04.04.1994

SchulenI become Schleimi

Der Sprachunterricht in Ostdeutschland, besonders in der Weltsprache Englisch, ist ungenügend.
Der Wachmann im Londoner Tower, ein buntbetreßter Veteran mit gewaltigem Schnurrbart, ließ pflichtwidrig die Tür zu den Kronjuwelen für einen Moment aus den Augen. Zuvorkommend posierte er mit einem Ost-Berliner Schüler für ein Erinnerungsfoto.
Während die Kameras klickten, erkundigte er sich - britische Art - nach _(* Seminar in Stralsund. ) dem Befinden des jungen Gastes: "Well my dear, how are you?" Der Schüler antwortete stolz: "Germany."
Nicht schlimm. Auch nicht so schlimm, daß sich die Teilnehmerin einer ostelbischen Schülerreise zu Shakespeares Geburtsort Stratford-upon-Avon über den Geschmack englischen Apfelsafts empörte. Sie hatte, der fremden Sprache wenig kundig, Apfelessig gekauft - die Früchte auf dem Etikett leuchteten so schön rot.
Jugendherbergseltern aus der englischen Grafschaft Sussex bezeugen, daß ein sächsischer Schüler allmorgendlich die grau-seimige Haferspeise Porridge mit den Worten bestellte: "I become Schleimi."
Mit dem Fremdsprachenunterricht und besonders den Englischlektionen steht es im deutschen Osten nicht zum besten. An den Gymnasien der neuen Bundesländer beklagen Schüler immer wieder, sie hätten in der Vergangenheit zwar Vokabeln gepaukt und Dialoge memoriert, nie aber sprechen gelernt.
Während Gleichaltrige im Westen die Rolle der Lady Macbeth interpretieren oder die Theorie der amerikanischen Kurzgeschichte büffeln, muß zwischen Saßnitz und Suhl auch in Klasse 11 gepaukt werden, daß der Engländer die Frageform mit "to do" gebraucht.
Das Problem sind nicht die Schüler, sondern die Lehrer. Sie haben gemeinhin "große Defizite" in Sprachpraxis, Literaturkenntnis und Textanalyse, hat Cordelia Howald von der Sächsischen Akademie für Lehrerfortbildung beobachtet.
"Breiten Nachholebedarf" bei Sprache, Literatur und Landeskunde bestätigt auch Siegfried Eisenmann, Leiter des Landesinstituts für Lehrerfortbildung in Sachsen-Anhalt. Den Lehrern fehle es zudem am Willen, beklagt sich Stefan Woll vom brandenburgischen Bildungsministerium, sich "von Gewohntem zu verabschieden und Neues zu lernen". Sie würden ständig nach Gehaltsangleichung oder Verbeamtung fragen, zugleich aber Fortbildungsseminare in den Fremdsprachen sausenlassen.
Daran allein kann es nicht liegen. Für Englischlehrer in der DDR, die lediglich durch eine Schnellpresse an den Hochschulen in Leipzig oder Berlin gingen, war der Kontakt nach Angelsachsen im wesentlichen aufs Abhören der BBC und die Lektüre der Kommunistenpostille Morning Star beschränkt. Primärliteratur gab es kaum, gelesen wurden ins Deutsche gebrachte Exzerpte. Klassiker wie George Orwells "Animal Farm" waren verboten. Die Vereinigten Staaten haben Lehrer nur durch verzerrte Darstellungen kennengelernt.
Veränderungen kommen nur zäh voran. Noch immer fahren zu wenige Lehrer nach England oder in die USA. Sprachpädagoginnen werden oft durch familiäre Pflichten am Reisen gehindert. Und wenn Frau Lehrerin zaghaft vorschlägt, doch mal Ferien auf den Kanalinseln zu machen, so eine Anglistin, "dann halten Mann und Kinder Reisekataloge empor und stimmen für Gran Canaria".
Auch der Import westlicher Englischlehrer hat kaum geholfen. Der erfahrene Studienrat, der aus Idealismus von Düsseldorf nach Dresden wechselt, wird noch gesucht: "Die Westkollegen waren meist jung, hatten kaum Unterrichtserfahrung und waren nur auf Gymnasialstellen aus", kritisiert der Hallenser Eisenmann.
In Mecklenburg-Vorpommern zeigten sich die Folgen besonders deutlich. Von etwa 300 Westlehrern haben 70 Prozent schon wieder aufgegeben. Viele entpuppten sich als fachliche Nieten. "Die Examensnote war egal, wenn sie nur aus dem Westen kamen", mokiert sich Ulrich Gibitz vom Schweriner Landesinstitut für Schule und Ausbildung.
Viele der Westler werden obendrein als Stellenklauer angefeindet. Das Klima zwischen den Kollegen ist oft schlecht. Westimport Gibitz, der mit dem Deutschen Akademischen Austauschdienst um die Welt kam und dann nach Schwerin ging, hatte "ähnliche Probleme nur in China und Ägypten". Sein Fazit: "Man ist hier Eindringling."
Droht Lehrern, deren Fächer wie Russisch oder Staatsbürgerkunde wenig gefragt oder abgeschafft sind, die Entlassung, schulen sie oft auf Englisch oder Französisch um. Ein recht mühsames Geschäft: Nach Einschätzung des Sprachwissenschaftlers Bernhard Diensberg, der die "schwierige Kundschaft" an der Technischen Universität Chemnitz-Zwickau unterrichtete, bleibt zumindest "die zum Teil katastrophale Aussprache bei den über 30jährigen irreparabel".
Etwas Abhilfe leisten die Kultureinrichtungen Frankreichs, der USA und Großbritanniens in Berlin, Leipzig und Rostock. In den Niederlassungen des Institut Francais, der Amerikahäuser und des British Council wird von Muttersprachlern Politik, Literatur und Landeskunde unterrichtet. Die Teilnehmerzahlen sind jedoch begrenzt.
Lehrer-Ausbilder Eisenmann plädiert für Geduld. Erst 1999 werde es den ersten Abiturjahrgang im Osten geben, der durchgehend Englisch gelernt habe.
Gibitz hofft auf die Kraft der Schüler: "Die gucken den englischen Musiksender MTV und arbeiten mit Computern. Die werden ihre Lehrer noch überholen." Y
* Seminar in Stralsund.

DER SPIEGEL 14/1994
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