25.05.1992

Wutgeheul aus Männerseelen

Sie verschlingen antifeministische Bücher, rennen in Männer-Seminare und hetzen gegen die Emanzipationsbewegung, als stünden die Frauen unmittelbar vor der Machtübernahme: Vom Feminismus frustrierte Machos und unterschwellig frauenfeindliche Vorgesetzte machen mobil - ein Rückschlag für die Frauen?
"An Ihrer Stelle würde ich nicht allzusehr den harten Burschen spielen, Mr. Marlowe. Bei mir nicht, jedenfalls . . ." "Ich bin nicht hart", sagte ich. "Nur männlich." "Vielleicht mag ich männliche Männer nicht", sagte sie. "Sie sind ein Suppenhuhn", sagte ich. "Auf Wiedersehen."
Einst war Felix Stern, 36, ein Mann, der die Frauen liebte. Er beteiligte sich an der Hausarbeit und sang das Hohelied auf die Partnerschaft. Neuerdings schlägt Sterns Herz für seine entrechteten Brüder. Es sei höchste Zeit, schnaubt er, gegen die Versklavung der Männer vorzugehen. Seine Artgenossen würden als Menschen zweiter Klasse und als Frauenknechte gepiesackt. Sie seien den Weibern untertan und in zunehmendem Maß einem höchst unerfreulichen Feminisierungsprogramm unterworfen.
So hielt der Wiesbadener Autor es für unaufschiebbar, ein Ermutigungsbuch für seine Leidensgenossen zu schreiben. "Darauf", da war er sich sicher, "warten nämlich Tausende."
Stimmt. Sterns Geschlechtskollegen greifen zu, sein Buch "Und wer befreit die Männer?" verkauft sich glänzend. Jetzt fürchtet Stern, der vorsorglich unter Pseudonym veröffentlicht, die Rache boshafter Feministinnen: "nächtliches Auflauern, tagelanger Terror oder Schlimmeres".
Hilfeschreie aus tiefster Männerseele vernimmt auch der Zürcher Psychologe Helmut Barz. Er glaubt, daß die Verunsicherung vieler Männer von Frauen als Schwäche ausgenutzt werde "und der Mann noch eins draufbekommt". Aus seiner Praxis weiß der Therapeut, daß viele männliche Patienten unter Angstträumen leiden, in denen starke Frauen vorkommen.
Ehrgeizige Frauen, die um jeden Preis nach oben wollen, vermiesen beispielsweise dem Kölner Betriebswirt Herbert das Leben. Sie seien "extrem bedrohlich, pushy und schrill", findet er. Im Beruf müsse man sich mit nervigen Karrierezicken rumschlagen, "obwohl man Frauen ja eigentlich umsorgen will". Herbert fühlt sich von der Frauenbewegung verraten. Und weil es vielen seiner Freunde ebenso gehe, führe das nun "zur Konterrevolution".
Das Anti-Zicken-Virus regt sich sogar schon in Hochschulen: An der Universität Bielefeld verkündete Rechtsanwalt und Gastdozent Eberhard Hamer allen Ernstes, Männer seien die wahren Opfer der Gesellschaft. Sie müßten zum Bund, während Frauen im Laufschritt Karriere machten, beide erhielten den gleichen Lohn, wenngleich Frauen doch wegen Schwangerschaften viel weniger leisteten. Sie seien doppelt so häufig krank wie Männer, lebten länger und gingen auch noch - Gipfel der Unverschämtheit - fünf Jahre eher in Rente.
Ganz im Trend zur neuen Ruppigkeit liegt der hessische Autor Christian Zeiler mit dem Buch "Können Frauen lieben?" Er schwadroniert über die "machtbesessene, verklemmte Emanze", die Männer nach feministisch-egoistischen Vorstellungen zu trottelhaften Weichlingen umerziehen wolle. Sein Kollege Peter Haas, Paartherapeut in Hamburg, beeindruckt die Leserschaft mit einem "Bericht aus dem Land der Morgenlatten": Frauen, heißt es da, haben den Mann in seiner Rolle verunsichert, sie langweilen ihn beim Liebesspiel, wissen zu wenig über die Vorzüge des Penis und sind mehrheitlich frigide.
