11.04.1994

BabynahrungGiftiges Allerlei

Milbenkiller im Reisbrei, Lindan in der Gemüsepampe - deutsche Kleinkinder schluckten mehr Schadstoffe als erlaubt.
Die Nachricht vom Gift im Gemüseallerlei brachte der Postbote. In eilig verfaßten Briefen forderte die Drogerie-Kette Schlecker ihre deutschen Verkaufsstellen letzte Woche auf, die Gläser mit Kleinkindernahrung aus den Regalen zu nehmen.
Einfach per Telefon oder Fax einen Rundruf zu tätigen, der alle Filialen des größten deutschen Drogerie-Discounters erreicht hätte, war nicht möglich: Firmenchef Anton Schlecker hat, um Kosten zu sparen, viele seiner bundesweit etwa 4200 Billigdrogerien nicht mal mit einem Telefon ausgestattet.
Die Sparwut könnte den schwäbischen Unternehmer teuer zu stehen kommen. Denn gleichfalls aus Kostengründen hatte Schlecker vor einem knappen Jahr seine bis dahin feilgebotene Babynahrung aus dem Programm genommen. Statt dessen verkaufte er fortan preisgünstigere Gläschenkost aus spanischer Herstellung.
Der Billigbrei erregte Anstoß bei Lebensmittelkontrolleuren und Verbraucherschützern - wegen allzu hoher Belastung mit Pestiziden wie Lindan, verschiedenen anderen Verbindungen der Gefahrstoffe Chlor und Brom sowie mit Nitraten aus Düngemitteln.
So war der "Vollkornreisbrei" nach Recherchen der Bonner Verbraucherinitiative mit dem für Milben tödlichen Brompropylat verseucht. In einer Früchtemischung ("Feines Müsli Bircher Art") entdeckten für die Frankfurter Verbraucherzeitschrift Öko-Test tätige Lebensmittelchemiker das in Deutschland seit langem verbotene Pestizid DDT. Derweil ermittelten amtliche Kontrolleure in Bayern und Baden-Württemberg, schon im Dezember, in Schleckers "Gemüseallerlei" bedenkliche Mengen des Insektenkillers Lindan.
Die Behörden hatten zunächst Stillschweigen gewahrt und ohne Aufhebens mit der Firma die Rücknahme verschiedener Babykost-Chargen verabredet - nicht mal die Behörden benachbarter Bundesländer wurden informiert.
Doch letzte Woche gingen die Verbraucherschützer an die Öffentlichkeit. Sie hatten, aufgrund eines Tips aus Herstellerkreisen, eigene Untersuchungen anstellen lassen. Schnell gerieten auch andere Babybreis ins Blickfeld: etwa zwei Früchtemischungen ("Baby Apfel", "Pfirsich in Apfel") von Milupa, in denen laut Öko-Test der Pilztöter Carbendazim enthalten sein soll; desgleichen ein unter dem Handelsnamen "Leckermatz" vertriebener Brei der Aldi-Kette, der, wie Öko-Test berichtet, mit Fungiziden aus der Gruppe der Dithiocarbamate verseucht war.
Prompt meldeten sich bei Behörden, Babykost-Produzenten und Verbraucherschützern Tausende von besorgten Müttern, Hersteller kündigten weitere Produktrücknahmen an. Bild hatte sogar einen ersten Krankheitsfall ausgemacht: "Nicole muß brechen, hat Durchfall, Hautausschlag, Fieber", meldete das Blatt: "Das erste Opfer des giftigen Babybreis?"
Derlei akute Gesundheitsschäden schließen Lebensmittelkontrolleure und Toxikologen aus. Doch über möglicherweise erst später auftauchende Effekte ist wenig bekannt. "Es kann derzeit niemand sagen", resümiert etwa der Ulmer Toxikologe Hans Uwe Wolf, Spezialist für die Erforschung von Langzeitwirkungen, "wie sich die Schadstoffe langfristig und in Kombination miteinander auf den sehr jungen Organismus eines Kleinkindes auswirken."
Tatsächlich sind über die toxische Wirkung etwa von Carbendazim und Brompropylat nur wenige Informationen verfügbar. Lindan reichert sich im Fettgewebe an, bei einer Fliege wirkt bereits ein Milliardstel Milligramm von diesem Stoff tödlich. Beim Menschen können durch chronische Einwirkung Zentralnervensystem, Leber und Nieren geschädigt werden.
Dithiocarbamate (Pilzkiller) haben sich im Tierversuch als krebserregend erwiesen. Sie können, wie auch das Insektizid Chlorfenvinphos, hemmend auf bestimmte Enzyme wirken, die für die Nervenfunktion bedeutsam sind. Gerade bei der Enzymausstattung gibt es jedoch, wie der Ulmer Professor Wolf darlegt, "deutliche Unterschiede im Organismus zwischen Jung und Alt".
Experten wie Wolf verlangen daher, in der Babykost solle möglichst "gar keine Schadsubstanz nachweisbar sein". Derweil forderte Klaus Günther Rückel, oberster behördlicher Lebensmittelkontrolleur im Bundesland Hessen, vergangene Woche verbindliche Bestimmungen, damit künftig "für Babynahrung nur noch Produkte aus biologischem Anbau verwendet werden".
