08.06.1992

PalästinenserIn den Sand getreten

Kuweit vertreibt die letzten Palästinenser, Jordanien leidet unter der Flüchtlingslast.
Wir haben diesen Analphabeten Schreiben und Lesen beigebracht, jetzt kehren sie uns wie Ungeziefer vor die Tür", grollt Mohammed el-Ubeidi. Bis zum Vorjahr arbeitete der Soziologe im Planungsministerium von Kuweit. Dann wurde er über Nacht aus dem Land gewiesen; keiner seiner ehemaligen Studenten, die Karriere gemacht hatten, wollte ihn auch nur noch kennen.
An der Grenze filzten kuweitische Beamte die Habe des Vertriebenen, nahmen ihm sämtliche Dokumente und Papiere ab, die mit seinem 23jährigen Aufenthalt im Emirat zusammenhingen; sogar ein T-Shirt seines Sohnes mit dem Aufdruck "Kuweitische Pfadfinder" wurde beschlagnahmt.
"Sie zerrissen alles in kleine Fetzen und traten die dann in den Sand", berichtet Ubeidi, 41, erbittert. Nicht einmal der Führerschein blieb ihm.
Wie ihm ergeht es Hunderttausenden seiner Landsleute, die nun schon die dritte Massenflucht in einem Menschenleben durchmachen. Zweimal, 1948 und 1967, flohen die Palästinenser vor den Israelis aus ihrer Heimat. Auch in den Aufnahmeländern mußten sie immer wieder Pogrome und Deportationen erdulden. Am sichersten lebten die Diaspora-Palästinenser, insgesamt rund eine halbe Million, bei den Öl-Arabern am Golf.
Die zumeist überdurchschnittlich gebildeten und fleißigen Emigranten halfen, Staatswesen und Verwaltungen ihrer Gastländer aufzubauen. "Wir haben ihnen eine ganze Generation lang als Beamte und Professoren gedient, ihre Häuser gebaut, ihre Wasserwerke betrieben und ihnen das Brot gebacken", empört sich der Lehrer Abu Aiman, 49. "Ohne uns wäre das ganze verdammte Land noch Wüste, die erste Schule in Kuweit wurde 1936 von Lehrern aus Haifa gegründet. Jetzt aber behandeln diese arabischen Brüder uns genauso, wie die Zionisten es tun."
Seit dem Ende des Golfkriegs hat das befreite Kuweit neun Zehntel seiner Palästinenser vertrieben, die davor mehr als ein Viertel der Bevölkerung gestellt hatten. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, sollen auch die letzten 35 000 bis Mitte des Jahres aus dem Öl-Emirat verschwinden, soll Kuweit "palästinenserfrei" sein, wie ein Mitglied des regierenden Sabbah-Clans sich in Anlehnung an den Nazi-Jargon vom "judenfreien" Deutschland brüstete.
Die Welt und die Uno kümmern sich kaum um die Vertreibung. Dabei trifft die Katastrophe nicht allein die geprügelten Palästinenser, auch Jordanien gerät unter Druck.
Das kleine Wüstenkönigreich wird durch den Massenzustrom heillos überfordert: 350 000 Neuflüchtlinge innerhalb eines Jahres - das ist so, als ob allein 1991 acht Millionen Übersiedler nach Deutschland eingewandert wären - treiben den Palästinenseranteil an der jordanischen Bevölkerung auf etwa 70 Prozent hoch.
Das destabilisiert nicht nur König Husseins Staat, der ein wichtiger Eckpfeiler im nahöstlichen Friedensprozeß ist. Es bestärkt auch jene Falken in Israel, die schon immer argumentierten, die Palästinenser brauchten keinen eigenen Staat, sie hätten ja längst einen - Jordanien.
Da auch andere Golfländer dem kuweitischen Beispiel folgen, wird sich das Problem noch zuspitzen. Schon sind Zehntausende deportierter Palästinenser im Irak gestrandet: Vom Golf wurden sie vertrieben, aber wenn sie aus ägyptischer oder syrischer Emigration dorthin gezogen waren, nimmt Jordanien sie nicht auf - und Kairo wie Damaskus haben ebenfalls die Grenzen für sie gesperrt.
Die jetzt im Elend verkommen, galten vorher als die Elite der palästinensischen Emigration. In den Emiraten verdienten sie gut. Fünf Prozent ihres Einkommens führten sie an die PLO ab, dazu alimentierten sie großzügig - mit insgesamt etwa einer Milliarde Dollar jährlich - Verwandte in Jordanien und in den besetzten Gebieten. Jeder palästinensische Verdiener in Kuweit unterstützte mindestens zwei Familien in Amman, im Westjordanland oder in Gaza. Auch die haben jetzt den Haupternährer verloren.
Der Hinauswurf ist die Strafe dafür, daß die PLO unter Jassir Arafat den Aggressor Saddam Hussein unterstützt hatte - und die Palästinenser dementsprechend in Kuweit mit den irakischen Besatzern kollaboriert hätten, somit zu "Verrätern" geworden seien, wie der Emir nach seiner Rückkehr befand.
In Wahrheit wollten die Ölscheichs ihre palästinensischen Hiwis schon lange loswerden. Der Golfkrieg bot ihnen nur "eine goldene Gelegenheit", das Überfremdungsproblem mit einem Schlag zu lösen, sagt ein vertriebener PLO-Funktionär.
Bereits in den achtziger Jahren hatten öffentliche Schulen in Kuweit, in denen der Unterricht gratis war, die Aufnahme von Palästinenserkindern verweigert. Mit 21 erlosch für Heranwachsende die Aufenthaltserlaubnis. Die Verwaltung wurde, soweit sich denn arbeitswillige Einheimische fanden, kuweitisiert. Bis 1990 verließen schon fast 100 000 Palästinenser das Öl-Emirat.
