20.07.1992

AidsMehr Normale

Den Kampf zweier Aids-Stiftungen um Hilfen für Kranke hat die Bundesregierung entschieden - für sich.
Konrad Adenauer ist fassungslos. Der echte Enkel des ersten Bundeskanzlers will es dem selbsternannten anderen nicht glauben: Jahrelang hat sich der Kölner Notar Adenauer als Kuratoriumsvorstand für die Deutsche Aids-Stiftung "Positiv leben" eingesetzt. Nun läßt Helmut Kohl die Hilfsorganisation für Aids-Kranke ausbooten und statt dessen die regierungsnahe Nationale Aids-Stiftung fördern.
Die zwei bundesweiten Aids-Stiftungen haben seit einem Jahr Geldsorgen. Gemeinsam forderten sie zehn Millionen Mark Unterstützung aus Bonn. Der Bundeshaushalt 1993 legt fest: Es gibt nur zwei Millionen Mark, und zwar für die National-Stiftung.
Selbst den Begünstigten ist die Bevorzugung peinlich. Die Sprecherin der National-Stiftung, Kristine Reis, rechtfertigt sich, schließlich könne ihre Organisation das Geld nicht ablehnen, auch wenn es beide Stiftungen gemeinsam beantragt hätten. Der zuständige Gesundheitsminister Horst Seehofer zieht sich auf Ausreden zurück: Die Unterstützung der Aids-Stiftungen sei Ländersache, da sei nur ausnahmsweise einmal Bundeshilfe möglich.
An "private Rache" glaubt dagegen Rainer Jarchow, Gründer von "Positiv leben". Immer wieder hatte die Szene-Stiftung in den letzten Jahren die Aids-Politik Bonns kritisiert, mehr Hilfen und mehr Verständnis für die Randgruppen angemahnt.
Der Psychotherapeut und bekennende Homosexuelle setzte sich besonders für die "Schmuddelkinder" (Jarchow) ein: für Aids-kranke Fixer, die nirgendwo mehr Hilfe bekommen; für die erkrankten Strafgefangenen, die sich im Knast keine bessere Nahrung leisten können; für süchtige Prostituierte, die für ihr ebenfalls HIV-positives Kind kein Auskommen haben.
Dem Kanzler mißfiel die aus der Schwulenszene entstandene Stiftung. 1987 ließ er seine Gesundheitsministerin Rita Süssmuth eine Gegenstiftung gründen, die auf Kohls Betreiben drei Millionen Mark von der pharmazeutischen Industrie erhielt.
Die regierungsnahe Stiftung wird verspottet. Stiftungs-Vorsitzender Rudolf Kopf, ein Pharmakologie-Professor, und Repräsentanten aus Banken und Management gewährten Hilfe nur, wenn jemand "ordnungsgemäß krank" werde - meint ein von der Stiftung abgewiesener Aids-Kranker. Wer erkrankt und Zuflucht sucht, wendet sich kaum an die Nationale Aids-Stiftung.
Drei Viertel aller Hilfegesuche gehen derzeit an "Positiv leben", der Rest landet bei der regierungsnahen Stiftung, die sich vor allem um Prestigeprojekte kümmert - etwa um eine Beratungsstelle für Mütter und Kinder oder um Hilfen für Familienangehörige. Zu "Positiv leben" kommen, wie Sprecherin Reis sagt, viel mehr "normale Familien".
Bisher herrschte Eintracht zwischen den Konkurrenten, die ja ein gemeinsames Ziel verfolgen: schnelle und möglichst unbürokratische Hilfe für Aids-Kranke in Not. 5000 Menschen konnte in den letzten vier Jahren geholfen werden. Beide Stiftungen sind auf Spenden angewiesen. Und für Aids-Kampagnen geben weder die Deutschen noch ihre Regierung gern Geld.
"Die spenden lieber für saubere Krankheiten", erfuhr Professor Kopf, Chef der Nationalen Aids-Stiftung: zum Beispiel für die Deutsche Krebshilfe, die 1991, ein Rekordjahr, rund 66 Millionen Mark sammelte.
Wie sich die Gesellschaft auf die Krankheit einstellen sollte, ist bis heute umstritten, unter den Bürgern wie in Bonn. Die Aids-Stiftungen bekamen den Wankelmut zu spüren, als Anfang 1991 das bis dahin CDU-geführte Gesundheitsministerium in die Hände der CSU fiel.
Unter Gerda Hasselfeldt vollzog sich Aids-Politik nach dem Muster Peter Gauweilers: Aufklärungskampagnen der liberalen Aids-Organisationen unterbinden und selber in die Hand nehmen.
Die amtlichen Werbeaktionen für die Stiftungen gingen allerdings gründlich schief. 1,5 Millionen Mark gab Hasselfeldt für einen Spendenaufruf zum Welt-Aids-Tag aus, obwohl Experten von "Positiv leben" davon abgeraten hatten. Der Erlös: 9000 Mark. "Positiv leben"-Geschäftsführer Ulrich Heide: "Was hätten wir alles mit den 1,5 Millionen anfangen können." Eine von Bonn mit zwei Millionen Mark geförderte Künstleraktion erbrachte 120 000 Mark Spenden.
Ärger bekam auch die Deutsche Aids-Hilfe e. V. - der Dachverband von über 100 regionalen Selbsthilfegruppen: Safer-Sex-Plakate und Broschüren, die von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung noch zwei Jahre zuvor bewilligt worden waren, galten fortan nichts mehr und wurden eingezogen. In Bielefeld beschlagnahmten Ordnungshüter gar ein von Bonn mitfinanziertes Plakat. Es zeigt zwei Männer beim oralen Sex: "Blasen o. k., raus, bevor's kommt".
Kohls Nationale Stiftung hielt still, Konrad Adenauers "Positiv leben" nicht: Sie protestierte gegen die teuren und sinnlosen Werbekampagnen und finanzierte die auf Hasselfeldts Index gesetzten Aufklärungsbroschüren weiter.
Beim Bonner Geldgeber machte sie sich damit unbeliebt - gefördert wird nur noch die brave Konkurrenz.

DER SPIEGEL 30/1992
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