03.05.1993

Krieg der Spermien

Rivalenkämpfe, Balztänze und Paarungsrituale kennzeichnen das Sexualverhalten im Tierreich - das oft bizarre Gehabe hat biologische Ursachen, die jetzt erforscht werden: Es wird, wie die Wissenschaftler glauben, gesteuert vom überaus komplizierten Zusammenspiel der männlichen und weiblichen Keimzellen.
Charles Darwin, dem die Welt die Lehre vom "Überleben des Tüchtigsten" verdankt, huldigte fromm den männlichen Vorurteilen des viktorianischen Zeitalters: Frauen, soviel stand für ihn fest, spielen im Zuchtwahldrama der Evolution nur eine Statistenrolle.
Das Weib, von Natur aus "passiv" und "asexuell", so glaubte er, sei nicht dazu bestimmt, im Liebesspiel die Initiative zu ergreifen. Huren, die ihn leicht vom Gegenteil hätten überzeugen können, hielt der Gelehrte teils für "geldgeil", teils für "nicht ganz richtig im Kopf".
Die fixe Idee von der trägen, gleichsam vegetativen Natur des Weiblichen hat den Blick der Wissenschaftler bis in die jüngste Zeit getrübt. Erst neuerdings, so konstatiert die amerikanische Anthropologin Meredith Small, dämmere den Forschern die Erkenntnis, daß ein gesellschaftliches Trugbild sie lange in die Irre geleitet hat.
In Wahrheit, notiert Meredith Small, spiele das weibliche Geschlecht "im Evolutionskarussell der Fortpflanzung eine entscheidende, dem Manne ebenbürtige Rolle". Zu dieser Einsicht haben Forschungsergebnisse aus vielen Disziplinen beigetragen: Überall in der Natur, so das Resümee der Untersuchungen von Verhaltensforschern wie Biologen, kämpfen beide Geschlechter gleichermaßen zielstrebig um ihre Sexualpartner - getrieben von dem blinden Verlangen, die eigenen Gene an die nachfolgende Generation weiterzugeben.
Allen Paarungsritualen, von den Balztänzen der Auerhähne bis zum Flirtgebaren des Homo sapiens, liegt nach Überzeugung der Biologen der dringende Wunsch zugrunde, an der großen evolutionären Gen-Lotterie teilzunehmen, einer Veranstaltung, die das männliche Geschlecht nur scheinbar begünstigt.
Viele hundert Millionen männlicher Keimzellen, allesamt ausgestattet mit dem nahezu gleichen Erbgut, werden bei jedem Geschlechtsakt auf den Weg _(* Zwei Spermien beim Versuch, die ) _(Membran der Eizelle zu durchdringen. ) gebracht. Doch das riesige Heer der Spermien, theoretisch groß genug für die Zeugung unzähliger Nachkommen, trifft bei Primaten und Menschen durchweg auf nur eine einzige Eizelle, die nach einer langwierigen Entwicklung schließlich zur Empfängnisreife gediehen ist.
Nur einem Bruchteil der Spermien, einer besonders vitalen Spitzengruppe, gelingt es, in einem mörderischen Wettlauf bis zu der einsamen Eizelle vorzudringen - und auch das nur, wie Bioforscher jüngst entdeckt haben, weil der weibliche Organismus das wimmelnde Heer der Spermien-Winzlinge nach Kräften unterstützt.
So werden die gestreßten Spermien, wenn sie die Gebärmutter erreicht haben, in ein erquickendes Glukosebad getaucht; anschließend locken chemische Signale, die von der Eizelle ausgehen, die Invasoren auf den richtigen Pfad. Hilfreich wirkt die weibliche Keimzelle schließlich beim Befruchtungsvorgang mit - dem Eindringen des Siegerspermiums in das empfängsnisbereite Ei.
Zunächst sorgt die Eizelle dafür, daß den am weitesten vorgerückten Spermien ein Proteinschild vom Kopf gesprengt wird. Das versetzt sie in die Lage, allerlei Wirkstoffe abzusondern, darunter ein Enzym, das hilft, ein Schlupfloch in die Eihülle zu schneiden. Sobald die erste Spermie die Öffnung passiert hat, schwitzt die Eizelle eine Substanz aus, die allen übrigen Spermien den Zugang verwehrt.
Was die Biologen beim Detailstudium der Befruchtungsvorgänge ermittelten, hat manche Verhaltensforscher inzwischen zu kühnen Spekulationen angeregt: In den komplizierten Manövern der Keimzellen sehen sie eine Analogie zum oft bizarren Sexualverhalten bei Tieren und Menschen - mit jeweils geschlechtsspezifischen Unterschieden.