Von den mehr als 300 000 Palästinensern, die noch in Kuweit lebten, als Saddams Truppen im August 1990 einmarschierten, waren Zehntausende gerade auf Urlaub; etwa die Hälfte der Daheimgebliebenen flohen vor der irakischen Besatzung. Dann, so erinnern sich verbitterte Vertriebene, habe der Emir aus seinem Exil in Saudi-Arabien alle, die in lebenswichtigen Sparten arbeiteten, zur Rückkehr an ihren Arbeitsplatz aufgefordert, um beispielsweise Wasser- und Elektrizitätsversorgung aufrechtzuerhalten. "Ohne uns hätten die zurückgebliebenen Kuweiter gar nicht überleben können", sagt der Vertriebene Hani el-Chaldi. Nach der Befreiung durch die Alliierten aber, "über die wir uns fast alle genauso freuten wie die Kuweiter selbst", hätten die Scheichs jede Weiterarbeit unter dem Besatzungsregime als Kollaboration verteufelt.
Bewaffnete Horden machten von Ende Februar bis Ende Mai 1991 Jagd auf die Palästinenser in Kuweit, wobei sich Sprößlinge der Scheich-Familien hervortaten, denen die Hatz auf die vogelfreie Minderheit ein willkommener Kick im trostlosen Nachkriegsalltag war. Selbsternannte Widerstandskämpfer sowie mit den Alliierten heimgekehrte Soldaten und Geheimdienstler fielen mangels anderer greifbarer Feinde gleichfalls über die Palästinenser her, die als eine Plage wie Aids verteufelt wurden.
Bilanz des Rachefeldzugs gegen die vorgeblichen Verräter: 2000 verschwundene Palästinenser, von denen laut PLO-Angaben etwa 800 als Leichen in Massengräbern geortet wurden.
Überlebende in Jordanien erzählen Greuelgeschichten von Mißhandlungen, Folterungen und Vergewaltigungen, die auch von Amnesty International bestätigt werden. In seinem Buch "So wurden wir in Kuweit gequält" hat der palästinensische Arzt Mohammed Cheiri Labade, der bis Juli 1991 im Emirat arbeitete, zahlreiche Fälle von Folterungen gesammelt.
Sie begannen oft mit einem Roulett-Spiel: Einem wahllos aufgegriffenen Palästinenser wurden die Augen verbunden, dann mußte er blind mit dem Zeigefinger auf einen aus 22 Punkten bestehenden Anklagekatalog tippen. Darauf standen Vergehen wie Arbeit während der Besatzung, Verkauf von Tee an Iraker, Mitgliedschaft in der PLO, aber auch Kontakt zum Roten Kreuz.
Je nach dem so festgestellten Delikt fiel dann die Folter aus, die oftmals mit dem Tod endete. Gefangene wurden mit Benzin übergossen und angezündet; die Peiniger brachen ihren Opfern die Knochen, verätzten sie mit Säure, gossen ihnen abwechselnd kaltes und kochendes Wasser in Körperöffnungen.
Die Folterer fetzten mit Nagelknipsern oder Zangen Fleischstücke aus den Körpern Gequälter und zwangen die Unglücklichen, sie zu essen. Frauen mußten nackt herumlaufen, wurden vergewaltigt. Das widerfuhr auch Knaben, älteren Männern trieben die Schergen zerbrochene Flaschen in den After. Manche Folterknechte ließen sich sadistische Hinrichtungsmethoden einfallen: Sie trieben einen Eisenstift von einem Ohr zum anderen oder durchlöcherten die Schädeldecke mit elektrischen Bohrmaschinen.
Über 6000 Palästinenser wurden verhaftet, nur die wenigsten kamen vor Gericht. Aber auch dort wurden anfangs aus nichtigen Gründen Todesurteile verhängt, bis internationale Proteste der Rachejustiz ein Ende setzten.
Zukunftsaussichten haben die Vertriebenen kaum noch, auch wenn sie vorerst in Jordanien Unterschlupf gefunden haben: Das Wüstenreich mit seinen rund 3,5 Millionen Einwohnern hat keinen Bedarf für Zehntausende von Architekten, Lehrern oder Ärzten. Rund 70 Prozent der akademisch gebildeten Verwaltungsfachleute, die aus Kuweit kamen, sind heute arbeitslos, ebensoviel Juristen und Hochschullehrer sowie drei Viertel der Ingenieure. Der materielle Verlust der von den superreichen Kuweitern faktisch enteigneten Flüchtlinge wird auf mindestens zehn Milliarden Dollar geschätzt.
Insgesamt schnellte die Arbeitslosenrate in Jordanien infolge des Massenzustroms auf fast 50 Prozent hoch. Die Inflationsrate stieg auf 15 Prozent. Noch leben viele von Erspartem; andere verkaufen ihren Schmuck.
"Wie ich weiterleben soll, weiß ich nicht", sagt ein 60jähriger, der in Kuweit Direktor einer Schule war. "Es geht ja gar nicht um mich, ich bin alt, aber was wird aus meinen Kindern?"
Einer der jungen Vertriebenen, ein Achtzehnjähriger, ersichtlich Sproß einer Mittelstandsfamilie, der zu seinen Lebzeiten noch nicht allzuviel entbehren mußte, kam nun mit der Familie in zwei kahlen Dachkammern bei einem Verwandten unter. Er trägt seine Hoffnungen auf dem T-Shirt. Da prangt der Spruch "Think Big".

DER SPIEGEL 24/1992
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