Haas und seine Sympathisanten sind Prototypen einer wachsenden Gruppe von Männern, die offenbar nur eins im Sinn haben: das gestiegene Selbstwertgefühl der Frauen und ihren Drang zu gesellschaftlicher Macht zu bekämpfen.
Die neuen Frauenverächter machen ihrer Wut, ihrem Groll und ihrem Frust in Büchern, Universitätsvorträgen und Selbsterfahrungsgruppen Luft. Sie verschlingen antifeministische Texte und treffen sich bei Männlichkeitsgurus zu Seminaren. Sie prozessieren gegen die quotierten und allseits bevorzugten Frauen, die bei gleicher Qualifikation auch jene Jobs bekommen, die einst für Männer reserviert waren.
Zwar sind etliche der neuen Anti-Frauen-Bücher nicht gerade besonders geistvoll. Doch daß sie Hunderttausende von Lesern finden, deutet darauf hin, daß unter Männern eine neue Befindlichkeit und geänderte Verhaltensmuster um sich greifen: Wut auf den Feminismus und der Versuch, die Frauen wieder zu ducken. Psychologen und Soziologen berichten, daß Männer beim Thema Emanzipation zunehmend ausrasten - als wären sie von rebellischen Militanten umzingelt, die im Büro wie im Wohnzimmer gegen sie Front machten. Feministinnen beklagen bereits eine heimliche Verschwörung des harten Geschlechts gegen das zarte: Der von der Frauenbewegung gebeutelte Mann schlägt zurück.
"Einem männlichen stellvertretenden Parteivorsitzenden wäre das nicht passiert", erkannte, unter Tränen, die liberale Außenministerkandidatin Irmgard Schwaetzer, nachdem sie Ende April an einer Männer-Intrige gescheitert war. Die Frankfurter Soziologin Ute Gerhard beklagte vorletzte Woche bei einem Hearing über "Frauenrechte in der Verfassung": "Das Patriarchat feiert Wiederauferstehung" - ein gesellschaftlicher Pendelschlag, Rückfall in überholte Formen der Geschlechterfehde. Wohl hat sich, zwei Jahrzehnte nachdem Frauen auf Demonstrationen Brot, Rosen und die Hälfte der Welt forderten, ihr Anliegen im Vieleck zwischen Rita Süssmuth und Gertrud Höhler, Emma, Petra und Cosmopolitan etabliert.
Kaum eine Frau, ob Direktorengattin oder Arbeiterin, die ihrem Partner nicht tagtäglich klarmacht, daß es mit der Herrlichkeit der Herren vorbei ist: Wer das Bier holt, sich um die Kinder kümmert oder gar der wichtigere Mensch ist, hängt nicht von der Verteilung der Chromosomen ab.
Doch mit der "postfeministischen Identitätskrise des europäischen Mannes" (so die Zürcher Weltwoche) wird der Macho der neunziger Jahre offenbar nicht mehr fertig. Unter "Minderwertigkeitskomplexen" leidend, die vom "neuen Selbstbewußtsein der Frauen" verursacht seien (die Hamburger Psychologin Eva-Maria Biermann-Ratjen), in vielen TV-Werbespots schon "zur Lachnummer degradiert" (Playboy), haben Männer nun zu jenem "machistischen Rückschlag" ausgeholt, den der bekennende Öko-Mann Joschka Fischer schon vor zwei Jahren prophezeit hat: Schluß mit der lächerlichen Selbstverleugnung als Softie, mit Dienst am Wickeltisch und den quälenden Bekenntnissen zum Weiblichen im Mann.
