22.06.1992

UkraineAlaska inbegriffen

Russische Politiker demonstrieren mit Reisen zur Krim den Anspruch auf die Halbinsel.
Die Ukraine war nie ein Staat, ist keiner und wird nie einer werden", erklärte der demagogische Einheizer Wladimir Schirinowski in Simferopol.
Dort, auf der zwischen Rußland und der Ukraine strittigen Krim, fand der Rabauke aus Moskau und einstige Gegenkandidat Jelzins bei den russischen Präsidentschaftswahlen willige Zuhörer für seine Phantastereien von einem neuen großrussischen Imperium: Zwei Drittel der 2,5 Millionen Krim-Bewohner sind Russen.
Eine ausgemachte Sache, trompetete Schirinowski, sei die Rückkehr der Schwarzmeerhalbinsel zum historisch gewachsenen Rußland, zu "Rossija" - ein Begriff, der nichtrussische Völkerschaften einschließt.
Die "Republikanische Bewegung der Krim" hatte den Chauvinisten und Chef einer rechtsradikalen Partei mit dem irreführenden Etikett "liberal-demokratisch" eingeladen. Beim 209. Jubiläumsfest der Hafenstadt Sewastopol sollte Großrusse Schirinowski für ein Referendum zur Lostrennung der Krim von der Ukraine trommeln.
Beinahe allerdings wäre der Krim-Abstecher des Agitators mißlungen. Stundenlang ließ Kiew den zivilen Flughafen von Simferopol für Maschinen aus Moskau sperren, um Schirinowski am Betreten ukrainischen Territoriums zu hindern.
Mit erheblicher Verspätung gelandet, versuchte der unerwünschte Gast, sich nach Sewastopol - Stützpunkt der Schwarzmeerflotte und Sperrgebiet für Zugereiste - durchzuschlagen. Vergebens. Die Polizei fischte ihn aus dem Nahverkehrszug und zwang ihn zur Umkehr nach Simferopol. Dort erklärte er 400 begeisterten Fans seine politische Vision. "Rossija in den historischen Grenzen" umfasse nicht nur die Krim. Der Geschichte wegen müsse man gleich auch Finnland und Polen mit arrondieren, die bis 1917/18 Rossija zugehörten, auch Alaska inbegriffen, das die USA 1867 dem Zaren abgekauft hatten.
Solch dreiste Parolen russischer Emissäre sind derzeit gängig auf der Krim. Sogar Jelzins Vize Alexander Ruzkoi hatte bei einem Besuch im April die Frage gestellt, warum die Halbinsel mit den einladenden Badestränden und Tausenden von Staatsdatschen überhaupt der Ukraine zugehören solle.
Das russische Parlament erklärte im Mai einen Ukas des Stalin-Nachfolgers Nikita Chruschtschow von 1954 für rechtswidrig: Der ehemalige Ukraine-Parteichef hatte zu seinem Einstand als UdSSR-Parteichef seinem früheren Amtsbereich, der Ukraine, die Krim geschenkt. Sie gehörte vormals Griechen, Tataren und Türken, bis sich 1783 Rossija die Kriegsbeute als "Neurußland" einverleibte.
Jetzt wollte das Moskauer Parlament der Ukraine eine Bestandsgarantie in den heutigen Grenzen, inklusive Krim, nur zusichern, wenn sie in der GUS verbleibe: Die Ukraine trachtet längst danach, sich von der Erbengemeinschaft der einstigen Sowjetunion zu verabschieden. Aber als Preis dafür die Krim abzutreten würde Präsident Leonid Krawtschuk politisch nicht überstehen.
Offen ist auch die Frage, wie Rußland die Krim versorgen will, da es über keine Landverbindung verfügt - eine weitere Exklave ähnlich Kaliningrad. 80 Prozent des Trinkwassers, 85 Prozent der Energie und Industrieprodukte bezieht die Krim von der Ukraine.
Aufgeschreckt durch das Pokerspiel Moskaus um Schwarzmeerflotte und Krim, fragte die Ukraine bei der Nato um Garantien für ihre nationale Sicherheit an. Davon will sie die Ratifizierung des Start-Vertrages abhängig machen, der sie zum Abbau von 176 Interkontinentalraketen verpflichtet.
Wegen der "destruktiven Haltung" der militärischen Führung der GUS will Kiew alle Offiziere abschieben, die sich weigern, den Eid auf die Ukraine abzulegen - meist sind es Russen. Am 1. August möchte sich das Land, das Moskowiter geringschätzig "Kleinrußland" nennen, mit der Ausgabe eigener Geldscheine vom russischen Rubel abkoppeln; demnächst soll es auch eigene Pässe geben.
Als Vorstufe dazu werden die Pässe der untergegangenen Sowjetunion mit dem Stempel "Hromadjanyn Ukrainy", Bürger der Ukraine, versehen. Das erbost vor allem die Aktivisten der Republikanischen Bewegung, die ihren Volksentscheid für eine "Unabhängige Republik Krim in einer Union mit anderen Staaten" verbaut sehen. 250 000 Unterschriften haben sie schon gesammelt. Sie verweigern die neuen Ausweise und bleiben lieber "Bürger der Sowjetunion" - mag die auch längst verschwunden sein.
Wütend sind sie auf den Parlamentsvorsitzenden der Krim, Nikolai Bagrow, der inzwischen den Verbleib bei der Ukraine für vernünftig hält und deshalb das Referendum abbügeln will. Vorletzte Woche verhandelte er in Kiew über eine "Abgrenzung der Vollmachten" zwischen der Ukraine und der Krim, die bereits den Status einer autonomen Republik und damit mehr Rechte als die übrigen Verwaltungseinheiten der Ukraine genießt. Kiew lockt mit den Privilegien einer Wirtschaftssonderzone und einer Subvention von 700 Millionen Rubel.
Ob das den Krim-Bewohnern genügt (zu ihnen zählen auch 200 000 aus der Deportation zurückgekehrte Tataren), wird sich zeigen, wenn in dieser Woche das Parlament in Simferopol zusammentritt und über das Referendum berät.
Ein Treffen zwischen Russen-Präsident Boris Jelzin und seinem ukrainischen Kollegen Leonid Krawtschuk diesen Dienstag im Kurort Dahomys am Schwarzen Meer ist vom Kalten Krieg um die Krim überschattet. Die Ukraine hat damit gedroht, Direktflüge von Moskau auf die Krim ganz zu unterbinden.

DER SPIEGEL 26/1992
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