15.03.1993

Turbolader für die Muskeln

Für Geld und Gold riskieren immer mehr Athleten Gesundheit und Leben. Weltweit haben neue Dopingkombinationen Konjunktur, es werden gleich mehrere gefährliche Starkmacher geschluckt und gespritzt. Die Nebenwirkungen sind dabei nicht zu kalkulieren - Sportler landen mit schweren Vergiftungen im Spital.
Das öffentliche Urteil über Ben Johnson steht, seit er das zweite Mal beim Doping erwischt wurde, unverrückbar fest. Er gilt als Heuchler, Betrüger, Sprinter ohne Ehre - für die Sportlerkollegen ist der Kanadier der größte Verlierer aller Zeiten.
Mediziner dagegen halten den Leichtathleten, der auf Lebenszeit gesperrt wurde, für einen Gewinner. Denn wieder einmal schnell enttarnt, wurde Johnson noch relativ gesund ins Leben ohne Tartanbahn entlassen.
Für die sportlichen Dauernutzer einer neuen Drogenkombination, die immer mehr Athleten weltweit in Versuchung führt, entwerfen die Wissenschaftler Horrorszenarien. Die blinde Gier nach Moneten und Medaillen produziere, würden sich alle Nebenwirkungen gleichzeitig einstellen, wahre Monster: Über dem kantigen Kinn und der Knollennase stieren Glupschaugen; in der Schilddrüse nistet ein Tumor, der Diabetes kann ebensowenig bekämpft werden wie die Impotenz; die Glieder zittern wie Espenlaub, die Sinne sind getrübt und schwinden im kurzzeitigen Koma manchmal ganz; schließlich muß der vollgepumpte Athlet mit Vergiftungserscheinungen vom Stadion ins Spital gebracht werden.
So zerstören Testosteron, Clenbuterol und Wachstumshormone im Zusammenwirken die Athleten. Schon jeder einzelne dieser Starkmacher wirkt wie Teufelszeug. Doch immer häufiger werden sie als Drei-Gänge-Menü geschluckt und gespritzt - der "ultimative Schlag", wie Doper preisen. Und wer für den Sieg den Tod nicht fürchtet, schüttet noch teelöffelweise Gamma-Hydroxybuttersäure obendrauf, mit spürbarem Effekt: die anabole Wirkung erhöht - wie ein Turbolader im Rennwagen - die Beschleunigung.
Die neuen Kombinationsrezepturen haben Konjunktur, seit das Netz der Anabolikafahnder enger geworden ist. Trotz großer Gesundheitsrisiken greifen die Sportler verstärkt zu den Stoffen, weil sie im Urin nicht oder nur wenige Stunden lang nachweisbar sind. Da die Pharmaka aber, einzeln angewandt, nicht so wirksam wie anabole Steroide sind, erprobten unerschrockene Hormonexperten und Athleten ein fein abgestimmtes Dopinggemisch aller Kraftmacher.
"Ultimate stack" wird das Mischprogramm in der nordamerikanischen Dopingszene genannt, weil der Muskel künstlich gleich an drei wichtigen Rezeptoren zum Wachstum gereizt wird.
In das Programm sind die Erfahrungen der großen Dopingkartelle der Welt eingeflossen: *___der Sportwissenschaftler der DDR, die mit ____ausgeklügelten, auf jeden einzelnen Athleten ____abgestimmten Testosterongaben Olympiasieger am ____laufenden Band formten; *___der westdeutschen Kälbermäster, die in ihren Ställen ____mit Clenbuterol Fleischberge produzierten; *___der amerikanischen Chemiker, die für knapp 10 000 ____zwergwüchsige Kinder im Land gentechnologisch ____Wachstumshormone herstellen sollten und für den ____schwarzen Sportmarkt gleich Unmengen mitfertigten.