Hinter dem "Krieg gegen den Feminismus", wie das US-Nachrichtenmagazin Time den neuen Geschlechterkampf nennt, verbirgt sich offenbar ein gigantischer maskuliner Fruststau. Als stünden Frauen weltweit unmittelbar vor der Machtübernahme, erheben Männer mit Verallgemeinerungen und Übertreibungen Kollektivanklage: Frauen, so lauten die erstaunlichen Hauptvorwürfe, *___forderten die totale Glücksmaximierung - eine ____harmonische Partnerschaft, einen tollen Job, Kinder und ____jede Menge Zeit, sich die Fingernägel zu lackieren; *___überforderten den Mann sexuell ohne Unterlaß, weil sie ____immerzu wollten, immerzu könnten und so unweigerlich ____den Mann in die Impotenz trieben; *___hingen nur in Universitäten rum, um Akademiker ____anzubaggern, und hätten sich als eiskalte ____Karrieremiezen per Quote in Unternehmen reingedrängt, ____wo sie nun Männer unterdrückten; *___erpreßten den Mann mit launischem Krankheitsterror. Der ____allgemeine Befund: Sie lieben zuviel, sie fressen und ____kotzen zuviel, sie schlucken zuviel Pillen, sie trinken ____zuviel und *___hätten als Muttermonster in der Geschichte viel Unheil ____angerichtet; die halbe Welt habe unter Nero, Caligula, ____Mussolini, Franco, Eichmann oder Mengele gelitten, die ____mehr oder weniger alle im Schatten gestörter Übermütter ____gestanden hätten.
Wie dieser Ärger in Aggressivität umschlägt, kann der Berliner Soziologe Walter Hollstein an Beispielen festmachen. Bei einer Befragung von 712 Männern kamen die Antworten in ungewohnt scharfem Tonfall: Vor allem in der Oberschicht fand Hollstein eine "neue Feindseligkeit" gegenüber Frauen, gekoppelt mit konservativen, traditionellen Ansichten.
So beharrten Männer in Führungspositionen wieder darauf, daß die Frau den Haushalt und die Kinder zu verwalten habe, während der Mann ins feindliche Leben hinauszieht. Auch was einen richtigen Mann auszeichnet, wird in Hollsteins Studie deutlich: Selbstsicher und mutig soll er sein, realistisch und logisch, autonom und optimistisch - ein Typ vom Schlage Humphrey Bogarts. Frauen wird Schönheit und viel Gefühl, Passivität und Willensschwäche, Angst und Anhänglichkeit zugewiesen, zum Vorschein kommt ein Wesen, das von einer Existenzkrise in die nächste stolpert, dabei aber rasend gut aussieht.
Bei soviel Rückschritt sprechen auch Kirchenmänner wieder aus, was sie schon immer dachten. Der Bremer Theologie-Professor Georg Huntemann etwa lehrt über "diese sogenannte Emanzipation", daß "die Unterordnung der Frau unter den Mann eine Ordnung" sei, "die der Allmächtige für die Schöpfung vorgesehen hat". Daraus folgend forderte er die Exkommunizierung der neuen nordelbischen Bischöfin Maria Jepsen, die sich "mit ihrer Wahl gegen die Heilige Schrift erhoben" habe - wer''s glaubt, wird selig.
Mit Volldampf in die Vergangenheit - auch in sogenannten aufgeschlossenen Branchen wird die neue Feindseligkeit spürbar. Von Unmut und zynischen Kommentaren angesichts weiblicher Selbstbehauptung am Arbeitsplatz berichtet die Werbetexterin Karin. Ein Vorgesetzter teilte ihr unverblümt mit, Frauen hätten "in höheren Positionen nichts zu suchen". Denn bei wichtigen Geschäftsabschlüssen wollten Männer ungestört miteinander feiern, manchmal eben auch "mit abschließendem Bar- und Bordellbesuch". Diese Haltung sei nicht neu, so die 28jährige, werde aber jetzt durch wachsenden Konkurrenzdruck deutlicher.
In einer Hamburger Rechtsanwaltskanzlei traktiert ein junger Chef seine weiblichen Referendare mit der Forderung, nicht den kleinsten Fehler zu machen. Jede Frau, der er eine Chance gebe, müsse besser sein als ein Mann, wolle sie die Probezeit überstehen. In den letzten zwei Jahren schaffte das keine der Anwärterinnen.
Es häufen sich, wie Gesine Spieß, Leiterin des Düsseldorfer Frauenbüros, beobachtet hat, Fälle von diskreter Diskriminierung. "Oft erzeugen Männer eine frauenfeindliche Atmosphäre, die selten nachweisbar ist, aber mit dem Scheitern der Frau endet."
