08.06.1992

„Als wär' der Russe am Zaun“

Trotz Abrüstung und Ende der Ost-West-Spannungen proben Militärs auf den Schießplätzen unvermindert weiter den Krieg. Anwohner der Übungsareale wollen nun gegen Tiefflieger und Panzer kämpfen. In Niedersachsen, wo das größte Nato-Manövergelände in Europa liegt, erhalten sie Hilfe von der rot-grünen Landesregierung.
Drei Tage lang ballerten großkalibrige Artilleriegeschütze von einer Feuerstellung nahe dem niedersächsischen Westenholz mächtige Granaten auf den benachbarten Schießplatz Bergen-Hohne. Noch eine Woche später hatte Anwohnerin Andrea Hoops, 30, darunter zu leiden: Die Herzschmerzen wollten nicht weggehen.
Die junge Frau hat "400 Knälle wie Überschall" pro Tag gezählt, hart und ohne jede Vorwarnung. Andrea Hoops: "Da spürt man die Erdkruste, da wackelt hier alles."
Durch die Erschütterungen sprangen Zimmertüren auf, ein Schrank ruckelte in der Wohnung herum wie von Geisterhand bewegt. Beim Abendessen mußte sie die Teller vom Tisch nehmen, weil der Putz von der Decke rieselte.
Die genervte Anwohnerin verlangte Schadensersatz. Nach monatelangem Hin und Her überwies ihr die Bundeswehrverwaltung 112,30 Mark "für Aufräum- und Reinigungsarbeiten". Es sei durchaus "denkbar", hieß es herablassend im Begleitbrief, daß durch den Kanonendonner "Kitt und Mörtelteile aus ihrer Lage herausgerüttelt wurden".
Über solche "albernen Bescheide" können Andrea Hoops, die für die Grünen im Landtag sitzt, und deren Nachbarn im Heidedorf Westenholz schon lange nicht mehr lachen. Wohl hat die Bundeswehr im Lauf der Jahre einige Millionen Mark Ausgleich für allerlei Schäden an die Bevölkerung und mancherorts auch dreifach verglaste Lärmschutzfenster bezahlt.
Doch das reicht Tausenden von Anwohnern des Truppenübungsgebietes in der Lüneburger Heide, das zusammen mit den Militäranlagen bei Munster mehr als 310 Quadratkilometer umfaßt und als größtes Nato-Übungsgelände Europas gilt, nicht mehr aus. In Bürgerinitiativen zwischen Lüneburg und Fallingbostel wird nun die Verweigerung des Gehorsams geprobt.
Auch andernorts keimt, nach dem Ende des Kalten Krieges, eine antimilitärische Protestbewegung gegen Panzerkrach und Tieffliegergedröhn. Im bayerischen Grafenwöhr, wo die US-Armee einen weitflächigen Übungsplatz besitzt, wollen Bewohner nicht mehr im Geschützdonner leben. "Das ist hier höllisch", klagt Claudia Neumann, 36, von der Initiativgruppe "Mütter gegen Schießlärm". In Baden-Württemberg empfinden neuerdings sogar Politiker den Kampflärm von Flugzeugen als "Terror gegen die eigene Bevölkerung".
"Natur statt Panzer" fordert in der niedersächsischen Heide eine Bürgerinitiative. Zu einem "Spaziergang mit symbolischer Platzbesetzung" brachen zu Ostern die Mitglieder des Vereins "Für eine militärfreie Heide" auf. Niedersachsens sozialdemokratischer Ministerpräsident Gerhard Schröder zeigt Verständnis für den aufkochenden Unmut der Heidjer, die in einer "Region leben, die so kaputtgeübt worden ist wie kaum eine andere in der Welt".
Seit 1935, als Hitlers Wehrmacht den idyllischen Landstrich requirierte und zum bedeutendsten Truppenübungsplatz des Deutschen Reiches machte, erleben die Einheimischen eine Invasion nach der anderen.