Die Testosterontüfteleien des DDR-Sports wurden nach der Wende bekannt, als in den Panzerschränken der staatlichen Sportinstitute Aufzeichnungen gefunden wurden, die mit deutscher Gründlichkeit die Tricks zum Unterlaufen der Dopingkontrollen dokumentierten.
Testosteron bot, was das alte Hausmittel Oral-Turinabol nicht leisten konnte: kürzere Nachweiszeiten und damit Einsatzmöglichkeiten bis kurz vorm Wettkampf. Und als die Nachweismöglichkeiten für Testosteron verbessert wurden, wußten die DDR-Doktoren wieder Rat: Weil im Dopingkontrollabor der Quotient aus Testosteron zu Epitestosteron im Urin bestimmt wird, benutzten sie ein Gemisch aus beiden Stoffen.
Die einst geheimen Erkenntnisse sind längst Allgemeingut und für ostdeutsche Wissenschaftler und Trainer eine Arbeitsplatzgarantie. Auch ein organisatorisches Hemmnis ist beseitigt: Für den zweckgemäßen Umgang mit Testosteron ist eine intensive und geheime Betreuung der Athleten erforderlich - die war bislang nur in den sozialistischen Ländern möglich.
Die Aufgabe der alten Staatslabors haben aber in den USA, den Gesetzen der Marktwirtschaft folgend, bereits private Analyseinstitute übernommen. Wer seinen exakten Absetzwert ermitteln lassen und mit Gewißheit clean an den Start gehen will, weiß ein Drogenexperte der Pennsylvania State University, braucht "nur eine gewisse Summe Geld".
Die Kunde von der muskelschaffenden Wirkung des Clenbuterols zog aus den Viehställen auf typische Weise um die Welt. Nach den ersten europäischen Hormonmastskandalen und der Lektüre von tierwissenschaftlichen Studien nahmen die amerikanischen Dopingberater den Anabolikaersatzstoff eilig und ohne große Prüfung als heißen Tip in ihr "Underground Steroid Handbook" auf. Die Hektik hatte einen Grund: In den USA sind Anabolika seit Februar 1991 strafrechtlich den harten Drogen gleichgestellt. Durch die Tips der amerikanischen Dopingexperten kehrte Clenbuterol, wie der Fall der Neubrandenburger Sprinterin Katrin Krabbe zeigt, im vergangenen Jahr als Starkmacher nach Deutschland zurück.
Den Einsatz des Wachstumshormons Human Growth Hormone (HGH) umgibt, anders als bei Anabolika, immer noch die Aura des Geheimnisvollen. Solange es auf kostspielige Weise ausschließlich aus der Hirnanhangsdrüse von Toten gewonnen wurde, gab es finanzielle und medizinische Grenzen. Doch rechtzeitig vor den Olympischen Spielen in Los Angeles gelang US-Forschern die synthetische Herstellung. Sofort wurden amerikanische Athleten landesweit mit dem Hormon, das durch die bisher üblichen Kontrollen nicht nachzuweisen ist, auf die Spiele in Kalifornien vorbereitet.
Nach den Erfolgsmeldungen wurde die Droge zum heimlichen Renner auf dem Dopingmarkt. Der Footballprofi Lyle Alzado, der vor wenigen Monaten an einem Gehirntumor starb, gab kurz vor seinem Tod zu, HGH 16 Wochen lang genommen zu haben - und er behauptete, 80 Prozent aller amerikanischen Footballprofis würden es auch tun.
Ben Johnson, 1988 in Seoul mit Anabolika erwischt, räumte vor dem Untersuchungsausschuß der kanadischen Regierung ein, auch das Wachstumshormon probiert zu haben. Für zehn Flaschen HGH zahlte er 10 000 Dollar. Sein Arzt George Astaphan, wußte Johnson, habe auch für seine Kollegen Mark McKoy, Angella Issajenko und Desai Williams HGH-Programme "designed". Hürdensprinterin Julie Rochelean, die heute unter dem Namen Baumann in der Schweiz Rekorde läuft, besorgte sich HGH auf dem Schwarzmarkt der Montrealer Bodybuilding-Szene.