Auch in Männerrunden, initiiert von Vereinen in Berlin und Göttingen, Düsseldorf und Frankfurt, ist die Stimmung umgeschlagen: Statt Anpassung an Frauen-Normen ist Widerstand angesagt. "Ich hab'' es satt", erzählt ein Mann, "zu hören, daß alle Probleme in meiner Ehe seit 15 Jahren nur durch mich, meinen falschen Charakter, meine Widersprüche entstehen." Ein anderer Mann erklärt trotzig: "Ich lass'' mich heute von keiner Frau mehr niedermachen. Und wenn mir eine blöd kommt, kriegt sie eins auf die Mütze" - nach "Ich schau'' dir in die Augen" heißt die Losung jetzt offenbar "Ich hau'' dir in die Fresse, Kleines".
Ticken die Männer nicht ganz richtig? Was veranlaßt sie zu derartigem Wutgeheul? Woher rührt die neue aggressive Selbstbehauptung?
Noch zu Beginn der siebziger Jahre gab es eine Menge Männer, die der Einsicht folgten, daß Frauen gleiche Rechte zustehen, und entschlossen die Gesinnungsfahne für die Emanzipation hißten. Sie bewährten sich, indem sie sich durch Anklage- und Bekenntnistraktate quälten, etwa Verena Stefans "Häutungen" oder Svende Merians "Tod des Märchenprinzen".
Tapfer stellten sie sich dem Bild, das die feministische Literatur von ihnen entwarf. Es war alles andere als schmeichelhaft. Persönlichkeit: stumpf; Sexualverhalten: einfallslos; Sensibilität: unentwickelt; Änderungsaussichten: gering. Vor allem unter der Gürtellinie trafen die Emanzen: Penis und Potenz verloren an Ansehen. "Wohin mit dem Ding?" fragte Alice Schwarzer in ihrem Kölner Blatt Emma, und auch andere Magazine hielten mit Kritik nicht hinterm Berg: Das Zentralorgan des Mannes baumele herum, ohne Sinn und Verstand, sei unansehnlich, mitunter ganz schön zimperlich, oft ein rechter Mickerling, habe viel erlebt und nichts begriffen, wolle selbst bei mäßiger Leistung bejubelt werden, gebärde sich aktiv und wichtigtuerisch, vor allem in fremden Betten, und neige daheim zu trotziger Verweigerung - nicht immer, aber immer öfter. Was der Mann beim Liebesspiel von sich gebe, auf diesen Höhepunkt trieb es das Hamburger Gesang-Duo "Herrchens Frauchen", "ist ekelhaft und sieht auch nicht gut aus".
"Der Mann ist sozial und sexuell ein Idiot", hieß es programmatisch im Vorwort der Ratgeberreihe rororo-Mann. In den Protokollen zum Geschlechterkrieg war immerzu und ausführlich über den physiologischen Stumpfsinn des Mannes zu lesen. Gelegentlich noch beschworen heisere Stimmen die Magie der Männlichkeit und fragten zaghaft, "Wie der Phall im Wandel der Epochen steht" (Buchtitel). Er stand nicht besonders. Der gerupfte Pascha ging reumütig in sich und geriet in die Krise.
Geboren wurde der Softie. Er tauschte die Lederjacke gegen die Latzhose ein, strickte, kochte und kuschelte, was das Zeug hielt. Die Damenwelt zeigte sich jedoch nicht erkenntlich. Der Softie erwies sich als nicht überlebensfähige Zwischenform männlicher Evolution und trat am Ende nur noch in einem Schlager des Komödianten Diether Krebs als Witzfigur auf: "Ich bin der Martin, ne."
Nach der ersten, weichen Welle der Männerbewegung, die zwischen tiefgreifender Selbstkritik und Selbstgeißelung hin- und herschwappte, wandelte sich die Stimmung merklich. Männer, so hieß es auf einmal, haben''s auch nicht leicht. Sie sind gar nicht rauh und strapazierfähig, Mann leidet auch in der Chefetage, Mann hat mehr Verständnis verdient. Die Frauen aber würden immer nur draufhauen.
Dann machte sich die Erkenntnis breit, daß die Frauenemanzipation eine Zumutung sei und daß Schluß sein müsse mit dem ewigen Weibergenörgel und den Maßregelungen, Schluß damit, sich ewig zu rechtfertigen, daß man zur Gattung der Unterdrücker und Vergewaltiger gehöre. Dazu gesellte sich der Verdruß, die ewig gleichen Themen bis zum Erbrechen erörtern zu müssen. Bei den Reizwörtern Gleichberechtigung, Orgasmusproblem, Beziehungsgespräch wurde vielen Männern nur noch übel.