Kaum war die Wehrmacht verschwunden, starteten die Siegermächte ihre Manöver im Heidesand bei Bergen-Hohne und Munster. Auf dem riesigen Areal proben an 47 Wochen im Jahr westliche Truppen den Krieg. Rund 150 000 Soldaten mit mehr als 10 000 Panzern und doppelt so vielen Radfahrzeugen okkupieren Jahr für Jahr den Truppenübungsplatz Bergen-Hohne: Briten, Holländer, Belgier, US-Amerikaner, die Bundeswehr natürlich, und zwischendurch auch mal Kanadier.
Geschossen wird, Tag und Nacht, mit allem, was die konventionelle Waffentechnik hergibt. Wenn Hunderte von Panzern gleichzeitig durch das Gelände pflügen und aus allen Rohren feuern, müssen Autofahrer am Rande des Platzes selbst bei klarem Himmel die Lichter einschalten, weil kilometerlange Staubfahnen die Sonne verdunkeln. In Fallingbostel muß der Lehrer Gerd Jäger die Fenster in seiner Schule schließen, wenn auf nahen Feuerstellungen mit Panzerabwehrlenkflugkörpern, Raketenartillerie und Mörsern geschossen wird - er kann sich sonst in der Klasse nicht verständlich machen.
Jahrzehntelang haben die Heidjer das Militär ertragen. Doch nach dem Zerfall des Warschauer Paktes ist den Menschen in Munster, Bergen, Walsrode und Schneverdingen nicht mehr klarzumachen, warum in ihrer Heimat Krieg geübt wird wie eh und je.
Plakate mit "Tommy go home" tauchten bereits im Gebiet des sogenannten Soltau-Lüneburg-Abkommens zwischen Amelinghausen und Schneverdingen auf, wo das britische Militär selbst in bewohntem Gebiet, Vorgärten und auf Äckern Krieg spielen darf. Wohl hat die Londoner Regierung den aufgebrachten Bewohnern angekündigt, die Übungen 1994, vor Ablauf des Abkommens, zu beenden. Doch die Heidjer trauen dem vorgezogenen Frieden nicht.
Viel Zustimmung findet der Schneverdinger Uhrmachermeister Ingobert Marx mit seinen holprigen Gedichten, die sich in den Heimatblättern und auf Wandzeitungen finden: _____" Panzer dröhnen durch den Heidesand Der Tommy zeigt " _____" keinen Verstand Er tobt und wütet hier im Heideraum Als " _____" wär'' der Russe noch am Zaun " _____" Ich jedenfalls bin jetzt bereit den, der uns vom " _____" Tommyjoch befreit zu umarmen und zu lieben. " _(* Mit Infraschall-Meßgerät. )
Die ehemals schöne Landschaft mit mächtigen Findlingen und schlanken Wacholdern ist verwüstet. Kaum ein Quadratmeter Boden in der Panzerheide, der nicht schon mehrfach von Ketten und Kanonen durchpflügt worden wäre. Die Renaturierung der Wüstenei ist nicht in Jahrzehnten zu schaffen. Allein die naturgerechte Bepflanzung mit Bäumen würde zwei Waldgenerationen dauern - rund 200 Jahre.
Davor stünde noch die Sanierung des Bodens, der seit mehr als einem halben Jahrhundert mit Schwermetallen durchsetzt ist. Im letzten Herbst erfuhren die Heidjer, daß die Briten panzerbrechende Waffen mit abgereichertem Uran gehärtet hätten. Wahrscheinlich lagert deshalb radioaktiver Müll im Heidesand - niemand hat das bisher gemessen.
Doch nicht nur die Briten haben sich unbeliebt gemacht. Politischen Attacken ist seit einiger Zeit auch die Bundeswehr ausgesetzt, die für die Nato die Truppenübungsplätze Bergen-Hohne und Munster verwaltet. Die rot-grüne Landesregierung in Hannover will die Militärs in Zukunft zu zivilem Verhalten zwingen - zumindest beim Umgang mit Umweltgesetzen.
Bisher hat sich die Bundeswehr, unter Berufung auf "zwingende Gründe der Landesverteidigung", bei Bedarf an Gesetzen und Verordnungen vorbeimanövriert. Ähnlich mogelt sie sich auch um Auflagen aus Lärmschutzbestimmungen herum.