Trotz aller Geständnisse und eindeutiger Hinweise - das Steroid-Handbuch jubelte: "Wow, is this great stuff" - gab es bislang kaum Versuche, den Hormoneinsatz zu bekämpfen. So wucherte das Mißtrauen in den Stadien, bis es bei den Spielen in Barcelona beinahe alle Sprint-Olympiasieger in Mißkredit brachte. McKoy gewann über 110-Meter-Hürden - "er hatte geladen", behaupteten die französischen Sprinter. Bei den Frauen siegte Gail Devers über 100 Meter, nachdem sie gerade eine schlimme Schilddrüsenstörung überstanden hatte - eine bekannte Nebenwirkung bei der Einnahme von HGH.
Solche Verdächtigungen werden noch durch aktuelle Marktdaten verstärkt. Die beiden US-Firmen Genentech und Eli Lilly produzierten 1992 für etwa 800 Millionen Dollar HGH. Allein Genentech verzeichnete gegenüber dem vergangenen Jahr einen Produktionsschub von elf Prozent. Die Chemiker betonen unablässig, das Medikament nur für den Einsatz bei Zwergwüchsigen herzustellen. Doch die amerikanische Arzneimittelbehörde sieht das anders: Die US-Regierung setzte kürzlich auch HGH auf die Liste der verbotenen Drogen und droht bei illegalem Besitz des Medikaments mit einer Gefängnisstrafe bis zu fünf Jahren.
Auch in Deutschland warnen Wissenschaftler, nachdem das Bundesgesundheitsamt innerhalb eines Jahres 34 Hirntumorfälle bei HGH-Behandelten registriert hatte: Für die Verabreichung sei "eine strenge Indikationsstellung erforderlich".
Daß der Einzeleinsatz der drei unterschiedlichen Wirkstoffe längst überholt ist, hat auch Robert Voy, der ehemalige Chefarzt des amerikanischen Olympiateams, erkannt. Bei ihm beschwerten sich Athleten, die nur mit HGH versorgt worden waren: "Das ist nicht so wirksam wie die richtigen Sachen."
Wem die Kombination nicht genügt, dem empfehlen die Handbuch-Autoren noch Gamma-Hydroxybuttersäure (GHB), das die körpereigene HGH-Produktion zusätzlich ankurbelt. Trotz deutlicher Warnungen ("Die Durchschnittsdosis wirkt wie eine starke Schlaftablette") nutzen immer mehr Athleten den medikamentösen Turbolader. In den USA, berichtete eine Fachzeitschrift für Notfallmedizin, wurden allein in einem Jahr 58 Patienten mit akuter GHB-Vergiftung in Krankenhäuser eingeliefert - viele bewußtlos in einem schlaganfallartigen Zustand.
Ben Johnson, der bei drei Kontrollen innerhalb von fünf Tagen einmal einen extrem hohen Testosteronwert aufwies, sei, so spotteten Kollegen, "zu doof" für die komplizierte Art des neuen Dopings. Wahrscheinlicher ist, daß Johnson nicht das Opfer eigener Dummheit, sondern von Gaunern geworden ist.
In den USA ist der Schwarzmarkt für die Drogen des ultimativen Schlags inzwischen so groß, daß auch Betrüger mitdealen. Und so wie bei den Rauschmitteln den Kunden zuweilen Puderzucker statt Heroin angedreht wird, enthalten viele Fläschchen statt des teuren HGH auch schon mal das billigere Testosteron. Laut Statistik der Arzneimittelbehörde enthielten 42 Prozent der auf dem nordamerikanischen Schwarzmarkt beschlagnahmten HGH-Fläschchen Fälschungen.

DER SPIEGEL 11/1993
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