Linderung versprechen sie sich neuerdings wieder von Bewegungslektüre - wie in kollektiver Trance stürmen sie die Buchläden, um die Werke der neuen Männlichkeitsgurus zu kaufen.
Die Bestsellerautoren, die Amerikaner Robert Bly und Sam Keen, fordern die Rückkehr zur alten Männlichkeit und haben mit ihrer Vision vom _(* In Texas. ) "Wilden Mann" (Bly) mit möglichst viel "Feuer im Bauch" (Keen) einen regelrechten Begeisterungstaumel ausgelöst. Blys "Eisenhans" verkaufte sich bislang rund 50 000mal, Keens Werk in sechs Wochen immerhin 30 000mal.
Stark und heldenhaft, triebhaft, maskulin und kernig soll der neue wilde Mann sein, er muß seine archaischen Instinkte mobilisieren und den Kämpfer in sich selbst entdecken. Männer, degradiert zu profanen Penisträgern, sollen wieder in kühner Entschlossenheit "ihr Schwert zeigen können", fordert Bly.
Wer erst einmal angetörnt ist vom neuen Maskulinismus, kann sein Bewußtsein in teuren Seminaren schärfen. Schon länger in den USA, neuerdings aber auch im Allgäu, üben Männer, wieder Männer zu sein.
John Bellicchi, 47, bislang erster Veranstalter solcher Workshops in Deutschland, weist seine Gruppe an: "Ihr werdet kalt duschen, aber kein Deo benutzen. Ihr werdet euch nicht rasieren und wenig schlafen." Bellicchi schickt seine Männer in Schwitzhütten, läßt sie miteinander ringen, boxen und über ihre sexuellen Phantasien reden. Er beschwört den Krieger, König, Zauberer und Liebhaber im Manne. Der Unterschied zwischen den Geschlechtern ist für den Italo-Amerikaner eindeutig: Zwar müßten Männer kooperativ sein, "aber letztlich bleiben sie der Boß" (siehe Seite 80).
Der Mann, so das neue Selbstbild, ist seinem Wesen nach ein Abenteurer. Er liebt Whisky, die Freiheit, Zigaretten und Pferde. Er ist gern unter seinesgleichen, wo fester Händedruck und Schulterklopfer mehr sagen als endloses Gequatsche. Er zeigt gern sein markiges Kinn und schiebt die Zähne nur auseinander, um auf irgendeinem Glimmstengel herumzukauen. Er lächelt selten, kann dafür aber dösig-geil gucken wie Mickey Rourke, kernigentschlossen wie der "Marlboro"-Mann oder traurig-entspannt wie der Macker-Typ Willi Wacker im Comic strip.
Rücksicht auf Befinden und Bedürfnisse der Frau ist diesem Männertyp fremd. Der Düsseldorfer Werbefachmann Joachim Bürger etwa, dessen Männerbücher fast eine Viertelmillion Mal verkauft wurden, möchte die männliche Psyche sanieren und den Frauen endlich "mal sagen, wo''s langgeht". Als "Deutschlands schlimmster Macho" läßt sich der Rheinländer von der Boulevardpresse feiern. Er selbst sieht sich, ganz bescheiden, als "männliche Antwort auf Alice Schwarzer".
Frauen, so Bürgers schlichtes Weltbild, sind faule und beschränkte Wesen und wollen sich durch frühe Heirat einen Versorger nebst Leibrente sichern. Nach wenigen Ehejahren, warnt der Phallokrat, verlottert die liebende Gattin, quengelt rum und verursacht nur noch Ärger und Kosten.
Als ebenbürtiger Mitstreiter Bürgers erweist sich der Kieler Psychiater Holger Flöttmann. Gegen den "Haß, den blinden Haß der Frauen müssen sich die Männer endlich wehren", feuerte er 2,85 Millionen TV-Zuschauer an, als er beim Kölner Sender RTL plus auf dem "heißen Stuhl" hin- und herrutschte. Flöttmann macht zwar nicht den Eindruck, als habe er das Pulver erfunden, und verlor, vor allem gegen die humorvoll argumentierende Evelyn Künnecke, nach Punkten. Aber der Beifall seiner Geschlechtsgenossen im Studio war unüberhörbar.