Das wäre ein leichtes. Milupa will künftig nur noch Biokost anbieten. Die beiden deutschen Marktführer, der zum Nestle-Konzern gehörende Münchner Hersteller Alete und der Pfaffenhofener Familienbetrieb Hipp, rühren ihre Babybreis längst aus Möhren, Erbsen und Kartoffeln zusammen, die zumeist auf Biofeldern gewachsen sind - bei ihnen, wie auch bei anderen kleineren Biobreiherstellern, gab es denn auch keinerlei Beanstandungen.
Freilich bieten Hipp und Alete, die sich zusammen etwa 90 Prozent des deutschen Babykost-Marktes (Gesamtumsatz: 610 Millionen Mark) teilen, ihre Gläschen für beinah den doppelten Preis dessen an, was Schlecker pro Breiportion verlangte (0,99 Mark). Bis zum vergangenen Frühjahr hatte sich Schlecker auch von Hipp beliefern lassen. Doch als die Hipp-Kost, wegen der verstärkten Umstellung auf Biogemüse, teurer werden sollte, stieg Schlecker aus.
Das Zerwürfnis zwischen dem Breihersteller und dem Billigdrogisten löste auf dem engen Gläschenmarkt einen regelrechten Gründungsboom aus. So offerierte Aldi in ausgewählten Testmärkten seit Mitte vorigen Jahres die Breiserie "Leckermatz". Auch die im hessischen Friedrichsdorf beheimatete Trockenmilchfirma Milupa rührte plötzlich im Gemüseallerlei mit.
Aldi bezog seine Breis aus Lüneburg, von wo der Babykost-Hersteller De-Vau-Ge zugleich die Biomarke Grano Vita (ohne Beanstandungen) liefert. Milupa hat in einer neuerworbenen Produktionsstätte im brandenburgischen Beelitz eine eigene Breiküche eröffnet: Wo früher die DDR-Einheitsbabynahrung "Bekina" zusammengerührt wurde, werden jetzt Milupa-Gläser gefüllt.
So war der Babykost-Markt, einstmals ein friedlicher Laufstall der Marktführer Hipp und Alete, mit einem Mal heiß umkämpft. "Durch die sinkenden Geburtenzahlen", wußten Branchenkenner, sei nur noch "ein gnadenloser Verdrängungswettkampf" erfolgversprechend. Schlecker wollte besonders clever und kostengünstig sein.
Mit Hilfe einer Mittelsfirma im bayerischen Lindau nahm der Großdrogist zu einem spanischen Hersteller Geschäftsbeziehungen auf, der Hero Espana S. A. in Alcantarilla bei Murcia, einer Tochter des Schweizer Lebensmittelkonzerns Hero.
Die Spanier reagierten jetzt empört auf den Wirbel um die deutsche Schlecker-Kost: Hinter den Beanstandungen stecke nur "deutscher Protektionismus", "ein Handelskrieg"; Firmensprecher kündigten an, man werde den Fall vor die Kommission der EU bringen.
Eine Beschwerde wäre aussichtsreich. Denn die Europäische Union hat bislang keine besonderen Grenzwerte für Babynahrung vorgesehen. Nach den allgemein gültigen EU-Richtlinien sind die jeweiligen Herstellerländer für Kontrollen zuständig - in diesem Fall also die Spanier. Dort hatten sich die Behörden an den allgemein in der EU geltenden Lebensmittelgrenzwerten orientiert, die teilweise um den Faktor hundert laxer sind als die in Deutschland für Babykost verbindlichen Werte.
In der Bundesrepublik befaßt sich inzwischen der Staatsanwalt mit der Affäre. Hier sind die Schadstoffgrenzen und Kontrollen für Babynahrung nach der sogenannten Diätverordnung geregelt. Die sieht bei Pflanzenschutzmitteln und anderen Schadstoffen zumeist Höchstwerte von zehn Mikrogramm (0,01 Milligramm) pro Kilogramm Babybrei vor. In der Schlecker-Kost jedoch hatten sich Schadstoffkonzentrationen bis zum Zehnfachen dieser Werte gefunden, bei Aldi in einem Fall zweimal mehr.
Der hessische Lebensmittelkontrolleur Rückel forderte letzte Woche den Bonner Gesundheitsminister auf, die strengen Maßstäbe der Diätverordnung für den gesamten Geltungsbereich der Europäischen Union durchzusetzen. Tatsächlich könnte das Gegenteil eintreten: Die lascheren EU-Werte könnten den Deutschen aufgedrückt werden. Nach einem kürzlich auf Druck der EU ins Deutsche Lebensmittelrecht aufgenommenen Passus darf auch kontaminierte Kost verkauft werden - sofern sie aus anderen Ländern stammt.
Ob Äpfel, Erdbeeren oder Erbsen - normales, im Euroverbund vertriebenes Gartengewächs ist nach den Erfahrungen des Bielefelder Lebensmittelchemikers Heinz-Dieter Winkeler "um das Zwei- bis Dreihundertfache stärker belastet", als die Vorschriften aus der Diätverordnung für Babybrei erlauben. Daher raten Gesundheitskontrolleure davon ab, den Babybrei selbst anzurühren.
Mit Blick auf die Pestizidbelastung ist selbst bei der Muttermilch Vorsicht geboten: Vom Insektengift Lindan haben die Lebensmittelschützer darin schon das Zehnfache dessen entdeckt, was sich jetzt im Gemüseallerlei fand. Y

DER SPIEGEL 15/1994
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