Gruppen können und wollen die Erektionsstörung nicht als "körpersprachliches Signal für einen interpersonellen Konflikt" verstehen. So sanft umschreibt Analytiker Peter Diederichs das Dilemma der Mannesschwäche.
Die Orientierung eines Mannes auf Leistung und Rivalität, Ordnung und Aufstieg, Führen und Folgen vermehrt das Risiko einer Erektionsstörung, Schlendrian mindert es. Diese inzwischen sozialwissenschaftlich gesicherte Erkenntnis hat Volkes Stimme schon früher gereimt: "Nur wer sonst nichts tut, ist in der Liebe gut."
Wem Aufstieg, Streß und Frust auf das Glied schlagen, der will gewöhnlich nicht seine ganze Person durch Psychologen ummodeln lassen, in zeitzehrenden Sitzungen mit ungewissem Ausgang. Er will Hilfe schnell und zuverlässig, nicht anders als in der Autowerkstatt. Diesen Männern offeriert die Medizin neuerdings ein Sortiment solider Technik - hydraulische Penisprothesen, Vakuumpumpen, dazu Hilfen aus Silikon und schließlich SKAT, das Erektionsbesteck mit der kleinen Nadel (siehe Grafik Seite 244).
So mancher deutsche Soldat, der sich im Bundeswehrkrankenhaus Ulm wegen Mannesschwäche Rat holte, hat inzwischen Hunderte von SKAT-Schüssen hinter sich. Die Herren Stabsärzte, versammelt in einer interdisziplinären Sprechstunde "Erektile Dysfunktion", sind es zufrieden. "Effektiv" sei die Methode ("in 95,9 Prozent vollständige Erektion"), nebenwirkungsarm und voller positiver Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl (77,8 Prozent), gegen Versagensängste (84,4 Prozent) und für die Ehe/Partnerschaft (79,5 Prozent). Noch stolzer sind die Ulmer darauf, die griffige Abkürzung SKAT erfunden zu haben.
Gedrückt wird durchschnittlich ein Milliliter vasoaktiver Substanz, durch eine kleine Nadel vom Kaliber 26 G direkt in den Schwellkörper. Zehn Minuten später steht das männliche Zentralorgan, zur Freude des SKATlers durchschnittlich 80 Minuten lang.
Die wundersame Aufrichtung dürfen die Ulmer Patienten nur zweimal pro Woche provozieren, aber niemals zweimal an einem Tag. Die Medikamente könnten unerwünschte Nebenwirkungen entwickeln, vor allem auf Herz und Kreislauf. Wer körperlich nicht stabil ist, muß auf SKAT ohnehin verzichten.
Hin und wieder bewirkt SKAT eine peinliche Notlage: Der gespritzte Penis bleibt steif, stundenlang. Diese unerwünschte, schmerzhafte Dauererektion wird "Priapismus" genannt, nach Priapos, dem Sohn der Liebesgöttin Aphrodite. Wenn ein Eimer mit kaltem Wasser nicht hilft, wird ein Gegenmittel injiziert, notfalls muß das gestaute Blut aus den Schwellkörpern abgesaugt werden. In Ulm sind Militärärzte für den Notfall in ständiger Bereitschaft.
Eine andere, eher schleichend einsetzende Komplikation ist die "Fibrosierung": Jede Injektion stellt eine Verletzung dar, die eine Narbe aus Bindegewebe hinterläßt. Dieses fibrosierte Gewebe ist weitaus härter als die ursprünglichen Strukturen. Skeptiker meinen, daß sich SKAT durch Fibrosierung nach einiger Zeit von selbst erledigt; der Fixer kann auch nicht jahrelang in dieselbe Vene stechen.
Welche anatomischen "Dauerveränderungen" die Hilfe aus der Nadel bewirken wird, "das wissen wir heutzutage überhaupt noch nicht", mahnt der Münchner Götz Kockott, seit 20 Jahren Ratgeber für Männer in Not.
Schwierigkeiten anderer Art gibt es beim Einsatz von Vakuumsaugpumpen, dem Erektionshilfe-System (EHS) made in USA. Dabei wird ein durchsichtiger Plastikzylinder über den ruhenden Penis gestülpt. "Luft raus - Blut rein - Schwups - schon steht er!" beschreibt Medical Tribune die Wirkungsweise. Damit das Blut nicht gleich wieder abfließt, wird ein Spannungsring über die Peniswurzel gestreift. Der konserviert den Erfolg für maximal 30 Minuten.