Wie trickreich Männer in der neuen Auseinandersetzung argumentieren und wie sich das für die Frauen auswirkt, haben zwei amerikanische Beziehungsforscherinnen ermittelt. Die Feministin Marilyn French, die gerade mit ihrem Buch "Der Krieg gegen die Frauen" auf Deutschland-Tournee war, hat beobachtet, daß zwar nur noch wenige Männer Frauen offen und in Bausch und Bogen für minderwertig erklärten. Aber in Wahrheit handelten viele so, als ob nur Männer zählten.
Firmenchefs etwa beharrten stets darauf, daß keine Diskriminierung im Spiel sei, wenn eine Frau nicht befördert werde. Wenn Männer über Frauen sprechen, fand French heraus, sei häufig das Wörtchen "zu" entscheidend: Die Stimmen von Frauen seien zu laut oder zu leise, zu aggressiv, zu alt oder zu jung.
Ganz generell rege man sich über Frauen immer mehr auf als über Männer. Ein ungnädiges männliches Publikum urteile streng darüber, ob Frauen sich korrekt verhielten. French: "Was auch immer die Frauen tun, sie weichen von der Norm ab. Kinder haben oder nicht, berufstätig sein und sie wegorganisieren - wie immer sie es machen, es ist immer falsch."
Zu ähnlichen Ergebnissen kam die amerikanische Autorin Susan Faludi, die im letzten Winter mit ihrem Buch "Backlash" (Rückschlag) in den USA und England eine anhaltende Diskussion auslöste.
Faludi, Pulitzer-preisgekrönte Reporterin des Wall Street Journal, recherchierte über die Lage der Frauen im Amerika der achtziger Jahre; sie fand einen Kampf an allen Fronten - und nichts als Rückschläge für die Frauen. Der Anteil an Macht, Geld und Einfluß von Frauen schrumpfe, trotz Frauenbewegung, stetig. Ob in Wirtschaft oder Wissenschaft, in Politik oder Gesellschaft, überall stieß die Autorin auf das Bestreben, den Frauen "die paar Erfolge, die sie erringen konnten, wieder abzunehmen".
Mit manipulierten Zahlen und fragwürdigen Untersuchungen, fand Faludi, werde Frau und Mann die Botschaft eingebleut: "Der Feminismus ist an allem schuld." Ob Kriminalität oder Arbeitslosigkeit, Krankheit, Depressionen oder Unfruchtbarkeit - schuld an allen Übeln der modernen Welt, so Faludis Fazit, sei die Emanzipation der Frau. Wie in den USA, so in Europa. Unter Wissenschaftlern kursieren immer mehr Studien, die sich mit dem angeblichen Unglück der emanzipierten Frau befassen. Tenor: Männer- und kinderlos lebt sie einem einsamen Alter entgegen - ein physisches und psychisches Wrack.
Jenseits der 30, gaben beispielsweise zwei französische Forscher bekannt, erleide die Frau einen jähen Rückgang der Fruchtbarkeit: Für Frauen zwischen 31 und 35 Jahren errechneten sie eine Unfruchtbarkeitsquote von beinahe 40 Prozent. Das Fachblatt New England Journal of Medicine leitete den Abdruck der Studie mit einer Mahnung an Amerikas Frauen ein, "ihre Lebensziele zu überdenken", die New York Times druckte das Ergebnis auf der ersten Seite. Die biologische Uhr, glaubt seitdem ein Großteil der amerikanischen Öffentlichkeit, ticke gegen die Emanzipation: Wer sich erst um seine Karriere kümmere, werde seines Frauenlebens nicht mehr froh - früh Kinder kriegen oder gar nicht, lautet die Botschaft.
Doch die französische Unfruchtbarkeitsstudie hielt einer Nachprüfung nicht stand. Der amerikanische National Health Service (NHS) rechnete nach. Ergebnis: Die Unfruchtbarkeitsquote der 31- bis 35jährigen liegt nicht bei 40, sondern bei 13 Prozent.