Wohl hat die Truppe 1986, wie es das Bundesimmissionsschutzgesetz vorschreibt, den Übungsplatz Bergen-Hohne als Emissions-Altanlage angezeigt. Aber die vorgeschriebenen detaillierten Auskünfte darüber, ob die Zivilbevölkerung im Umkreis der Schießplätze mit zu starkem Lärm überzogen wird, hält die Bundeswehr bisher zurück.
Konkrete Angaben über Kaliber, Anzahl der Schüsse und über genaue Schießzeiten bunkert die Bundeswehr ebenso wie präzise Daten über den Lärm, der bei Betrieb von 22 Schießbahnen für Panzer, 14 Artilleriefeuerstellen, 4 Schießbahnen für Panzerabwehrhandwaffen und 5 Schießbahnen für Maschinengewehre entsteht.
Die Bürgerinitiativen und das Umweltministerium in Hannover kommen nicht ohne weiteres an die Unterlagen heran. Die Bundeswehr muß sich den Betrieb der Schießplätze zwar von den Behörden genehmigen lassen, genießt aber ein einzigartiges Privileg: Niemand außer ihr selbst darf die Daten offiziell überprüfen.
Zudem behaupten die Militärs, es gebe kein technisches Verfahren, um die tiefen Schwingungen des sogenannten Infraschalls zu bewerten, der beim Abfeuern großer Kaliber entsteht. Dabei ist womöglich gerade der Infraschall, dessen mächtige Druckwellen die Heide über Kilometer zum Wackeln bringen, besonders gefährlich für Menschen: Er soll, glauben Experten, Gleichgewichtsstörungen, Übelkeit und Schweißausbrüche verursachen.
In Bomlitz bei Walsrode registriert der pensionierte Patentingenieur Rolf Wasser seit Jahren "Geschützfeuer-Druckwellen" aus Nato-Kanonen mit eigenem Meßgerät und schickt, "damit dort gewußt wird, was hier passiert", lange Briefe mit akkuraten Meßdaten an die Landesregierung in Hannover.
Im hannoverschen Umweltministerium stehen die Zeichen auf Angriff. Die rot-grüne Administration will die Militärs notfalls dazu zwingen, präzise Zahlen herauszurücken. Falls die Bundeswehr nicht spurt, sollen ihr Bußgelder bis zu einer Höhe von 20 000 Mark angedroht werden. Umweltministerin Monika Griefahn hat sogar schon angekündigt, Schießanlagen dichtzumachen, wenn sich die Bundeswehr nicht an Gesetze halten will.
Eine solche Order müßte von den jeweiligen Landkreisen vollstreckt werden. Doch die trauen sich nicht recht, die Bundeswehr unter Druck zu setzen. Zudem fürchten sie um den Bestand der Garnisonen, die ihnen, bei aller Last, über Jahrzehnte Steuereinnahmen und Arbeitsplätze gebracht haben.
Goldschmied Karsten Ranck aus Dorfmark will sich deswegen auch lieber nicht auf Politik und Verwaltung verlassen. Er hat sowieso "restlos genug". Seit Jahren reißt ihn das Dröhnen und Kettengerassel der Panzer auf der Dorfstraße aus dem Schlaf, die gewaltigen Detonationen auf dem Schießplatz haben tiefe Furchen in das Gemäuer seines Fachwerkhauses gerissen.
Weil aller Protest bisher nichts gebracht hat, schmiedet Ranck einen kühnen Plan. Wenn in einer lauen Nacht mal wieder mächtige Explosionsdruckwellen buchstäblich seine "Hose zum Flattern" bringen, dann will er sich mit anderen stinksauren Heidjern vor die glühenden Rohre der Geschütze auf der nahe liegenden Schießbahn stellen.
Es sei nun "die Zeit für eine härtere Gangart" gekommen; Ranck: "Ich weiß schon viele, die da mitmachen."
* Mit Infraschall-Meßgerät.

DER SPIEGEL 24/1992
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