19.04.1993

TheaterWitzig bis zum Wahn

Der britische Dramatiker Tom Stoppard meldet sich zurück. Doch mit „Arcadia“ landet er nicht im Theater-Paradies, sondern im Fegefeuer der Heiterkeit.
Was haben der romantische Dichter Lord Byron, die Geschichte der englischen Landschaftsgärtnerei, moderne Chaos-Theorie, akademischer Ehrgeiz und der mysteriöse Flammentod eines fast 17jährigen Mädchens gemeinsam?
Eigentlich nichts. Nur Tom Stoppard, Britanniens intelligentester Boulevard-Dramatiker, weiß eine Antwort. Er gibt sie in "Arcadia", seinem neuen, vergangene Woche im Londoner National Theatre uraufgeführten Stück. Sie lautet: Sex.
Die Londoner Presse würdigte das Ereignis mit ausgiebigen Vorablorbeeren. Der Guardian warb doppelseitig für eine Neubewertung von Stoppards Werk und entdeckte "hinter dem intellektuellen Dandy einen Schriftsteller mit Angst vor kosmischer Unordnung und dem Hunger nach einer Art nachchristlichem Wertesystem". Die Times druckte gar einen "Führer für Theatergänger", der die wichtigsten physikalischen Grundbegriffe erklärt, auf die "Arcadia" anspielt. Doch das war voreilig.
Denn für Tom Stoppard, 55, liegt theatralisches Arkadien gottlob doch nicht in der Encyclopaedia Britannica, sondern im Wintergarten eines englischen Landsitzes. Dort empfindet im Jahre 1809 die junge Thomasina Coverly Zweifel am herrschenden deterministischen Weltbild - und erste erotische Wallungen. Für beides zeigt sich ihr Hauslehrer Septimus Hodge, ein Spezialist für alle Sündenfälle, empfänglich.
Hodge, ein umfassend aktiver Mann, spinnt mit seinen geistigen und fleischlichen Aktivitäten den Stoff, aus dem noch 180 Jahre später die Blüten-Träume eilfertiger Archivare sind.
Denn - zweite Ebene des Spiels im Spiel - 1989 streiten sich im selben Wintergarten eine Autorin (Fachgebiet: Landschaftsgärtnerei) und ein Literaturwissenschaftler (Fachgebiet: Karriere) über die historische Wahrheit: Hatte Byron nun eine Affäre _(* Mit Samuel West, Felicity Kendal. ) mit der attraktiven Frau eines ansonsten unbedeutenden Dichters? Wer war der Eremit im neu angelegten Landschaftsgarten, etwa der über seinen Affären verrückt gewordene Hodge? Dachte Thomasina die Chaos-Theorie voraus, und ist sie womöglich deshalb oder etwa aus Liebeskummer verbrannt?
Das sind wahrlich wie ein Strohfeuer brennende Fragen. Selbst dem Autor sind die Antworten offenbar letztlich gleichgültig. Stoppard, der sein Talent für blendend geputzte Dialoge zu Lasten seines ohnehin schwachen Interesses für Charakterstudien bewirtschaftet, hat auch mit "Arcadia" immerhin eines bewiesen: seine bemerkenswerte Fähigkeit, sich gehobene Scherze in beliebiger Menge auszudenken.
Es scheint, als ob der in der Tschechoslowakei geborene Dichter, der in Singapur und Indien aufwuchs und als Neunjähriger nach Großbritannien kam, mit seinen Stücken klarstellen will, daß er den rhetorischen Imperativ der britischen Oberschicht, seiner Wirts-Kaste, intus hat: Man kann über alles reden, solange man nichts sagt - das aber bitte so amüsant wie möglich.
Und so strotzen Stoppards Stücke vor wortspielerischen Rededuellen, die an beste britische Theater-Tradition erinnern. Doch anders als deren Meister Wilde und Shaw kultiviert Stoppard, der Starkstrom-Eklektiker, den puren Oberflächenglanz - in "Arcadia" bis zum Extrem: Alle 13 Figuren sind umfassend gebildet, grotesk geistreich und witzig bis zum Wahn. Sie würden, wenn sie denn eine hätten, ihre Seele verkaufen, bekämen sie dafür noch eine Pointe.
Da läßt sich leicht das ewige Thema des gehobenen britischen Unterhaltungstheaters abhandeln: Die sexuelle Gier hinter den Masken, der Kampf von Körper und Konvention, ausgetragen mit Mitteln der Konversation.
Stoppard, der Spaßmacher für Intellektuelle, will keine Geschichten erzählen, sondern aberwitzige Situationen schaffen. "Ich schreibe Stücke", sagt er, "weil das Abfassen von Dialogen der einzig respektable Weg ist, sich selbst zu widersprechen."
Unwidersprochen ein Welterfolg - bislang der größte - war die "Hamlet"-Groteske "Rosenkranz und Güldenstern". Darin werden Nebenfiguren zu Hauptdarstellern im Prinzen-Drama um Blut, Schweiß und Dänen. Das Stück versöhnt William Shakespeare mit Samuel Beckett und handelt letztlich einzig vom Theater und seinen Tricks.
So klug hat sich Stoppard dann nie wieder thematisch beschränkt. Er mischte Kunst und Politik ("Travesties", 1974), Musik und Menschenrechte ("Every Good Boy Deserves Favour", 1977) und in "Hapgood" (1988), seinem letzten Stück, Spionage und Quantenphysik. Die Kritik brandmarkte das schwergängige Werk als "humorlos" und "überladen".
Wenigstens in einem Punkt hat Stoppard für "Arcadia" gelernt - zu lachen gibt''s genug. Regisseur Trevor Nunn, früher bei der Royal Shakespeare Company und mit Musicals wie "Cats" und "Les Miserables" weltweit tätig, läßt kein Witzchen unbemerkt vorüberziehen, schafft es aber auch nicht, die Figuren aus dem Textbuch ins Diesseits zu befördern.
Theaterstücke verhalten sich offenbar wie nach dem Zweiten Thermodynamischen Gesetz, das auch in "Arcadia" diskutiert wird: Tee wird, wenn man ihn nicht unverzüglich konsumiert, immer kühler, nie wärmer.
Aber nur die besten Sorten schmecken auch noch kalt.
* Mit Samuel West, Felicity Kendal.

DER SPIEGEL 16/1993
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