Depression und Burnout, verkündet seit Mitte der achtziger Jahre eine wachsende Zahl von Experten, befielen mit Vorliebe die alleinstehende, berufstätige Frau. Laut einem Bericht der Los Angeles Times beispielsweise stellten ledige Frauen "die absolute Mehrheit" der Patienten in der Psychotherapie, und in der New York Woman versichert ein Psychologe, diese Frauen stürmten "stampedeartig" die Praxen. US-Seelenforscher wie Herbert Freudenberger und Gail North warnen die Frau vor dem Arbeitsstreß: Der Burnout der Frau sei eine "weitverbreitete und höchst bedenkliche Erscheinung in unserer modernen Welt".
Auch zu diesen Befunden fand Faludi Gegenbeweise. Depression und Erschöpfung, so das Resultat von NHS-Forschungen, befallen sehr viel häufiger Haus- und Ehefrauen als solche, die berufstätig sind - ein eigener Job, sagen kompetente Forscher, wirkt sich positiv auf die seelische Gesundheit aus.
Besonders fragwürdig sind die Befunde einer in Harvard erstellten Heiratsstudie, die weltweit bei Männern für Triumphlächeln und bei Frauen für Zweifel sorgte: Wer mit 30 Jahren keinen Mann habe, werde kaum noch einen kriegen. Karriere gleich, Liebe später - das schien plötzlich zu riskant.
Ledige Frauen mit Collegeausbildung, das hatten zwei Forscher aus Harvard und Yale errechnet, müssen sich beeilen. Mit 30 betrage ihre Chance, einen Ehemann abzukriegen, nur noch 20 Prozent, mit 35 sei sie auf 5 Prozent und mit 40 gar auf 1,3 Prozent gesunken. Große Zeitungen in den USA, aber auch in der Bundesrepublik verbreiten seitdem das geflügelte Wort, an das noch immer geglaubt wird: Eine 40jährige werde "eher von einem Terroristen erschossen, als daß sie noch einen Ehemann kriegt".
Doch auch diesmal stimmten die Berechnungen nicht. Jeanne Moorman, eine Expertin am amerikanischen Bundesamt für Statistik, korrigierte: Die Ehechancen der 30jährigen waren 3mal so hoch, die der 35jährigen 7mal, die der 40jährigen gar 23mal so hoch, wie die Heiratsforscher verkündet hatten.
Verbreiten durfte Moorman ihre Erkenntnisse allerdings nicht. Als sie von etlichen Fernsehsendern geladen wurde, ihre Ergebnisse vorzustellen, untersagten es ihre Chefs - Herren aus Washington hatten interveniert und die Behörde wissen lassen, Moormans Richtigstellungen würden in der Bevölkerung "nur für Verwirrung sorgen".
Hysterisch und krank, unbefriedigt und unberechenbar - der Mythos vom Unglück der Karrierefrau findet seine Fortsetzung in der Populärkultur. Bezeichnend ist die Entstehungsgeschichte des Erfolgsfilms "Fatal Attraction" ("Eine verhängnisvolle Affäre"), jener Story einer Aufsteigerin (Glenn Close), die einen Ehemann (Michael Douglas) verführt und dann fast sein Leben und seine Familie zerstört.
Der Fall "Fatal Attraction" dokumentiert, was Faludi unter "Backlash" versteht: Ursprünglich war der Film ganz anders geplant. Ihm lag eine "feministische Idee" der Paramount-Produzentin Sherry Lansing zugrunde, die einen leisen Film über einen Ehemann und dessen Seitensprung drehen wollte - und über die Tatsache, daß er damit das Leben anderer zerstört. Lansing gefiel vor allem, daß der Mann "die Verantwortung für das übernehmen muß, was er tut", und daß der Zuschauer "mit der Geliebten fühlt".
Am Veto der Paramount-Bosse scheiterte das Projekt. Drehbuchschreiber James Dearden erinnert sich, daß die Oberen das Konzept nicht mochten - der Film brauche einen richtigen Helden, hieß es, der Mann müsse sympathischer werden, weil das Publikum ihn "sonst nicht mögen würde".