Der Apparat kostet rund 1200 Mark, er wird bei medizinischer Indikation von den Krankenkassen bezahlt. In Kauf genommen werden müssen - neben der indiskreten Anwendungsweise - zwei EHS-Nachteile: Der Penis fühlt sich kühl an, und er wackelt an seiner Wurzel, weil ihm unterhalb des Spannungsringes die Steife fehlt. Die Akzeptanz der Penispumpe, hat der saarländische Urologe Harry Derouet ermittelt, ist dementsprechend eher niedrig: 47 Prozent der Patienten samt Partnerinnen sind zufrieden.
Als Ultima ratio gilt den Urologen die dauerhafte Einpflanzung ("Implantation") einer Penisprothese. Das sei, rühmen sie, wirklich eine "elegante Methode", das "sicherste und langlebigste Therapiekonzept", mit "besten funktionellen Ergebnissen bei geringer Revisionsrate", wie die erfahrenen Helfer des Verbandskrankenhauses in Schwelm nach mehreren hundert Eingriffen versichern. Dank Implantat werde die Erektion "täuschend ähnlich nachgebildet", sie sei "bedarfsgerecht" und "naturgetreu".
Um diese schönen Ergebnisse zu erzielen, wird beträchtlicher, wenn auch verdeckter Aufwand getrieben. Anfänglich schoben die Urologen zwei drahtgestützte Prothesen in die Schwellkörper. Diese Silikonkautschukkörper waren "semirigide", halbsteif. Lebensechter (und viel teurer) sind die jetzt meist verwendeten hydraulischen Prothesen.
Der älteste Prothesenpatient des Schwelmer Krankenhauses war 76 Jahre alt, der jüngste erst 19. Operiert werden grundsätzlich nur organisch Kranke, meist Diabetiker, Durchblutungsgestörte und Querschnittsgelähmte. Fälle psychischer Impotenz sind, sagt Operateur Ulrich Grein, "im allgemeinen von der Prothesenimplantation ausgeschlossen".
Je routinierter ein Urologen-Team das Messer an eine angeknackste Männlichkeit legt, desto besser werden die Langzeitergebnisse. Das Implantat, meist US-Importe zu Preisen um 10 000 Mark, das Lustempfindung und Ejakulation möglich macht, hat mittlerweile seltener Defekte; am häufigsten ist der Flüssigkeitsverlust durch ein Leck am Reservoir. Dann geht gar nichts mehr. Denn die Implantation der Penisprothese zerstört ein für allemal das schwammartige Gewebe der Schwellkörper. Mit Blut kann danach nie wieder eine natürliche Erektion bewerkstelligt werden - was bei SKAT und Vakuumpumpe immerhin vorkommt.
Ob die hydraulische Penisprothese nur eine letzte Notlösung oder ob sie doch die beste aller Hilfen ist, bleibt unter Ärzten und Patienten umstritten. Für die Hydraulik spricht die von vielen Medizinern ermittelte "hohe postoperative Zufriedenheit der Männer und ihrer Partnerinnen"; dagegen sprechen, so Professor Vogt, "insbesondere psychodynamische Überlegungen".
Gemeint ist die Gretchenfrage: Lassen sich die mechanischen Hilfen überhaupt erfolgreich in eine liebevolle Beziehung integrieren? Oder sind Hydraulik und Silikonstäbe nur Surrogate eines sexistischen, also frauenfeindlichen Potenzgehabes?
"Impotenz ist für jeden betroffenen Mann eine schwere narzißtische Kränkung", konstatiert der Psychoanalytiker Diederichs. Die Initiative, dem empfundenen Mangel abzuhelfen, geht deshalb in der Regel vom Patienten selbst, selten von seiner Partnerin aus. Alle Therapeuten achten jedoch darauf, die Frau in das Behandlungskonzept zu integrieren, schon um die Akzeptanz zu verbessern. Selbst das konservative amerikanische Journal of Urology mahnt seine Leser, an die "Verflochtenheit der erektilen Dysfunktion in psychologische und allgemeine Lebensbezüge" zu denken.
