03.05.1993

DesignErstarrte Welle

Abschied vom Blümchensofa: Eine Möbel-Werkschau in Bremerhaven zeigt neues britisches Spitzendesign.
Anrichten und Vitrinen wie Reliquienschreine, Tische, Sessel und Stühle in allen möglichen Neo-Stilen, dazu Sofas, deren großflorale Muster wie gedopte Blumenwiesen aussahen - so war es noch bis vor wenigen Jahren, das Möbel-Design aus Großbritannien: vorwiegend behäbig, meist hoffnungslos altmodisch.
Fast über Nacht und vom Laienpublikum kaum bemerkt haben die Formgestalter des Königreichs Anschluß an die Gegenwart gefunden. Wie aus einem langen Schlaf erwacht, werken sie sich nun zur Spitze des internationalen Designs empor: mit einem Stil ohne Allüren und vordergründige Originalität, aber dennoch eigenwillig und unverwechselbar.
Jetzt dokumentiert eine umfassende Ausstellung die Trendwende im angelsächsischen Design. Bei der größten Werkschau britischer Möbelformer, die jemals auf dem europäischen Kontinent stattgefunden hat, präsentieren 57 junge Gestalter ihre Kreationen. Viele sind so ungewöhnlich wie der Ort der Ausstellung, die am Montag dieser Woche beginnt: Präsentiert werden die 150 Objekte in dem mit einem wellengemusterten David-Hockney-Teppichboden ausgelegten Schwimmbecken des seit acht Jahren stillgelegten alten Stadtbades in Bremerhaven.
Nahe der früheren Nichtschwimmerzone sind viele bemerkenswerte Stücke der (vom DesignLabor Bremerhaven veranstalteten) Schau gruppiert: der fast schwerelos wirkende Tisch aus blauem _(* Hocker von Allison Thomas; Tisch von ) _(Nicholas Pryke; Keramik-Skulptur von ) _(Becky Maynard; Stühle, Bank von Philip ) _(Warren. ) Glas, Aluminium und Stahl von Nicholas Pryke, 31; die geradlinige Sitzbank aus seidig poliertem Teak von Rod Wales, 42; die wie postmoderne Gartenzwerge anmutenden Keramik-Skulpturen von Becky Maynard, 23; die dem Gerippe eines Sauriers nachempfundene Lampe von Caroline Vivian, 25 - ein Stück, wie dazu geschaffen, Omas Herzschrittmacher zu testen.
Um nicht, wie in der Branche weithin üblich, als Einzelkämpfer an der Form-Front zu stehen, haben sich viele britische Nachwuchsdesigner zu Arbeitsgemeinschaften zusammengeschlossen. Als derzeit beste gilt das Studio der Cato Furniture Makers aus Bristol, deren aus schmalen Ahornleisten formgebogener Schaukelstuhl aussieht wie eine in der Bewegung erstarrte Welle. Das schon mehrfach preisgekrönte Möbel (Modellname: "Rhythm and Snooze Rocker") hat das Zeug zum Klassiker.
Typisch für die britischen Jung-Designer ist, daß sie ihre Modelle nicht nur entwerfen, sondern - im Gegensatz zu den meisten Gestaltern vom Kontinent - auch eigenhändig fertigen. Deshalb bezeichnen sie sich als "Design-Maker", ganz in der Tradition der von dem englischen "Formenmacher" John Makepeace begründeten Parnham School, wo neben Design auch Business Management und die Schreinerkunst gelehrt werden. Viele der Bremerhavener Aussteller haben dort studiert - beim "Holzdruiden", wie sie ihren Lehrmeister Makepeace liebevoll nennen.
Sie alle hoffen auf den Erfolg, den einer von ihnen schon erreicht hat: Tom Dixon, 33, der Star des neuen britischen Designs, dessen Markenzeichen schlanke organische Formen aus Korbgeflecht, Hartgummi und Eisen sind. In Bremerhaven zeigt er seinen orangefarbenen Velourschaukelstuhl "Bird''s Sofa", der einem aufgerissenen Vogelschnabel gleicht und von der italienischen Trendfirma Cappellini in kleiner Auflage gefertigt wird (Preis: 5000 Mark).
"Ich verdanke Deutschland viel", sagt der in Tunesien geborene Brite schmunzelnd. "Denn meine handwerklichen Fähigkeiten habe ich im Umgang mit einer umfangreichen Sammlung von BMW-Motorrädern erworben."
* Hocker von Allison Thomas; Tisch von Nicholas Pryke; Keramik-Skulptur von Becky Maynard; Stühle, Bank von Philip Warren.

DER SPIEGEL 18/1993
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