Das männliche Geschlechtsverhalten, so glauben diese Wissenschaftler, werde geprägt durch die immense Überzahl von Spermien, die um eine winzige Zahl von Eizellen konkurrieren müssen; ein daraus erwachsener permanenter "Krieg der Spermien" habe im Lauf der Evolution den maskulinen Charakter geformt, was sich in wilden Hahnenkämpfen wie im Forkeln der Hirsche ausdrücke, aber auch im männlichen Imponiergehabe des Homo erectus.
Doch der ganze kraftstrotzende Aufwand, den die Rivalen dabei entfalten, garantiert selbst im Erfolgsfall noch keinen Sieg im Kampf der Spermien. Denn weder Mut noch Muskelmassen verheißen überragende Zeugungskraft; entscheidend ist dafür eher die Zahl der Keimzellen, die bei einer Ejakulation mobilisiert werden (beim Menschen gelten 20 Millionen pro Milliliter Samenflüssigkeit als Minimum für eine Befruchtung).
Womöglich noch wichtiger ist die Beweglichkeit (Motilität) der Samenzellen, die sich mit fadenförmigen Geißeln aus eigener Kraft vorantreiben. Mindestens 40 Prozent von ihnen müssen robuste Schwimmer sein, wenn wenigstens einige in die Nähe der Eizelle vordringen sollen. Beim Menschen gelingt das nur rund 200 Spermien; 300 Millionen gehen bei jedem Geschlechtsakt auf die Reise.
Die klägliche Situation der Spermien, die bei ihrer Mission obendrein auf die Mithilfe der Eizelle angewiesen sind, offenbart die Kräfteverhältnisse in den Beziehungen der Geschlechter: Die umschwärmte Eizelle hat die Wahl unter den Bewerbern aus der Spitzengruppe, die den Härtetest des Zeugungswettlaufs bestanden haben - oder sie verzichtet und wartet auf das Spermienangebot der Konkurrenz.
Daraus ergibt sich für die männlichen Keimzellen eine Doppelbelastung. Sie führen nicht nur untereinander den wenig aussichtsreichen Kampf um die Befruchtung; sie müssen sich überdies gegen fremde Keimzellen zur Wehr setzen. Neueste Untersuchungsergebnisse zeigen, daß sie dazu raffinierte Strategien entwickeln können.
Zumindest bei einigen Tierarten, so scheint es, herrscht im Heer der Spermien eine Art Arbeitsteilung: Zu dieser Erkenntnis kamen etwa die britischen Biologen Robin Baker und Mark Bellis von der University of Manchester, als sie jene korkenähnlichen Pfropfen untersuchten, mit denen Rattenmännchen nach der Kopulation die Vagina der Weibchen verschließen. Die Pfropftechnik, die auch von anderen Tierarten bekannt ist, soll vermutlich eine Befruchtung durch Konkurrenten verhindern helfen.
Eine Untersuchung der empfängnisverhütenden Rattenpfropfen zeigte, daß sie aus Hunderten von toten, meist mißgebildeten Spermien bestanden, die mit ineinander verwobenen Geißeln eine Art Schutzwall bildeten. Dahinter vermuten die britischen Forscher intakte Spermien mit speziellen Fähigkeiten, die Jagd auf fremde Keimzellen machen.
Mit solchen Tricks reagieren die Spermien offenbar auf die Neigung der Weibchen, mit möglichst vielen Partnern zu kopulieren. Ein ausgeprägt promiskuitives Verhalten, das früher nur den Männchen zugeschrieben wurde, entdeckten die Forscher mittlerweile bei nahezu allen Arten des Tierreichs, auch zum Beispiel bei Wildenten, die ihr Leben in stabilen, eheähnlichen Zweierbeziehungen verbringen.
Die schier grenzenlose Kopulationsbereitschaft der Weibchen hat nach Ansicht der Wissenschaftler biologische Gründe: Sie dient der Arterhaltung. Weil die Eizellen, in begrenzter Zahl, nur innerhalb eines kurzen Zeitraums zur Befruchtung heranreifen, liegt es gleichsam in ihrem Interesse, möglichst viele Spermien einzusammeln.
Einige Primatenarten, die der menschlichen Gattung am nächsten stehen, tun sich bei der Spermienernte besonders hervor. Schimpansenweibchen etwa kopulieren im Durchschnitt 135mal pro Befruchtung. Noch toller treibt es die Schimpansenart der Bonobos, die fast nichts anderes im Kopf hat als Sex; Männchen und Weibchen sind unausgesetzt mit Kopulationsspielen beschäftigt.
Verhaltensforscherin Meredith Small beschreibt das entfesselte Triebleben der Bonobos mit viel Sympathie. Dort, schwärmt sie, sei erreicht, was Vordenker Darwin einst für widernatürlich erklärt hatte - die sexuelle Gleichberechtigung der Geschlechter.
* Zwei Spermien beim Versuch, die Membran der Eizelle zu durchdringen.

DER SPIEGEL 18/1993
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