Tabu bleibt dabei wieder die Ehe, das von Staat und Kirchen abgesegnete Gebot der Monogamie. In den sechziger Jahren, als die weltweite Studentenrevolte, unterstützt von Hippies und Blumenkindern, die sexuelle Befreiung aufs Panier geschrieben hatte, wurde die "altbekannte Impotenz verheirateter Männer" von den meisten Sexualtherapeuten schlicht auf das sexuelle Einerlei des Ehelebens zurückgeführt. Jetzt gibt es in den Leserbriefspalten des deutschen Fachblatts Sexualmedizin schon einen kleinen Aufstand, wenn die Redaktion den Satz durchgehen läßt: "Trotz leidenschaftlichen Beginns: Zweierbeziehungen lassen sich mit intensiver Sexualität auf Dauer nicht vereinbaren."
Dabei gilt als gesicherte Erkenntnis, daß Triebhandlungen von Mensch und Tier - dazu gehören das Fressen und das Begatten - aus zwei Quellen gespeist werden: dem äußeren Reiz und der inneren Triebstärke. Das Ganze funktioniert nach dem "Gesetz der doppelten Quantifizierung", welches der Heidelberger Wissenschaftler Felix von Cube so erläutert: "Eine Triebhandlung erfolgt, wenn die Triebstärke hoch ist - dann genügt auch ein niedriger Reiz - oder wenn der Reiz hoch ist, dann genügt auch eine niedrige Triebstärke."
Die Regel erklärt umstandslos die Attraktivität junger Frauen für alte Männer, die Wirkungen des Dekolletes und der heißen Höschen, auch die nachlassende Appetenz im Laufe eines (Ehe-) Lebens - aber sie kränkt zugleich die Vorstellung vom freien Willen und seiner normativen Kraft. So, wie es ist, soll es nicht sein.
Im Alltag werden die sexuellen Konflikte zwischen Mann und Frau deshalb selten offen, meist verdeckt ausgetragen. Die beiden norddeutschen Sexualtherapeuten Gerd Arentewicz und Gunter Schmidt unterscheiden vier typische "partnerdynamische Prozesse": *___die Delegation - der oder die "Ungestörte" hat ein ____Interesse an der Funktionsstörung des Partners, zum ____Beispiel um eigene Probleme zu verdecken; *___das Arrangement - beide Partner ziehen einen Nutzen aus ____der Störung; *___die Wendung gegen den Partner - ein Kampf um die Macht, ____auf sexueller Ebene exerziert; *___das Ambivalenzmanagement - über die Sexualstörung wird, ____ganz nach Wunsch, mehr Nähe oder mehr Distanz zum ____Partner hergestellt.
Jeder dritte deutsche Mann und jede vierte Frau empfinden, so haben Demoskopen herausgefunden, das eigene Sexualleben als unbefriedigend. Während beim Mann die Erektion besonders leicht störbar ist - Liebeslust ("Libido") und Samenerguß ("Ejakulation") hingegen stabile Funktionen bleiben -, sind bei der Frau eher Libido und Orgasmus gefährdet, während die vaginale Bereitschaft ("Lubrikation") erhalten bleibt.
Der Begriff "Frigidität" für weibliche Gefühlskälte deckt alles zu. Dabei ist die Diagnose "Frigidität" häufig schon eine Parteinahme für den Mann. Positiv interpretiert, wie es der Sexualwissenschaftler Nossrat Peseschkian tut, wird Frigidität zur Fähigkeit, "mit dem Körper nein zu sagen", wenn man die Gefühle nicht verbalisieren kann oder will.
Nein sagen läßt sich auf vielerlei Weise. Beim "Dornröschen"-Syndrom nehmen die (meist attraktiven) Frauen zu keinem ihrer Verehrer sexuelle Kontakte auf - der erträumte strahlende Märchenprinz kommt nie. Selbstbewußte Frauen vom Typ "Bienenkönigin" wünschen sich zwar Kinder, aber keinen (Ehe-)Mann. "Brunhilde"-Typen sind so dominant, daß sich kein Mann findet, der sie bezwingen kann - jeder reale Partner wird zum Schwächling.
Wenn auch noch stimmt, wovon manche intelligenten Frauen ausgehen - "Männer sind nicht monogam; wenn sie monogam sind, sind sie keine Männer" -, ist die Sache völlig verfahren.
Hilft statt technischer Aufrüstung des Penis also eigentlich nur seine liebevolle Abrüstung?
"Eine Entmythologisierung des Koitus tut not", mahnt der Münchner Diplompsychologe Paul Kochenstein seine Kollegen Sexualtherapeuten. Man dürfe sich als Helfer, nur weil der "Patient König ist", nicht der Zielsetzung der Klienten unterordnen.