Das Stück wurde umgeschrieben. Autor Dearden mußte, wie er sagt, "die Schuld vom Mann nehmen und auf die Frau laden", der Mann mutierte zum netten Wesen, die Geliebte zur Hexe. Und ein Ende, wie es ein früher Entwurf vorsah - Selbstmord der Geliebten -, war den Produzenten "nicht kathartisch genug" (Dearden): Das Publikum habe die Frau hassen gelernt und erwarte Kompensation. So wird die Verführerin schließlich wie ein böser Geist exorziert, dreimal getötet - die Welt des Ehemanns, die Welt der Familie ist endlich wieder heil.
It''s a men''s world, im Kino wie in der Wirklichkeit. Die Paranoia der Herren ist, auch was die Bedrohung durch Frauen im Berufsleben angeht, gänzlich unbegründet.
Beispiel Führungspositionen: Im mittleren Management der Bundesrepublik gibt es gerade 7,8 Prozent Frauen, im Top-Management steht den 94,1 Prozent Männern ein kleines Häufchen von 5,9 Prozent Frauen gegenüber - daran hat sich in den letzten 15 Jahren, trotz feministischer Trommelwirbel, so gut wie nichts geändert.
In den neuen Bundesländern sind Frauen die ersten, die bei Entlassungen fliegen, und die letzten, die wieder einen Job erhalten. Zum Jahresbeginn ''92 war bereits jede fünfte Frau arbeitslos - bei den Männern jeder neunte. Weltweit werden, wie gehabt, berufstätige Frauen durchschnittlich um 30 bis 40 Prozent schlechter entlohnt als Männer. In 50 Uno-Mitgliedsstaaten gibt es keine einzige Ministerin.
Auch der Mann als Haus- und Küchentrottel kommt, anders als behauptet, nur selten vor. Bei einer Befragung zur Rolle der Ehefrau in sieben Staaten der EG hielten bundesdeutsche Männer am deutlichsten die Fahne der klassischen Arbeitsteilung hoch: Gerade mal 31 Prozent stimmten für eine berufstätige Ehefrau, 58 Prozent bevorzugten eindeutig ein erwerbsloses Hausmütterchen.
Dazu passen die Ergebnisse einer neuen Arbeitsmarktstudie aus Frankfurt am Main: Chefs stellen lieber Männer als Frauen ein. Von 120 befragten Personalchefs sagten 61 Prozent, ihnen sei das Mutterschaftsrisiko zu hoch, 51 Prozent meinten, Frauen hätten weniger Zeit für den Beruf. Bei 95 Prozent aller Stellenausschreibungen für Positionen im Top-Management wird erst gar nicht der Versuch gemacht, Frauen zu gewinnen. Generell gilt: je höher die ausgeschriebenen Positionen, desto größer die Chancen der Männer.
In Sicht ist der neue, andere Mann mithin noch nicht. Aber er wird, immerhin, gesucht. Werbefachleute haben in zehn Staaten der Welt mit Analysen und Studien herumgeforscht nach dem Mann von morgen.
Gewünscht wird, wie die renommierte Düsseldorfer Werbeagentur BBDO entdeckt hat, ein Wesen, das durch seine Vielseitigkeit besticht. Der Mann der Zukunft ist sensibel, humorvoll, aber gelegentlich auch ein harter Macho - wie''s die Situation gerade verlangt. Die Kunst, so Johannes Röhr von BBDO, sei nun, den "future man" mit möglichst all seinen wundervollen Eigenschaften im Werbespot zu zeigen.
Ein Spot, der das angeblich vermag, spielt irgendwo in einer Bar am Wüstenrand. Ein junger Mann - Marke einsam, schweigsam und geheimnisvoll - kommt langsam mit starrem Blick auf ein schönes Mädchen zu. Sie glotzt ihn an wie ein hypnotisiertes Kaninchen.
Der Einsame holt ohne ein Wort seine Levi''s-Jeans aus dem Kühlschrank und zieht sie langsam und bedächtig an. Das Mädchen gerät in offensichtliche Verzückung, als habe es noch nie jemanden gesehen, der sich die Hose zuknöpft. Doch alles Schmachten ist vergeblich: Der Mann besteigt, von ihren sehnsuchtsvollen Blicken begleitet, sein Motorrad und braust davon.
Arme Future-Frau.
* In Texas.

DER SPIEGEL 22/1992
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