Die wüßten zwar einerseits, daß "Sexualität mehr ist als das Rein-und-raus-Spiel in verschiedenen Positionen". Andererseits stelle der Geschlechtsakt für die männlichen Patienten nach wie vor das "Nonplusultra der Begegnung von Mann und Frau dar". Ziel der von Männern geäußerten Veränderungswünsche sei deshalb immer, den Koitus "zu verlängern und zu dynamisieren".
Kochenstein will sich nicht festlegen, ob dieser Wunsch vom "unbewußten, arterhaltenden Trieb" oder von den "dümmlichen Vorlagen der Erotik- und Porno-Industrie" gespeist wird. Seine Kollegen tippen eher auf die modernen Zeiten als auf den alten Trieb. Schon das ganz gewöhnliche Fernsehen, meint Analytiker Diederichs, halte "Sexualität als Lebensqualität" hoch. Soft-Porno-Filme und harte Porno-Videos demoralisieren den vergleichenden Betrachter, denn so toll war es bei ihm selbst nicht mal zu den guten Zeiten. Diederichs: "Leidenschaft und Liebe im Alltag durchzuhalten, das geht doch gar nicht."
Aber versucht wird es immer wieder. "Die Sexualorgane werden völlig überbewertet", sagt Erwin Haeberle, der Präsident der deutschen Gesellschaft für sozialwissenschaftliche Sexualforschung. "In Wirklichkeit spielt sich doch alles im Kopf ab." Und dann, mit Temperament: "Das größte Sexualorgan ist das Gehirn!"
Die Kundschaft will das nicht glauben. Besonders jene Herren nicht, denen Lust zur Last wird. Sie wollen partout, daß ihr kleiner Freund wieder ganz groß rauskommt. Dabei bringt nicht nur die "Befreiung der Frauen die Männer in sexuelle Bedrängnis" (wie der Gießener Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter konstatierte), sondern Dutzende banaler Umstände können im Spiel sein: ein falscher Fahrradsattel, Unterhosen aus Polyester, zuviel Kaffee und Nikotin, Medikamente aller Art (von den Anabolika über Betablocker bis zu den Psychodrogen), vor allem König Alkohol. Medizinisch korrekt warnt der Zweizeiler eines unbekannten Prognostikers: "Die Liebe und der Suff, die reiben den Menschen uff."
Vor allem dem älteren Menschen machen sie zu schaffen. Impotenz bei Jüngeren ist meist psychisch bedingt und vergeht oft von allein, durch Aufklärung oder glückliche Wahl einer sinnenfrohen Partnerin. Bei Männern über 40 spielen die zahlreichen organischen Ursachen zunehmend eine Rolle - doch die Älteren sind oft wütend entschlossen, weder die natürliche Reduktion der Koitusfrequenz noch gar das Nachlassen der Manneskraft hinzunehmen.
Für diese Kundschaft hält das Versandhaus der Weltkrieg-II-Testpilotin Beate Uhse ("Sex und Erotik pur!") _(* Hamburger Theaterplakat zu "Lulu" von ) _(Frank Wedekind. ) Hunderte von Helfern vorrätig: von den "Wollust-Tropfen, nur 19,80" über den "Hunnengurt" (für "starke Erektionen", 34,90 Mark) bis zum "Riesen-Penis-Kraftmacher", der "das Glied-Wachstum meßbar macht" (126,70 Mark). Die deutschen Sex-Händler, vereint im Dienst am Phallus, setzen gemeinsam pro Jahr einige hundert Millionen Mark um.
Der Wunsch, mehr Mann zu sein als andere (und das dann auch noch öfter), verhilft auch Pharma-Produzenten und Apotheken zu schönen Umsätzen: Anregungsmittel und Stärkungselixiere haben eine ehrwürdige Tradition, obwohl sie nur das Prinzip Hoffnung transportieren.
Schon Kleopatra und die heilige Hildegard von Bingen haben Rezepte für Aphrodisiaka ersonnen. Die alten Mischungen aus Pfeffer, Petersilie, Sellerie und Knoblauch ("Machet Neigung und Lust zu den ehelichen Werken") werden immer noch vertrieben. Konjunktur haben auch Yohimbim und die "Spanische Fliege", ungeachtet der Warnung des britischen Impotenzforschers George Belham: "Fast alle Aphrodisiaka haben zweierlei gemein. Sie sind gefährlich und als Stimulanzien wertlos."
Die Männersorge Impotenz treibt die Bedrohten in Geschäfte und zu Reparaturbetrieben aller Art, immer in der Hoffnung, man könne Potenz - und damit Jugend und Macht - kaufen. Für Männer, sagt die Kölner Frauenärztin Barbara Fervers-Schorre, ist der "Abschied von der Jugendlichkeit ein Tabu. Die Krise, die für sie das Altern bedeutet, ist noch weit verleugneter als die der Frauen".
Die Not am Mann soll behoben oder wenigstens durch unbeugsame Hilfen kaschiert werden. Übereinstimmend berichten alle deutschen Experten von einem stetig steigenden Zustrom ratsuchender älterer Männer. Geplagt von Rheuma und Impotenz, wollen sie nicht hinnehmen, daß alles, was früher gelenkig war, jetzt steif ist und alles, was früher steif war, jetzt gelenkig.
Oft sind die alten Herren schon über 80. Die meisten von ihnen konnten in Jugend- und Mannesjahren ihre Sexualität nicht richtig ausleben - und das, meint der Sexualtherapeut Hermann Wendt, führe häufig zu der fixen Idee, später alles nachholen zu müssen; Wendt bildet im Kölner Lehrinstitut für Verhaltenstherapie Sexualtherapeuten aus, denen er beibringt, Sexualität nicht als Himmelskraft, sondern als gezielte Lernaufgabe zu verstehen. Jüngeren Patienten ist, auf Kassenkosten, oft rasch zu helfen, älteren eher selten.
Die weit verbreitete Hoffnung, daß alte Liebe nicht rostet und Sex ein "Lebenselixier" sei, das womöglich vor den Gebrechen des Alters schützt, ist wissenschaftlich nicht bewiesen. Unbeantwortet ist auch die Preisfrage, ob ein Mann potent bleibt, weil er von Natur aus gesund ist, oder ob er gesund wird, weil er jede Gelegenheit beim Schopf packt. Alfred C. Kinsey, der Altmeister der amerikanischen Sexforscher, zog ein eher melancholisches Fazit: "Während des ganzen Lebens finden wir bei Männern ein gleichmäßiges Abnehmen der erotischen Ansprechbarkeit."
Weil Kinseys Daten für jüngere Menschen erfreulichere Perspektiven boten, bildete sich in den sechziger und siebziger Jahren eine optimistische Grundströmung aus. Allgemein erwarteten die (damals ja auch noch jungen) Sexualwissenschaftler, daß frühzeitige und genaue Aufklärung, Abbau der Doppelmoral, positive Einstellung zu vorehelichem Geschlechtsverkehr und zu den sexuellen Minderheiten sowie die Freigabe "erotischer Phantasieprodukte" (daraus wurden später Pornos) ganz generell eine "Humanisierung der Sexualität" und eine "Verfügbarkeit sexueller Potenz" bewirken werden (so 1974 der Wiener Psychoanalytiker Hans Strotzka).
Daraus wurde nichts. Statt dessen nahmen sich die Urologen der Männersorge an. Und weil die Kundschaft den Koitus will und sonst gar nichts, wollen das auch die urologischen Helfer. Sexualwissenschaftler Erwin Haeberle versteht das nicht: "Ich frage mich, warum sich die Leute so auf das Penetrieren versteifen? Wenn sich nicht alle auf Penis und Vagina kaprizieren würden, würde es doch viel öfter klappen" - denn Sex involviere eigentlich den ganzen Körper, vielerlei Manipulationen machten Männer und Frauen orgasmisch. Im übrigen müsse man sich fragen: "Wieviel Impotenz ist eigentlich normal?"
Keine, wenn es nach denen geht, deren Ego durch eine erektile Dysfunktion angeknackst ist. Diesen Männern will, möglichst bald, auch die deutsche Pharma-Industrie helfen. Drei große Konzerne versuchen derzeit, unabhängig voneinander, eine Salbe zu entwickeln, die der Potenz aufhilft.
Sie soll, so das pharmazeutische Heilsversprechen, des Mannes kleines Männchen in Minutenschnelle stolz aufsteigen lassen - zum ehrwürdigen Symbol an sich.
[Grafiktext]
_237_ Die sexuelle Reaktion des Mannes
_244_ Medizinische Hilfe gegen Erektionsschwund
[GrafiktextEnde]
* Oben: mit Jane March und Tony Leung; unten: etruskische Vasenmalerei. * Hamburger Theaterplakat zu "Lulu" von Frank Wedekind.

DER SPIEGEL 11/1993
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